Die Briefe der heiligen Gemma Galgani von Lucca

A | Briefe an Mons. Giovanni Volpi

 1. Sie offenbart ihr Verlangen, mit der Liebe, die Jesus zu ihr trägt, mitzuwirken.

 

Monsignore — Hören Sie einmal. Gestern Abend bemerkte ich, dass Sie es sehr eilig hatten; ich wollte Sie nicht aufhalten; heute morgen kam mir indes der Gedanke, Ihnen zu schreiben; wenn ich nicht aufrichtig wäre und Ihnen nicht alles sagen würde, hätte ich von Jesus Tadel zu erwarten; gerade in den letzten Tagen kam etwas vor, was er (Jesus) mehr als alle mir empfohlen hatte. Jeden Morgen nach der hl. Kommunion erfolgt immer dasselbe.* (*Anmerkung: Dass sie in Ekstase geriet, daß sie fühlte, wie ihr Herz zu pochen begann, während sie in eine Ohnmacht verfiel.) Früher oder später trifft das jeden Morgen ein. Ich tue alles, um mich zu zerstreuen und doch bleibt mein Zustand derselbe. Ich gab acht aus das, was Jesus wollte, gestern morgen ließ er mich nun folgende Hingabe machen: Vor allem die Seele, dann die Jahre, die mir noch zu leben übrig bleiben; ich versprach ihm auch, ich wolle keinen Teil dieser Jahre für mich, sie sollen ihm ganz angehören. Er fragte mich, ob ich ihm alle jene Mühseligkeiten dargebracht hätte, die der Gehorsam sowie mein Zustand von mir wollen - ich hatte es gerne getan. Zuletzt fragte er noch, ob ich ihm von ganzem Herzen alle jene Bitterkeiten, jene kleinen Leiden aufgeopfert, die er mir senden werde, um meine Treue und meine Ergebung in seinen göttlichen Willen zu prüfen. Ich erklärte mich dazu von ganzem Herzen bereit. Gestern abend, bevor ich zum Nachtessen ging, verrichtete ich einige Gebete, darunter folgendes Stoßgebet: „Bewirke, o Herr, daß ich von diesem bescheidenen Mahle übergehe zur Teilnahme an deinem ewig dauernden Gastmahle." Ich verweilte wenige Minuten bei der Betrachtung dieser Worte, da fühlte ich mich auch schon zu Jesus hingetrieben, und mein Herz geriet in Aufregung. So ergeht es mir, wenn ich an Jesus denke, besonders wenn es mir scheint, daß Jesus mich einlädt, ihn zu empfangen, oder wenn er kommt, um, wie er mir so oft zu sagen scheint, in meinem Herzen zu ruhen. Diese Dinge scheinen auch mir unmöglich, nicht bloß Ihnen, denn es ist doch eine Unmöglichkeit, daß Jesus in mein Herz kommen wolle - Sie wissen doch, was darin ist. Ich empfehle mich Ihnen, schelten Sie mich nicht wegen dieser Dinge. Ich weiß nicht, was tun; ich möchte wohl brav sein; jedoch sie erfassen mich; ja manchmal muß ich mich wegen Jesus geradezu beunruhigen und sagen: „Sieh, mein Jesus, wenn du dich weniger liebenswürdig gegen mich gezeigt hättest, wenn du ferner mich nicht hättest erkennen lassen, daß du mich so liebst, dann hätte ich dich weniger geliebt; nachdem du aber so vorgegangen bist, kann ich es ohne dich nicht mehr aushalten." Ich habe zu Jesus gesagt, wenn er es wirklich sei, soll er es offen zeigen; sei es aber der Teufel, dann solle er ihn fortschaffen, ich wolle ihn nicht; wäre es gar mein Kopf, so würde ich ihn nicht mehr ertragen, ich würde ihn zerschlagen. Segnen Sie mich; ich empfehle mich Ihnen, damit Sie mir helfen, meine Seele zu retten; denn ich bin zu allem bereit, um sie zu retten.

Die arme Gemma.

 

2. Sie wird in ihren Bedenken und Zweifeln von Jesus beruhigt.

 

Monsignore — Nicht einmal am gestrigen Tage ereignete sich etwas; doch hatte ich ein eigentümliches Erlebnis; ich begab mich wie gewöhnlich ins Gebet und Jesus sagte mir: „Gemma, willst du heute meine Wundmale nicht?" Ich erwiderte: „Nein, der Beichtvater will das nicht." „Warum will er das nicht?" „Was, du weißt nicht, warum er es nicht will? Er hat Angst, die Sache komme vom Teufel; dann wäre es freilich überaus schlimm." Hierauf sagte Jesus: „Ich werde ihm zeigen, wer ich bin, sei unbesorgt!" „Auch ich bin in großer Angst." Jesus erwiderte: „Was fürchtest du denn? Ich habe dir doch wiederholt zu erkennen gegeben, wer ich bin. Was glaubst denn du? Deine Zweifel mißfallen mir sehr." Ich gab zur Antwort: „Ich zweifle, weil die anderen zweifeln,- aber um der Liebe willen, wenn du wirklich Jesus bist, gib dich auch vollständig zu erkennen. Was glaubst du denn? So können wir nicht mehr vorangehen weder ich noch der Beichtvater noch jene Personen, die um meinen Zustand wissen. Ich bin so in Angst, o Jesus, weil ich fürchte, vom Teufel hintergangen zu werden,- ich fürchte auch, ich täusche die anderen und dann?" ...  Während ich so sprach, blickte mich Jesus an und wollte, daß ich seine Wundmale ansah, aus denen Blut floß,- dann sagte er zu mir: „Komm her, tritt näher, betrachte diese Wunden, berühre sie. Ich versichere dir, ich täusche dich nicht." Ich weinte, näherte mich ihm aber nicht,- er wiederholte oft: „Nein, ich täusche dich nicht, du darfst sicher sein. Sage dem Beichtvater, er solle tun, was er wolle; ich bin nunmehr bereit, ihn alles so klar erkennen zu lassen, daß er keinen Zweifel mehr haben kann." Dann hörte er auf zu sprechen,- als ich aber Jesus in jenem Zustande erblickte, wurde mein Befinden recht schlimm,- es war mir, als fühle ich etwas an den Händen und an den Füßen,- sobald ich das merkte, stand ich auf, ging davon, ließ Jesus allein,- so gehorchte ich und war zufrieden dabei. Viel später wollte ich Nachsehen, ob Jesus noch immer dort sei, wo ich ihn gelassen hatte,- er war indes nicht mehr dort. Heute morgen nach der hl. Kommunion habe ich seine Gegenwart wieder gefühlt; er war zufrieden und sagte zu mir, ich solle brav und gehorsam sein, alles würde gut gehen. Dann wußte ich aber nicht, was er mit den folgenden Worten besagen wollte: „Sag mir, Gemma, warum bist du gestern nie vor das Sakrament gekommen, um ... zu machen?" Er schwieg hierauf. Ich fragte: "Um was zu machen?" "Die Besuchung der Demut, welche dir der Pater angeraten." Da erinnerte ich mich sofort, dass Jesus mir gesagt hatte, ich dürfe sie keinen Tag auslassen; wie der Schutzengel mich belehren wird, so tue ich es. Es war wirklich Jesus; denn darauf war ich ganz ruhig und zufrieden.* (*Anmerkung: Dies ist nach der Lehre der mystischen Theologie wirklich das Zeichen, woran man die himmlischen Erscheinungen unschwer von jenen des Teufels unterscheidet. Jene setzen einen zuerst in Verwirrung, so erschrak selbst die Königin der Heiligen, als der Erzengel Gabriel bei ihr eintrat; bald aber beruhigen sie die Seele selber und lassen sie wie in einem Meer des Friedens. Die Erscheinungen Satans hingegen beginnen meistens mit einer gewissen Beruhigung des Geistes, endigen aber stets mit Verwirrung.) Ich machte das Zeichen des Kreuzes, er entfernte sich aber nicht. Schließlich sagte er mir, er wolle mir von nun an ein sicheres Unterscheidungszeichen geben, ob er es sei oder der Teufel. „Wenn dir jemand erscheint, so sprich sogleich mit lauter Stimme diese Worte aus: ,Jesus und Maria seien gebenedeit!' Antwortet man darauf, so ist es ein Zeichen, daß die Erscheinung von mir kommt; sonst aber erhebe und zerstreue dich; denn es ist der Betrüger. Gehorche blindlings, sei ohne Furcht. Habe acht, meine Tochter, lebe beruhigt, ich werde immer mit dir sein!" Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

3. Jesus zeigt ihr sein Kreuz und lehrt sie, wie man liebt. Die Leiter zum Himmel.

 

Monsignore — Um die Stunde der Wache schien es mir, als sehe ich Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern, der zu mir sagte: „Gemma, willst du mein Kreuz? Siehe, das ist das Geschenk, welches ich dir bereitet habe." Ich antwortete: „Mein Jesus, gib mir es nur, aber verleihe mir auch die Kraft, denn meine Schultern sind zu schwach. Bewirke wenigstens, mein Jesus, daß ich nicht falle darunter." Jesus hat es mir versprochen; er fragte mich ferner, ob ich es für immer wolle, oder nur für den Freitag, wie ich gewohnt bin. Ich gab zur Antwort, er solle tun nach seinem heiligen Willen. Hierauf sagte Jesus: „Teile es deinem Beichtvater mit; ist er einverstanden, so schenke ich es dir für immer." Ich erklärte dann Jesus, ich wolle ihn recht sehr lieben, aber mein Herz sei klein, ich wisse mir nicht zu helfen. Da zeigte sich mir Jesus mit allen Wunden und sagte zu mir: „Meine Tochter, betrachte mich und lerne, wie man liebt; weißt du nicht, daß die Liebe mich getötet hat? Siehe, diese Wunden, dieses Blut, diese Beulen, dieses Kreuz sind alles Wirkungen der Liebe. Betrachte mich, meine Tochter, und lerne lieben." Ich meinte: „Aber, mein Jesus, wenn ich leide, ist das ein Zeichen, dass ich dich liebe." Da gab mir Jesus zur Antwort, das deutlichste Zeichen, das er einer ihm treuen Seele geben könne, bestehe darin, dass er sie leiden lasse und sie auf dem Kalvarienwege vorangehen heiße. „Das Kreuz", sagte Jesus, „ist die Leiter zum Himmel und der Erbteil aller Auserwählten hier auf Erden. Mißfiele es dir," fragte Jesus weiter, „wenn ich dir meinen Kelch bis auf den letzten Tropfen zu trinken reiche? Aber nicht jetzt." So sprach Jesus. Ich antwortete: „Jesus, dein heiligster Wille geschehe!" Sind Sie einverstanden damit, dass ich Jesus frage, ob er er mich jede Nacht die Todesangststunde machen lasse? Wenn Sie es wollen, will auch ich es, will es auch Jesus; wenn nicht, dann wollen er und ich es gleichfalls nicht.

Ich bitte Sie um Ihr Gebet bei Jesus.

Die arme Gemma.

 

4. Da sie sich zum Leiden nicht aufgelegt fühlt, muntert Jesus sie auf und sagt, er gebe ihr den Kelch seines Leidens nur tropfenweise zu verkosten. Der Engel erklärt ihr, woher es komme, dass man die Last der Leiden fühle.

 

Monsignore — Manchmal, wenn ich mich ins Gebet begeben soll (besonders am Freitag), scheint es mir, ich habe keine Lust dazu. Jesus sagt mir: „Umfange das Kreuz, meine Tochter; sei versichert, während du dich am Leiden sättigst, bietest du auch meinem Herzen Sättigung,- bedenke auch, je bitterer das Kreuz deinem Herzen erscheint, desto mehr gleicht es dem meinigen. Siehe, ich habe Mitleid mit deiner Schwäche, ich reiche dir den Kelch meines Leidens tropfenweise und suche dich jeweils nur mit einem bescheidenen Mast von Leiden heim." Handle ich unrecht, da ich keine Lust verspüre, wenn Jesus mich ruft? Auch jetzt am Donnerstagabend bin ich in einer ganz sonderbaren Stimmung, ich möchte nicht leiden heute Abend; aber wissen Sie, mein Schutzengel sagt mir, ich solle ruhig mich bescheiden, denn „das Leiden richtet sich im Maße nach dem Gewicht, das ihm die Hand Jesu verleiht im Verhältnis zu dem, was er dich davon fühlen lassen will; und so ordnet er die Umstände der Sache und bereitet dein Herz darauf vor, das Leiden entgegenzunehmen." Ferner ist es durchaus nicht der Schmerz, der sich nach uns richten muss, vielmehr müssen wir uns nach dem Schmerze richten. Ich bitte um den hl. Segen, beten Sie für mich recht zu Jesus, ich habe es sehr notwendig.

Die arme Gemma.

 

5. Der Engel zeigt ihr zwei Kronen, die eine von Lilien, die andere von Dornen, Gemma wählt diese und verkostet alle Schmerzen der Passion.

 

Monsignore — Schon seit langer Zeit bitte ich Jesus, dass er doch jedes äußere Zeichen von mir wegnehme; aber Jesus fügt noch ein neues hinzu. Er ließ mich manchen leichten Geißelstreich verspüren; zu den Schmerzen an den Händen und Füßen, am Kopf und am Herzen fügte er noch den einen oder anderen von den erwähnten Geihelstreichen hinzu. Ihm sei stets Dank dafür!

Wirklich wurde ich etwa um 5 Uhr von solch gewaltiger Reue über meine Sünden ergriffen, dass es mir schien, ich sei außer mir; dieser Furcht folgte sehr schnell die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes, die mich bald beruhigte. Ich fühlte noch keinen Schmerz; nach etwa einer Stunde schien es mir, als sehe ich meinen Schutzengel, der zwei Kronen in der Hand hielt, die eine von Dornen, nach Art eines Hutes geformt, die andere von glänzendweihen Lilien. Beim Anblick dieses Engels überkam mich wie stets etwas Furcht; dann aber empfand ich Freude. Gemeinsam beteten wir die Majestät Gottes an und riefen: „Es lebe Jesus!" Dann zeigte er mir die zwei Kronen und fragte, welche von beiden ich wolle. Ich wollte nicht antworten, weil der Pater es mir verboten hatte; der Engel drang aber auf Antwort, indem er erklärte, gerade er sende ihn; zum Beweise dafür, dass wirklich der Pater ihn sende, segnete er mich und brachte mich dem Ewigen Vater als Opfer dar, indem er beifügte, ich solle in jener Nacht mich selbst vergessen und an die Sünder denken. Diese Worte überzeugten mich, ich antwortete dem Engel und sagte, ich wolle mir die Krone Jesu erwählen. Da zeigte er mir die Dornenkrone und reichte sie mir dar; ich küßte sie wiederholt, und nachdem der Engel sie mir aufs Haupt gesetzt hatte, verschwand er. Da begann ich an den Händen, an den Füßen und am Haupte zu leiden, später schmerzte mich der ganze Körper, auch fühlte ich heftige Schläge; auf diese Weise brachte ich die Nacht zu; mit Mühe erhob ich mich des Morgens, nur um diese so außerordentlichen Zustände nicht bekannt werden zu lassen. Die Schläge sowie die Schmerzen verspürte ich bis gegen zwei Uhr; um diese Stunde kehrte der Engel wieder (um es offen zu gestehen, ich konnte es fast nicht mehr aushalten) und bewirkte, daß ich mich wieder wohl fühlte. Er sagte mir, Jesus habe Erbarmen gehabt mit mir, weil ich so schwach bin und noch außerstande, im Leiden auszuharren bis zu der Stunde, wo er verschied. Hierauf fühlte ich mich wohl; doch taten mir alle Glieder weh und kaum vermochte ich mich auf den Füßen zu halten. Ein Umstand betrübte mich jedoch; ich machte die Entdeckung, daß die Zeichen nicht verschwunden waren. Als ich am Morgen kommunizierte, bat ich Jesus noch dringender, daß er mir die Zeichen doch wegnehme; er versprach mir dann, am Tage seines Leidens werde er sie mir wegnehmen. 

Die arme Gemma.

 

6. Sie verspürt außergewöhnliche Liebesbedrängnisse und bringt sich Jesus dar als Opfer für die Sünden der ganzen Welt.

 

Monsignore — Wissen Sie vielleicht nicht, daß Jesus seit etwas mehr als einem Jahr darauf wartet, an mir seinen gerechten Zorn auszulassen? Ich sagte es Ihnen gestern abend. Ich bin das Opfer, Jesus ist und muss derjenige bleiben, der mich opfert. Scheint es Ihnen nicht, Jesus könne nicht länger warten? Ich halte ein längeres Warten seinerseits für unmöglich. Wenn Sie wüssten, welche Wonne und Leiden ich mit ihm vom Freitag bis jetzt durchgemacht habe! Es überkamen mich gewisse Bedrängnisse (ich nenne sie so, weil ich nicht weiß, wie ich mich ausdrücken soll), die sehr heftig waren; ich meinte, die Seele müsse von meinem Körper sich los machen, und es kommt mir in der Tat merkwürdig vor, dass etwa drei oder viermal, während ich diese Bedrängnisse hatte, mein Herz nicht von seiner Stelle gewichen oder sich losgelöst hat. Nach all diesen Vorgängen fühlte ich mich langsam vernichtet; in jenen Bedrängnissen war der Schmerz da; wenn ich mich vernichtet fühlte, war die Freude da. Wenn Jesus wirklich das Opfer des Lebens wollte, so bringe ich es ihm sogleich dar; wollte er auch noch andere» so bin ich bereit dazu; mir genügt es vollständig, sein Opfer zu sein, und zwar bald zur Tilgung meiner zahllosen Sünden sowie der Sünden der ganzen Welt, (wenn es mir gelingt). Heute nacht sagte ich zu Jesus, ich könne wirklich nicht mehr; Jesus erwiderte mir: „Meine Tochter, auch ich halte es nicht mehr aus wegen der schlimmen Behandlung, die sie mir angedeihen lassen; das ist gerade ein Augenblick so vieler häßlicher Sünden, dass ich nicht mehr zu widerstehen vermag. Mit deinem Leiden hältst du die Züchtigung zurück, welche mein Vater für so manche arme Sünder bereit hat; leidest du nicht gerne?" Ich antwortete bejahend, indem ich beifügte, ich fürchte, es nicht auszuhalten. Jesus sagte mir darauf: „Sei unbesorgt; ich lasse dich leiden, aber ich gebe dir auch die Kraft dazu. Meine Tochter, du merkst es nicht, aber ich helfe dir jetzt mehr als früher! Wie viel angenehmer in meinen Augen bist du jetzt, als wenn du dich in Tröstungen befindest!" Als Jesus so gesprochen hatte, überkam mich eine große Lust, noch viel mehr zu leiden; das war aber ein bloßer Gedanke, mit dem Munde sagte ich nichts. Da sprach Jesus: „Siehe, in welcher Weise die Weltkinder mich heute behandeln. Ich bin sehr erzürnt über jene, die mich beleidigen." Ich bat Jesus, er möge Geduld haben und seinen gerechten Zorn an mir auslassen und mir mehr Leiden senden, denn es scheine mir, ich hätte Kraft genug dazu. Bitte, segnen Sie mich und beten Sie für mich. 

Die arme Gemma.

 

7. Jesus spricht ihr neuerdings vom Kreuzwege. Sie bittet darum, ihn stets mehr zu lieben; Jesus reicht ihr seinen Kelch dar.

 

Monsignore — Gestern Abend hat mir Jesus aufgetragen, Ihnen folgendes mitzuteilen: „Du musst ihm sagen, dass ich dir viele Kreuze senden werde." Statt Liebe werde ich Haß und Verachtung empfangen, schließlich werde ich sogar von Jesus verlassen werden; wenn mich Jesus in diesen Zustand versetzt hat, darf ich noch nicht ans Ende glauben, sondern habe mich auf andere Kreuze vorzubereiten und muss dieselben standhaft ertragen. Mir hat Jesus gesagt: „Weißt du, meine Tochter, auf welche Weise ich meine Freude habe, den mir teuern Seelen Kreuze zu senden? Ich wünsche ihre Seele zu besitzen, und zwar ganz, deshalb umgebe ich sie mit Leiden, schließe sie ganz mit Trübsalen ein, damit sie mir nicht entrinne. Aus demselben Grunde streue ich Dornen vor sie hin, damit sie zu niemand Neigung hege, sondern in mir allein ihre volle Befriedigung verkoste." Dann fügte Jesus hinzu: „Meine Tochter, wenn du das Kreuz nicht spüren würdest, dann würde es zu Unrecht Kreuz genannt. Sei versichert, dass du unter dem Kreuze nicht verloren gehst. Der Teufel hat keine Kraft gegen jene Seelen, die aus Liebe zu mir unter dem Kreuze seufzen. O meine Tochter, wie viele hätten mich verlassen, wenn ich sie nicht ans Kreuz geheftet hätte! Das Kreuz ist ein zu kostbares Geschenk, von ihm empfängt man viele Tugenden." Hierauf bat ich Jesus, er möge mir bloß die eine Gnade verleihen, ihn recht zu lieben. Da sagte Jesus: „O mir teure Seele, wenn du mich wirklich lieben willst, siehe da meinen Kelch; vermagst du ihn auszutrinken bis auf den letzten Tropfen? An diesen Kelch habe ich selber meine Lippen angesetzt, ich will nun, daß auch du daraus trinkest." Ich sagte zu Jesus, er solle über mich verfügen, wie er wolle. Er erwiderte: „Du wirst das Kreuz, welches ich dir geschickt habe, nicht so gerne haben; es ist sogar deinem Herzen zuwider; je mehr es das ist, desto ähnlicher ist es dem meinigen. Käme es dir nicht als etwas Schreckliches vor: einen Vater in Schmerzen, die Tochter aber in Freuden zu erblicken?" „Wenn ich dein Blutbräutigam sein werde; so will ich dich, aber als gekreuzigte, zur Braut; beweise du deine Liebe zu mir, wie ich sie zu dir gezeigt habe. Weißt du wie? Indem du Kreuz und Leiden ohne Zahl erträgst. Du musst dich aber geehrt fühlen, wenn ich dich so behandle und wenn ich dich auf rauhen und schmerzvollen Wegen führe. Ich lasse zu, dass der böse Feind dich quält, die Welt dich beleidigt, Personen dich betrüben, die dir besonders teuer sind; endlich füge ich es so, dass deine Seele durch tägliches und verborgenes Martyrium geläutert und geprüft werde. Du aber, meine Tochter, denke in dieser Zeit nur daran, große Tugenden zu üben; denn das ist der Zeitpunkt dazu. Gehe voran auf dem Wege des göttlichen Willens, bleibe demütig und sei versichert, dass wenn ich dich ans Kreuz hefte, ich dich liebe." Ich bitte um Ihren Segen. 

Gemma

 

8. Sie wird vom bösen Feind gequält und geschlagen.

 

Monsignore — Nun muss ich Ihnen sagen, was mir letzte Nacht zugestoßen ist. Ich ging überhaupt nicht zu Bett; denn der böse Feind setzte mich in Schrecken durch seine Gotteslästerungen; ich glaubte gar, er komme auf meine Kammer, ich konnte weder schlafen noch beten, ich unterließ die Betrachtung am Abend, betete auch von 11 bis 12 Uhr nicht und ging, wie gesagt, gar nicht zu Bett. Am Morgen ging ich zwar in die Kirche, doch schien es mir, ich könne nicht kommunizieren; ich verließ daher, ohne kommuniziert zu haben, die Kirche; als ich draußen war, fing der Teufel ganz unbändig zu lachen an; ich merkte gleich, was er damit andeuten wollte, ich trat in die Kirche und empfing später die hl. Kommunion. Jesus sagte mir darauf, wenn ich mich an jenem Morgen nicht überwunden hätte, wäre mir das nie mehr gelungen. Er mahnte mich ferner, ich solle mich anstrengen, um einem schnell vorübergehenden Sturm gewachsen zu sein, der bald eintreffen würde. Gestern Abend machte Satan neuerdings den Versuch, mir die Betrachtung zu verleiden, aber ich konnte sie doch vornehmen. Der Teufel hat mich auch geschlagen (ich sage der Teufel, ich weiß eigentlich nicht, wer es ist). Hören Sie nur; gestern morgen hieß mich die Tante einen Wassereimer emporziehen; ich zog das Wasser darin herauf, füllte die Kannen, stellte den Eimer zur Seite, trug die Kannen an ihren Platz, dabei musste ich bei einem Bilde des Herzens Jesu vorbeigehen. Beim Anblicke jenes Herzens tat mein Herz drei oder vier äußerst heftige Schläge. Ich grüßte Jesus mit folgenden Worten: „O mein Jesus, mache schnell, verleihe mir die Gnade, mich immer mehr mit dir zu vereinigen; bewirke, dass ich bald so dir angehöre, dass wir uns nicht mehr von einander trennen können." Kaum hatte ich diese Worte hervorgebracht, da fühlte ich, wie mir ein so heftiger Stockschlag auf die linke Schulter versetzt wurde, dass ich zu Boden fiel, ohne etwas zu zerbrechen. Ich begriff vom ganzen Vorgang nichts. Doch fühlte ich, dass es mir recht weh tat.

Heute habe ich etwas gebetet; aber auch der Teufel ist gekommen und ich habe, um es offen zu gestehen, etwas leiden müssen. Er kam nicht allein, es waren ihrer zwei. Ich war sehr verwirrt; ich hatte Jesus im Herzen, vermochte aber seinen Namen nicht über die Lippen zu bringen. Die Muttergottes hatte mir vorher gesagt: „Du stehst vor dem Angriff; er wird dauern, bis du das Bild des seligen Gabriele in die Hände bekommen kannst." Dem war so. Segnen Sie mich und beten Sie für mich.

Die arme Gemma.

 

9. Vom Teufel aufs neue belästigt und mißhandelt, trägt sie den Sieg davon und wird dann von Jesus getröstet.

 

Monsignore — Einige Tage hindurch hatte mich der Teufel etwas in Ruhe gelassen; jetzt aber sind es zwei Tage her, dass er mich gewaltig belästigt. Am Mittwoch abend spät kam eine tiefe Traurigkeit über mich; ich begriff, dass er nahe sei. Er begann mich zu versuchen, dass ich nicht betete, ich hätte es ja nicht nötig. Er erklärte auch, wenn Sie mich ins Kloster verbrächten, ließe er mich doch nicht eintreten; denn am Abend vor dem Eintritte würde er mich mit Zangen in Stücke reißen; hierauf versetzte er mir etliche Hiebe. Auf Anwendung von Weihwasser und auf meine Anrufung des heiligen Paul vom Kreuz ließ er ab von mir. Ich begab mich ins Gebet, wie ich aber mitten in der Betrachtung war, erschien er neuerdings; da sagte ich zu ihm: „Pack dich, garstiges Tier! Merkst du denn nicht, dass du mir statt Verlust beizubringen, nur Gewinn verschaffst?" Da machte er sich weit davon. Ich setzte mein Gebet fort und beendigte es glücklich. Gestern abend glaubte ich schon, er lasse mich in Ruhe; denn der Abend war so schön für mich; er kam jedoch und belästigte mich von 9 bis 10 Uhr; er sagte mir auch, ich solle zu Bett gehen statt zu beten. Etwa um halb zehn Uhr ließ er etwas ab von mir, weil ich heftig schrie: „Es lebe das Kreuz, hoch die Leiden!" Kaum hatte ich diese Worte vorgebracht, so entfernte er sich, dann nahm ich das Kruzifix in die Hände und sammelte mich etwas. Da kam Jesus, um mir sein Kreuz zu geben: ich nahm es an und im gleichen Augenblicke gab er mir die Male an den Händen und Füßen, verbunden mit großem Schmerz. In jenem Augenblicke wollte ich meinen Platz verlassen und zum Stundengebet niederknien,- da kommt jenes Scheusal aus der Hölle unter der Gestalt eines Jünglings daher und flüstert mir ins Ohr: „Was tust du? Du bist doch ein Tor, wenn du zu einem Übeltäter betest, der sich an dir rächen will. Siehe, was er dir antut, er nagelt dich ans Kreuz, wie er selbst daran geheftet wurde,- wie schlecht er dich behandelt! Verachte ihn, speie ihm ins Antlitz, sag ihm, er solle dich gehen lassen,- denn dein Führer bin ich." Ihm zum Trotz küßte ich das Kreuz und sagte bei mir: „O Jesus, ich danke dir vielmehr für die zahlreichen Gnaden, ich will dich innig lieben." Satan raunte mir immer ins Ohr: „Wie kannst du nur einen Übeltäter lieben, einen, der zum Tode verurteilt ist, einen, der dir unbekannt ist? Sieh mich an, ich bin ein Jüngling, schön von Gestalt, gutherzig, ich tue niemand etwas zu leide, ich nagle keinen ans Kreuz,- jener dort, läßt dich immer leiden,- ich dagegen lasse dir immer Freuden,- gehorche nur, dann vertreibe ich dir alle Schmerzen an den Händen und Füßen,- wenn du mir Recht gibst, besorge ich dir immer Freuden und nehme dich mit mir." Nach diesen Worten endlich entfernte er sich, während ich mein Gebet fortsetzte,- das kam mir zugute,- denn kaum war ich hingekniet, erschien Jesus sogleich, ich unterhielt mich etwas mit ihm. Ich fragte, wohin er denn gegangen sei; er erwiderte: „Ich war dir nahe." „O mein Jesus", sagte ich hierauf, „ich habe so viel leiden müssen wegen des höllischen Ungeheuers, sodann bin ich mit Sünden beladen; ich werde dich beleidigt haben . . ." Jesus tröstete mich: „Meine Tochter, du hast mich nicht im geringsten beleidigt; weil du nicht eingewilligt hast." Ich unterhielt mich den Rest der Nacht mit Jesus, ich litt mit ihm und es war mir wohl. O Monsignore, wie schön ist doch Jesus anzusehen, wie häßlich und abstoßend dagegen der Teufel! Segnen Sie mich und beeilen Sie sich, den Teufel von mir fortzutreiben. Bitten Sie Jesus für

die arme Gemma.

 

10. Neue Angriffe Satans; er will sie zur Verzweiflung bringen. Jesus tröstet sie, befreit sie von den körperlichen Leiden und kündigt ihr innere Peinen an.

 

Monsignore — Gestern verlebte ich wieder eine schlimme Nacht. Der Teufel trat vor mich hin wie ein großer starker Mann und schlug die ganze Nacht auf mich ein, während er schrie: „Glaubst du vielleicht, Jesus liebe dich? Im Gegenteil, er hat dich verlassen: für dich besteht keine Hoffnung mehr, dass du dich retten kannst; du bist in meinen Händen." Ich erwiderte: „Gott ist barmherzig, ich fürchte nichts!" Da sagte er ganz wütend, indem er mir einen heftigen Schlag aufs Haupt versetzte: „Du Verfluchte!" Darauf verschwand er. Gestern Abend war ich so sehr ermüdet, dass ich Jesus bat, er möge mich etwas ausruhen lassen. Ich ging auch wirklich auf mein Zimmer. Dort traf ich aber das gewohnte Scheusal, den Teufel, dieser begann mit einem knotigen Stricke auf mich loszuschlagen,- er machte auch, daß mein Kopf hart auffiel auf den Boden. Jesus kam und fragte mich: „Meine Tochter, was willst du tun?" Ich gab zur Antwort: „Nur deinen heiligen Willen!" „Dann will ich dich befreien; zur Erinnerung an diese fünf Tage, wo du gelitten hast, denke an meine Wunden!" Ich bat Jesus, wenn er mich noch länger wolle leiden lassen, so möge er es nur tun; denn ich würde alles für die armen Seelen im Fegfeuer aufopfern. Jesus erwiderte mir, er habe mich davon befreit, er habe mir dafür viele, viele Leiden in Bereitschaft, aber alles innere Leiden. Dann erschien der selige Fra Gabriele; es war mir, als legte er mir eine Hand aufs Haupt, er ließ mich dreimal die Bitte wiederholen: ,Ab insidiis diaboli libera nos Domine, Vor den Nachstellungen des Teufels erlöse uns, o Herr!" Ich tat dies, dann schien es mir, er segne mich, hierauf verließ er mich.

Ich bitte um Ihren hl. Segen; beten Sie zu Jesus für mich.

Die arme Gemma. 

 

11. Der Teufel bereitet ihr weitere Nachstellungen; Gemma geht auch daraus siegreich hervor. Jesus tröstet sie mit dem Hinweis, er sei während der Versuchung in ihrem Herzen zugegen gewesen.

 

Monsignore — Gestern ging ich mit der Tante in die Anbetungsstunde; dann ließ sie mich allein. Ich trat aus der Kirche; im gleichen Augenblick näherte sich mir ein Mann; ich hörte ihn wohl reden, verstand aber nicht, was er sagte. Er begann hinter mir herzulaufen, ich bekam Angst und eilte davon; ich trat in manche Kirche, er war immer vor oder nach mir zur Stelle; ich lief, ohne zu wissen, wohin ich ging, und kam so in die Kirche der hl. Dreifaltigkeit; ich weinte. Die Frau, welche in der Kirche wachte, bemerkte dies und brachte mich in ein Zimmer; die Klosterfrauen sahen und riefen mich; ich war ganz erschreckt. Ich konnte nicht mehr sprechen. Gestern kam eine äußerst heftige Versuchung über mich; ich kämpfte etwa eine Stunde lang und mit der Hilfe Gottes blieb ich Siegerin. Ich rief den seligen Gabriel herbei; er kam sogleich und sagte zu mir: „Wenn die Versuchung dein Herz ganz in Verwirrung bringt und deine Seele nahe daran ist, dem bösen Feinde nachzugeben, dann nimm Zuflucht zu mir und du wirst einen Fall in die Sünde nie zu befürchten haben." Kaum war der verschwunden, so kam der Böse allein; er wollte, daß ich täte, was er tat; doch ich nie ... Er hat mich dann sehr empfindlich geschlagen, am Ende habe ich aber mit der Hilfe Jesu doch gesiegt. Die letzte Nacht fühlte ich mich von einer Versuchung heftig ergriffen. Ich trat aus dem Zimmer und ging dorthin, wo mich niemand sah und hörte. Ich nahm den Strick, den ich jeden Tag bis Mittag trage, steckte überall Nägel hinein, band ihn mir dann so eng um, dass einige Nägel in mein Fleisch eindrangen; allein der Schmerz war so groß, daß ich es nicht mehr aushalten konnte, ich sank zu Boden, ohne zu wissen, wo ich war. Nach langer Zeit schien es mir, ich sehe Jesus. Wie zufrieden und erfreut kam er mir in jenem Augenblick vor! Er hob mich auf und es schien mir, er habe mich recht gern. Da wollte ich ihm so manches sagen, aber ich hatte nicht einmal den Mut, ihn anzublicken. Endlich sagte ich zu ihm: „Mein Jesus, wo warst du, als es mir so erging?" Jesus erwiderte: „Meine Tochter, ich war bei dir, ganz in deiner Nähe." „Wo denn?" fragte ich. „In deinem Herzen!" „O mein Jesus, wenn du bei mir gewesen wärest, hätte ich solche Versuchungen nicht gehabt; wer weiß, mein Gott, wie sehr ich dich beleidigt habe!" „Hattest du vielleicht Wohlgefallen daran?" „Im Gegenteil, ich hatte gewaltig Abscheu davor!" „Dann, meine Tochter, tröste dich, du hast mich nicht im geringsten beleidigt." Er fügte noch bei: „Wenn ich dir noch größere Versuchungen senden wollte, was würdest du tun?" „Jesus, wenn ich dich nur nicht beleidige, sende mir, was dir gefällt. Siehe Jesus, es ist mein Leib, der sich dagegen auflehnt, ich werde ihn aber schon zu zähmen wissen. So manches Mal weint er und möchte mir nicht Recht geben; doch da werde ich schon sorgen. Gestern Abend schien er sich wieder auflehnen zu wollen, als ich mich anschickte, die Disziplin zu nehmen; ich brachte ihn aber bald zum Schweigen, indem ich ihm recht kräftige Schläge verabreichte." Überdies kommt es mir vor, der Teufel habe sich in meiner Nähe festgesetzt; was kostet es mir doch für Mühe, wenn ich mich ins Gebet begeben will! In keiner Weise beten zu können, ist für mich eine wahre Qual. Diese Nacht brauchte ich zum Beten der sieben Ave Maria, die Sie mir gestern als Buße aufgegeben haben, die ganze Nacht; ich habe vielleicht hundertmal damit angefangen; jener Spitzbube wollte mich einfach nicht beten lassen; ich habe etwas gelitten darunter, aber zu Ende gebracht habe ich sie doch. Es waren schon vier Tage her, dass es mir nicht mehr gelang, das mündliche wie das betrachtende Gebet zu pflegen; ich war geradezu in Bestürzung; gestern empfahl ich mich von Herzen der Mutter Gottes; sie erlangte mir von Jesus fast eine Stunde guten Gebetes. Segnen Sie mich und bitten Sie Jesus für mich.         

Die arme Gemma.

 

12. Ihr erscheint das Jesuskind und gibt ihr Lehren von himmlischer Weisheit, damit sie die Leiden freudig ertrage.

 

Monsignore — Heute um die Stunde der Wache war ich tatsächlich erwacht; es schien mir,

das Jesuskind sei gekommen. Sobald ich es vor mir hatte, sagte ich zu ihm: „Jetzt wirst du gewiß die Gnade verleihen, die ich wünsche, und lassest den Beichtvater die Wahrheit erkennen." Jesus darauf: „Meine Tochter, wer die Wahrheit erkennen musste, hat sie erkannt. - Was dich betrifft, so sei ruhig, ich führe dich, wie es mir am besten gefällt, auf rauhen und schmerzvollen Wegen. Es scheint dir, als fehle unter deinen Füßen die Erde, unter deinen Augen der Himmel; lass doch nur du es nicht mangeln an Glaube, Hoffnung und Liebe. Suche dir Verdienste zu erwerben durch die Übung der Tugenden, verachte das Geschwätz der Welt und deinen Feinden zum Trotz wandle auf dem Wege des göttlichen Willens, schließe dich eng an Jesus an, verdemütige dich vor ihm, flüchte dich in jedem Augenblick zu seiner unendlichen Güte und verstehe es, Nutzen zu ziehen aus jenen Mitteln, die der böse Feind zu deinem Verderben anwenden möchte." „Meine Tochter", fuhr Jesus später fort, „wenn du mich wahrhaft liebst, so liebst du mich auch in der Finsternis. Es bereitet dem Herrn Freude, mit den Seelen zu spielen, die ihm besonders teuer sind, und er scherzt mit ihnen aus Liebe; bald tröstet er sie und setzt sie bei den Menschen in Achtung, bald läßt er sie zum Gespött der Welt werden, bald flößt er ihnen Mut ein gegen die ganze Hölle, bald lässt er sie durch ein Nichts in Schrecken jagen. Wer zu leiden glaubt, hat wenig Licht; wer leidet und sich vom Leiden fern glaubt, ist erleuchtet; wer unter der Erde steht, ist im Himmel und lebt im Kreuze; wer den ersten Platz auf Erden einnimmt, ist der letzte vor Gott; wer das Kreuz kennt, schätzt es; wer es nicht kennt, flieht vor ihm." Er fragte mich, ob ich ihn kenne und ob ich ihn gerne hätte. Ich umarmte ihn recht innig und sagte ihm, dass ich ihn aufrichtig liebe, ich fügte aber bei: „Wenn du Jesus bist, tue ich alles; wenn nicht, dann fort mit dir." Er versicherte mir, er sei Jesus. Es war wirklich das Jesuskind. Ich sagte zu ihm, er solle mich nicht Dinge tun lassen, die mir nicht anstehen: denn ich sei zu nichts gut; dann wisse ich auch nicht, wie ich den vielen Gnaden, die er mir erweise, entsprechen solle; er möge doch jemand anders aussuchen, der mehr zu tun verstehe als ich. Darauf erwiderte Jesus: „Du tust, was du kannst. Ich will mich gerade deiner bedienen, weil du das armseligste und sündhafteste aller meiner Geschöpfe bist; du würdest nichts anderes verdienen, als dass ich dich zur Hölle sandte; statt dessen will ich aber, dass du ein Sühneopfer seiest und dass du immer leidest, um meinen über die Sünder erzürnten Vater zu besänftigen; ich will daher auch, dass du dich ihm als Opfer aller Sünder darbietest." Ich antwortete darauf: „Mein Jesus, tue immerhin, was dir gut scheint, ich bin zufrieden." Er fragte mich, was ich denn am meisten von allem auf der Welt wünschte. Ich sagte sogleich: „Ihn recht sehr lieben und ins Kloster treten." Darauf sprach er: „Um deinem Beichtvater einen sicheren Beweis zu geben, werde ich dich ganz allein lassen, du wirst mich also nicht mehr sehen oder hören, bis dein Beichtvater dir sagen wird dass ich wiederkehren solle." Nun bin ich vereinsamt seit gestern. Sind Sie einverstanden damit, daß Jesus zurückkehrt? Segnen Sie mich und senden Sie mir Jesus wieder, ohne ihn habe ich Angst.

Gemma.

 

13. Sie erzählt, dass Jesus sie erkennen lasse, wie übel man ihren Zustand beurteilt.

 

Monsignore — Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie auch heute morgen belästige. Wenn Sie wüßten, wie viele Personen seit einigen Tagen wie umgewandelt sind mir gegenüber. Mein Kopf, so scheint mir, lässt mich fast die Gedanken sehen, die durch ihren Kopf gehen. Gestern Abend ließ mich Jesus viele Personen erkennen, die übel von mir gedacht hatten, eine meinte sogar, ich sei Somnambule; andere halten mich für krank, andere behaupten, die Wundmale an den Händen und an den Füßen kratze ich mir selber auf. Jesus hat mir gesagt, das seien alles Dinge, die er zulasse; es werde noch Schlimmeres über mich kommen; doch hat er mir versprochen, vermittelst des Paters (Germano) werde er den Beichtvater zur richtigen Überzeugung bringen. Von den anderen Personen will er, dass sie bei ihrer Meinung verbleiben. Segnen Sie

die arme Gemma. 

 

14. Sie gibt ihm Rechenschaft, weshalb eine vom Arzt bei ihr vorgenommene Probe erfolglos blieb.

 

Monsignore — Wären Sie allein gekommen, dann hätte Sie Jesus ganz wohl überzeugt. Hören Sie nun, was mir heute zugestoßen ist, als ich die drei Stunden der Todesangst machen wollte. Gestern Abend hat mich Jesus davon unterrichtet, dass Sie heute kommen müssten; ich wollte mich nicht einfinden, weil ich mich schämte; schließlich habe ich mich überwunden. Zuerst habe ich etwas gelitten am Kopfe und auf der Seite;* (*Anmerkung: Sie will damit das Wundmal der rechten Seite bezeichnen.) nach einiger Zeit redete mich Jesus also an: „Erinnerst du dich nicht mehr, meine Tochter, daß ich dir früher einmal sagte, es werde ein Tag kommen, wo niemand mehr dir trauen wird? Gut denn, dieser Tag ist nun da. O wie viel angenehmer bist du vor mir so verachtet, als früher, wo man dich allgemein für eine Heilige gehalten!" Jesus hat mir dann noch gesagt, bei Ihnen sei noch eine andere Person; doch erklärte mir Jesus, jene Person habe nichts gesehen.* (*Anmerkung: D.h. jene Person (der mitgebrachte Arzt) wollte durchaus nicht an das übernatürliche Phänomen der Wundmale glauben; deshalb ließ Jesus nicht zu, dass diese Wundmale sich wie sonst deutlich zeigten.) Er sagte mir auch, es sei ein Arzt, Jesus wolle es aber nicht. Jesus hat heute gewollt, daß ich ein Opfer brächte; ich habe es gerne gebracht; mag es auch, wie jener Arzt sich ausdrückte, Hysterie scheinen; gerade weil es so ist, hat mich Jesus noch lieber. Er hat mich indes aufmerksam gemacht und gesagt, im Vergleich zu dem, was ich noch durchzumachen hätte, sei das gar nichts. Später als Jesus mir neuerdings erschien, trug er mir auf, Ihnen zu sagen, Sie sollten die Dinge in einer Weise behandeln, dass niemand etwas davon merke. Jesus hat mir gesagt, dass er wegen der Personen, die darum wissen, zufrieden sei; jetzt aber wolle er nicht, dass sonst jemand etwas davon erfahre. Sie werden von gewissen Zuständen überzeugt sein. Ich bitte um den hl. Segen; empfehlen Sie mich Jesus.

Die arme Gemma.

 

15. Zur Belohnung für ihre Leiden läßt Jesus sie die heiligen Wundmale küssen nnd befreit sie für den Augenblick von ihren Schmerzen.

 

Monsignore — Gestern Abend gelang es mir recht gut zu beten, ich tat mir etwas Gewalt an und alles ging gut. Am Anfang kam Jesus und fragte mich, ob ich viel gelitten hätte. Ich gab ihm zur Antwort: „Mit dir, o Jesus, ist gut leiden. Was ist es nur, mein Jesus, viele Tage zu leiden, wenn du dann gleich kommst und tröstest?" Er versicherte mir, in diesen Tagen sei er immer in meiner Nähe gewesen; er sah demnach, dass ich litt, und lächelte dazu; er sagte mir auch, zum Lohne dafür, das; ich so ernstlich gekämpft, dürfe ich seine Wundmale küssen. Allein für das wenige, was ich zu ertragen gehabt, verdiente ich eine so große Belohnung nicht. Jesus erschien mir dann ganz mit Wunden bedeckt und ließ mich zu ihm hintreten; ich küßte sie alle; als ich bei der Seitenwunde ankam, schien es mir, ich könne fast nicht widerstehen. . . . Wie zufrieden war ich! Es kam dann auch Fra Gabriele (denn diesen Heiligen habe ich recht gern) und sagte mir, er habe mich von jeder Art Versuchungen befreit; ich bat ihn (ich weiß aber nicht, ob ich gut daran tat), er solle mir noch etwas lassen, denn sonst hätte ich Jesus am Abend gar nichts darzubieten. Es vergingen gewisse Tage und am Abend hatte ich Jesus nichts anzubieten und das war schlimm für mich. Aber Fra Gabriele sagte mir, jetzt dürfe er mich von allem befreien, weil Jesus es so wolle; ich solle es auch Ihnen sagen, dass ich für jetzt vollständig frei bin davon. Bezüglich des Leidens würde er mir heute Gelegenheit bieten. Ich begriff ganz gut, was er sagen wollte. Er segnete mich, und als er mich verließ, war ich ganz ruhig und zufrieden. Segnen auch Sie mich und beten Sie für

die arme Gemma.

 

16. Sie erzählt, wie Jesus sie mittels der Leiden und der Verlassenheit auf die reine Liebe vorbereitet.

 

Monsignore — Entschuldigen Sie auch diesmal wieder. Hören Sie einmal. Am Freitag traf mich einer von jenen so heftigen Stößen.* (*Anmerkung: Stöße nannte sie jenes starke Gefühl der göttlichen Liebe in ihrem Herzen.) Schelten Sie mich nicht,- ich werde immer mein möglichstes tun, um solche Vorgänge zu verhindern. Ich dachte gerade über die empfangene Kommunion nach, da fühlte ich, wie nach wenigen Minuten die Besinnung schwand. Als ich wieder an Jesus dachte, wiederholte ich die Frage, die ich täglich stelle, dann sagte ich: „O mein Gott, könnte ich dich lieben, wie ich wollte, und leiden, soviel ich wünschte, und so dich befriedigen.' (Denn Jesus zeigt sich, so oft ich leide, ganz erfreut). Jesus, der mir seine Gegenwart sehr deutlich kundgab, sagte zu mir: „O Tochter, weil die Liebe sich durch den Schmerz offenbart, so wirst du ihn fortan in deinem Geist, später in deinem Leib recht sehr verspüren." Hierüber weiß ich nichts zu sagen, weil ich nichts davon verstanden habe. Ich bat Jesus, er möge mir doch gewisse Dinge aus dem Kopf nehmen, und Jesus liest mich gestern Abend wirklich einschlummern* (*Anmerkung: Einschlummern, einschlafen waren die Ausdrücke, deren sich Gemma in ihrer Bescheidenheit bediente, um damit ihre Ekstasen zu bezeichnen, d.h. jene Zustände, wo sie, ihren Sinnen entrückt, aufs Innigste mit Jesus verkehrte.) und versprach mir, alles wegzunehmen,- er zog sich dann auch zurück; als ich erwachte, war ich ganz allein. Bevor Jesus ging, tröstete er mich mit den Worten: „Betrübe dich nicht, wenn ich tue, als wolle ich dich verlassen; glaube auch nicht, es sei eine Strafe; es ist vielmehr die Erfindung meiner Gnade, um dich vollständig von den Geschöpfen loszuschälen und dich mit mir zu vereinigen. Wenn es dir scheint, ich stoße dich weg, dann umschlinge ich dich nur um so inniger, wenn du glaubst, ich sei fern von dir, werde ich dir besonders nahe sein. Fasse Mut, denn auf den Kampf folgt der Friede. Meine Tochter, Treue und Liebe sind dir von Nöten. Habe nun also Geduld, wenn ich dich allein lasse: leide mit Ergebung und tröste dich! Mache es nicht wie gewisse Seelen, die den Tröstungen und geistigen Freuden zugetan, das Kreuz nicht besonders lieb haben; befinden sich diese in der Trockenheit des Geistes, so vermindern sie nach und nach das Gebet, weil sie darin nicht mehr jene Tröstungen empfinden wie früher. Du machst es hingegen so: du vereinigst deine Leiden mit den meinigen, du betrachtest das, was ich dir genommen habe, als eine große Wohltat, du empfängst voll Freuden dieses Kreuz, wenn du mir zu gefallen wünschest. Siehe da, meine Tochter, die Zeit, erhabene Tugenden zu üben." Nachdem Jesus so gesprochen, beauftragte er mich, Ihnen zu sagen, Sie sollten sich folgende Worte gut merken: „Wenn Jesus eine Seele erhöhen will, verdemütigt er sie zuerst tief. Nunmehr hast du demütig zu sein (das sagte er zu mir); später dann, wenn der Augenblick da ist, werden die anderen verdemütigt werden." Jesus verschwand darauf sogleich; nun bin ich allein; was werde ich tun? Ich bitte um Ihren Segen; beten Sie für

die arme Gemma.

 

17. Sie möchte Jesus bitten, dass sie an Schwindsucht sterbe.

 

Monsignore — Wie erfreut wäre ich, wenn Sie mir eine Erlaubnis erteilen wollten! Das letzte Mal haben Sie nein gesagt, werden Sie auch jetzt noch dabei beharren? Stellen Sie mich zufrieden. Wären Sie einverstanden damit, dass ich Jesus bitte, mich an der Schwindsucht sterben zu lassen (selbstverständlich erst seinerzeit, nicht jetzt schon)? Welchen Trost empfände ich, wenn Sie ja sagen wollten! Ich habe dieses Verlangen, ober ich bin in jedem Fall zufrieden und bereit zu tun, was Sie wollen. Erinnern Sie sich noch? Jüngst sprach ich zu Ihnen von jener Person, wie sie ihren Unmut an mir ausließ.* (*Anmerkung: Aus Demut verschweigt Gemma, dass sie diese Behandlung mit unbesiegbarer Geduld und stillschweigend ertragen hatte.) Wie angenehm war dies Jesus! Jetzt hat er mich noch viel lieber, das konnte ich heute nach der hl. Kommunion merken. Ich glaubte wirklich nichts für Jesus getan zu haben; er war aber so zufrieden, als hätte ich vieles für ihn getan. Dank seiner Erbarmung fehlt es mir keineswegs an Gelegenheiten dieser Art; Schuld daran ist einzig mein böser Wille und meine Neigung zur Sünde. Ich bitte um Ihren Segen; beten Sie recht sehr für       

die arme Gemma.

 

18. Sie bittet um die Vergünstigung, bei den Passionistinnen auch bloß als einfache Laienschwester einzutreten.

 

Monsignore — Tun Sie mir die Gefälligkeit und verhelfen Sie mir aus der Welt? Ich kann nicht mehr so leben; ich kann nicht mehr mit Jesus verkehren, wie ich wollte. Glauben Sie das? Ich kann es wirklich nicht mehr. Bringen Sie mich irgendwo (im Kloster) unter; ich will arbeiten, ich will den Klosterfrauen als Magd dienen; aber nehmen Sie mich aus der Welt fort; ich finde keine Ruhe, weil ich nicht im Kloster sein kann. Heute morgen wollte ich Ihnen etwas sagen, ich habe es aber nicht gewagt. Gestern Abend sagte ein Pater (der gestern von Rom zurückgekehrt war), dass die Passionistinnen im Oktober ihr Noviziat eröffnen. Meine Gefährtin hat mir heute morgen davon gesprochen, sie hat die Absicht, dort einzutreten. Und ich? Sind Sie einverstanden, dass auch ich dorthin gehe? Ich gehe dorthin und suche darum an, dass sie mich aufnehmen, sei es auch bloß, um als Sklavin ihnen zu dienen, wenn sie mich wollten. Ich wäre wohl zufrieden, wenn sie mich auch bloß wie eine Sklavin hielten, da wäre ich am richtigen Platz. Nicht wahr, Sie erteilen mir diese Erlaubnis? Wissen Sie, sie nehmen mich schon. Wenn ich dort bin, suche ich den Pater auf, wenn er dafür ist, schicken sie mich nicht fort. Sie lassen mich dorthin gehen, nicht wahr? Hören Sie einmal. Der P. Provinzial sprach von einer Konversschwester, die bei den Passionistinnen eintreten sollte; Sie machten ihn sogleich auf eine Person aufmerksam, aber ich bin zuerst da; Sie schicken mich also, nicht wahr? Ich werde alles zu tun wissen;  seien Sie unbesorgt. Sind Sie einverstanden, dass ich sogleich schreibe? Wenn Sie mir die Vergünstigung verschafften, mich aus der Welt fortzunehmen! Wo immer ich sonst bin, werde ich allen, glauben Sie es? zum Ekel. Auf jeden Fall empfehle ich mich Ihnen. Segnen Sie mich und beten Sie recht für

die arme Gemma.

 

19. Sie spricht von ihrem nahen Aufstieg zu einer neuen Stufe des mystischen Lebens und

von ihrem Aufstieg zum Himmel.

 

Monsignore — Eines Morgens nach dem Empfang der hl. Kommunion schien es mir, Jesus sage folgende Worte zu mir: „Dein Beichtvater muss bereits gemerkt haben, dass ich dich alle Grade des mystischen Weges durchlaufen lassen will. Der erste Teil deines Lebens ist bereits hinter dir; jetzt stehen wir am Ende des liebevollen Schmerzes; es kommt nunmehr der leidvolle Schmerz und schließlich wird es dunkle, finstre Nacht; das wird der zweite und letzte Teil deines Lebens sein, am Schluss desselben werde ich dich, o meine Tochter, in den Himmel einführen." Es lebe Jesus!

Als ich Ihnen sagte, sie möchten mich ins Kloster verbringen, geschah dies zufolge des großen Verlangens, das ich danach hatte. Jesus sagte zu, er meinte Passionistin; andere Male trug er mir auf Ihnen zu sagen, Sie sollen mich ins Kloster bringen. Jetzt aber sage ich nichts mehr, weil meine Mutter Maria nichts andres will als Passionistin; sonst in den Himmel. Gut denn — in den Himmel...! Komme ich dorthin? Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

20. Sie spricht von der Erscheinung einer Passionistin, die aus dem Fegfeuer erlöst wurde.

 

Monsignore — Ich habe hier einige Punkte vermerkt, die Sie gestern abend von mir verlangten. Ich sende sie Ihnen, aber nur unter der Bedingung, dass Sie dieselben sofort verbrennen, nachdem Sie davon Kenntnis genommen; wenn nicht, schicke ich Ihnen nie mehr etwas. Die Sache war so. Voriges Jahr im Dezember reiste hier der Pater durch, der von Corneto kam; er sprach von einer bestimmten Passionistin, die, wie er beifügte, sehr geängstigt war. Mir ging das wenig zu Herzen, auf Tante Cecilia Giannini dagegen machte das Eindruck;  sie bat mich daher, wenn Jesus gekommen sei, sollte ich ihn um Aufschluss darüber ersuchen. Ich weiß aber, dass ich es immer vergaß; schließlich, um sie zufriedenzustellen, fragte ich ihn. Sie wollte, dass ich fragte, aus welchem Grunde diese Klosterfrau so geängstigt sei. Eines Tages nun schien es mir, ich sehe Jesus. Ich stellte die erwähnte Frage an ihn, er antwortete mir folgendermaßen: „Sie ist aus mehr als einem Grund in Angst. Sie hat neben sich eine Konversnovizin, die etwas nachlässig ist, die Regeln nicht mehr beobachtet, sie sieht wohl ein, dass es mit dieser ein schlimmes Ende nimmt. Der andere Umstand setzt sie noch niehr in Betrübnis: Mutter M. Theresia ist krank, sie hat es ihr allein anvertraut, sie ist sehr leidend. Sie betet in einem fort, dass ich sie ihr noch am Leben erhalte, es wird aber nutzlos sein, denn in wenig Monaten werde ich sie zu mir nehmen. Sie merkt das und leidet schwer darunter." Mehr sagte er nicht. Ich berichtete die Sache C., sie ließ mich alles auf ein Blatt niederschreiben, bewahrte es bei sich und gab es, als sie in Rom war, dem Pater. In der jüngsten Zeit sagte mir Jesus wiederholt, daß Mutter M. Theresia ihrem Ende nahe sei; das letzte Mal sagte er mir dies am Fronleichnamsfest, ich achtete aber nicht darauf und kümmerte mich nicht darum. Wenn ein Passionistenpater durchreiste, fragte C. jeweils, wie es der Mutter M. Theresia gehe; viele sagten, es gehe ihr gut;  dem war aber nicht so, denn sie lag krank darnieder; es handelte sich um gewisse Krankheiten, die sie sich zufolge ihrer unausgesetzten Disziplinen und Bußübungen selbst zugezogen hatte. So ging die Zeit dahin, da schien es mir an einem Freitag, Jesus sage zu mir: „Gemma, die Mutter M. Theresia vom Kinde Jesus ist im Fegfeuer; bete für sie, sie leidet schwer." Bei diesen Worten glaubte ich gar nicht, es sei jene, von der mir Jesus so viel gesprochen hatte. Ich kannte sie einfach unter dem Namen Mutter M. Theresia, der Beiname vom Kinde Jesu war mir neu. Wiederholt sagte mir Jesus, ich solle für sie beten und auch andere für sie beten lassen. Jesus konnte scheinbar nicht ohne sie sein. Ich tat also, was ich nur konnte; der Schutzengel lehrte mich, ich solle auch das Geringste, was ich zu leiden bekomme, für die armen Seelen im Fegefeuer, hauptsächlich aber für sie aufopfern. An einem Donnerstag ließ mich Jesus für sie zwei Stunden länger leiden, dann sagte er mir, ich hätte ihre Qualen gelindert. Es fehlten noch wenige Tage bis zum Fest Mariä Himmelfahrt; ich glaubte wirklich, Jesus werde sie an jenem Tage zu sich hinaufnehmen. Es war etwa neun Uhr vormittags; ich war im Zimmer der Klosterfrauen und las die Herrlichkeiten Mariens; es war mir (wenn Sie wüßten, wie schwer es mir geht, gewisse Sachen niederzuschreiben), als fühlte ich eine Berührung an der Schulter, ich drehte mich um und erblickte eine Person in weißer Kleidung. Welche Angst ich hatte! Ich stand auf, um davon zu laufen, ich wollte auch aufschreien, es gelang mir aber nicht. Diese Person nun fragte mich: „Kennst du mich" Ich verneinte es, aber unter Angst und Furcht. Da fügte sie bei: „Ich bin Mutter M. Theresia, und bin gekommen, um zu danken für das Gute, das du mir getan hast, sowie für die Sorge, die du getragen, damit ich früher in den Himmel käme. Fahre noch einige Tage mit deinem Gebete fort, dann werde ich ewig glücklich sein." Mehr sagte sie mir nicht; ich setzte meine Lesung fort, sie aber verschwand. Von jener Stunde an verdoppelte ich die Gebete, ich war aber etwas verdrießlich, weil ich wirklich glaubte, sie müsse an jenem Tage in den Himmel einziehen.

Gestern morgen nach der hl. Kommunion sagte mir Jesus, sie würde heute nacht, d. h. nach Mitternacht zum Himmel emporfliegen. Mir schien es denn auch, dies sei wirklich geschehen. Jesus hatte mir versprochen, er würde mir ein Zeichen geben. Es war Mitternacht, ich merkte noch nichts, es wurde ein Uhr, ohne daß ich etwas gewahrte; gegen halb zwei Uhr schien es mir, Maria komme und zeige mir an, daß die Stunde herannahe. Bald darauf sah ich die M. Theresia in Begleitung ihres Schutzengels herbeikommen; sie war als Passionistin gekleidet und sagte, die Zeit ihrer Läuterung sei nun vorüber, sie gehe nunmehr in den Himmel. Ich habe schwer dabei gelitten; auch ich wollte hingehen. Doch was? Niemand horchte auf mich. Bevor sie verschwand, sagte sie mir, ich sollte jene Mutter benachrichtigen, damit sie sich beruhige. Sie ging etwa um zwei Uhr in den Himmel ein. Sie lächelte und war hocherfreut: wenn Sie sie gesehen hätten! Jesus und ihr Schutzengel kamen eigens, um sie abzuholen. Jesus sprach dabei die einladenden Worte: „Komme, o Seele, die mir immer teuer gewesen!" Er nahm sie mit sich. Jetzt habe ich alles dargelegt: sobald Sie es gelesen haben, verbrennen Sie es und denken nicht weiter daran. Ich habe noch etwas anderes. Wenn ich am Donnerstag Jesus zu sehen glaube, bitte ich ihn stets für Sie, indem ich zu ihm sage: „Mein Jesus, denke an meinen Beichtvater und bewirke, dass er mich so leite, dass ich alles nach deinem Gefallen tun kann." Jesus antwortet mir: „Offenbare ihm alles, gehorche in allem, sage ihm auch, es sei mein Wille, dass er dich ins Kloster bringe." Jetzt habe ich alles gesagt, ich kann nicht mehr. Ich verspreche, Ihnen stets zu gehorchen und Ihnen immer alles, Gutes wie Schlimmes, zu sagen. Segnen Sie mich und beten Sie recht für

die arme Gemma.

B | Briefe an P. Germano Ruoppolo, C.P.

1. Sie beginnt, noch etwas zaghaft,  sich ihrem neuen Seelenführer zu eröffnen, den sie noch

nicht persönlich kennt.

 

Pater — Alles was ich da schreibe, schreibe ich nur aus Gehorsam, aber mit der größten Überwindung. Alles was ich jeden Tag zu sehen und zu hören vermeine, verursacht mir sehr große Pein; ich habe jedoch den Befehl erhalten und der hilft mir über alles hinweg. Als ich gestern Abend vor Jesus im Tabernakel betete, hörte ich rufen: ich glaubte, es war Jesus. (Pater, bevor Sie weiterlesen, bitte ich Sie inständig, glauben Sie doch ja nichts: ich schreibe nur aus Gehorsam; sonst hätte ich nicht ein Wort darüber gesagt.) Er sagte zu mir: „Meine Tochter, schreibe nur jenem Pater, dein Beichtvater würde sich gerne mit ihm in Verbindung setzen. Er möge es tun; denn dies ist auch mein Wunsch." „Aber Jesus", erwiderte ich, „verstehe ich dich recht? Willst du wirklich, daß der Pater alles wisse, was mich betrifft? . . ." Ich wollte fortfahren; aber es schien mir, Jesus (oder mein Kopf) lasse mich nicht weitersprechen, sondern sage: „Das ist von nun an mein Wille." Nachdem ich, wie ich meinte, diese Worte vernommen hatte, konnte ich nichts weiter bemerken; es war mir indes, als ob Jesus fortfahre: „Meine Tochter, blinder Gehorsam, vollkommener Gehorsam; das ist die erste Mahnung." Die zweite lautet: „Sei wie ein Leichnam, vollführe bereitwillig, was immer sie dir auftragen. Mache in diesen Tagen nicht das geringste, ohne zuvor meinen Rat eingeholt zu haben." Bitte, Pater, glauben Sie nichts von alldem; es kostete mich gewaltige Überwindung, diese Dinge niederzuschreiben, aber ich wollte gehorchen. Heute morgen nach der hl. Kommunion war es mir, als habe sich Jesus zu erkennen gegeben. Pater, was sind das für Augenblicke! Nach einiger Zeit ist jedoch alles vorbei. Ich wandte mich wiederholt an Jesus: „Mein Jesus!" . . . Ich konnte mich nicht ausdrücken; aber Jesus hat mich verstanden. Segnen Sie mich und beten Sie viel für

die arme Gemma.

 

2. Aus ihrer beständigen Betrachtung der ewigen Wahrheiten zieht sie kostbare Früchte und verkostet dabei heilsame Empfindungen.

 

Pater, wenn Sie in mein Herz hineinsehen könnten! Habe ich auch Jesus zum Weinen gebracht, so liebt er mich doch immer und läßt mich seine Gegenwart oft nur allzu sehr fühlen. . . . Wenn Sie wüßten, welche Gewalt ich mir antun muss, in der Gegenwart von Personen, die von Jesus vom Himmel und dergleichen reden! . . . Manchmal muss ich mich zurückziehen, oft die Sprechenden bitten, die Rede auf einen anderen Gegenstand zu lenken, sonst liefe ich förmlich Gefahr zu sterben; doch nein, noch nicht sterben; es war mir, als sagte Jesus: „Du wirst jetzt nicht sterben". Ich rede hierüber nicht weiter; diesbezüglich wissen Sie alles. Wissen Sie, Pater, was ich mir in den Kopf gesetzt habe? Ich will um jeden Preis heilig werden. Diesen Vorsatz machte ich gestern abend. Während der Betrachtung sagte ich zu mir: Man lebt bloß einmal; der Tod ist jedermann gewiß; und wenn man es mit Gott zu tun hat! . . . Ich weiß ferner, daß dieser Gott die Bösen mit dem ewigen Feuer bestraft. Pater, diese Erwägung hat mir große Angst eingeflößt. Um der Liebe Jesu willen senden Sie mir Ihren Engel, damit er den bösen Feind von mir vertreibe (denn seit zwei Tagen blieb ich mit Hilfe meiner Mutter Maria siegreich gegen ihn); beten Sie auch zu Jesus, er möge mir so viel Gnade geben, daß ich im Kampfe mit ihm triumphiere. Trotz meiner vielen Sünden erkenne ich in Jesus einen wahren Vater voll Erbarmen. Wo wäre nur meine Vernunft, wenn ich nach so zahlreichen Sünden die Güte des Herzens Jesu nicht erkennen würde, der mich zärtlicher als ein Vater liebt? Und wie ist doch mein Herz beschaffen? Endlich ist es Tag geworden in meiner Seele; denn ich sehe all den Schaden, welchen ich durch die Sünde angerichtet habe. Wenn ich Jesus weinen sehe, durchbohrt es mir wirklich das Herz; ich denke ... ich denke. . . daran, daß ich durch die Sünde die Bedrängnis noch vermehrte, die auf ihm gelastet, als er im Ölgarten betete. ... In jenem Augenblicke überschaute Jesus all meine Sünden, all meine Fehler, er sah auch schon den Platz in der Hölle, wenn dein Herz, o Jesus, mir nicht Verzeihung gewährt hätte. Jesus, Jesus, Jesus, ich will mich nicht länger verzärteln; mit deiner Gnade will ich meinen Leib meinem Willen untertänig machen. . . . Überhaupt, o Jesus, vernimm mein Gebet: Ich will dir, o Jesus, Ersatz bieten, indem ich mich selbst als Sklave behandle und meine Schultern unter dein Kreuz lege.... O Jesus, mein Gott...! Ich erkenne, dass, wer hoch hinaufsteigen will, bald ausgleitet und neuerdings in den Kot fällt. Pater, ich breche ab. Segnen Sie mich jeden Augenblick.

Die arme Gemma. 

 

3. Die Welt verursacht ihr Ekel; sie freut sich darüber, verachtet und gedemütigt zu werden, und sehnt sich nach immer größerer Vollkommenheit.

 

Pater, Pater, ich bin noch immer die Gemma, die Ihnen schreibt, ich bin noch immer in der Welt! Doch welchen Überdruss empfinde ich deswegen! Es ist buchstäblich wahr, daß sich auf dieser Erde kein wahres Glück findet. Wenn ich durch Gottes Erbarmen glückliche Augenblicke genieße, so ist dies der Fall, wenn ich mich verachtet und verdemütigt sehe. An solchen Dingen habe ich, um die Wahrheit zu bekennen, durchaus keinen Mangel; im Gegenteil fügt Jesus täglich noch etwas dazu. Wie gut er ist! Wenn Sie wüßten, welche Mittel er anwendet, um meinen Hochmut zu beschämen! Wie schlimm ich doch bin, wenn Sie wüßten! Wer wird mir die Tugend verleihen, die notwendig ist, um Jesus an mich zu ziehen? Beten Sie zu Jesus und lassen Sie beten, damit er recht bald die nötige Hilfe verleihe und mir in meinen vielen Armseligkeiten aufhelfe; dass er meinen Geist erleuchte und mich das schreckliche Dunkel meiner Seele erkennen lasse; dass er mich endlich, wie es meine Sehnsucht ist, zu dem Eifer und zu der Liebe aller heiligen Seelen gelangen lasse; doch nein, das genügt mir noch keineswegs, ich möchte in der Reinheit allen Engeln, ja sogar unserer lieben Mutter Maria im Himmel gleichkommen. Segnen Sie

die arme Gemma. 

 

4. Sie verdemütigt sich, weil sie Widerwillen verspürte, als sie ihrem gewöhnlichen Beichtvater gehorchte; dieser hatte ihr aufgetragen, sich mit einem anderen Priester zu beraten.

 

Mein Pater — Jesus vergelte Ihnen tausendmal das viele Gute, das Ihre Worte heute morgen in mir hervorgebracht haben. Ich bin wirklich entschlossen, immer, aber auch immer den Willen des Beichtvaters zu tun, unbekümmert um alles, was daraus folgen mag. Wenn Sie wüßten, wie gut mir Ihr Tadel getan hat! Es ist richtig, vollkommen richtig, was Sie mir gesagt, und doch waren es Gedanken, die mich verwirrten. . . . . Es ist nunmehr an der Zeit, daß ich mich entschließe, von nun an den Willen meines Beichtvaters zu tun. So oft ich etwas nach meinem Kopf machte, kam es mich immer sehr teuer zu stehen; in Zukunft jedoch soll es nicht mehr so sein. Ich verspreche es Ihnen, ich will mich nicht mehr beklagen, ich will nicht mehr weinen. Ich will dorthin gehen, wo es der Beichtvater haben will. Es ist nun schon einige Tage her, dass das Opfer gebracht wurde. Ich will Ihnen ein letztes Mal noch danken für die gutgemeinten Worte des Tadels, die Sie mir zukommen ließen; zweifeln Sie nicht daran, ich werde Nutzen daraus zu ziehen wissen; Sie selber sollen, das ist mein Wunsch, sich davon überzeugen können. Segnen Sie mich und bitten Sie Jesus für

die arme Gemma. 

 

5. Sie fürchtet getäuscht zu sein.

 

Pater — Ich bin so in Angst wegen meiner Seele! Pater, ich habe Angst, Angst, Angst, verdammt zu werden. Gestern kam nämlich ein Priester zur Mama (Cecilia Giannini) auf Besuch; da hörte ich ihn erzählen von einer Klosterfrau, welche die Male an den Händen, an den Füßen, am Haupt und an der Seite hatte, in Verzückung geriet: und alles war Betrug. Wird es auch mit mir so sein, Pater? Wäre es Täuschung, käme ich in die Hölle. Ich wünschte, dass Sie mir erklären, was Betrug oder Schwindel besagen will; denn ich möchte niemand täuschen oder betrügen. Empfehlen Sie mich Jesu: ich will brav und aufrichtig und gehorsam sein. Gestern Abend kam mir ein Gedanke und Jesus sagte zu meinem Herzen: „Glaubst du vielleicht, ich sei nicht imstande, entweder an dir oder an dem Beichtvater ein Wunder zu wirken?" Ich begriff nichts davon, Pater. Bitten Sie Jesus, dass er es Ihnen erkläre. Segnen Sie mich, ich will brav sein.

Die arme Gemma von Jesus.

 

6. Sie beklagt sich darüber, dass sie auf Weisung ihres gewöhnlichen Beichtvaters einer Prüfung unterworfen wurde, die wenig ernst und zu geringer Ehre Gottes ausfiel.

 

O Pater, wie sehr litt ich gestern! Wie sehr haben diese Dinge auch Jesus mißfallen! . . . Damit ist Jesus nicht zufrieden. Mir widerfuhr eine sehr große Verdemütigung. ... Ich bin jedoch ergeben, Jesus ist in meinem Herzen; heute morgen konnte ich nicht zur Kirche gehen, Jesus ist dann selber gekommen. Er hat mich gefragt, ob er liebenswerter sei in den Tröstungen oder in den Verdemütigungen? Pater, wie viel liebenswerter ist er, wenn er mir Verdemütigungen sendet! Da habe ich Jesus, da habe ich den Engel, der mir von Zeit zu Zeit ein großes Kreuz zum Kuss reicht. Wie viel liebenswerter ist Jesus in den Verdemütigungen! Derartige Vorgänge kränken mich persönlich keineswegs, sie kränken mich bloß wegen Jesus; denn mit dem Vorfall von gestern Abend ist er nicht zufrieden, im Gegenteil, er hatte großes Mißfallen daran. Und jetzt, Pater, wenn Sie sehen könnten, wie glücklich ich mit Jesus allein bin, wie er mich so gedemütigt noch mehr liebt! Auch die Tante (Cecilia Giannini) ist ganz niedergeschlagen; und doch gehorche ich, so gut es geht, auch bin ich gegen niemand ungehalten oder argwöhnisch, ich bleibe stets ruhig. Ich bin glücklich mit Jesus allein.

Die arme Gemma.

 

7. Da sie erfahren, daß ihr Seelenführer zum Grabe des heiligen Gabriel nach Isola geht, bittet sie ihn, sich ihrer dort zu erinnern.

 

Mein Pater — Tun Sie alles, um zu erkennen, was eigentlich der Wille Gottes ist. Hören Sie, Pater! Von Ihrem Mitbruder Gabriel müssen Sie sich viele Versprechungen machen lassen. Machen Sie es einfach so: Gehen Sie ohne weiteres auf das Grab zu, das seinen Leib enthält, und befehlen Sie ihm kraft des Gehorsams: Sage mir, was habe ich mit Gemma zu tun? Bei Ihrer Rückkehr schreiben Sie mir die Antwort, nicht wahr? Ich werde beten, so gut ich es vermag. Schreiben Sie bald. Ich ersuche Sie, recht eifrig zu beten, damit Jesus Sie bezüglich meiner erleuchte, auf dass doch . . . mein Gott, kein Betrug, keine Täuschung statthabe.

Die arme Gemma.

 

8. Bei einer andern ähnlichen Gelegenheit kommt sie auf diesen Punkt zurück und gibt dringende Aufträge an den Heiligen auf.

 

Um diese Stunde bin ich gewiss, dass Sie neuerdings das Glück hatten, am Grab des ehrwürdigen Gabriel zu beten. Wie beneide ich Sie! Ich habe Ihnen so vieles zu sagen, was Sie dem Heiligen berichten sollten. Vor allem, Pater, legen Sie das wichtige Geschäft meiner Seele in seine Hände; fragen Sie ihn, ob ich hoffen könne, meine Seele zu retten; er möge nicht zulassen, dass ich mich täusche; er möge aber auch verhüten, datz sich mein Seelenführer bei der nunmehr eingeschlagenen Leitung täusche. Wiederholen Sie ihm auf den Knien, ich sei fest entschlossen, diese meine Seele um jeden Preis, um jedes Opfer, um jede Demütigung zu retten. Sagen Sie ihm, er möge mir, wenn ich meine Seele vernachlässigt habe, bei Jesus Verzeihung erlangen; ich weiß wohl, ich hätte anders vorgehen und mich mehr um Jesus und um die heiligste Mutter kümmern sollen. Die Stunde der Reue wäre für mich viel früher gekommen, wenn ich nicht in der Sünde verharrt hätte. Sagen Sie ihm von ganzem Herzen, er solle Jesus bitten, mir seine Prüfungen nicht zu ersparen: das Leiden wird meinen Geist aufrichten, es wird mich keineswegs einschüchtern, sondern mir die nötige Kraft verleihen, um mit der Gnade Jesu mitzuwirken; sagen Sie ihm, ich sei entschlossen, alle begangenen Sünden wieder gutzumachen und gehorsam zu sein usw. O Pater, Pater, bitten, bitten Sie ihn so; erbitten Sie Antwort auf folgende Fragen: Und Gemma, was wird doch nur aus Gemma? Woher kommen eigentlich all jene Dinge, die sie zu sehen und zu hören glaubt? . . . Ich schließe, denn Sie wissen schon, was noch beigefügt würde. Um Gottes willen, Pater, es ist nicht der Wert, dass Sie etwas Zeit verlieren, wenn Sie ihm andere Anliegen vorzutragen haben. Verkehren Sie beständig mit Ihrem Mitbruder Gabriel, reden Sie mit ihm über mich, über alle meine Angelegenheiten; sagen Sie ihm, er möge mir Jesus immer senden, denn ich vergehe vor Verlangen, zu den Füßen Jesu zu sein; er soll mir auch helfen gut beten; das Gebet versüßt mir den Gehorsam und läßt mich die Leiden eher ertragen. Nehmen Sie dem Mitbruder Gabriel etwas Liebe weg und senden Sie dieselbe an mich. Also zwei Anliegen empfehle ich Ihnen: zuerst die Seele, sodann alles, was mit mir vorgegangen ist und immer noch vorgeht. Tragen Sie, Pater, ihm diese Bitten vor und erwirken Sie die Antwort darauf. Ich bitte ihn, er möge Ihnen viele Erleuchtungen in bezug auf mich verleihen.

Segnen Sie mich: die arme Gemma von Jesus allein.

 

9. Hochherzig im Ertragen der Leiden. An gewissen verborgenen Eindrücken erkennt sie den guten oder schlimmen Zustand der Personen, mit denen sie verkehrt. Sie wünscht sehnlich, es möge bei ihr jedes Zutagetreten außerordentlicher Vorgänge unterbleiben.

 

Verzeihen Sie, Pater, wenn ich noch den harten Kopf habe; fortan will ich achtgeben, Sie werden sehen, Sie werden sich zum letzten Male beklagt haben, daß ich Ihnen nicht auf die Frage antworte. Es ist ganz gleich, wissen Sie, ob Jesus mich freundlich behandelt oder ob er mich schlägt; ich bleibe ruhig; ja, wenn er mich schlägt, bin ich noch viel mehr zufrieden; denn Schläge sind es gerade, die ich verdiene; und doch muß ich gestehen, daß beim Anblick des Kreuzes alle meine Sinne Furcht empfinden; aber das ist nicht Sünde, sagt mir der Beichtvater; doch trotz dieses Widerstrebens umschlingt mein Herz alle von Jesu gesandten Leiden und findet daran jegliche Wonne. Immer und immer wieder sagt mir der Engel am Donnerstag Abend kurz vor Beginn des Leidens, durch die Leiden könnte ich Jesu ähnlich werden, ihm meine Liebe beweisen und mir die Liebe Jesu sichern. Das mir von Ihnen empfohlene Gebet ist der erste Gruß an meinen Engel; dann rufen wir mitsammen: Es lebe Jesus! Darauf kommt eine Anbetung der unendlichen Majestät Gottes, hierauf genügte es für mich, er aber will fortfahren. Vernehmen Sie nun etwas Eigentümliches: bevor ich einen Besuch vom Engel bekomme, oder wenn Jesus mir seine Gegenwart besonders kräftig zu fühlen geben will, tauchen in meinem Geiste alle Sünden auf und verursachen mir einen wirklich heftigen Schmerz, dass ich manchmal schon ganz niedergeschlagen war und weinte. Hierauf hatte ich immer oder wenigstens fast immer Besuchungen. Ich schrieb Ihnen früher, ich erkenne im Herzen, wie es mit den Leuten stehe; nunmehr ersuche ich Sie, nicht mehr davon zu sprechen; ich denke nicht mehr daran. Das Herz fährt zwar fort, in Freude oder in Trauer zu geraten, je nachdem . . ., aber ich lege dem keine Bedeutung mehr bei; in einem solchen Falle suche ich mich zu zerstreuen. Der Beichtvater hat dies von selbst erraten; auch er hat mir aufgetragen, nicht darauf zu achten. Wie sehr habe ich mich abgemüht, Pater, damit mich Jesus auf den gewöhnlichen Weg versetze! Am Freitag erscheint denn auch wirklich kein Zeichen mehr, allein das Blut . . . gewöhnlich einige unbedeutende Geißelschläge Jesu. Es lebe Jesus! Wenn indes Jesus anders verfahren wollte, so bin ich ganz zufrieden. In den vergangenen Tagen kam der Engel mehrmals. Am Freitag stellte er sich ein und ließ mich gesunden, es war nämlich das erste Mal, dass ich die Schläge Jesu bei der Geißelung verspürte, sie hatten mich, die wirklich zu nichts gut ist,  gehörig getroffen. Der' Engel sagte mir ferner, Jesus habe Mitleid mit mir gehabt, weil ich schwach sei und noch nicht zu der Stunde gelangt sei, wo er am Kreuze starb. Segnen Sie mich recht kräftig.

Die arme Gemma.

 

10. Da sie aus Privatandacht die drei Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams bereits abgelegt hat, wünscht und verlangt sie, andere noch schwerere zu tun, wodurch sie sich verpflichtet, bei der Ausübung der Tugenden stets das Vollkommenste zu erwählen. Sie sehnt sich danach, Gottes Liebe mit Liebe zu vergelten.

 

Mein Pater — Vor kurzem bin ich beichten gegangen. Gleich nach Ihrer Abreise sprach ich mit meinem gewöhnlichen Beichtvater über die besonderen Gelübde und gab ihm auch zu erkennen, wie sehr ich dieselben abzulegen wünschte. Das erstemal gab er ganz abschlägigen Bescheid, indem er erklärte, ich sei bei der Erfüllung der drei schon abgelegten zu nachlässig gewesen; er würde es mir jetzt nicht erlauben. Heute morgen fragte er mich, ohne dass ich etwas davon erwähnte, was das für Gelübde seien; dann fügte er bei: Schreibe nur dem Pater, erlaubt er es dir, dann lege sie ab, ich gebe meine Zustimmung. Haben Sie es wohl verstanden? Tun Sie jetzt, was Sie für gut halten. Jesus weilt immer bei mir, er hat mich noch nie verlassen. Bis wohin reicht die Milde und Güte Jesu, wie treulos und schlimm ich auch bin! Jesus lebe immer! Wie mache ich es nur, um einer solchen Erbarmung Jesu zu entsprechen? Was kann ich Jesu als Ersatz bieten für so große Wohltaten? Ich besitze ein Herz, aber es ist voll Sünden; ich habe auch eine Seele, sie ist indes in jeder Beziehung strafbar. In diesem Augenblick erwidert mir Jesus: „Deine Unwürdigkeit beleidigt mich nicht, du bist das Werk meiner Hände, übergib mir alles, du gehörst ja ganz mir an". Wenn Sie wüßten, wie oft ich gegen Jesus für eine Kleinigkeit dieser Welt eingetauscht habe. Jetzt aber will ich so etwas nicht mehr tun. In der Frühe eines jeden Tages kommt Jesus zu mir und bewirkt, dass auch ich befriedigt bin. Ich habe weiter keinen Wunsch mehr, ich bin glücklich. Wenn dann Jesus sich entfernt, wenn er sich, trotz meines Anrufens auf die Seite wendet, was werde ich tun? Am Ende der Betrachtung machte ich in gewohnter Weise Vorsätze, Jesus recht sehr zu lieben. „Wohlan", antwortete mein Engel, „du wirst mir bei der nächsten Begegnung gleich eine gehörige Probe oblegen". Ich teilte dies dem Beichtvater mit, aber nicht einmal er versteht die Bedeutung dieser Worte. Werden Sie davon sprechen, falls Sie Aufschluß zu geben vermöchten? Ich bin zu allem bereit, wenn nur Jesus in mir bleibt. Ich mache jeden Tag die Betrachtung, aber stets über das Leiden Christi; täte ich das nicht, so würde - stelle ich mir vor - Jesus mir folgenden Vorwurf machen: „Sieh', meine Tochter, ich starb am Kreuz als Opfer der Liebe für deine zahlreichen Verschuldungen; betrachte genau meine Leiden und verweigere mir, wenn du es vermagst, jenes innige Mitleid, das ich verdiene. Willst du etwa nicht an das denken, was ich für dich getan, und an das, was du mir schuldig bist? Mein Herz erwartet von dir diesen Trost. Verweigere ihn mir nicht." Armer Jesus! Was soll ich tun? Segnen Sie mich. Ich verbleibe

die arme Gemma von Jesus. 

 

11. Da es ihr scheint, sie verfehle sich allzu leicht durch die Zunge, sucht sie um die Erlaubnis nach, beständiges Stillschweigen zu beobachten.

 

Pater — Dieses Mal würde ich gern um eine kleine Erlaubnis bitten. Sie werden sehen, Jesus sagt sogleich zu, wenn Sie ihn darum ersuchen. Es ist notwendig. Beten Sie, denken Sie darüber nach und schreiben Sie dann. Sehen Sie, Pater, Sie glauben wohl, ich gehöre zu jenen, die wenig sprechen, nicht wahr? Dem ist aber nicht so. Ich höre ein Gespräch an, ich muss auch meine Meinung gesagt haben; ich höre über jemand sprechen, ich muss auch mithelfen und so in hundert andern Fällen. Am schlimmsten ist es aber, wenn ich Unterhaltungsstoff erfinde (nein, erfinden nicht), wenn ich ein Gespräch anfangen soll. Wie manche Sünden! Wollen Sie, dass ich sie vermeide, Pater? Lassen Sie mich Jesus das Versprechen ablegen, strengstes Stillschweigen zu beobachten, nur zu reden im Falle, dass ich gefragt werde oder dass eine eigentliche Notwendigkeit vorliegt. Mag der Teufel mir auch Kämpfe bereiten, Jesus wird mir beistehen. Nun werden Sie bei sich selbst sagen: Sieh einmal, wie töricht Gemma ist! Was hat sie sich nur in den Kopf gesetzt? Gewisse Sachen sind nicht für sie; sie dienten bloß dazu, sie in noch größere Sünden zu stürzen; denn da ich ihre Schwachheit kenne, weiß ich auch ganz gut, dass sie solche Versprechen gar nicht zu halten vermag. O Pater, Sie haben Recht; allein ich hoffe auf Jesus;  er wird mir helfen; denn dies ist notwendig für mich. Eine derartige Erlaubnis erbitte ich mir gewiß nicht aus Zufall, das wissen Sie. Ist es Ihnen ferner nicht bekannt, dass ich, bevor ich um die Erlaubnis bitte, die Sache erst einmal versuche. Ich falle, ich falle neuerdings, aber Jesus ist mit mir. Segnen Sie mich, Pater, immer und recht kräftig. Ich bleibe 

die arme Gemma.

 

12. Mit liebenswürdiger Einfalt beginnt sie diesen Brief, schwingt sich dann zu den erhabensten Gedanken empor, wird infolgedessen ihren Sinnen entrückt und vollendet nun, immer noch in der Ekstase, den zweiten Teil des vorliegenden Briefes.

 

Pater — Ich habe einen Sieg errungen. Heute früh vor dem Empfang der heiligen Kommunion hatte ich eine Eingebung, ich wußte nämlich, dass am gleichen Morgen ein Brief von Ihnen ankommen werde. Ich litt etwas unter der lockenden Versuchung, davon Mitteilung zu machen; ich habe jedoch diese Begierde unterdrückt und schwieg völlig. So ist es recht, nicht wahr, Pater? Mein Pater, Mut und voran! Das sage ich nicht Ihnen, sondern mir allein. Wenn mir aber Jesus nicht beisteht, fühle ich mich niedergedrückt; helfen Sie mir durch Ihr Gebet; wie sehr bedarf ich desselben! Den Seelen, die Gott wahrhaft lieben, ist alles leicht; mir aber fällt ein kleines Opfer, der Schatten von Leiden schon so schwer. Das ist ein deutliches Zeichen, dass ich Jesus nicht liebe, nicht wahr? Sagen Sie Jesus, ich vermöge nicht wie die Heiligen immer aufs neue um Leiden zu bitten. Pater, das Leiden erschreckt mich. Es ist nur zu wahr, was der Beichtvater sagt, dass ich, die solche Gnaden von Jesus erhalten hat, weiter voran sein sollte, statt dessen! . . . Wohin werde ich noch kommen? Lieber Jesus, komme, komme; lasse dich durch meine Armseligkeit nicht abschrecken; ist diese auch groß, um so größer wird deine Erbarmung sein. Komm und reinige durch deine Reinheit mein Herz; durch deine Sanftmut zügle mein aufbrausendes Wesen; suche heute morgen mein Gewissen heim, o Jesus; befindet sich etwas darin, was dir mißfällt, entferne, zerstöre, vernichte es. Bis in meinem Herzen nicht wahre und gediegene Tugenden sind, komme nicht, o Jesus, setze die Ehre deiner Herrlichkeit, die Größe deiner Majestät nicht so aufs Spiel. Was habe ich nur gesagt, Pater? . . . Mein Gott, wenn deine Liebe sich zu dem elendesten aller Geschöpfe, als das ich mich betrachte, herabläßt, dann, o Jesus, hebe es empor, indem du gutmachst, was es sich durch seine Verfehlungen geschadet hat. Komm aber immerhin, Jesus, wenn ich in der Vergangenheit deinen Unwillen erregt habe durch meinen Undank, so will ich dir in Zukunft dankbarer sein. Weißt du was? Wenn du mich nicht mehr undankbar wissen willst, wie es nur am Platze ist, dann zögere nicht länger mit deiner Hilfe. O Jesus, wenn du von mir Liebe verlangtest, welche der deinen entspräche, was müßte ich tun? . . . Ich will dir sagen, dass ich ein armseliges Geschöpf der Erde bin, von mir kannst du also nichts erwarten. Es sind die Sünden. ... (Gemma kehrt zum Gebrauche ihrer Sinne zurück und beendigt den Brief.)  O Gott, ich vergaß ganz, dass ich an meinen Pater schreibe und unterhielt mich fortwährend mit Jesus. ... Ja, es sind die Sünden, die mir alles geraubt haben. Was werde ich nur gesagt haben? Ich lese nicht mehr, was ich geschrieben; denn ich schäme mich . . - Sie nehmen es, wie es kommt, nicht wahr? Achten Sie auf Jesus. . . . Nichts andres als was Jesus will. Segnen Sie mich.

Ich bleibe die arme Gemma.

 

13. Sie gibt Rechenschaft über ihre gewöhnlichen Betrachtungen.

 

Pater, heute nehme ich den Faden meiner Betrachtungen wieder auf. Sind Sie damit zufrieden? Heute betrachte ich: „Jesus hat, um nicht mich zu verlieren, sein Leben verlieren wollen." Doch was will ich machen, ich bin nicht mehr imstande, einen kleinen Gedanken zu fassen. Mir genügt es, Jesus selbst wird mir helfen; denn der Beichtvater hat es mir befohlen. Morgen betrachte ich folgende Punkte: „1. Mit welcher Liebe Jesus mich aus meinem Elend herausgehoben hat. 2. Unter welchem Schmerz Jesus mich erlöst hat." O Pater, wie viele, welch schöne Gedanken sollte ich in diesen zwei Punkten finden! Ich weiß aber nichts anzufangen. Welche Liebe bewies mir Jesus, als er mich aus meiner endlosen Armseligkeit befreite. Sie wissen den ganzen Hergang. Wie manches möchte ich sagen, aber es gelingt mir nicht. Ich fühle es, ich möchte vieles, vieles sagen und doch komme ich zu nichts. Unter welchen Schmerzen hat er mich erlöst. Mein Gott, her für mich deine Wunden; sie gehören mir, nicht mehr dir. gib sie mir. Mache schnell. Jesus; wenn du zögerst, sterbe ich.

Die arme Gemma.

 

14. Sie leidet, beweint ihre Schuld, auf ihren Jesus gestützt, sehnt sie sich darnach, aus Liebe zu ihm zu sterben.

 

Guter Pater — Es lebe Jesus! Seien Sie unbesorgt; wenn Jesus mir hilft, will ich Ihnen nichts, aber auch gar nichts verschweigen. Der böse Feind quält mich fortwährend mit Versuchungen, die nach der Zulassung Jesu wie Blitze aufeinander folgen. Von mündlichen Gebeten ist gar keine Rede, die Anrufungen Jesu, die Gedanken an ihn dauern fort, wissen Sie, Pater. In den letzten Tagen beging ich einen großen Fehler; es war noch viel, daß Gott mich nicht auf der Stelle bestrafte. Erbarmungsvoller Jesus! Don Lorenzo* (* Anmerkung: Freund der Familie Giannini) trug mir auf, eine Rechnung zu machen; ich vertiefte mich vielleicht etwas zu sehr in die Zahlen und kam dadurch aus dem Gedanken an Gottes Gegenwart; doch dauerte dieser Zustand höchstens eine Minute, dann kehrte ich gleich wieder zu mir zurück, bat Gott um Verzeihung und erhielt sie auch sofort. O Pater, vor wenigen Augenblicken merkte ich plötzlich, wie ich von einem heftigen Schmerz über meine Sünden ergriffen wurde, ich meinte, ich müsse daran sterben. Mein Gott! Blicke zuerst auf deinen Sohn, den du gezeugt hast, alsdann wirf einen Blick auf dieses Geschöpf, das du erlöst hast! Während ich ein wenig so verblieb, da, ich weiß mich kaum auszudrücken, verlor ich mich und schaute meine Seele als ein großes Gebirge und Jesus, der sich daran lehnte, damit es nicht zerfalle. Ja, es ist wirklich so; wenn Jesus es nicht aufrichtete, würde es einstürzen. ... O mein Gott, nachdem du dieses Leben der Sünde, seiner Zerstörerin, entrissen, nimm es für dich, seinen Vollender . . . Wo lassest du mich? Warum sorgst du nicht schnell, daß ich sterbe, sterbe aus Liebe zu Jesus? Siehst du nicht, daß mein Herz und mein Leib sich noch verzehren und ich zu Asche werde? Siehst du nicht, daß ich ein Opfer der Liebe bin und bald aus Liebe sterben werde? Siehst du nicht, daß alles in der Welt mich langweilt und daß ich nichts verlange als Liebe, Liebe, Liebe? . . . Das alles, Pater, läßt in meinem Herzen nicht Klage, sondern Ergebung aufsteigen. Am Freitag stellte der Beichtvater einige Fragen an mich über das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Ich war recht verwirrt, Pater. Aber Jesus, wie wußte er so vortrefflich, mir das Richtige einzugeben! Wir verharrten dann, indem wir uns erniedrigten vor der Majestät Gottes und uns verdemütigten. Kommt es Ihnen nicht auch vor, es sei fast ein Glück, daß ich als Sünderin geboren wurde? Denn die Adern Jesu voll Blut stehen im heiligsten Sakrament stets für die Sünder offen. Es lebe Jesus! Ich werde Ihnen bald wieder schreiben, denn ich habe Ihnen noch vieles andere zu sagen' Segnen Sie mich kräftig. Ich bleibe

die arme Gemma.

 

P. S. Das Latein erkläre ich, so gut es eben geht; wünschen Sie es ausführlicher, so werde ich es tun; eine wortgetreue Übertragung bringe ich nicht zustande, aber jeder Gedanke bietet mir reichlichen Stoff zur Betrachtung. Nicht wahr, Pater, Sie nehmen die Übersetzung, so wie sie ist? Wenn Sie es für nötig erachten, fahre ich damit fort; andernfalls gebe ich sie auf.* (* Anmerkung: Gemma hatte P. Germano um ein bestimmtes lateinisches Büchlein des heiligen Augustinus gebeten. Da er wusste, dass Gemma kein Latein verstand, wollte er sie auf das Nutzlose einer solchen Lektüre aufmerksam machen. Um sie noch mehr davon zu überzeugen, befahl er ihr, ein Kapitel davon zu übersetzen. Sie tat es, zwar bloß dem Sinne nach, aber mit solcher Genauigkeit und Lebendigkeit, dass ihre Übertragung dem Urtext in keiner Weise nachstand. Darüber höchst erstaunt, lieh P. Germano Gemma das erbetene Buch. Oben spielt Gemma auf eben diese Übersetzung an.)

 

15. Wegen einer Vision, die sie hatte, fürchtet sie für sich selbst. Ihr gewaltiger Abscheu vor der Sünde.

 

Mein Pater — Wenn Sie gesehen hätten, was mir Donnerstag nacht begegnet ist! Welchen Trost fühle ich, aber dann wieder welch einen Schrecken! Es schien mir, als ob Jesus mich zwei Seelen sehen ließe: die eine war im Stande der Gnade; wie herrlich sie war! Wenn Sie dieselbe gesehen hätten! Sie war ganz Licht, ganz Sonne und dann ... ich weiß sie nicht zu beschreiben. Die andere Seele im Stande der Ungnade war im Besitze des Teufels, welch schrecklicher Anblick! Ich sage Ihnen nichts weiter, sie war rings von Tieren umgeben. Wie grauenvoll, wie häßlich sie war! Wenn Jesus mir hilft, will ich wahrhaftig keine Sünden mehr begehen. Heute ist der dritte Tag, dass mich der Teufel in Ruhe läßt. Jesus sei gepriesen dafür! Er hat mir aber doch weh getan mit seinen vielen Schlägen! Er war so böse, mich immer an der gleichen Stelle zu schlagen; es bildete sich dort eine Wunde, die mir großen Schmerz verursacht,  sie belästigt mich, welche Stellung ich immer einnehmen mag. Für alles sei Jesus gedankt! Es ist gar wenig für mich, wenn ich an die Beleidigungen denke, die ich Jesu früher zugefügt habe. Jetzt aber, da ich mein Unrecht einzusehen beginne, so scheint es mir wenigstens, habe ich vor Jesus den festen Vorsatz abgelegt, mit seiner Hilfe niemals mehr eine Sünde, sei es eine schwere oder eine läßliche zu begehen; lieber tausendmal sterben als eine Todsünde begehen; ich wollte auch lieber sterben als mit Bedacht und Überlegung nur eine läßliche Sünde begehen. Heute morgen habe ich die heilige Kommunion empfangen, aber, mein Gott, in welchem Zustand! Sagen Sie, Pater, zu Jesus, ob es nicht vielleicht sein Wille wäre, mich von jenem leidigen Übel* (* Anmerkung: Sie meint ihr Leiden in der Nierengegend; Gemma fürchtete aus Schamhaftigkeit eine ärztliche Untersuchung an eben dieser Stelle. Gott nahm Rücksicht und befreite sie in der Folge von diesem Leiden.) zu befreien. Glauben Sie mir, die Krankheit der Lunge beachte ich nur wenig oder gar nicht, obwohl ich weiß, daß sie ihrer Natur nach für unheilbar gilt; ich danke Jesus für dieses wertvolle Geschenk. Aber das andere! Sie sehen, Pater, wie ich noch immer zurück bin, wie mir das Leiden noch immer widerstrebt. Welche Geistesstärke! Ich würde fast wagen, bei Jesus auszuwählen, d. h. ihm einfach zu sagen, welche Art von Leiden mir zusage, welche nicht. — Segnen Sie mich kräftig, beten Sie unausgesetzt für mich, für meine Seele.

Ich bin die arme Gemma.

 

16. Heldenhafter Beweis ihres Gehorsams. Je mehr sie sich von Gott bevorzugt sieht, desto größer wird ihr Mißtrauen gegen sie selbst.

 

Mein Pater — Den Rat, welchen Sie mir gaben, alles zu verachten, habe ich mit der Hilfe Gottes auch befolgt. Armer Jesus! Manchmal bin ich ihm . . . (unhöflich) begegnet (denn so hatte es ja der Beichtvater angeordnet), er aber blieb gut gegen mich, blickte auf mich, lächelte. Ich war bestürzt, denn ich habe einen großen Zweifel. Ich habe Angst, daß ich bei all den außergewöhnlichen Dingen, die mir jeden Tag zustoßen, mich täusche, daß ich die anderen täusche. Das aber möchte ich wahrhaftig nicht tun! Der Beichtvater trug mir auf, nicht einmal an so etwas zu denken, er wollte ferner, daß ich Ihnen davon schriftliche Mitteilung mache. Pater, bitten Sie Jesus, er möge mir helfen, denn gerade die anderen möchte ich keineswegs täuschen. Ich bin so in Angst und Furcht, an gewissen Tagen möchte ich geradezu, dass niemand mich sähe. Dann hören Sie ferner: manchmal wenn ich mich ins Gebet begebe, besonders wenn ich die Betrachtung über das Leiden Jesu anstelle, da geht mir der Kopf weg (glauben Sie nun nicht, der Kopf gehe mir wirklich durch; nur der Verstand darin entfernt sich, ich bleibe, wie ich bin), alsdann sehe ich nichts mehr als Jesus allein, ich fühle auch nichts mehr, selbst wenn man etwas mit mir machen würde. Der Beichtvater will, dass ich Ihnen auch dieses mitteile. Wissen Sie, ich habe schon versucht, mich zu zerstreuen; ich habe geschaut, ob es mir gelinge, nicht einzuschlafen, (d. h. die Sinne in Jesus zu verlieren) und statt dessen mündlich zu beten; es scheint mir aber, ich bringe dies nicht zuwege. Manchmal, wenn ich brav gewesen bin, fühle ich nach der heiligen Kommunion die Gegenwart Jesu deutlich. Um Gottes willen, Pater, täusche ich mich dabei, werde ich auch die andern täuschen? Beten Sie zu Jesus, er möge Sie diese Dinge in etwa erkennen lassen; auf jeden Fall möchte ich nicht sündigen, nicht Jesus beleidigen. Aber Jesus hilft mir, ich fühle es. Eines bietet mir nämlich Trost, ich habe nie etwas anderes im Sinne als Jesus. Es kommt manchmal vor, dass man mich etwas fragt, dass man Gespräche führt; allein ich verstehe nichts. Darauf kann ich oft genug den Titel hören: Einfältiger Tropf; dann fühle ich mich aber auch beruhigt. Wenn Jesus sieht, dass ich etwas brav gewesen bin (er gewährt mir nämlich stets durch den Schutzengel Hilfe und straft mich auch, wenn ich böse bin), weilt er in meinem Herzen, läßt mich seine Anwesenheit fühlen, hie und da sogar zu stark, denn das Herz schlägt ganz heftig; ich habe immer Angst, es rücke noch von seinem Platz. Dann würde ich sterben; wenn Jesus will, möchte ich auch nicht sterben; denn ich habe nichts für ihn getan, er aber hat soviel für mich getan. In jenen Augenblicken habe ich Angst, wegen der Freude und Zufriedenheit den Kopf zu verlieren. Mir scheint, Jesus liebe mich so sehr, ich aber bin so schlimm; doch mit seiner Hilfe will ich brav sein. Wenn Sie wüßten, Pater, wie ungern ich in der Welt lebe! Seien Sie mir behilflich, Passionistin zu werden. Beten Sie recht sehr für

die arme Gemma.

 

17. Sie kommt neuerdings auf ihre Angst zurück, sich und andere zu täuschen.

 

Verehrter Pater — Vernehmen Sie etwas, das Sie beurteilen wollen. Heute morgen bin ich schon früh, vor zwei Uhr erwacht. Auf einmal stürmt eine Menge von Gedanken auf meine Seele ein und verwirrt mich. Die Gedanken waren von folgender Art: Wenn ich getäuscht würde! Wenn alles, was mit mir vorgeht, mich bloß ins Verderben stürzen sollte! Wenn der Seelenführer ein Getäuschter wäre! Wissen Sie, Pater, wie lange ich mit solchen Gedanken zu kämpfen hatte? Bis fünf Uhr. Ich wußte nicht, wohin Jesus gegangen war, er hatte aber auch nicht ein Wörtchen für mich. Endlich ließ er sich zum Mitleid bewegen, und indem er mich etwas den Sinnen entrückte, ließ er mich, so kam es mir wenigstens vor, diese Worte vernehmen: „Tochter, fürchte nicht. Ich selber bin es, der in dir wirkt. Ich werde dich nie verlassen, sei unbesorgt." Pater, lassen Sie sich von Jesus darüber Aufschluß erteilen, ob er oder jemand anders diese Worte sagte.* (* Anmerkung: Diese Befürchtungen, auf die Gemma in ihren Briefen so häufig und so nachdrücklich zurückkommt, sind sicher geeignet, die Aufrichtigkeit ihres Geistes und die Echtheit ihrer Tugend zu beweisen.) Überaus groß war indes die Freude, die ich in meinem Herzen über diese Worte empfand; ich glaube auch, mich darauf verlassen zu dürfen. Pater, werden Sie in dieser Sache ja recht ausführlich; schreiben Sie aber nicht, wenn Sie nicht sicher sind. Beten Sie für mich und segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

18. Jesus entzieht ihr seine Gegenwart und versetzt sie in Trostlosigkeit.

 

Mein Pater — O weh, in Kürze entfernt sich Jesus von selbst, er hat mich ein zweites Mal gewarnt. Gestern morgen nach der Kommunion bemerkte er mir, er würde sich bald entfernen. Da sagte ich zu ihm: „Teurer Jesus, willst du mich allein lassen? Weißt du denn nicht, dass niemand außer dir mich tröstet? Du versicherst mir so oft, du liebest mich; wenn du mir also wohlwillst, so entferne dich nicht; oder wenn du weggehen willst, so nimm auch mich mit. Wie vermöchte ich sonst zu leben?" Jesus erwiderte: „Wenn ich dich für kurze Zeit verlasse, so gerate deshalb nicht in Verwirrung, sondern bleibe ruhig. Bald siehst du mich zurückkehren und dann werde ich dich mitnehmen." So ist es seit kurzem, Pater; allein ich bin zufrieden. Wie mache ich es nur, fern von Jesus zu sein? Wenn ich wenigstens der Mutter meines Jesus gefiele und sie an Jesu statt zu mir käme. Wollte sie doch bewirken, dass ich den Namen einer Tochter von ihr würdig trage. Aber wie oft, ach wenn Sie wüßten, schaute diese gute Mutter nicht auf meine Sünden; wie oft zeigte sie sich als meine liebevolle Mutter! . . . Wenn Jesus sich zurückzieht, will ich wenigstens meine Mutter; ich will, daß sie mich anhört; wenn Jesus mich nicht mehr will, wenn ich ohne Jesus leben soll, so doch nicht ohne die Mutter. Meine himmlische Mutter, ich liebe dich so sehr, aber ich kann es dir nicht sagen oder ausdrücken. Geben Sie mir Ihren Segen und beten Sie recht innig für

die arme Gemma von Jesus. 

 

19.  Über dieselbe Angelegenheit. Eine harte Probe.

 

Tausendmal geschehe der Wille meines Jesus! Pater, also bis jetzt hatten Sie mich noch nicht gekannt? Sehen Sie nicht, dass ich auf allen Seiten von den Dämonen getäuscht werde? Mein armer Jesus, mit wem vergleichen wir ihn nur? O Pater, heute um fünf Uhr habe ich gebeichtet, da hat der Beichtvater gesagt, er wolle mir Jesus nehmen. . . . O mein Pater, die Feder will nicht mehr schreiben, meine Hand zittert, zittert gar heftig* (* Anmerkung: Im Original sieht man genau das, besonders beim Namen Jesus.), ich muss weinen. Jesu sei gedankt; denn endlich habe ich jemand gefunden, der mich kennt und mir helfen wird in den Himmel zu kommen. Nein, ich bin nicht würdig, Jesus zu empfangen. Wie oft hat Jesus in dieses häßliche Herz kommen wollen, das mir so unsauber erscheint! In diesem Augenblick erkenne ich meine Armseligkeit so deutlich, dass ich ... möchte, wollte! Was ist doch nach der Abfassung jenes Briefes vorgegangen?* (* Anmerkung: Jemand hatte es sich herausgenommen, eine unüberlegte Probe anzustellen, indem er einen von Gemmas Briefen zurückbehielt, in der Erwartung, ein Engel würde diesen abholen und an die richtige Stelle bringen. Der Versuch misslang; daraus erwuchsen Gemma Unannehmlichkeiten.) Nach jenem Unfälle haben mich alle kennen gelernt, und jetzt werde ich wirklich behandelt, wie ich es verdiene. Vorher glaubten sie, es sei noch etwas Gutes in mir und nahmen Rücksicht auf mich; jetzt aber haben sie mich erkannt, für mich bleibt nur noch Jesus und Jesus allein. Der Beichtvater hört kaum mehr meine Beichte, er weist mich ab und versucht überdies, mir die Kommunion zu entziehen; auch sagte er mir geradezu, er wundere sich, wie ich so leichtgläubig sein und dem Teufel trauen konnte. Danken wir mitsammen Jesu. . . . Heute morgen nach der heiligen Kommunion ersuchte ich Jesus, er möge mir doch dieses Geheimnis etwas erklären. Jesus sagte: „O Tochter, die Zeit, dich wie ein Kind zu betragen, ist vorbei, nunmehr ist der Zeitpunkt gekommen, wo du wegen der Tugend fürchterliche Proben zu bestehen hast, ich werde dir alle notwendigen Mittel verleihen. Sei ruhig, denn ich werde immer in deinem Herzen weilen." Es lebe Jesus! Gestern als der Beichtvater wußte, daß der Teufel in mir tätig ist, verbot er mir, an Jesus zu denken; nach dem Empfang der Kommunion solle ich sein wie die andern, ohne jemand lästig zu fallen. O Pater, auch dieses habe ich bereits vorausgesehen. Wie soll ich es nur anstellen? . . . Habe ich denn wirklich alle getäuscht? Was wird aus meiner Seele werden? Ich denke an die Seele, an die Kommunion, die ich immer in Sünden empfangen hatte; ich sterbe vor Schmerz, aus Schmerz über das große Leid, das ich Jesus zugefügt habe. Niemand richtet mehr ein Wort an mich; aber Jesus, ja Jesus ist ganz mit mir, er ist in meinem Herzen; mit Jesus fürchte ich mich nicht. Ich möchte, ich wollte Ihnen sagen .... doch nein, ich habe Angst. Nein, ich will niemand mehr täuschen. Verzeihen Sie mir, ich glaubte, weder Sie noch den Beichtvater noch die übrigen zu täuschen. Helfen Sie mir, ich will brav sein, ich will gehorchen, ich will keine Sünden mehr begehen. Jesus, Jesus lass mich Anteil nehmen an allen deinen Schmerzen, indem ich das Leiden liebe, das Leiden für Jesus, den ich liebe, und das Sterben, leidend für Jesus. Soll ich ohne Jesus sein, den ich bereits verkostet, nach dem ich einen solchen Hunger verspüre? O Jesus, habe ich deine Gnade verloren? Dann will ich dich auch trotz meiner Unwürdigkeit lieben, mit voller Hingabe lieben. Ich will sterben, Jesus, ja, ich will sterben, aber aus Liebe, aus Schmerz für dich! Pater, ich fasse wieder Mut; je elender ich mich fühle, desto mehr merke ich, dass ich Jesus liebe; seine Liebe berauscht mich, sie verzehrt mich immer mehr. Ich bleibe allein mit Jesus.

Die arme Gemma.

 

20. Inmitten der Geistesdürre verdemütigt sie sich und brennend vor Liebe geht sie hinter ihrem verborgenen Gott her.

 

Armer Jesus! Er litt so viel und schwer und beklagte sich doch nicht; ich aber beklage mich über nichts und wieder nichts. Doch, wissen Sie, Pater, ich tue es nicht mit dem Herzen, es geschieht bloß mit dem Munde; wenn ich sodann darüber nachdenke, schäme ich mich über mich selbst. Sie haben mich nicht verstanden. Meinen Sie vielleicht, ich beklage mich, weil ich von der Wohltätigkeit anderer leben muss? Nein, darüber klage ich durchaus nicht; ist es nicht gerade dieser Umstand, der mich Jesu ähnlich macht? Es lebe Jesus und noch einmal: es lebe Jesus! Wenn aber dieser Jesus es so macht, dann weiß ich wahrhaftig nicht mehr, was geschehen wird. Er entfernt sich immer mehr, ich suche ihn immer eifriger, er läßt mich immer mehr allein und ich bin zu nichts gut. Dann strenge ich meine Kräfte an, die Sehnsucht wächst, darauf stellt sich der Vorgang mit den Rippen und der Bluterguss aus dem Munde ein.* (* Anmerkung: Infolge dieser mystischen Beängstigung geriet das Herz Gemmas in solch heftiges Zucken, dass es an die inneren Wände der Brust schlug und in jener Gegend sogar drei Rippen beugte, um sich mehr Raum zu verschaffen.) Sie werden sehen, es wird so kommen: Wenn Jesus auf diese Art fortfährt und sich immer weiter entfernt, dann halte ich es nicht mehr aus, dann werde ich sterben. Gut denn, ich werde sterben! Wenn mich dann die Mutter in den Himmel führt, ist Jesus gezwungen, nicht mehr davonzugehen. Sehen Sie, wäre es unsere Mutter nicht, die mich wieder beruhigt, so würde mich Jesus vielleicht völlig vereinsamt ohne ihn sterben lassen. Sie werden wohl sagen: Lassen wir doch die Klagen einmal. Es ist wahr, lassen wir sie. Konnte Jesus noch mehr für mich tun? Konnte er mich noch mehr lieben? Ist er vielleicht nicht berechtigt, alles von mir zu verlangen, da er mich ganz für sich geschaffen? Wie fühlbar treten die Wunden Jesu hervor, die mir stets von Liebe sprechen, und zwar mit so süßer Gewalt, dass ich . . . mein lieber Jesus, ein einziges Entzücken haben möchte, das glühendste, das die Heiligen hatten, um dich einigermaßen zu lieben. Wie soll ich es machen? Wen soll ich darum bitten? Dich selbst, o mein Gott. Es ist wahr, Jesus, manchmal bitte und ersuche ich dich um etwas, du erhörst mich aber nicht; wenn ich aber darum bitte, dich zu lieben, dann bin ich sicher, daß du mich sogleich erhörst. Donnerstag nacht litt ich etwas sowie den ganzen Freitag; am Morgen konnte ich nicht zur Kirche gehen, ich vermochte nicht, mich auf den Füßen zu halten, kaum dass ich die Hände bewegen konnte, auch schmerzte mich der Kopf so sehr, hie und da hoben sich die Rippen in einer Weise, dass ich die Besinnung verlor. Wissen Sie, Pater, dass es mit mir noch schlimmer werden wird? Gestern abend sagte mir eine innere Stimme, dass es in Sachen meiner Rippen noch ärger werde; ich habe Angst, dass sie noch entzwei gehen, und dann? Doch nein, ich habe keine Angst, ich fürchte nichts. Wie muß ich es nur anstellen, mein Pater, um weder mit dem Geiste noch mit dem Herzen Kraftanstrengungen zu machen? Mit dem Herzen ist es unmöglich; wissen Sie ferner nicht, dass ich mit dem Geiste nicht mehr imstande bin, einen Gedanken für Jesus zu fassen? Morgens stehe ich auf, um zu Jesus zu gehen. Die Vorbereitung mache ich nicht, selbst die Danksagung will mir nicht gelingen; ich bleibe still und auch Jesus verhält sich ruhig. Gehe ich daran, die Danksagung im Herzen zu machen, so heben sich gleich schon die Rippen; ich mache sie im Geiste; allein wenn ich keinen Geist mehr habe, erinnere ich mich nicht einmal mehr an die Vergangenheit. Der Gedanke bezieht sich indes immer auf Jesus oder Maria; ich weiß aber kein Wort an sie zu richten, keine Gnade von ihnen zu erbitten. Im Laufe des Tages verrichte ich irgend ein Stoßgebet, das schon; dann eile ich Jesu nach, werfe mich zur Erde nieder und bete den Akt der Reue; das tue ich an die hundert Male am Tag. Ohne etwas zu sagen, blicke ich auf Jesus, ich suche ihn und finde ihn nirgends; niemand gibt ihn mir, er selbst hat keinen Blick mehr für mich. Segnen Sie mich neuerdings. Ich bleibe

die arme Gemma.

 

21. Seltene Gefühle der Ergebung bei ihrer Liebe zum Leiden.

 

Pater, Pater — Welches Dunkel diese Zeit hindurch! Nicht einmal Sie würden, wenn Sie bei mir wären, dieses Dunkel durchdringen. Jesus empfange ich jeden Morgen, aber ich fühle ihn nicht mehr; alles ist vergangen, und was noch schlimmer ist, ich erinnere mich nicht mehr an die Vergangenheit. Wie habe ich bisher gelebt? Ich wüßte es nicht zu sagen. Aber, Pater, wo ist mein Jesus hin? Armer Jesus! Oder ich armes Geschöpf! Was werde ich meinem Jesus geben für alles, was er mir erwiesen hat? Was werde ich ihm darbieten für die Erbarmung, die er mir zuteil werden ließ? Ich bin immer seinen zahlreichen Gnaden gegenüber undankbar gewesen, ich habe seinen Einsprechungen noch stets Widerstand entgegengesetzt, ich habe immer Sünden an Sünden gereiht, ich wäre nicht einmal würdig, daß Jesus mich anblickte. Ich sehe es ganz gut ein, dass ich auch Jesus zum Abscheu geworden bin, darum hat er sich entfernt. Was habe ich doch getan? Infolge meiner vielen Sünden habe ich Jesus vertrieben; hat er mich nun nicht mehr lieb, ist er mir gegenüber nicht mehr barmherzig? Mein Gott, Barmherzigkeit! War aber Jesus nicht eine zeitlang mein alles? Aber auch jetzt noch betrachte ich ihn als meinen Vater. Ist Jesus etwa nicht der Vater der Erbarmung, der alle Sünder aufnimmt? Wird er gerade mich aufgeben? Nein, das kann nicht sein, nicht wahr, Pater? Jesus ist meine Hoffnung. Wie schwach ich doch bin! Wann wird endlich der Zeitpunkt kommen, wo ich voll glühender Liebe mein Kreuz umfange, wo ich mich ganz versenke in die Wunden meines Jesu, in jene Dornen, in jene Nägel und die anderen Leidenswerkzeuge! Könnte ich so in das Leiden Jesu eindringen, wie ich es wünschte . . . er möge, obwohl ich so schlimm und böse gewesen bin (ich sage gewesen bin, denn ich will es nicht mehr sein), doch Mitleid mit mir haben und mich fortwährend anhören; darum, meine Mutter, rede du mit Jesus, auf dass er sich würdige, mir alle meine Sünden zu verzeihen; würde mir dies in Anbetracht meiner Unwürdigkeit verweigert, so müsstest du ihm sagen, er möge es tun in Rücksicht auf die große Liebe, die er zu dir selber hat. Ich habe Angst, meine Mutter, ohne dich Jesus zu suchen; er ist barmherzig, ich weiß aber auch, dass ich viele Sünden begangen und dass Jesus gerecht ist im Strafen. Ich verlange etwas viel von dir, meine Mutter, nicht wahr? Was mache ich aber, sollte ich, was ich durch meine Sünden verloren, nicht einmal mit deiner Hilfe wiederfinden? Sodann ist das, worum ich dich bitte, gering im Vergleich zu dem, was du mir zu geben vermagst. Wissen Sie, mein Pater, ich hoffe, die Mutter werde die Angelegenheit so regeln, dass sie mir die Gnade erwirkt, neuerdings von Jesus erhört zu werden. Sagen auch Sie zu meiner Mutter, sie solle mich nicht verlassen oder fallen lassen, ja, wenn dies möglich wäre, solle sie mich vom Teufel nicht versucht werden lassen; müsste dies aber doch sein und sollte ich dabei fallen, so möge sie mich sogleich wieder aufrichten. Ich will Ihnen noch etwas anderes Mitteilen. Meine Mutter Maria kam mir so genau in den Sinn, dass es mir scheint, ich sehe sie vor mir, wie sie nach der Abnahme Jesu vom Kreuz die Arme ausbreitete, um ihn zu umfangen; es ist mir, als sehe ich sie weinen. Arme Mutter; es ist mir, als blicke sie auch auf mich und sage mir: „Du bist es gewesen, die Jesus in diesen Zustand versetzt hat." Wenn aber Jesus fortgegangen ist, kann er meine Gleichgültigkeit nicht mehr ertragen, auch die Mutter macht mir Vorwürfe. Was soll ich da tun? Mutter, Mutter! Erbarmungsreiche Mutter, wie viel Barmherzigkeit du auch hast, wende alle mir zu und bringe mich zu Jesus. Welch größeren Trost kann ich von dir erwarten als jenen, dass du mir Barmherzigkeit erlangst von Jesus? Tue es, Mutter, tue es! Du brauchst nur deinen Willen kundzutun und Jesus erfüllt ihn. Von dir erwarte ich demnach alles. Was werden Sie nun von diesem Schreiben sagen? Haben Sie mich wohl verstanden? Ich bin so zerstreut. Haben Sie verstanden, dass wir bereits bei jener Zeit angekommen sind . . . ich weiß mich nicht auszudrücken. Haben Sie wohl verstanden, in welcher Lage ich mich befinde? Wir sind an jenem Zeitpunkt angelangt, auf den Sie mich so sehr vorbereitet haben. Es lebe Jesus! Wissen Sie, ich bin keineswegs entmutigt. In allem geschehe der Wille Jesu. Und Jesus, wo ist Jesus? Passen Sie auf, bleiben Sie beruhigt: ich suche nichts, ich will nichts, als was Gott will! Ihm sei Dank zu jeder Zeit! Einzig durch den Gedanken an das Kreuz will ich meinen Geist stärken. Ist es recht so? Segnen Sie mich stets.

Die arme Gemma.

 

22. Über den gleichen Gegenstand.

 

Es lebe Jesus! Pater, ich bin zufrieden . . . Jesus sendet mir, ich weiß es gewiß, zu meinem Vorteil und Nutzen etwas Trübsal; ich aber sollte diese mit voller Bereitwilligkeit hinnehmen; ja ich sollte eigentlich mit Sehnsucht darauf warten, nicht wahr? Ich sollte die Leiden und Widerwärtigkeiten höher schätzen als die geistlichen Tröstungen. Was tue ich aber? . . . Sie wissen es bereits. Seien Sie befriedigt, ich habe mich ganz in die Hände Gottes übergeben, habe mich rückhaltlos seinem heiligen Willen anheimgestellt. Ich suche Jesus, aber nur damit er mir helfe, seinen Willen zu tun. Dabei habe ich noch eine andere Entdeckung gemacht. Ich habe jenes Nachdenken und Suchen in meinem Innern aufgegeben. Ich habe alles Jesus empfohlen, ich lebe im Stillschweigen und im Frieden des Herzens. Verzeihen Sie mir, wenn ich etwas schreibe, was keinen Sinn hat. In Wahrheit, ich sage es offen heraus, ich verstehe nicht, was ich sage; etwas leide ich auch beim Schreiben; doch was verschlägt es? Die Natur sucht stets ihren Trost von innen oder von außen; sie weiß sich immer mit etwas abzugeben, was ihr einigen Trost gewährt. Gestatten Sie, dass ich tue, was ich vermag, um mir Gewalt anzutun. . . . Diesbezüglich weist mich Jesus an, ganz unter Ihrem Gehorsam zu stehen. Hören Sie: Jesus hat mich allein gelassen in der Welt, ich darf mich um niemand kümmern; ich sollte stets mit ihm verkehren, mich in gar nichts einmischen und statt dessen! Ich sollte an meine Sünden denken sowie an alles, was mir abgeht, um eine würdige Tochter Jesu zu sein, und statt dessen! . . . Ich sollte mit Nachdruck kämpfen und mir selber Gewalt antun und statt dessen! . . . . Wenn Jesus ganz mein ist, wer wird mich je zu besiegen vermögen? Die Sünden? Es ist wahr, sie flößen mir Furcht ein; jedoch die Barmherzigkeit sagt und versichert mir, wenn ich reumütig bin und mich Jesus vollständig hingebe, werde ich ihn ganz besitzen. Es bleibt mir nichts übrig, als mich unter die mächtige Hand Gottes zu verdemütigen und zu beten, ohne meine Befriedigung dabei zu suchen. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

23. Innere Leiden.

 

Heute morgen ist Jesus gekommen, er hat mich aber seine Anwesenheit nicht fühlen lassen. Was liegt daran? Ich bin auch so zufrieden. Möge er mir alles nehmen, nur seine Liebe soll Jesus mir nicht nehmen. Ich vermag nicht mehr zu beten, mich mit ihm zu unterhalten; ich mache es dann so: Sobald Jesus bei mir eingekehrt ist, rufe ich den seligen Gabriel und unsere Mutter an, diese beginnen sodann mit gefalteten Händen zu beten. Allein die Mutter weint fast immer; niemand richtet ein Wort an mich, sie schauen mich nicht einmal an. Was ist daran gelegen? Sie mögen mir alles wegnehmen, ich weine nicht mehr, ich werde heiter sein. Sodann habe ich gar keine Lust zu beten. Glauben Sie es, es bereitet mir Ekel, wenn ich nur in der Kirche bin. Tadeln Sie mich diesmal nur, ich werde mich keineswegs beklagen. Armer Jesus! Die Zeit, welche ich auf die Betrachtung verwende, kommt mir wie im Fegfeuer zugebracht vor; aber ich mache die Betrachtung doch. Sehen Sie, wo ich bereits angelangt bin! Kann es noch etwas Schlimmeres geben. Doch bin ich damit zufrieden; denn so ist es der Wille Gottes. Ich verrichte auch alle gewohnten Gebete, ich vermehre ihre Zahl noch eigens. Am Dienstag abend hatte ich die Erlaubnis, eine volle Stunde bei Jesus zu verweilen; ich betete und wartete; allein Jesus erschien nicht, er ließ sich nicht einmal hören. Wie vieles hätte ich Ihnen, Pater, von Jesus zu sagen, wenn Sie einen Besuch von nur fünf Minuten machen würden; dann wäre es aber notwendig, dass Sie mir Antwort gäben, andernfalls... Die Liebe zu Jesus verleiht mir Kraft, noch weit mehr zu leiden. Weisen Sie mir einen Platz (in einem Kloster) an. Morgen gehe ich zum Beichtvater; ich habe bereits den Brief gelesen, welchen Sie indirekt an mich geschrieben und worin Sie erklärten, Sie ließen mir die Freiheit. O Pater, haben Sie

mir nicht immer gesagt, mein jetziger Stand sei sicherer und gut für mich? Wäre es nicht besser, dabei zu bleiben? Ich sage das so, ich will aber keineswegs meinen Willen zur Ausführung bringen. Wäre die Wahl mir überlassen, bliebe ich so ohne Jesus, ohne die andern. Seien Sie unbesorgt, Pater, ich werde so bleiben, so lange es Jesus gefällt. Der Gedanke, bald in den Himmel einzugehen, läßt mich diesen Vorsatz fassen. Ich will immer ruhig sein auch in diesem Zustande. Ich bleibe

die arme Gemma.

 

24. Geistesdürre.*

 

*) Anmerkung: Die Leser werden es nicht als lästig empfinden, daß Gemma so häufig auf diesen Punkt zurückkommt. Die inneren Seelenleiden bilden die gewöhnliche Prüfung, denen Gott die Seelen auf dem Wege zur Vollkommenheit unterwirft. Verdient Gemma es nicht, solchen Seelen vorgestellt zu werden als Muster von Treue und hochherziger Gesinnung?

 

Vor etlichen Tagen tadelte mich Jesus, weil ich es Sie nie hatte wissen lassen, wie ich mich verändert und zufriedener fühle, seitdem Sie mich (Sie werden sich dessen noch erinnern) vor Ihrer Abreise aus Lucca ein schönes Gebet verrichten ließen, worin ich Jesus versprach, in allem seinem heiligsten Willen untertan zu sein. O Pater, wie oft habe ich all die Zeit hindurch so ganz aus dem tiefsten Grunde meines Herzens wiederholt (es sind jedoch nicht meine Worte, sondern die Worte Jesu, der in gewissen Augenblicken mich seine Anwesenheit in meiner Seele gar sehr fühlen ließ): Dein Wohlgefallen, Jesus, nie das meinige; ich wünsche sehnlichst, dich zufrieden zu stellen, ich suche nur dich und deinen heiligsten Willen. Wie deutlich werde ich gewahr, Pater, dass, indem ich tue, was die Güte Jesu will, jedes Kreuz sich in Freude verwandelt, dass sogar das Leiden zur Wonne umgestaltet wird! Wer sich eng mit Jesus vereinigt, hat weder Kreuz noch Furcht. Die Seelen im Himmel sind nur insofern glücklich, als Jesus sie glücklich macht. Ohne Jesus und seinen Willen müßte mir, so glaube ich wenigstens, sogar der Himmel Schrecken einflößen. Wie verdienst du es doch geliebt zu werden, o heiliger Wille! Wären die Verdammten in der Hölle an den Willen Gottes gebunden, dann würden das Feuer und ihre Qualen sogar süß. Oder ist es nicht Jesus, der die Liebe vollkommen macht? Wie glücklich wäre ich doch, wenn mein Leben eines Tages zu Ende ginge, ganz vereinigt mit dem Willen Gottes! Als ich eines Tages bei mir diesen Gedanken machte, antwortete mir Jesus: „Das hieße nicht sterben, sondern ewig leben." Es lebe Jesus! Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

25. Weitere Klageseufzer infolge ihrer Verlassenheit.

 

Diesmal will ich die Art meines Schreibens ändern. Ich will Ihnen etwas den Zustand der Seele schildern, der so dunkel ist, dass ich nichts mehr darin erblicke. Was waren doch alle jene früheren Vorgänge? Was all die Menge von Sachen, die ich sah und hörte, an die ich mich aber jetzt kaum mehr erinnere? Es kommt mir vor, ich habe einen Schlaf von zwei Jahren hinter mir! Was ist es nur gewesen? Mein Jesus ist endlich müde geworden, mich, die so kalt war, länger zu ertragen. Armer Jesus, du hast wahrlich Grund dazu! Was leide ich dabei, Pater! Und doch steht es mit mir sehr gut, ich kann nichts andres tun als Jesus danken und ihn anbeten. Aber wahrhaftig, Jesus will sich immer weiter entfernen. Statt daß ich mich bessere, werde ich schlimmer. Ich empfange die heilige Kommunion; es ist mir aber, als empfinge ich sie gar nicht. Ich bete ohne jeglichen Eifer; immerhin möchte ich Jesus sehr lieben; aber ich habe ein so unbeständiges Herz . . . Nun mache ich Ihnen eine überraschende Mitteilung: ich bin nicht mehr imstande, an Jesus zu denken; d. h. ich denke immer an ihn, aber ich weiß nicht, auf welche Weise . . . Verstehen Sie mich? Ja, wahrhaftig, wir sind beim De profundis* (* Anmerkung: Aus der Tiefe - Psalm 130 (129)) angelangt; aber es geht ganz gut so; nur etwas neugierig bin ich: im Innern fühle ich mich zufrieden und beruhigt, äußerlich merke ich das Herabfließen der Tränen; aber ich denke nicht daran, wollte es nicht einmal. Alles, was man zu mir sagt, besonders wenn man vom Kloster zu mir spricht oder sonst Worte an mich richtet, versetzt mich in Traurigkeit: keine Person ist mir noch so lieb wie früher, ich erzeige mich nicht einmal mehr dankbar, wo ich es doch sein sollte. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich noch auf der Welt bin. Wenn ich Jesus anrufe oder ihn suche, gibt er mir nicht einmal innerlich eine Antwort. Früher rief er mich, jetzt rufe ich ihn; allein er verweigert mir nicht bloß jegliche Antwort, er weist mich sogar von sich; ich wende mich neuerdings an ihn, er aber entfernt sich stets mehr; so macht er es immer. Es geht gut, nicht wahr, Pater? Alle Achtung vor Jesus! Wenn es dir aber gut scheint, kehrst du doch wieder zurück? Mir genügt es zu wissen, dass du mir nahe bist . . . Über die Vergangenheit kann ich nicht mehr sprechen, weil ich mich nicht mehr daran erinnere. Eines weiß ich noch . . . Ich begreife auch gar nicht, warum Jesus beim Fortgehen mir auch den Verstand mitgenommen hat; es ist so. Ich habe geschrieben, was mir in den Sinn kam, habe indes an nichts gedacht; wenn also Verstöße vorkommen, so mögen Sie sich nicht deswegen beunruhigen. Ich habe einen Brief von einer Dame (Schwester vom Kollegium) erhalten,- bald werde ich an alle einige meiner Schnitzer als Antwort senden, sind Sie damit zufrieden und beunruhigen Sie sich nicht, so schreibe ich weiter. Achten Sie auf Jesus; warten Sie jedoch nicht, bis Jesus mit Ihnen über mich zu sprechen beginnt; beginnen Sie, zu Jesus über mich zu sprechen. Pater, immer noch so? Ich bleibe     

die arme Gemma von Jesus.

 

NB. Schon seit einigen Tagen bat ich meinen Jesus, der sich von mir entfernt hat, er möge mich doch erkennen lassen, ob es mit mir so bliebe (ich meine bezüglich der Leiden) oder ob es noch schlimmer komme. Heute morgen hat er es mir gesagt; ich habe verstanden, es werde noch schlimmer. Was werde ich tun? Das Leiden widersteht mir durchaus nicht, aber wo? . . . und mit wem . . .?

 

28. Über das gleiche Anliegen.

 

Mein Pater — Wer hätte von Jesus heute dieses Vorgehen erwartet? Heute, da Jesus doch, wegen des Festtages seiner heiligsten Mutter (Rosenkranzsonntag) in Freuden war, hat er mich ganz allein gelassen. Wohin ist mein Jesus nur gegangen? Warum hat er mich allein gelassen? Ich weiß es wohl, Pater; Jesus hat allen Grund, vor mir zu fliehen. Wenn er nun auch weggegangen ist, muss er doch zurückkehren, denn ich fühle mich noch mit mehr Ketten an ihn gefesselt, dieselben Flammen brennen noch immer in mir und Jesus ist nicht da . . . O Pater, wie mühevoll ist doch dieses. Wohin ist all jene Zeit entschwunden, da Jesus mich so tröstete? Wie schnell sie doch vorüberging! Nun fühle ich mich einsam und verlassen, Pater; ich habe Lust zu leiden, doch niemand vermag mich zu trösten . . . Jesus ist nicht mehr da. Sagen Sie aber doch zu Jesus, dass ich sein bin und immer ihm angehören will; wenn er Lust hat, vor mir zu fliehen, werde ich ihm stets folgen. Er kehrt doch hoffentlich zurück, nicht wahr? Schreiben Sie und sagen Sie etwas vom Kloster. Jesus will, dass ihr andern euch da reget; Monsignore Volpi ist bereit, alles zu tun, es muss sich aber jemand damit abgeben, er selbst kann nicht vorangehen. Jesus wünscht diese Neugründung, fragen Sie ihn nur, Sie werden es dann sehen. Tun Sie es doch; denn Jesus steht im Begriff... ich weiß es nicht, aber ich sehe ihn nicht befriedigt. Und Jesus, Pater, wo ist er?

Die arme Gemma.

 

27. Sie vernimmt die Ankündigung eines harten Kampfes, den der höllische Feind wider sie eröffnet.

 

Es sind zwei Tage her, dass Jesus nach der heiligen Kommunion mir wiederholt: „Tochter, der böse Feind geht damit um, einen gewaltigen Kampf wider dich zu eröffnen." Dieselben Worte läßt er mich wiederholt, jeden Augenblick, im Herzen vernehmen. Beten Sie . . . Wer wird siegen: der Teufel oder meine Seele? Wie drückt mich doch dieser Gedanke! Von welcher Seite kommt mir dieser Kampf? Ich grüble immer darüber nach, welcher Art er sein wird, statt dass ich Jesus um Kraft und Hilfe bitte. Ich wollte Sie rechtzeitig in Kenntnis setzen; denken Sie daran, helfen Sie mir.

Die arme Gemma.

 

28. Näheres über diesen Kampf. Der Teufel gerät in Wut. da er sieht, dass Gemma sich mit der Bekehrung der Sünder abgibt.

 

Wie manches ist doch in dem Brief, den ich vor einer Stunde erhielt, auf den Sonntag verabredet! Jetzt erinnere ich mich ganz gut, wie der abscheuliche Satan jenes Gelächter in der Kirche verursachte. Er meinte gesiegt zu haben . . . Aber, mein Jesus, wie oft höre ich die Worte wiederholen: „Krieg, Krieg deiner Seele!" Diesen Schrei hörte ich in den letzten Tagen mehrmals. Die Versuchung mit dem geraubten Schriftstück erfolgte so: In einer Nacht, ich weiß nicht mehr genau in welcher, schlief ich ruhig, da kam der Teufel und bereitete mir eine Versuchung; ich kämpfte über eine Stunde, ich betete und machte das Kreuzzeichen usw. — Erst infolge einer Anrufung der Unbefleckten Empfängnis wurde ich befreit. Ganz wütend darüber wollte er sich rächen, er hätte mir gerne einen Schlag auf den Rücken versetzt, da es ihm aber diesmal untersagt wurde, konnte er es nicht tun; was blieb ihm jetzt noch übrig? Einen Denkzettel wollte er mir doch geben. Er schrie: „Krieg, Krieg, dein Manuskript ist in meinen Händen!" Dann verschwand er. Vernehmen Sie etwas Merkwürdiges, Pater! Der Beichtvater trug mir unter anderm auf, für die Sünder zu beten; ich versprach es ihm. Etwa eine Stunde oder zwei nach der Beichte, ich dachte an nichts weiter, sagte der Teufel (ich erkannte deutlich, dass er es war) zu mir: „Solange du für dich betest, tu immerhin, was du willst; nimm dich aber in acht, dass du nichts tust für die Sünder, das müßtest du mir teuer bezahlen." Pater, sagen Sie mir etwas dazu. Was wird das für einen Ausgang nehmen? Der Teufel hat sich mit den Händen, mit den Füßen, mit allem daran gemacht und trifft noch andere Vorkehrungen; warten Sie nur, es werden noch ganz andere Dinge geschehen. Sollten Sie merken, daß meine Seele in Gefahr ist, so fürchten Sie nichts; helfen Sie mir, denn Jesus will es so. Der Teufel hat viel zu tun. Segnen Sie mich immer und kräftig.

Die arme Gemma.

 

29. Jesus lädt sie ein, ihm auf dem Wege des Kreuzes ähnlich zu werden; Gemma nimmt die Einladung hochherzig an.

 

Heute morgen nach der heiligen Kommunion sagte Jesus zu mir: „Wenn die Liebe echt ist, die du nach deiner wiederholten Versicherung in deinem Herzen zu mir trägst, dann will ich, dass du in dir selber mein Bild eingegraben trägst. Sieh mich an: du erblickst mich durchbohrt, von allen verspottet, am Kreuze sterbend. Auch ich lade dich ein, am Kreuze mit mir zu sterben." Ich verharrte immer schweigend, ich habe kein Wort, ich habe keine Liebe mehr, um Jesus zu entsprechen. O Pater! Es lebe Jesus! Es lebe Jesus, der mich in diesem Zustande behält, welcher gewiß der beste für mich ist. Weshalb beklage ich mich so oft, da ich nur eine Handvoll Erde bin? Welchen Grund habe ich dazu? Manches Mal beklage ich mich, weil man mir ein stichelndes Wort sagt, oder das nicht schätzt, was ich tue. Hat indes Jesus sein Leben nicht unter Widerwärtigkeiten und Verdemütigungen zugebracht? Was geht mir denn ab? Gar nichts. Ich will mich durchaus nicht beklagen. Sie vermögen sich aber nicht vorzustellen, wie sehr ich leide: es kommt mir vor, ich sei, ich weiß nicht wo . . . im Fegefeuer. Ich wende mich an mein Herz; mein Herz besitzt Jesus, und wenn ich Jesus besitze, fühle ich, dass ich selbst mitten in den Tränen zu lächeln vermag, ja ich merke, dass ich sogar mitten in der Trostlosigkeit glücklich sein kann. Beten Sie für mich; denn ich bin so schwach, dass ich jede Minute falle und von einem Augenblick zum andern irgend einen Fehler begehe.

 

30. Sie wird hart geschlagen vom bösen Feind, der ihr unter der Gestalt eines ihr gut bekannten Mannes erschienen war.

 

Pater — Hören Sie einmal! Wie zufrieden war Jesus heute morgen! Ich war mir bewußt, nichts für ihn getan zu haben, er aber sagte mir, ich hätte etwas getan, worüber er sehr erfreut gewesen sei; er erinnerte mich auch daran. Es war folgendes. Ich wollte es nicht sagen; der Engel besteht aber darauf; Sie sagen es indes niemand. Gestern Abend ertönte die Hausglocke, ich wurde zum Öffnen der Türe geschickt und ging hinaus. An der Türe befand sich niemand; da schaute ich durchs Fenster und erblickte einen Mann. Er wollte nicht heraufkommen, sondern meinte, ich solle herabsteigen; er hatte etwas bei sich. Darauf sagte ich zu meinen Tanten, sie möchten hinabgehen, das wollten sie aber nicht, denn es war eine sonderbare Gestalt.* (* Anmerkung: Dieser Mann war ein ehemaliger Geschäftsführer im Hause Giannini, ein netter Mann,  unfähig, das hier genannte zu tun, sodass der Schluss nahe liegt, der böse Feind habe hier seine Gestalt angenommen, um Gemma zu quälen.) Wie er nun sah, dass niemand die Treppe Hinabstieg, kam er ins Haus, er besaß einen Stock, diesen zog er hervor und schlug damit so heftig auf meinen Nacken ein, dass ich meinte, ich müsse sterben. Ich lief auf mein Zimmer, opferte den Schmerz Jesu auf, und Jesus war zufrieden. Dann reute es mich wieder, davongelaufen zu sein; ich hätte ja noch mehr Schläge bekommen und sie Jesus aufopfern können. Er hat mir etwas weh getan, denn die Schultern schmerzen mich, auch vermag ich den Kopf nicht aufrecht zu halten, noch mich aus- oder anzukleiden. Ich habe niemand im Hause etwas gesagt, aber auch Sie dürfen nichts verlauten lassen. Ich leide zu gern mit Jesus allein und ganz im stillen! Bitten Sie Jesus, er möge mir Kreuz und Geduld verleihen, er möge mir Seelen geben, die ich durch das Gebet und die Leiden Jesus schenken kann. Ich fühle mich elend, aber mit Jesus vermag ich alles. Hören Sie, achten Sie nicht auf meine Worte, Sie wissen ja ganz genau, wie es um meinen Kopf steht. Auf den Knien erbitte ich Ihren Segen und empfehle mich aufs innigste in Ihr Gebet.

Die arme Gemma von Jesus.

 

31. Heftige Schmerzen am Freitag. Ihre tiefe Demut beim Leiden.

 

Gestern, Pater, war Freitag, ich fühlte mich etwas krank; die Nerven empörten sich insgesamt an jenem Tage und verursachten mir einen entsetzlichen Durst; ich litt wirklich sehr darunter. Auch  

andere Male musste ich Durst ertragen, aber so heftigen wie diese Nacht noch niemals. Dann hören Sie einmal den noch eigentümlicheren Umstand: das Wasser oder was man sonst etwa trinkt, sollte den Durst löschen; bei mir aber bewirkte ein solcher Trunk bloß, dass der Durst zunahm und meine Qual wuchs. Aus dem, was ich Ihnen, Pater, schreibe, können Sie sich stets mehr überzeugen, dass ich zu nichts gut bin und dass ich statt voranzukommen, rückwärts schreite. Ich fühlte mich (am Freitag) müde und matt. Wissen Sie, es ist durchaus nicht die Last des Kreuzes, die Jesu solche Leiden verursacht, sondern die Schwere meiner Sünden. O Pater, wenn ich noch nicht in der Hölle bin, ist es eine große Gnade. Könnten doch nur die Jahre meines früheren Lebens zurückkehren, ich wollte . . . Aber diese kehren nicht wieder. Wenn mir aber noch kurze Zeit übrig bleibt, was werde ich machen? Ich erinnere mich wohl an den Ausspruch Jesu, dass er nämlich ein zerknirschtes Herz nie zurückweise. Ich eile daher zu ihm, ich will ihn lieben mit der ganzen Kraft meines schwachen Herzens, ich will ihn lieben unter Opfern, ich will ihn lieben, selbst wenn ich das Blut und das Leben hingeben müßte. Was hat mein Blut mit dem eines Gottes zu tun? Was ein Leben voll Sünde wie das meine mit dem Leben einer unendlichen Majestät? Pater, bitten Sie Jesus gar sehr für mich. Ich hätte so vieles zu sagen, aber es gelingt mir nicht; doch werde ich es versuchen. Heute ist Sonntag; mein Befinden ist bedeutend besser; glauben Sie jedoch nicht, wenn ich so rede, ich sei krank; es geht mir ganz gut. Damit will ich sagen, es steht besser um mein Befinden, als dies infolge gewisser Vorgänge in den letzten Tagen, in der Nacht vom Donnerstag auf Freitag und im Laufe des letztem der Fall war. Welch eigentümliche Vorgänge, Pater . . .! Nachts schlief ich nie, untertags war ich sehr schlecht daran. Ich fühlte mich ganz ermattet und zur Arbeit unfähig; die Hände wie die Füße erstarben mir, ich konnte keinen Schritt tun, ohne furchtbar zu leiden.* (* Anmerkung: Infolge ihrer mystischen Wunden an den Händen und an den Füßen, welche ihr unsägliche Schmerzen verursachten, da Blut floß und das Fleisch entzündet war.) Auf der linken Seite* (* Anmerkung: Vom Mal der Seitenwunde Gemmas) fühlte ich zwar nicht dauernden Schmerz, aber häufig stellte sich Enge oder Drücken ein, doch ohne besonders große Schmerzen. Denken Sie einmal: vor einiger Zeit sagte mir Jesus, mit jedem Tage nähmen die Schmerzen zu bis zum Verluste der Sinne; in einem solchen Anfalle, wenn ich mich richtig ausdrücke, müsse ich sterben. Es lebe, es lebe Jesus! Am Kopf litt ich etwas, aber, wie mir wenigstens schien, ohne den Gehorsam zu verletzen.* (* Anmerkung; Ohne dass aus den von der spitzen Dornenkrone verursachten Öffnungen in der Haut Blut hervortrat; denn der Beichtvater hatte ihr einfach erklärt, das wolle er nicht.) Ich fühlte mich unwohl, besonders schmerzten mich die Augen und sogar die Zähne. Trotz alledem glauben Sie doch nicht, ich sei krank; es geht mir ganz gut oder (es ist besser, ich spreche keine Lüge aus) ich leide, aber ich bleibe ruhig dabei. So lange ich es aushalte, Stillschweigen! Dann bin ich gezwungen, es zu sagen; wem ich es sagen muss, wissen Sie. Jesus gibt mir fast jeden Morgen etwas zu leiden, wenn er zu mir kommt. Heute morgen hat er zweimal zu mir gesagt: „Wann willst du, dass ich deine Leiden vermehre?" Ich habe darauf keine Antwort gegeben. Wäre ich schon in einem Kloster gewesen, hätte ich erwidert: „Vermehre nur, o Jesus, die Leiden und Kreuze, aber vermehre auch die Kraft." Aber jetzt, mit welchem Mut hätte ich das sagen können? Ich wäre ja allein in meinen Leiden . . . ! Ganz gut, ich bin allein im Leiden, aber es gibt viele, die mich stören. Da weiß ich mich nicht zu erklären, Sie werden mich verstehen? Diese Nacht war etwas schlimm; ich habe die Gegenwart Jesu nie verspürt, ich habe immer gelitten. Heute in der Früh glaubten sie . . .  Alles Phantasie, Pater! Werde ich bald zu Jesus gehen? Ich vernehme eine bejahende Antwort. Segnen Sie mich und beten Sie recht inständig für mich.

Die arme Gemma. 

 

32. Sie bereitet sich vor, den dem Leiden des Heilands geweihten Monat März festlich zu begehen.

 

In dieser Zeit bin ich mehr als sonst tief beschämt wegen meiner Sünden; ich hege aber auch lebendiges Vertrauen auf die unendlichen Verdienste Jesu, von ihm hoffe ich Vergebung, nicht wahr? Gibt es etwas Sicheres für uns, als volles Vertrauen auf Jesus zu haben und vor jenem Opfer der Liebe und des Schmerzes über meine Sünden zu weilen, zu meiner Rettung und zur Rettung so vieler Seelen? Pater, wir sind im Monat März. Was soll ich nun tun in diesem Monat, der uns an das Leiden und Sterben unseres Jesus erinnert? Jesus hat mir in diesen Tagen wiederholt gesagt, er lasse mich während dieser Zeit gesund sein, damit er mich im März als Leidensgefährtin habe. Ich stelle mir bereits die Worte Jesu vor . . . Nicht wahr, Pater, Jesus wird Mitleid haben mit mir; denn er sieht in mein Herz hinein; er sieht auch meine Bereitwilligkeit, alles zu tun und zu leiden. Er wird ferner den Schmerz schauen, den ich wegen meines Undankes empfinde, sowie das Leid, das mich bedrückt, wenn ich sehe, wie unwürdig er behandelt wird. Am Freitag mache ich es demnach so: Mit reumütigem Herzen begebe ich mich zu Jesus, ganz bereit, aus seiner Hand alles anzunehmen, was er von mir verlangen mag als Sühne für so viele Beleidigungen, die ihm zugefügt werden. Jesus möge nur zuschlagen; millionenmal will ich die Hand segnen, die mir eine so wohlverdiente Züchtigung angedeihen läßt. Ja, Pater, ich erbitte und verlange von Jesus zu leiden, viel zu leiden, aber . . .  ! Vielleicht will Jesus ein doppeltes Opfer? Mein Pater, wie schön ist doch die Fastenzeit, mit Jesus verlebt! Man betet mitsammen, man leidet mitsammen. Es lebe Jesus! Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

33. Sie sehnt sich nach neuen Schmerzen und wird derselben teilhaftig.

 

„Sehen wir, was Gemmas einfältiger Kopf diesmal neues weiß", werden Sie, Pater, beim Öffnen dieses Briefes sagen. Er bringt wirklich etwas Neues, das mir noch niemals zugestoßen war. Hören Sie nur einmal. Sie wissen bereits, daß Jesus gewohnt ist, mir am Donnerstag und Freitag jeweils ein kleines Geschenk zu machen; diese Woche hat er nun eine mir sehr angenehme Zugabe gemacht. Er gab mir einige Schläge der Geißelung am ganzen Leibe zu verspüren; es war recht schmerzhaft, Pater; doch im Vergleiche zu den schrecklichen Schlägen, die meinen Jesus trafen, war es gar nichts. Wie Sie sich erinnern, beteten wir gemeinsam, damit Jesus mir jegliches äußere Zeichen wegnehme, und jetzt fügt Jesus, wie Sie sehen, noch ein anderes dazu. Es lebe Jesus! Ihm sei unendlicher Dank! Er versicherte mir indes, er werde mich zufriedenstellen, indem er jene auffallenden Erscheinungen aufhebe. Mein armer Jesus; am Tage seines Leidens, also am

Dienstag, wie ich weiß, wird er mir jegliches Zeichen wegnehmen; er fügte aber hinzu: „Die Leiden werden indes zunehmen und für dich wird ein neues Leben beginnen." Da sind wir also beim schmerzhaften Leiden! Jesus! . . . Nicht wahr, nachdem Jesus mir dieses Versprechen gemacht hat, werden auch Sie zufrieden sein? Jetzt bedarf ich aber Ihrer Hilfe noch etwas mehr. Pater, das Herz setzt noch immer sein außergewöhnliches Klopfen fort.* (* Anmerkung: Gemeint ist das heftige Klopfen ihres Herzens, infolgedessen drei Rippen sich bogen.) Der Schutzengel (der nicht verstehen will* (* Anmerkung: Sie spielt auf die tadelnden Worte ihres Seelenführers an. Um sie nämlich zu prüfen, stellte dieser sich, als missbillige er es, dass sie so viel auf jene himmlischen Erscheinungen gebe.)), kam Donnerstagabend, bevor ich etwas zu leiden begann, neuerdings. Sobald wir uns erblickten, riefen wir: „Es lebe Jesus!" Dann beteten wir beide die erhabene Majestät Gottes an; hierauf gab er mir eine so lebhafte Reue über meine Sünden und ich fühlte dabei solches Leid, dass ich mich schämte, vor seiner Gegenwart zu sein; ich suchte mich zu verbergen vor ihm, vor dem Anblick aller zu fliehen. ... Ich hielt lange aus in dieser Qual; dann begann ich zu leiden; es war aber ein süßes Leiden, es stellte sich eine Menge von Gedanken und Gefühlen ein, die sich alle auf Jesus bezogen; ich wünschte auch, immer mehr zu leiden und bald zu ihm zu fliegen. Pater, dieses erbärmliche Geschöpf will sich noch nicht auflösen. Wie elend und empfindlich war ich doch! Statt dass ich Jesus einen schönen Beweis von Stärke gab, erhielt er von mir nur einen deutlichen Beweis von Ermattung und Klagen; sodass er, der arme Jesus, genötigt war, mich nicht länger leiden zu lassen, da mein Körper es weiter nicht aushielt. (Um zwei Uhr hörte das Leiden auf.) Allein auch heute, Samstag, sind die Schmerzen in allen Gliedern noch immer sehr heftig! Es lebe Jesus l Was soll nun ich, elendes und unwissendes Geschöpf, Jesus vergelten für die vielen Gnaden, die er mir verleiht? Pater, geben Sie mir da Anleitung. Das liebste wäre es für Jesus, wenn ich ihn nicht mehr beleidigte; aber, mein Gott! Wenn ich zum Kruzifix aufblicke, scheint es mir, Jesus richte an mich Worte des Tadels und sage: „Laß endlich ab von der Sünde; willst du mich neuerdings kreuzigen? Genügen dir diese meine Leiden noch nicht?" Mein Gott, halte ich eine solche Sprache noch aus? Allein Jesus, der sich wohlbefriedigt mir zuwendet, fügt wiederholt hinzu: „Liebe mich recht sehr und ich gebe dir alles, was du willst; liebe mich recht innig und ich verzeihe dir all deine Sünden." Unendliche Güte Jesu! Er verlangt von mir nur Liebe. Lieben wir ihn also recht, mit einer Liebe ohne Grenzen. Erinnern wir uns immer daran, was er für uns gelitten hat, und vergessen wir nie, ihn zu lieben. Wie unglücklich bin ich doch, daß ich ihn bis jetzt nicht geliebt habe! Wie wird mich dies schmerzen, wenn ich in der Ewigkeit drüben bin; ich will aber nicht sterben, ohne Jesus zu lieben, ihn recht sehr zu lieben . . . Ich will von Jesus nichts anderes als Jesus. Segnen Sie mich!

Die arme Gemma von Jesus.

 

34. Jesus zeigt ihr in einer Vision alle Werkzeuge seines schmerzlichen Leidens.

 

Pater — auf Ihren Brief antworte ich sofort, auch will ich mich recht verständlich machen. Indes will ich etwas vorausschicken. Diese Nacht kam wieder so eine schreckliche Enge über mich . . . Es scheint unmöglich; doch Jesus ist so stark! . . . Er kam, wissen Sie, gestern Abend, bevor ich zu leiden anfing; er kam und hatte alle Werkzeuge seines Leidens in der Hand. Was er damit andeuten wollte, weiß ich nicht. Er ließ mich alle, eines nach dem andern, sehen. Als er damit zu Ende war, wollte ich ihm etwas sagen; da war es nun, daß mich jene fürchterliche Enge überfiel; Jesus ging weg und ließ mich allein. Welch schöne Phantasien, nicht wahr, Pater? Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

35. Um sie zum Leiden aufzumuntern, läßt sie Jesus seine heiligen offenen Wunden sehen.

 

Mein Pater — Liebe ich Jesus wirklich? Ich habe ein festes Verlangen, ihn zu lieben, das gewist; ich möchte mich verzehren, um ihn zu lieben, allein . . .! Ich habe Jesus wiederholt gebeten, er möge mich die rechte Art, ihn zu lieben, lehren; dann schien es mir, er lasse mich alle seine geöffneten Wunden sehen und sage zu mir: „Siehe, meine Tochter, siehe, wie sehr ich gelitten habe. Siehe dieses Kreuz, diese Nägel, diese Dornen, alles ist ein Werk der Liebe. Sieh her und lerne, wie man liebt." Manchmal sagt er mir: „Siehe, meine Tochter, das größte Geschenk, das ich einer mir besonders teuern Seele machen kann, besteht darin, daß ich ihr Leiden sende." Da kann ich nicht umhin, mich Jesus zu Füßen zu werfen und ihm zu danken, weil er, wie ich glaube, auch mir etwas Weniges zu leiden gibt. Wie ertrage ich aber das Geringe, das Jesus in seiner Güte mir sendet? Schlecht. Vom Augenblicke, da ich Ihren Brief erhielt, habe ich die Gewohnheit angenommen, jeden Morgen vor Empfang der hl. Kommunion Jesus im Sakramente zu besuchen, wie Sie es mich lehrten. Wie fühle ich mich nach dieser Be- suchung viel gestärkter zum Leiden!

Heute, bevor ich diesen Brief zu schreiben begann, habe ich, so schien es mir, den Schutzengel gesehen; er sagte zu mir: „Tochter, meine Tochter, vor kurzem warst du noch von Rosen umgeben; merkst du aber nicht, daß nunmehr aus jeder dieser Rosen Dornen hervorsprießen, die dein Herz verwunden? Bislang hast du das Süße verkostet, das dein Leben umgibt; erinnere dich aber daran, daß auf dem Grunde Essig verborgen ist." Dann fügte er hinzu: „Siehst du dieses Kreuz? Es ist das Kreuz, welches dein Vater dir darbietet;

dieses Kreuz ist ein Buch, worin du jeden Tag lesen wirst. Versprich mir, Tochter, versprich mir, daß du dieses Kreuz mit Liebe tragen wirst und daß du es allen Freuden der Welt vorziehst." Ich habe ihm alles versprochen und das Kreuz mit zitternder Hand umfangen. Es lebe Jesus! Beten Sie für

die arme Gemma.

 

36.       Die fromme Jungfrau leidet darunter» daß ihr Herz nicht der Größe ihrer Liebe gewachsen ist.

Heute war Karfreitag, man konnte also nicht kommunizieren; gleichwohl tat Jesus mir zu einer bestimmten Stunde seine Gegenwart kund; unter seinen liebevollen Worten habe ich besonders die folgenden genau unterschieden: „Meine Tochter, willst du deinen Papa zufriedenstellen?" Ich bejahte dieses sogleich. „Wohlan denn, offenbare deiner Mama, ) was du ihm verborgen hast seit dem Zeitpunkt, da er dich kennt. Wirst du es tun?" Wie ich mich da geschämt habe. Ich werde es aber unverzüglich tun.

Den Tag habe ich zugebracht, wie der Gehorsam es wollte; doch, wie ich die Sache ansehe, zum großen Mißfallen Jesu. Es ist wahr, Schmerzen mit äußerlichen Zeichen habe ich nicht erlitten; allein, Pater, Pater, mein Herz ist klein, es sollte sich ausdehnen und findet nicht Raum genug; es möchte . . ., ich bin jedoch klein, Jesus ist unendlich. Was glauben Sie ferner, litt ich an gewissen Tagen mehr, wenn, wie es mir vorkam, ich -am Kopfe, an den Händen, an den Füßen und am ganzen Körper litt, oder jetzt, wo ich (äußerlich) nicht leide, aber gerade deshalb leide, weil ich nicht leiden kann? Antworten Sie darauf! Heute morgen, es was gegen zehn Uhr, da suchte, da forschte das Herz. ... Ich merkte, wie mir die Kräfte ausgingen. . . . Auf den Schmerz im Herzen folgte ein überaus heftiger Schmerz in allen Gliedern; was sich aber zuerst einstellte, was allem vorausging, war der Schmerz über die Sünden; wie heftig ist jener Schmerz . . .1 Wäre er größer, könnte ich ihn nicht überleben; mir scheint es auch, dann vermöchte ich das heftige Klopfen, das sich bemerkbar machte, nicht auszuhalten. Mein kleines Herz konnte nicht mehr eingeschlossen bleiben, es begann Blut in großer Menge auszustoßen. Es lebe Jesus! Nach einer Stunde des Leidens erschien der Engel. Ich habe ihn nicht freundlich ausgenommen, sondem ihn gebeten, er möge sich entfernen.*) Wie immer verwirren mich derlei Visionen anfangs etwas, dann erfüllt eine gewisse Zufriedenheit mein Herz. „Was gefällt Jesus am meisten?" fragte er mich. Ich erwiderte: „Das Leiden." „Willst auch du ihm gefallen, willst auch du leiden und wie viel?"

') Um ihrem Seelenführer zu gehorchen, der ihr dies befohlen hatte.

 

„Viel." Er sagte mir dann, ich solle zufrieden sein, daß Jesus in meinem Herzen weile; ich würde noch genug zu leiden bekommen. Der Engel segnete mich und ging weg, indem er rief: „Es lebe Jesus! Es lebe das Kreuz Jesu I" Segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus allein.

 

37.       Da sie sieht, was Jesus für die Sünden der Welt leidet, sehnt sie sich danach» ihm durch heldenmütige Opfer Ersatz zu bieten. Bon oben erleuchtet, erkennt sie den schlimmen Zustand einer Seele» die ihr empfohlen worden war.

Mein Beichtvater hat mir in Bezug auf Sie jegliche Erlaubnis gegeben; ich kann, ja ich muß Ihnen alles, selbst das Geringste mitteilen. Mein Geist ist zwar willig, aber mein armseliger Leib ist schwach, schwach, denn er scheut Mühe und Anstrengung. Aber was täte man nicht für Jesus? Wer auch nur einen einzigen Blick von ihm bekäme, dieser eine würde genügen: welche Kraft, welche Stärke würde ein solcher verspüren! Ich fühle es, ich würde alles tun für ihn, nur um ihn zufrieden zu stellen: als die größte Qual erscheint es mir, für ihn leiden zu müssen; den letzten Tropfen Blut würde ich gerne hingeben, einzig um ihn zufriedenzustellen, um zu verhindern, daß so viele bedauernswerte Sünder ihn beleidigen. Mein Gott, was sage ich doch? Ich wünschte, daß in diesem Augenblick meine schwache Stimme bis an die Grenzen der Erde reichte; ich möchte, daß alle Sünder mich hörten, meine Worte vernähmen: „Sünder, zieht ihr es vor, Jesum zu mißhandeln und zu verspotten, statt daß ihr selber mißhandelt werdet?"

Wenn Sie wüßten, Pater, wie Jesus in gewissen Augenblicken, zu bestimmten Zeiten betrübt ist. Nein, es ist wirklich nicht mehr zum Ansehen; und dann, wer hat Mitleid mit ihm? Äußerst wenige; Jesus bleibt fast immer allein. Es tut einem so weh, recht weh, wenn man Jesus inmitten der Schmerzen erblickt. Wie soll man es machen? Soll man ihn in jenem Zustand erblicken und ihm nicht beistehen? Manchmal erfaßt mich ein unwiderstehlicher Drang, ein so heftiges Verlangen, alle Qualen der Welt zu erdulden, daß ich nicht umhin kann, selber solche zu suchen. Es war vor acht Tagen, ich hatte eben kommuniziert, als mir auf einmal folgende drei Vorsätze in den Sinn kamen, die ich Jesu sogleich darbrachte:

1. O mein Gott, wenn du je mein Leben wolltest zur Strafe für so viele, ja unzählige Sünden, die ich begangen, so bringe ich es dir schon heute dar; ich bin bereit zu sterben, sobald es dir gefallen wird. Ich übergebe dir, o mein Gott» mein Leben vereint mit dem Leben Jesu; meine Leiden vereinigt mit den Leiden Jesu; ich bitte dich nur um vollkommene Reue über meine Sünden, um nichts weiter! 2. Du hast mir wiederholt zu verstehen gegeben, mein Jesus, es sei dein Wille, daß ich ins Kloster gehe; nun gut, wenn du es willst, bin ich bereit, da ich ohnehin so sehr danach verlange, um zu leiden, um dich zu lieben, um Buße 

zu tun für meine großen Sünden. 3. Willst du vielleicht, o Jesus, daß ich so (außerhalb des Klosters) lebe? Sei gepriesen! Oder willst du gar, daß ich in der Welt einsam, verlassen, ja verachtet lebe? Ich bin dazu bereit. Auf jeden Fall geschehe dein hochheiliger Wille! Diese drei Vorsätze erneuere ich jeden Morgen, und Jesus hat große Freude daran; wenn ich sie vergesse, so erinnert er selbst mich daran.

Jetzt aber komme ich auf etwas zu sprechen, das mir sehr mißfällt. Ich bitte aber» glauben Sie keinem meiner Worte, denn es ist wohl alles nur in meinem Kopfe so. Hören Sie, Pater: Jene Seele, wenn Sie wüßten, jene Seele. — Jesus will nicht einmal, daß ich daran denke. Wie sehr mißfielen mir diese Worte, als Jesus sie mir sagte. Ich habe indes auch vom sei. Fra Gabriele erfahren, diese Seele sei recht böswillig. Pater, ich empfehle mich, glauben Sie mir doch nichts, am wenigsten, was ich zuletzt erwähnt; da habe ich mich gewiß getäuscht. Me mir das zu denken gibt I Wenn sie von Ihnen aufgegeben wird (Jesus will das bestimmt), was wird aus ihr werden? Bevor Sie diese Seele ganz sich selbst überlassen, machen Sie, darin kennen Sie sich ja aus, einen letzten Versuch. Könnten Sie? Segnen Sie mich jeden Abend, und geben Sie auch jetzt Ihren hl. Segen allen Mitgliedern des Lollegio di Oesü sowie

der armen Gemma.

 

38.  Während der Satan durch verschiedene Kunstgriffe sich bemüht, sie um die Achtung der Menschen zu bringen, überläßt sie sich ver« trauensvoll der Hand Gottes.

Pater, Pater — Jesus ist noch auf dem Altäre ausgesetzt. Kommen Sie doch und fragen Sie ihn, wer denn alle von Ihnen erhaltenen Briefe genommen und sie in der ganzen Kammer herumgestreut hat. Man hat mich im Verdacht.*) Mir scheint es aber, ich bin es nicht gewesen. Alle schauen mich mit strenger Miene an: es werden es auch alle inne werden; man meinte nämlich, es seien Diebe im Haus, deshalb wurden alle gerufen. Haben Sie mich verstanden, Pater? Alle Ihre Briefe hat man im Zimmer zerstreut gefunden. Jesus wird Ihnen alles erklären. Ich habe es dem Beichtvater gesagt, er erklärte, es sei der Teufel. Wer weiß, was der Teufel noch anstellen wird; wenn Sie der gleichen Ansicht sind, so lassen Sie es jene im Hause hier wissen.

Gestern verreiste (jener) Pater; welche Leere hat er zurückgelassen! Wieviel Gutes hat er mir getan! Wie viel Schönes hat er mir gesagt! Wie trefflich hat er mir zu größerer Ergebung ver-

») Gemma hatte alle von ihrem geistlichen Führer erhaltenen Briefe bei Tante Cecilia gut verwahrt und las zu ihrem Nutzen immer wieder darin. In einer Nacht zog sie der Teufel aus dem Schreine hervor und zerstreute sie frech im ganzen Hause herum. Die Hausgenossen, welche am andern Morgen die zerstreuten Schriftstücke entdeckten, mutzten nicht, was sie denken sollten, und waren versucht anzunehmen, Gemma habe dies selber getan.

halfen I Wars da zu verwundern, daß Satan sich einmischen wollte? In diesen Tagen hat es der Böse gar arg getrieben und alle seine Bosheit angewendet. Sie wissen sicher schon das Vorkommnis mit jener Karte wie auch alles übrige.

(Sie meint eine, man weiß nicht wie von der Post ins Haus gekommene Karte, worin der Seelenführer, der sie (angeblich) geschrieben und unterzeichnet, offen erklärt, er habe sich bezüglich Eemmas getäuscht, er rate jedermann, ihr kein Vertrauen zu schenken und sie für eine Betrogene zu halten. Aus allen Umständen war es leicht zu erraten, wer der eigentliche Urheber jenes törichten Scherzes war.) Ja, das Scheusal wird alle seine Kräfte verdoppeln, um mich der Hilfe zu berauben; er sieht eben, daß diese Hilfe für mich ein großes Gut bedeutet; sollte auch das eintreffen, so wird Loch Jesus meinem Herzen niemals fehlen. Allen kann ich mißtrauen, meinem Jesus aber nie. Gewiß, Pater, ich begreife die Wut des bösen Feindes sehr wohl.

Ich mag aber gar nicht mehr von ihm sprechen; es ist besser, ich rede von Jesus. Welche Wonne verkostet man, wenn man sich ganz den Händen Jesu überläßt! Wie wohl ist es einem mit Jesus allein I Die treue Seele wird Jesus liebste Tochter, sie streckt die Arme nach ihm aus, drückt ihn an sich. . . . O Jesus, ich bedarf deiner Liebe so sehr. Ist es wahr, daß man keinen Augenblick vor Jesus im Heiligtum des Tabernakels Zubringen kann, ohne sich überaus glücklich zu fühlen? Und wenn 

Jesus mir gestattet, in den Tabernakel einzu- dringen, wo er mit Leib und Blut zugegen ist, bin ich dann etwa nicht im Himmel? — Was hat Ihnen Ihr Mitbruder, der sei. Gabriel, gesagt? Wenn er Ihnen hinsichtlich meiner etwas zu wissen getan hat, so sagen Sie es mir sogleich; ich will Jesus angehören, ihm allein gefallen. Jesus weint immer noch. Mein Pater, könnte ich ihn doch beruhigen! Könnte ich durch meine Tränen und durch mein Blut in die Gnade Gottes zurückkehren! Doch Jesus ist gut; er nimmt immer jeden auf, der Neue hat. Habe ich aber eine meinen Verschuldungen entsprechende Reue? Pater, antworten Sie, nachdem Sie Jesum gebeten. Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma.

 

39.       Sie bittet darum, das eine oder andere Jahr ihres Lebens Gott darbringen zu dürfen zum Wähle befreundeter Personen, die, wie sie wußte» dem Tode nahe waren.

Diesmal will ich eine Angelegenheit berühren, die mir sehr am Herzen liegt. Sind nicht auch Sie einverstanden damit, daß ich mein Leben für das Serafinas hergebe? Ich bin dazu bereit und tue es gerne. Heute morgen nach der Kommunion fühlte ich ein reges Verlangen, mich Jesus für sie aufzuopfern, ich konnte fast nicht widerstehen. Aber es ohne Ihre Zustimmung tun! Sie werden mir bald schreiben, nicht wahr? „Tue es nur!" werden Sie mir sagen. Ich sterbe vor Befriedigung darüber. 

Hören Sie: wenn ich sterbe, ist es eine große Gnade; Sie mögen es mir glauben oder nicht, alles ekelt mich an. Wenn aber Serafina stürbe ... l Ich wünschte bei Ihnen zu sein, dann wollte ich Sie kniefällig um diese Gnade bitten. Beten Sie recht inständig und tun Sie, was Jesus Ihnen sagen wird. Oder vernehmen Sie einen anderen Vorschlag! Dürfte ich Jesus sagen, daß ich mich zu einer Teilung verstehe? Mir bleiben noch etwa sieben Jahre zu leben übrig; drei davon gäbe ich für Serafina hin, die anderen behielte ich für mich. Sind Sie damit einverstanden? Geben Sie, bitte, Ihre Einwilligung zu diesem oder jenem Vorschlag. Ich will tun, was Sie mir sagen werden. Ich bitte um Ihren Segen. Beten Sie für die arme

Gemma von Jesus.

 

40.       Sie kommt nochmals nachdrücklich auf denselben Gegenstand zurück.

Es ist noch keine Stunde, daß ich vom Beichten zurück bin. Die Hausmutter ist sehr schwer erkrankt. Ich dachte nun so: als ich mich unwohl oder krank fühlte, war sie zu jeder möglichen Hilfeleistung bereit; ich hingegen habe nichts, das ich ihr geben könnte; es fehlt mir an Erkenntlichkeit und Dankbarkeit; wäre jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen? Die Hausmutter liegt schwer krank darnieder, soll ich da nichts tun für sie, die so

vieles für mich getan hat?-) Ich habe zwar schon manch kleines Leiden aufgeopfert, die eine und andere unbedeutende Abtötung auf mich genommen. Allein was ich getan, hatte wie immer keinen Wert; können überhaupt Bitten einer Person Gott wohlgefällig sein, die ihn fortwährend beleidigt? Heute morgen habe ich mit Jesus gesprochen und hierauf den Beichtvater gefragt: „Dürfte ich mein Leben aufopfern für meine arme Mutter (welch ein Tausch!) ?" Er antwortete mit einem unbedingten Nein. Darauf sagte ich: „Dürfte ich vielleicht zwei Jahre hingeben?" Er begriff meine Frage sogleich und sagte: „Ja, ich bin zufrieden unter der Bedingung, daß auch der Pater damit einverstanden ist." Ich wollte dieses Versprechen, dieses Gelübde sofort heute morgen machen; ich darf es aber nicht tun, bevor ich die Erlaubnis des Paters eingeholt habe. Nicht wahr, Pater, Sie versagen mir dieselbe nicht? Zwei Jahre für Serafina und zwei oder nötigenfalls mehr für die Hausmutter.

Jesus hat immer zwei Flammen in der Hand; die eine ist, wie er mir erklärt hat, die Flamme   

der Liebe, die andere die Flamme des Schmerzes. Es liegt mir sehr viel daran, daß Sie wegen der Mutier gleich antworten.

Die arme Gemma.

 

41.       Sie verwendet sich beim geistlichen Führer für das Heil einer Seele.

Es lebe stets Jesus! So bete ich jeden Augenblick im Tage. Diese Worte haben mir so viel Kraft und Mut verliehen, dah ich Gott unaufhörlich dafür danken sollte. Das Opfer habe ich recht gerne gebracht, es hat mir fast keine Überwindung gekostet.*) Ich habe Ihre Mahnung verstanden, dah es nicht mehr Zeit ist, sich wie ein Kind zu betragen. Kraft und Mut! Seien aber auch Sie mir dabei behilflich, indem Sie mir oft so eine kleine Predigt halten, was mir so gut tut. Verehrter Pater, predigen Sie mir immer Dankbarkeit und Erkenntlichkeit; ach, wenn ich das nicht zu leisten vermag! Ich weih mich nur durch das Gebet erkenntlich zu zeigen; in dieser Beziehung weih es Gott allein, und nur er soll es wissen, was ich tue und zu tun verstehe; aber auch da ist es recht wenig. Pater, sind Sie jener Seele nicht mehr gut?   ) Ich weih alles, hören Sie, aber auch gar alles. Warum wollen Sie den Mut verlieren, weshalb jenes hähliche Wort gebrauchen:

sie aufgeben? Warum rufen Sie dieselbe nicht zu sich, weshalb lassen Sie dieselbe nicht die volle Wahrheit wissen, warum kommen Sie ihr nicht entgegen, wie Sie es bei mir getan haben, die ich weit schlimmer war als sie? Passen Sie auf: Können Sie diese Person treffen, dann gut,- wenn nicht, so schreiben Sie ihr sogleich, wenn sie nicht auf den von Jesus gewollten Weg zurückkehre und mit der Sünde vollständig breche, werde Jesus sie bestrafen. Aber diesen Punkt sage ich weiter nichts,- beten Sie mit mir für jene Person, aber geben Sie dieselbe nicht auf. Bravo, Pater, ich kenne Ihre Absicht,- Sie möchten eben alle aufgeben und nur an Ihre Seele denken; aber nein, nein,- überlegen Sie sich das wohl.

Addis, Pater; segnen Sie mich immer. Jeden Morgen, ja täglich bete ich für Sie, damit Sie noch etwas Mitleid mit mir haben. Ich bleibe die arme Gemma von Jesus.

 

42.       Noch ein Beweis von ihrem Seeleneifer.

Mein Pater — Passen Sie auf, schreiben Sie gleich. Jene Person ist nicht mehr die reine Seele, die sie sein sollte, sie gehört nicht mehr wie früher ganz Jesu an. Sie beginnt jemand von der Welt ihre Liebe und Zuneigung zu schenken. Es ist ihr nicht wohl dabei, sie ist unruhig, nicht mehr wie früher, gleichgültig in allem und für alles. Pater, denken Sie an alles. Ich will Sie noch auf etwas aufmerksam machen. Frau E. befindet sich in einem Zustand der Verlassenheit, so daß

sie fast verzweifelt; sie ist sogar von ihrem Beichtvater aufgegeben worden. Der Gatte ist noch so, wie Sie ihn gesehen, er erregt wirklich Mitleid. Sie vertrauen auf Ihr Gebet und sehnen sich nach einigen Zeilen von Ihnen.

Ah, Pater, so mutz es kommen bei solchen, die zurückgehen, statt datz sie ausharren! Ich möchte alles leiden für alle mir teuern Personen; ich bat auch Jesus darum; allein er sieht, datz ich beim ersten Schlag schon zu jammern beginne, und dann lätzt er mich gehen. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus.

 

43.       Der Teufel sucht sie durch mancherlei Schliche zu täuschen.

Den mir angeratenen Protest habe ich am 25. Mai in der Kirche der Franziskaner abgelegt; es war am Freitag nach der hl. Kommunion; von jenem Augenblicke an habe ich ihn stets auf dem Herzen getragen. Aber wenn Sie wützten! Jenem bekannten Scheusal mißfiel dies gewaltig und von jenem Zeitpunkt an treibt er es immer ärger mit seinen Versuchen und Angriffen. Es vergeht keine Nacht, wo er sich nicht sehen lätzt; in den letzten Tagen wagte er es sogar, die Gestalt meines Beichtvaters anzunehmen. Ich war überzeugt, datz es der Beichtvater sei, allein während der Beicht entdeckte ich den Betrug; es brauchte aber viel, bis ich es glaubte.

Gestern bald nach der Beicht machte er sich neuerdings an mich heran. Hören Sie nur: Der

Beichtvater sagte mir, er halte es für gut, mir jene kleinen Butzübungen, die er mir seit einiger Zeit erlaubt hatte, wiederum abzunehmen, d. h. zu verbieten. Um die Wahrheit zu bekennen, war mir dies überaus unangenehm; allein nachdem mir der Beichtvater immer und immer wieder sagte, der Gehorsam sei Jesus am angenehmsten (es scheint, datz ich dies allmählich zu begreifen beginne), so versicherte ich ihm, ich wolle tun, was er verlange. Wenn Sie wüßten, wie der Beichtvater sich abmüht, damit ich brav, besonders aber gehorsam werde! Ich habe aber einen sehr harten Kopf und dann mein Leib, wie schwer fällt es dem zu gehorchen! Kurz, nachdem ich von der Beicht zu Hause ankam, schaffte ich alles beiseite, doch blieb ich dabei stets ruhig. Diese Ruhe hielt nicht lange an; wie ich einen Augenblick allein war, es war die Zeit des Gebets, da kniete ich nieder und begann das Gebet zu den fünf Wunden Jesu. Ich war bei der vierten Wunde, da sehe ich vor mir eine Gestalt, die Jesus ähnlich ist, voller Geitzel- striemen. Ich beschloß mein Gebet, dann sagte ich mit lauter Stimme: „Eebenedeit sei Jesus und Maria!" Er gab keine Antwort; da wiederholte ich die Worte und er erwiderte: „Gebenedeit, gepriesen!" Die Namen Jesu und Maria sprach er aber nicht aus. Nun begriff ich, wer die Gestalt war, ich machte das Kreuzzeichen über mich; er aber stand immer vor mir, sein Herz war offen und blutete; er begann hierauf: „Es ist wirtlich so, meine Tochter; welchen Ersatz bietest du mir-

Blicke mich an, wie ich aussehe; siehst du, wie viel ich für dich leide? Du aber kannst mir jetzt keine Erleichterung mehr gewähren durch jene Buhübungen. Es war doch nichts Bedeutendes, du darfst sehr wohl damit weiterfahren." ) Ich erwiderte sofort: „Nein, nein, ich will gehorchen; wenn ich tue, was du willst, verstohe ich gegen den Gehorsam." „Aber schließlich ist es ja nicht einmal der Beichtvater gewesen, der jenes Verbot erlassen, sondern jener . . . von einem Seelenleiter; du bist keineswegs gehalten, ihm zu gehorchen; du handelst nach meinem Willen." Er sprach noch anderes. Ich war nahe daran, die Disziplin zu nehmen, wie ich es andere Male in ähnlichen Fällen getan; doch nein, der wahre Jesus kam mir zu Hilfe. Ich erhob mich, nahm das Weihwasser und ward ruhig, nachdem ich einige Schläge erhalten, wie sie mir jenes Scheusal von Zeit zu Zeit zu verabreichen pflegt.

Wissen Sie auch, warum ich sagte: „Eebenedeit sei Jesus und Maria?" Eines Morgens nach der hl. Kommunion war es mir, als sagte mir Jesus, ich solle bei jeder Erscheinung jene Worte wiederholen; erhalte ich Antwort, dann komme die Sache von Jesus, wenn nicht, dann rühre sie vom Teufel her. Aus dem, was ich Ihnen gesagt, begreifen Sie leicht, welch großes Bedürfnis ich habe, daß 

man mich Jesus anempfiehlt. Aber sehen Sie, wie gut der Beichtvater ist. Wie er sah, daß ich mit voller Ergebung alles auf die Seite schob, bewilligte er mir alles aufs neue. Beten Sie recht sehr für mich. Geben Sie mir den Segen.

 

44.       „II collvZio äi «osü« )

Mein Pater — Es sind bereits sechs Tage, daß ich Jesus nicht gesehen habe. Wenn Sie aber wüßten, wie schlimm ich bin. Er hat mich indes keineswegs allein gelassen, den Schutzengel läßt er immer an meiner Seite weilen. Dieser ist zwar etwas streng gegen mich, aber ich habe Freude daran; in den letzten Tagen hat er mich drei, viermal im Tag gescholten; er versprach mir auch, wenn ich brav sei, würde er mich Jesus sehen lassen; wenn ich indes immer Sünden begehe, sei das unmöglich. Gestern jedoch, als ich mich ins Gebet begab, sagte er, falls ich brav sei, würde ich Jesum heute sehen können. Ich trachte danach gut zu sein; allein infolge der Gewohnheit sündige ich jeden Augenblick; was würde vollends 

aus mir werden, wenn Jesus mir nicht behilflich wäre? Gestern sagte mir der Schutzengel (und er hat es mir auch diese Nacht wiederholt und er war dabei recht betrübt): „Wenn du sähest, was Jesus leidet, wenn du es sähest", wiederholte er; und das wollte ich Ihnen Mitteilen. Ich beklagte mich dann; denn zu gewissen Zeiten hat Jesus, wenn er schwer litt, es mir gesagt; ich litt dann auch selber und es schien mir, als verschaffe ich ihm dadurch Erleichterung; aber jetzt kommt er nicht mehr. Ich fragte den Schutzengel, warum Jesus mehr leiden müsse, er antwortete mir: „Die Sünden sind so zahlreich." Müssen also wir vom collegio äi Oesü ihn so allein dulden lassen? Doch gewitz nicht. Was werden wir also tun? Wie vieles möchte ich tun, wenn ich könnte. Ich gäbe sofort mein Leben hin, nur um Jesus das Leiden zu ersparen; doch nein, das Leben nicht; ich will immer leben, wenn es ihm gefällt, um Butze zu. tun für meine zahlreichen Sünden, um recht vieles zu leiden, um ihn recht innig zu lieben. Es ist auch schon einige Zeit, datz Fra Gabriele nicht mehr kommt. Das empfinde ich schwer; aber Jesus meint es noch immer gut mit mir; denn ich leide immer etwas. Bitte, empfehlen Sie mich doch Jesu, damit er mir die Gnade verleihe, meine Sünden zu erkennen und sie wahrhaft zu bereuen; jede Minute entdecke ich einen Fehler. Ich bitte um Ihren hl. Segen für mich sowie für alle Mitglieder des Collegio; beten Sie täglich für

die arme Gemma. 

 

45.       Ihr Eifer für ein Werk zur Ehre Gottes.

In Eile will ich Ihnen etwas im Aufträge Iesu Mitteilen. So viel ich sehe, liegt Jesu gar sehr daran; ich hoffe, auch Sie werden die Worte zu Herzen nehmen. Es sind ganz eigentümliche Worte, von denen ich nichts zu verstehen vermag; ja, als ich heute morgen Jesus um einige Erläuterung bat, gab er mir zur Antwort: „Deine einzige Sorge bestehe darin, es den Pater möglichst bald wissen zu lassen; suche nichts andres!" Folgendes aber sind die Worte, welche Jesus mir mehrmals wiederholt hat: „Sage deinem Pater, daß tch schon seit einiger Jett ein großes Werl in seine Hände gelegt habe, damit er mit allem Eifer die Ausführung desselben betreibe. Dieses große Werk, bie wichtige Arbeit kennt er bereits, er muß Hand anlegen. Ihm vertraue ich alles an. Nach der Kommunion soll er mich um Aufschluß bitten» ich werde ihn dann aufklären darüber." Ich füge nichts bei; beim es liegt mir daran, daß Jesus befriedigt werde und daß Sie so schnell als möglich von der Sache wissen. Ich wiederhole es Ihnen: Jesu liegt die Sache sehr am Herzen.

Tag und Nacht bleibt Jesus aus Liebe zu uns in jenem ärmlichen Speisekelch eingeschlossen, um ihn herum ist es so öd und düster, wenn wir ihn überdies noch zum Weinen bringen» dann . . .

Schreiben Sie bald.

Die arme Gemma von Jesus. 

 

46.       Sie -rückt das lebhafte Verlangen aus, , Passionistin zu werden.*)

Mein Pater — Schon seit etlichen Jahren fühlte ich das Verlangen, Religiöse zu werden; ich hatte dies aber noch niemand gesagt. Endlich offenbarte ich meine Sehnsucht dem Beichtvater und der Familie; alle waren einverstanden. Am ersten Mai ging ich wirtlich in die Exerzitien; als ich nach 18 Tagen das Kloster verlieh, war alles festgesetzt, im Juni sollte ich für immer eintreten.**) Ich fühlte mich sehr zufrieden; als aber die Weisung zum Eintritte an mich erging, kam eine ganz

-) Ich bringe hier nacheinander alle wichtigen Briefe Eemmas über diese Angelegenheit, um mit ihren eigenen Worten eine Erläuterung für das zu bieten, was ich in der Biographie darüber gesagt habe. 1. Das Verlangen Eemmas, Passionistin zu werden, war etliche Jahre lang die Hauptleidens chast ihres Herzens. 2. Eine Zeit lang wenigstens glaubte sie, es sei der Wille Gottes, daß sie diesen Beruf ergreife. 3. Dieser Wille Gottes war aus jeden Fall an Bedingungen geknüpft: wenn nämlich die zuständigen Persönlichkeiten die Ausführung der Sache mit Eifer betrieben. 4. Endlich redete Gott deutlich, indem er seiner Dienerin zu erkennen gab, sie würde dem Geiste, nicht dem Kleide nach Passionistin werden und als Religiöse „einem besseren Konvente angehören". Von da an ergab sich Gemma in den Willen des Himmels und sprach nicht mehr davon, solange sie lebte.

") Im Kloster der Salesranerinnen zu Lucca. Der Plan scheiterte am Wwerstande des Klosterbeichtigers, wie Gemma weiter unten selber angibt; es geschah dies jedoch auf das Betreiben des Hausarztes, der wußte, daß Eemmas Mutter an der Lungenschwindsucht gelitten. 

sonderbare Stimmung über mich, ich muhte fast weinen, vielmal hörte ich die Worte in mein Ohr flüstern: „Du wirst nie dort bleiben." Darüber habe ich nie mit dem Beichtvater gesprochen. Ich wollte überhaupt nur ins Kloster gehen, um mich allein mit Gott zu beschäftigen; ich war der Ansicht, alle Regeln seien (gleich) gut. Als der Tag des Eintrittes kam, machte der Klosterbeichtvater Schwierigkeiten, sein Widerstand konnte nicht gebrochen werden. Indes sollte in Lucca eine Mission ihren Anfang nehmen. Etwa 8 Tage vor dem Beginn derselben erschien der sei. Fra Gabriele und sagte zu mir: „Gehe zum Missionär beichten; sag ihm alles, was du diesbezüglich vor dem Beichtvater verschwiegen hast; teile ihm auch mit, du wollest Religiöse werden, aber unter einer sehr strengen Regel." Gleich zu Beginn der Mission ging ich kurz entschlossen zum bezeichneten Pater und sagte chm alles. Wie er hörte, ich wolle Klosterfrau werden, sagte er mir: „Es gibt auch Passionistinnen." Von jenem Augenblicke an hing mein Gedanke fest an jenen Worten, der Entschluß war da» Passionistin zu werden. Ich teilte alles meinem Beichtvater mit, er war einverstanden, auch er sagte mir, für mich bedürfe es einer recht strengen Regel. Von da an bekam ich zugleich mit dem Beruf eine grohe Andacht zum sei. Fra Gabriele, ich fing an, ihn zu bitten und ich tue es noch, daß er mir die Gnade (der baldigen Verwirklichung) des Planes erflehe.

Eines Tages erfuhr ich, man wünsche hier in Lucca ein Kloster der Passionistinnen zu gründen;

gleich kam mir der Gedanke, den sel. Gabriel darüber zu befragen. In einer Nacht schien es mir, ich sehe ihn und fragte daher: „Wird das Kloster errichtet werden?" Er gab mir zur Antwort: „Meine Tochter, es geht noch zwei Jahre; ich versichere dir jedoch, es wird zustande kommen." „Aber ich, werde ich auch Passionistin?" „Meine Schwester wirst Du sein." „Aber wo? Läßt du mich nach Corneto gehen?" „Warum so weit fort?" „Um alle zu vergessen und damit alle mich vergessen." Er antwortete nicht weiter, segnete mich und verschwand. Eines Tages war ich dann recht bestürzt; es schien mir unmöglich Passionistin zu werden, da ich nichts, rein nichts besitze; ich habe bloß ein lebhaftes Verlangen nach dem Kloster. Möge mir Jesus wenigstens diese Gnade bald gewähren; denn ich habe keinen Frieden, ich leide sehr, da ich mich so weit davon entfernt fühle. Sonst kann mich niemand mehr von dieser Sache abbringen. Wann werde ich so weit sein? Wird es an jenem Tage der Fall sein? O mein Jesus, bewirke, datz es bald geschieht; seit einiger Zeit hat mich ein so heftiges Verlangen erfaßt, datz mein Gedanke immer dabei verweilt. Ich meine, ich könne es nicht länger aushalten; von Zeit zu Zeit sage ich: „Mein Gott, du hast mir den Beruf ins Herz gelegt; sorge auch für das Weitere; aber mache schnell." An einem anderen Tage, da es mir vorkam, der Beichtvater wolle mich ins Kloster verbringen, während anderseits einige Personen mir den Gedanken ausreden wollten, Passionistin

zu werden, sagte der sel. Fra Gabriele zu mir: „Gemma, geh und trage das Kreuz, wohin der Beichtvater es will,- denn es wird der Zeitpunkt kommen, wo du es anderswo wirst tragen müssen."

Wenn Sie es vermögen, so helfen Sie mir dazu, daß ich Passionistin werde. Mein Wille ist fest; seien Sie mir behilflich, ich kann nicht länger warten, schauen Sie, datz man mich aufnimmt; ich besitze freilich gar nichts, ich bin bettelarm; ich habe nur Sehnsucht nach dem Kloster. Jesus wird mir die Gnade gewähren. Geben Sie mir, bitte, Ihren Segen und beten Sie für

die arme Gemma.

 

47.       über das nämliche Anliegen.

Mein Pater — Hören Sie einmal. Ich will Ihnen etwas sagen. Alle meine Kameradinnen, die gleich mir Beruf zum Ordensstande hatten, sind schon eingekleidet und fast alle sind so alt wie ich. Nur ich bin noch einsam und allein. Da kommen mir die Tränen; ich wollte eigentlich nicht weinen, da es der Schutzengel nicht haben mag; aber es kommt von selbst und dann mutz ich eben weinen. Auch ich möchte ins Kloster gehen. Ich weitz aber, datz Jesus mir diese Gnade wegen meiner Unwürdigkeil nicht gibt. Wenn Sie wüßten, wie arm und leer es in meinem Herzen aussieht.

Ein Passionist sagte mir vor einiger Zeit, datz die Passionistinnen im Oktober ihr Noviziat eröffnen. Darf ich Hoffnung haben, datz noch ein letztes Plätzchen offen sei für die niedrigste Tochter 

des hl. Paul v. Kreuz? Wissen Sie, ich werde brav sein und immer gehorchen; sagen Sie den Klosterfrauen, sie sollen mich aufnehmen zu ihrer Bedienung, ich will die Magd machen im Hause. Ich verstehe auch zu kehren, das Geschirr zu waschen» Wasser herbeizutragen und zu nähen; allen ohne Ausnahme will ich gehorchen. Sprechen Sie mit ihnen, damit sie mich aufnehmen. Sagen Sie auch, daß ich so viel leide. Wenn Sie nur wüßten, wie schwer ich das Opfer empfinde, daß ich noch nicht Religiöse bin! Ich kann nur weinen und manchmal mutz ich, weil die Verwirklichung meines Planes noch so fern ist, schreckliche Qualen erdulden. Jesus tröstet mich» indem er mir oft sagt, es gebe noch ein besseres und glückseligeres Leben als im Kloster.*) Wissen Sie, was es ist? Mir sagte es der Schutzengel. Es ist wahr, es geht mir gut; besser aber wäre es für mich im Kloster, wo ich Jesus so recht lieben und mit chm leiden könnte; wie viel besser wäre es aber im Himmel. Der Beichtvater will nicht, datz ich Jesus bitte, er möge mich, falls es sein Wille ist, zu sich nehmen. Wissen Sie, Jesus nähme mich schon. Wie glücklich wäre ich, wenn ich diese Erlaubnis des Beichtvaters hätte; denn fern von Jesus kann ich es nicht mehr aushalten. Ich bin immer in Angst, datz ich ihn beleidige. Wie schlimm bin ich nur geworden; früher sprach ich viel weniger; jetzt aber begehe

») Auf solche Weise gibt ihr (Sott nach und nach zu erkennen, datz ihr Eintritt ins Kloster nicht von der Art wäre, wie sie ihn verstand. 

 

ich viele Fehler, für die ich einst bestraft werde. Welch strenge Rechenschaft muß ich meinem Jesus ablegen über die Absicht, die ich bei meinen Werken hatte! Wie oft habe ich mir vorgenommen, meine Werke immer auf die vollkommenste Weise zu ver- richten! Wie gut wäre es für mich gewesen, wenn ich meinen Vorsatz ausgeführt hätte! Doch ich verliere den Mut nicht; vielmehr erneuere ich mein Versprechen und tröste mich bei dem Gedanken, daß Jesus mich im Himmel erwartet; er hat es mir wiederholt verheißen. Bringen Sie mich in die Einsamkeit des Klosters und geben Sie mir jetzt den hl. Segen. Ich bin

die arme Gemma.

 

48.       Handelt von demselben Gegenstände.

Nochmals komme ich auf die Sache zurück, Pater! Wohlan denn, erfüllen Sie mein Verlangen, d. h. stellen Sie Jesus zufrieden! So geht es wirklich nicht weiter! Das ist ganz ausgeschlossen! Ich weiß sehr wohl, daß mich im Kloster größere Leiden erwarten; was hat das zu bedeuten? Wissen Sie es vielleicht nicht, daß Jesus vor einiger Zeit meinen Leib als Opfer für Ablötung und Buße entgegennahm? Ebenso meine Seele, damit sie keinen eigenen Willen mehr habe; mein Herz, damit es sich für Zeit und Ewigkeit aus Liebe verzehre? Darf ich, Pater, nach all dem mich noch beklagen, wenn ich mitten in großen Leiden bin? Sie befürchten dies. Doch nein, machen Sie schnell. Gestern war ich den ganzen 

Tag in großer Bestürzung. Vernehmen Sie den Grund: ich mutzte mit allen ausgehen. Ich weinte» als ich allein war, und sagte oft bei mir: „O Jesus» du weiht doch, dah ich so nicht mehr leben kann." Dieses Wort werde ich in einem Tage hundertmal wiederholt haben. Ich leide so sehr .... Segnen Sie mich.   Die arme Gemma.

 

49.       In der gleichen Sache.

Mein Pater — Es ist immer noch Jesus, der Mitleid mit mir hat und sich mit mir unterhält; je mehr ich ihn beleidige, mit um so größerer Freundlichkeit behandelt er mich. Gestern morgen, als ich Jesus nach der hl. Kommunion, wie ich es stets zu tun pflege, um die Gnade bat, er möge mich ins Kloster gehen lassen, antwortete er mir: „Weißt du denn nicht, meine Tochter, daß es noch ein seligeres Leben gibt als das im Kloster?" Mehr sagte er nicht zu mir. Ich dachte wiederholt darüber nach, was das für ein Leben sei, ich konnte es aber nicht herausbringen; ich sehne mich aber sehr danach, denn mein Geist ist immer darauf gerichtet. Ich möchte dieses Leben besitzen, und zwar bald. Ich bitte Jesus, er möge mich in jenes glücklichere Leben hinübergehen lassen; er will aber, ich solle den Beichtvater um Erlaubnis bitten. Hierüber weiß aber auch er nichts; aber heute abend will ich es ihm neuerdings sagen. Beten Sie recht sehr für mich und segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma.

 

dem Hause? ) Wenn es Ihnen gut scheint, wollen wir beten, damit Jesus noch etwas zuwartet. Mein gütiger Gott wartet schon so lange! Aber machen Sie schnell, sonst ... Ich sage es dem Beichtvater immer wieder, er möge mich ins Kloster tun. Denken auch Sie daran, warten Sie nicht länger, Pater, ich empfehle mich Ihnen. Es drängt mich, jeden Augenblick mich als Opfer darzubieten, und doch mutz ich beifügen: „Warte, Jesus!" Wissen Sie vielleicht nicht, datz zuletzt Sie, Sie selber meinem teuern Jesus das Angebot meines Lebens machen müssen? ) Ich weih nichts mehr zu sagen, ich merke nichts mehr, ich sage nichts mehr, weil ich nichts mehr weih. Ich bin allein, ganz allein, aber still und ruhig. . . . Jesus ist mit mir, ich merke es; aber, mein Gott . . .! Segnen Sie mich- Ich bin         die arme Gemma von Jesus.

Gebet.

Lieber Jesus, siehe mich zu deinen heiligsten Füßen, uin dir, teurer Jesus, jeden Augenblick meine Erkenntlichkeit und Dankbarkeit zu bekunden für die großen und ununterbrochenen Wohltaten, die du mir bereits erwiesen hast und noch erweisen willst. Wie oft habe ich dich angerufen, o Jesus, 

und du hast mich immer zufriedengestellt; oft habe ich zu dir Zuflucht genommen, und du hast mich immer getröstet! Wie soll ich mich dir gegenüber ausdrücken, teurer Jesus? Ich danke dir; ich will aber noch eine andere Gnade, o mein Gott, wenn es dir gefällt. Warte, o Jesus, warte noch zu; ich bin dein Schlachtopfer, aber warte noch; mein Leben ist in deinen Händen, doch warte noch zu; du, Jesus, kannst über mich verfügen, doch habe, wenn es dir gefällt, noch Geduld. In allem geschehe dein heiliger Wille!

 

52. Jesus sagt Gemma in einer Vision die

Gründung eines Klosters der Passionistinnen

zu Lucca in der feierlichsten Form und mit den

kleinsten Einzelheiten voraus.

Ich habe bis heute gewartet, weil ich immer glaubte, sie würden nach Lucca zurückkehren; ich hätte Ihnen so vieles zu sagen. Gestern endlich traf der schon seit lange abgeschickte Brief hier ein. Da habe ich es nun für gut befunden, mit Erlaubnis des Beichtvaters Ihnen zu schreiben. Gott hat es so zugelassen, vielleicht wird es besser sein; denn, um es gleich einzugestehen, fühlte ich großen Widerwillen, Ihnen das mündlich mitzuteilen, was ich jetzt niederschreibe. Selbst jetzt, da ich schreibe, bin ich bei Anführung gewisser Punkte wirklich immer noch bestürzt. Alleinder Gehorsam will es; also vorwärts I

Vor Ihrer Abreise fragten Sie mich, ob ich jeden Tag die drei Ave Maria für Sie gebetet hätte; bis jetzt habe ich sie mit der Hilfe Jesu noch nie vergessen. Am Freitagabend nun, ich hatte 

die drei Ave Maria noch kaum gebetet, sagte Jesus ^ El'     für wen hast du dieses Gebet

verrichtet?" „Für den Pater." „Hat er dir nMs gesagt von dem neuen Kloster, das gegründet werden soll?" „Nein; er selber hat gemeint, die Zeiten seien nicht darnach." Da sagte mir Jesus fast lächelnd: „Sage dem Pater, eher stürzten Himmel und Erde zusammen, als daß meine Worte nicht vollkommen in Erfüllung gingen. Sag ihm ferner, er solle, sobald es ihm sein Provinzial gestatte, nach Rom gehen und in meinem Aufträge dem Eeneralkonsultor sagen, er solle mit dem General selbst über diese Gründung, die bald erfolgen mutz, Rücksprache nehmen. Sie sollen bereit sein; denn du selbst wirst sie in Kenntnis sehen, wann sie das Werk zu beginnen haben. Diese Passionistenpatres werden sich mit dem Bischof ins Einvernehmen setzen. Hast du verstanden? (fragte er). Um alle zu vergewissern, mutzt du ihm sagen, datz ich es bin, der spricht und will, datz dieses alles geschehe inmitten des gewaltigen Krieges, den der höllische Feind dagegen anstiften wird. Der Kraftaufwand, der bei einigen infolge der Umtriebe Satans geringer wird, muh neuerdings auferstehen."

Nun habe ich endlich alles gesagt. Seien Sie so gut und sagen Sie den übrigen Patres, welche diesen Brief lesen werden, sie sollen dem Inhalte keinen Glauben schenken. ) Segnen Sie mich 

und . . - (Sie wissen schon, worum ich Sie noch bitte) beten Sie recht für die arme Gemma, die wenigstens ihre Seele retten will.

 

53. Neue Offenbarungen des Himmels bezüglich

der genannten Klostergründung.

Pater — Sie können nicht glauben, wie oft ich in diesen Tagen die Feder in die Hand nahm, um Ihnen zu schreiben. Es scheint mir, ich habe Ihnen so vieles zu sagen und doch verspüre ich gegen das Offenbaren dieser Dinge so großen Widerwillen, daß Sie es sich nicht vorzustellen vermögen. Wissen Sie, Pater, es sind schon mehr als zehn Tage her, daß ich, wie mir scheint, von Jesus den Auftrag bekommen habe, Ihnen die Mitteilung zu machen, welche ich hier niederschreibe; allein ich gehorche nicht einmal Jesus. Zunächst habe ich viele Seelen, die Jesu teuer sind, beten lassen, damit er mir vor allem die Kraft gebe, diese Zeilen an Sie zu richten, daß er sodann das Herz des Paters vorbereite (wenn es wirklich Jesus wäre), das heiligste Herz meines Jesu zufrieden zu stellen und ihm jene Genugtuung zu verschaffen, welche dieses Herz so sehr wünscht. Dann . . . Pater, Pater, jetzt wird mein Widerstreben so heftig, dah ich es nicht auszuhalten scheine. Ich komme gerade vom Beichtvater, der mir erlaubte, Ihnen frei und offen zu schreiben. Ich fühle es, mein Pater, wenn ich frei gesprochen und Ihnen alles gesagt habe, wird es mir besser sein. Haben Sie doch Mitleid mit mir I Tun Sie,

was Jesus Ihnen als bestes eingibt. Ich bin auf jeden Fall zufrieden. Es lebe Jesus I Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll, allein Jesus wird mir schon beistehen.

Schon seit einigen Tagen läßt Jesus nach der hl. Kommunion mich seine Gegenwart so stark fühlen, daß ich es fast nicht mehr aushalte und beinahe sterbe; er spricht auch von gewissen Sachen, die Jesus in seiner Güte mir zu verstehen geben wollte. Vor zehn Tagen stellte er gleich nach dem Empfang der hl. Kommunion diese Frage an mich: „Sag mir, Tochter, liebst du mich sehr?" O Pater, was sollte ich antworten? Das Herz gab ihm die Antwort darauf mit seinen Schlägen. Er fügte hinzu: „Wenn du mich liebst, wirst du tun, was ich von dir will?" Auch darauf antwortete mein heftig pochendes Herz und gab Kunde von dem Verlangen, das mich beseelt. „Meine Tochter, es ist ein sehr wichtiges Geschäft, du hast deinem Seelenführer große Dinge mitzuteilen. Er wird meinem Herzen jene schöne Genugtuung verschaffen, die ich wünsche." Dann war es mir, als ob Jesus so fortführe: „Meine Tochter", rief er seufzend aus, „wie viel Undank, welche Bosheit gibt es in der Welt. Die Sünder verharren in ihrer hartnäckigen Verstocktheit. Mein Vater will sie nicht länger ertragen. Die feigen und ermatteten Seelen tun sich keinerlei Gewalt an, ihr Fleisch zu überwinden. Die bedrückten Seelen geraten in Verwirrung und Verzweiflung. Die eifrigen Seelen werden nach und nach lau. Die Diener meines Heiligtums .... (Da hielt Jesus inne und fuhr nach einigen Minuten fort.) Ihnen habe ich aufgetragen, das schöne Werk der Erlösung fortzusehen. (Jesus schwieg abermals.) Auch sie kann mein Vater nicht mehr ertragen. Ich gebe ihnen stets Licht und Kraft; sie hingegen! . . . Sie, auf die ich immer mit Borliebe herabgesehen, die ich stets wie meinen Augapfel behütet. (Jesus schwieg und seufzte auf.) Von meinen Geschöpfen empfange ich nur Kälte und Undank, die Gleichgültigkeit wächst von Tag zu Tag, niemand nimmt es sich zu Herzen. Ich spende vom Himmel aus an einem fort allen Geschöpfen Gnaden und Eunsterweise; Licht und Leben der Kirche; Kraft und Stärke ihrem Leiter, Weisheit denen, die Erleuchtung bringen müssen den Seelen, welche in der Finsternis sind; Ausdauer und Tapferkeit den Seelen, die mir Nachfolgen sollen, Gnaden jeder Art allen Gerechten, auch den Sündern, die sich in ihren finstern Schlupfwinkeln verbergen; selbst dorthin sende ich mein Licht, selbst dort komme ich ihnen mit Liebe entgegen und tue alles, um sie zur Umkehr zu bewegen; sie hingegen! Was gewinne ich aber mit all dem? Welches Entgegenkommen finde ich bei meinen Geschöpfen, die ich so sehr geliebt habe? Beim Anblicke dessen, was ich sehe, fühle ich, wie mein Herz neuerdings zerrissen wird! (O Jesus! . . . Vorwärts, mein Pater!) Niemand kümmert sich mehr um meine Liebe; mein Herz ist vergessen; es ist gerade, wie wenn ich niemals Liebe zu ihnen gehabt hätte, als wenn ich nichts für sie gelitten hätte, als wenn ich allen unbekannt ge-

Weben wäre; mein Herz ist immer betrübt. Ich bleibe fast immer vereinsamt in der Kirche; viele, die dort sich einfinden, haben ganz andere Beweggründe; ich mutz sogar erdulden, daß die Kirche, meine Wohnung, in einenV ergnügungsraum umgewandelt wird ;ich kenne viele, die unter gleitznerischer Heuchelei an mir Verrat üben durch sakrilegische Kommunionen." Jesus wäre weiter gefahren, aber ich mutzte ausrufen: „Jesus, Jesus, ich halte es nicht mehr aus l Könnte ich ... l Jesus war tief bewegt, er hielt inne und begann hierauf ganz milde: „Tochter, ich habe Seelen notwendig, die mir vollen Trost bieten für den Schmerz, den mir viele Geschöpfe verursachen. Ich bedarf der Opfer, starkmütiger Opfer, Um den gerechten Zorn meines göttlichen Vaters im Himmel zu besänftigen» habe ich Seelen nötig, die durch ihre Leiden, Trübsale und Mühseligkeiten Ersatz bieten für die Sünder wie für die Undankbaren. Wenn ich es nur allen begreiflich machen könnte, wie erzürnt mein himmlischer Vater über die Welt ist! Er kann durch nichts mehr zurückgehalten werden. Er bereitet eben eine gewaltige Züchtigung für das ganze Menschengeschlecht vor. Wie oft habe ich versucht, ihn zu besänftigen. Der Anblick meines Kreuzes und meiner Leiden halten ihn nicht mehr zurück. ) Wie oft habe ich ihn zurückgehalten, in-

dem ich ihm eine Schar ihm teurer Seelen, edelmütiger Opfer, vorstellte. Ihre Buhwerke, ihre Mühsale, ihre heroischen Akte haben ihn zurückgehalten. Auch jetzt wieder habe ich, um ihn zu besänftigen» solche Seelen vorgestellt, aber länger geht es nicht mehr. Diese Seelen können einen vollen Ersatz nicht bieten, meine Tochter, ihre Zahl ist zu gering." Ich wagte die Frage: „Was sind das für Seelen?" Jesus erwiderte: „Die Töchter meiner Passion." Ich staunte etwas; ich glaubte, er meine die Lexolte vive, die noch verborgener leben als jene. Jesus aber fuhr fort: „Wenn du, meine Tochter, wüßtest, wie oft ich meinen Vater besänftigen konnte, indem ich chm diese vorstellte; allein jetzt sind ihrer wenige, sie können nicht mehr vollen Ersatz leisten." Ich schwieg. . . . Hierauf sagte Jesus: „Meine Tochter, schreibe sofort deinem Pater, er solle sich nach Rom begeben, mit dem Hl. Vater von diesem meinem Wunsche sprechen und ihm sagen, es drohe eine Züchtigung, ich bedürfe der Opfer. Mein himmlischer Vater ist gar sehr erzürnt. Ich versichere, wenn sie meinem Herzen die Genugtuung verschaffen, hier in Lucca ein Kloster der Passionistinnen zu gründen und dadurch die Zahl dieser Seelen zu vermehren, werde ich dasselbe meinem Vater darstellen und er wird sich beruhigen. Sage ihm, das seien meine Worte, das sei aber auch die letzte Mahnung, die ich allen erteile, nachdem ich nun meinen Willen tundgetan habe. Sage deinem Pater, er möge mir diese Genugtuung verschaffen."

 

J°!u^S-°n-n      d°t°r- ich Wetz, M

^e,us. segnen Sie mich. Lesen Sie alles mau durch und denken Sie an alles. Es ist eine wichtige Angelegenheit. Geben Sie mir den HI. Segen.

Die arme Gemma.

 

Q. 8. Es schien mir nicht, daß Jesus, als er vom neuen Kloster mit mir sprach, sagte, ich müsse auch dort sein; es scheint mir nicht; ja, wenn ich ihn darob befrage, antwortet er nicht und lächelt. . .*)

54. Gemma kommt auf dieselbe Angelegenheit

zurück.

In diesen Tagen ist mir etwas Eigentümliches begegnet. Während ich eines Tages betete, verlor ich die Besinnung und ich befand mich vor dem sel. Fra Gabriele, der mich fragte: „Gemma, hast du mir nichts zu sagen?" Gewiß, ich habe i- . manches zu fragen auch vom Beichtvater aus. Er möchte wissen bezüglich dieses Klosters, wer denn eigentlich das Werk zu beginnen habe, wer es ub- schlietzen soll und wie lange es noch gehe bis dahin.

Als ich dieses gesagt hatte, traten Personen vor mich hin, der sel. Fra Gabriele zeigte sie mir einzeln nacheinander; es waren deren sieben, drei

diesen letzten Worten ersieht man unschwer,

di- göttliche Vorsehung mit dieser aus- erwählten Seele getroffen hatte. 

davon kannte ich. ) „Wer sind diese da?" fragte ich. Er antwortete mir: „Es werden Passionistinnen sein. Sage deinem Beichtvater, er selber habe dieses große Werk zu beginnen; er möge sich mit Mut versehen, denn der Teufel steht bereit, die heftigsten Angriffe auf ihn zu machen. Doch, was bedeutet dies? Vorwärts . . .!" Nun schwieg er, dann ließ er mich eine junge Dame sehen und sagte: „Siehe her." (Ich blickte auf.) „Diese da wird das Werk zur Vollendung bringen müssen; kennst du sie?" „Nein". Da sagte er mir Name und Geschlecht, nannte auch die Stadt, wo sie geboren und herangewachsen war; dann verließ er mich, aber auch der sei. Fra Gabriele verschwand. Ich war indes nur wenig von all dem überzeugt; wohl dreimal nacheinander begegnete mir das gleiche; bei der letzten Erscheinung fügte Jesus bei: „Nach Verlauf von zwei Jahren wird man an einem Freitag beginnen." ) Geben Sie mir, bitte, Ihren Segen und beten Sie auch für

die arme Gemma. 

 

55. Gemma erkennt in einer Vision, daß sie

wegen ihrer Eigenschaft als Opfer auf den

Wunsch, Religiöse zu werden, verzichten mutz,

und leistet diesen Verzicht auch großmütig.

Pater — Alles ist zu Ende. Während der Mitternachtsmesse an Weihnachten, als der Priester bei der Opferung war, sah ich meinen Jesus, der mich dem ewigen Vater als Opfer darbrachte. Pater, er war ganz befriedigt, hielt mich umfangen, führte mich dann zu unserer Mutter Maria und stellte mich ihr mit den Worten vor: „Diese meine teure Tochter mußt du als eine Frucht meiner Passion betrachten." Beim Anhören dieser Worte merkte ich, wie meine Sinne schwanden, bald nachher empfing ich Jesus. Heute morgen habe ich dem Jesuskinde meine Gelübde wieder dargebracht. Ich habe es gebeten, es möge den Verzicht auf meinen Wunsch entgegennehmen und ihn mit seinen heiligen Leiden vereinigen. Ich habe auch darum gebetet, Jesus möge meine Liebe annehmen vereint mit der seines eigenen Herzens sowie mit jener seiner heiligsten Mutter. Ich möchte aber ein Geschenk: die Verzeihung aller Sünden. Ich erhoffe es. Ich brenne vor Verlangen, dich, o Jesus, zu sehen; doch überlasse ich mich ganz deinem Willen. Empfehlen Sie mich Jesus.                     Die arme Gemma.

antreten; dte bisherigen Eigentümer stellten ihnen die Schlüssel zu; es geschah dies wieder an einem Freitag. 

 

5«. Sie -ringt darauf» -atz man bald Hand an-

lege an die ersehnte Klostergründung.

Welche Gewalt mutz ich mir antun» wenn ich im Guten etwas voranschreiten will! Ich bin so schwach in den Tugenden, in den Fehlern aber bin ich eine unübertroffene Meisterin. Wenn Jesus mir hilft» will ich aber doch heilig werden; der Beichtvater will es auch, er wiederholt mir das immer. Nach länger als drei Monaten kam gestern abend mit Erlaubnis des Beichtvaters der sei. Fra Gabriele. Wenn Sie gesehen hätten, wie und mit welcher Kraft er sprach! Seine Augen glänzten wie zwei Lichter. Er sprach viel von der Klostergründung; wie beklagte er es, weil man lässig bleibt und nicht bedenkt, datz bald! ) Und doch wird es noch ein Jahr gehen, dann mützt ihr anfangen. ) Macht wie ihr wollt; Jesus denkt immer daran. Segnen Sie mich.         Die arme Gemma.

 

57. Der Gedanke an Jesus, das Opferlamm in

der Grotte zu Bethlehem, ermutigt sie an Weih-

nachten» den Wunsch» Religiöse zu werden, ihm

zum Opfer zu bringen.

Pater — Wenn Sie diesen Brief erhalten, wird das Jesuskind schon geboren sein. Wissen 

Sie, Pater, was ich mit Jesus tun möchte? Ich wollte es den Engeln gleichmachen,- da ich indes nicht dazu fähig bin, möchte ich ihm wenigstens die lebendigsten Beweise meiner Andacht darbringen; ich bitte unsere Mutter, sie möge Jesu, sobald er geboren, jene kleinen Dinge aufopfern, die er mir oft zukommen Iaht. Ich beklage mich immer und unaufhörlich; gleichwohl mache ich wieder den Vorsatz, mich nicht mehr zu beklagen. Wissen Sie warum? Heute nach der Kommunion dachte ich: Welch großer Schmerz mutzte es für Maria nach der Geburt Jesu sein zu denken, datz ihr Sohn später gekreuzigt werden müsse. Welcher Kummer mutzte ihr Herz bedrücken, welche Seufzer daraus aufsteigen; wie oft wird Maria geweint haben! Und doch beklagte sie sich niemals. Die arme Mutter! Als sie endlich mit eigenen Augen sah, wie er gekreuzigt wurde, da war die Schmerzensmutter gleichsam von vielen Pfeilen durchbohrt; denn ich weiß wohl, das Böse, das man einem Kinde in Gegenwart seines Vaters und seiner Mutter zufügt, trifft in gleicher Weise die Eltern wie das Kind. Somit wurde meine Mutter gewissermaßen mit Jesus gekreuzigt. Und doch kommt keine Klage über ihre Lippen. Nach diesen Erwägungen faßte ich den Vorsatz, mich über meine Lebensweise nicht zu beklagen. Diesen Vorsatz, Pater, hatte ich übrigens bereits gemacht und, um die Wahrheit zu sagen, hatte ich gerade das große Verlangen im Auge, das mich einst beseelte, das Verlangen, Religiöse zu werden. Ich spreche nicht weiter davon. Als der Beichtvater merkte, datz ich nicht mehr davon sprach, äutzerte er die Befürchtung, da könnte der Teufel etwas mit im Spiel sein. Jesus will, datz Sie daran denken, ihn zu beruhigen. Glauben Sie vielleicht, Pater, ich leide nicht dabei? Es ist das grötzte Opfer, das ich bringe. Bitten Sie Jesus, er möge Sie recht erleuchten. Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma.

 

58. In einer feierlichen Erscheinung legt ihr Maria das Verlangen nach einem besseren Kloster ins Herz und ladet sie in den Himmel ein.

Es lebe Jesus! Schelten Sie mich nicht» wenn ich etwas selten schreibe; es geschieht dies nicht aus Mangel an Vertrauen oder aus Widerwillen, oder weil es mir Mühe kostet, die Sachen anzugeben, sondern nur weil ich mich unwohl fühle und ich schlimmer daran bin als gewöhnlich; doch es lebe Jesus! Hören Sie, Pater; bevor Sie diesen Brief zu lesen beginnen, beten Sie, beten Sie recht sehr und mit Eifer. Ehe sie ihn lesen, müssen Sie von oben erleuchtet werden. Ich habe Ihnen etwas Merkwürdiges mitzuteilen. Es ist mir neuerdings etwas zugestotzen, was früher vorkam, datz ich nämlich sah . . . Glauben Sie, Pater, datz ich gewisse Dinge nicht mag, ich wünschte sie nicht, ich verzichte gerne auf alle Tröstungen Jesu, ich will sie gar nicht; Jesus ist der Mann der Schmerzen gewesen, ich will die Tochter der Schmerzen sein. . . . Schon seit lange befiehlt 

mir Jesus, an Sie zu schreiben; ich zögerte, aber heute morgen sagte er mir, wenn ich nicht sofort schreibe, werde er die Hände seiner Erbarmungen für immer verschließen; auf diese und andere Art hat er mich zum Schreiben aufgefordert. Es lebe Jesus! Pater, Jesus in seiner Güte fährt mit seinen Tröstungen fort, ja, um die Wahrheit zu sagen, er vermehrt dieselben noch. Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt geworden, was mir am Dienstag zustieß.

Ich lag zu Bette, schlief aber noch nicht; da schien es mir, als sehe ich eine schöne Dame auf mich zukommen; sie wollte mich sogar küssen. Ich schrie auf und rief die Tante; ich weiß nicht, ob sie kam; denn ich ward sofort meinen Sinnen entrückt, ich befand mich nicht mehr auf der Welt. . . Ich erhob sofort lebhaften Protest; da schaute meine himmlische Mutter mich an, lächelte und sprach: Liebe Tochter, welch angenehmes Opfer bietest du mir dar! ) Pater, verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht zu schnell nachgab, ich ließ eben meine Mutter machen. Sie nahm mich in ihre Arme; es war zum Sterben ... ja zum Sterben vor übergroßer Güte, die sie gegen mich hatte! Welche Liebkosungen! . . . Sie liebt mich so sehr. Sie sagte auch, sie sei gekommen, mein Sträußchen

entgegenzunehmen. Verstehen Sie! Sie fand mich so arm, so elend und mahnte mich zur Tugend, besonders zur Demut und zum Gehorsam. Sie sprach auch einige Worte, die ich nicht verstand: „Meine Tochter, bessere dich, vervollkommne dich im Geiste, und zwar bald." Was hierauf geschah, weih ich nicht; jenes „bald" setzte mein Herz so gewaltig in Bewegung, daß meine Mutter mir ihre schöne Hand darauf legte; ich konnte nicht sprechen, bat sie aber innerlich um die Antwort, auch öffnete ich die Augen und fragte sie mit denselben. „Sag deinem Pater, wenn er nicht an dich denkt, so führe ich dich bald in den Himmel ein." Sie küßte mich und sagte: „Wenn nicht, so werden wir bald, viel bälder als er selbst glaubt» beisammen sein." Sie verließ mich; meine Seele schwamm in Freude. O Pater, wie kommt einem nach solchen Augenblicken die Welt noch vor! Ich weiß nicht, ob Sie es erfahren haben. Ich bat sie sehr, sie möge mir noch etwas Gesundheit, noch eine weitere Frist zu leben verleihen; sie versprach es mir und wiederholte die Worte: „Sag deinem Pater, ich erfülle deine Bitte; wenn er aber nicht an dich denkt, so hole ich dich ab und führe dich zu mir."*)

Beten Sie, Pater; haben Sie verstanden? Ich lebe unter fortwährendem Leiden, aber in Frieden

und Ruhe. Ich bitte jetzt nicht mehr darum, ms Kloster zu gehen, wenn etwas Besseres als das Kloster mich erwartet. Ich erbat mir von der lieben Mutter ein Zeichen, woran ich erkennen könnte, daß sie wirklich die Mutter Gottes sei. Sie sagte mir darauf: „Ich schenke dir die Gesundheit wieder, tue es ihm zu wissen!" Pater, achten Sie wohl auf das, was Sie lesen. Ich hoffe, Jesus wird Sie alles verstehen lassen. Ich habe auch dem Beichtvater Mitteilung hiervon gemacht, er trug mir auf, alles Ihnen zu schreiben, er empfahl mir auch beruhigt zu leben, sonst fügte er nichts bei. Seien Sie außer Sorge, es geht mir besser. Jesus hat mir unter den von der himmlischen Mutter genannten Bedingungen das Leben für eine weitere Frist geschenkt. Segnen Sie mich.    Die arme Gemma.

 

58.       Aus Furcht, ihr Geist könnte von Gott abgezogen werden, macht sie Schwierigkeiten dagegen, mit den andern Hausgenossen ehrbaren Schauspielen beizuwohnen.

Pater — Hören Sie einmal. Heute abend sollte ich aus Gehorsam gegen die Tante und meine Schwester mit ihnen gewisse Theateraufführungen oder Unterhaltungen besuchen. Ich will aber nicht hingehen, verstehen Sie? Ich will immer bei meinem Jesus bleiben; das war auch damals der Fall, aber jetzt habe ich doch eine Menge Gedanken im Kopfe. Mein Engel war nicht zufrieden, darum ist er auch nicht gekommen. Haben Sie

verstanden? Ich will nicht mehr hingehen, denken Sie daran. Heute abend habe ich gehorcht, muhte aber im Herzen Vorwürfe anhören. Sie müssen morgen bei der HI. Messe Jesus sagen, er solle mich fest in sein Herz einschliehen, denn darin werde ich nichts mehr sehen, hören, denken, nichts mehr wahrhaft lieben als ihn. Ja, sie müssen Jesus sagen, er selbst möge meinem Herzen befehlen, ihm Liebe für Liebe entgegenzubringen. Jetzt will ich Ihnen noch etwas Eigentümliches mitteilen. Heute morgen befahl mir die Tante, einen langen Brief an einen entfernten Verwandten zu schreiben; ich machte mich an die Aufgabe, nahm die Feder zur Hand, konnte aber weiter nichts machen. Wissen Sie warum? Es ist nutzlos: Jesus will, dah ich nichts zustande bringe, denn mein Geist soll sich einzig mit ihm beschäftigen. Segnen Sie mich und beten Sie für

die arme Gemma von Jesus.

 

59.       Da sie immer neue Siege über sich selbst davon tragen will, sucht sie um Erlaubnis nach» Gott zu bitten» er möge ihr für immer jeden natürlichen Geschmack des Gaumens nehmen; auch ihre anderen Neigungen will sie gsnzlich abtöten.

Mein Pater — Sie haben mir im Gehorsam aufgetragen, gesund zu sein; nun will ich Ihnen etwas sagen. Jesus wird, ich hoffe das zuversichtlich, mich gehorchen lassen; ja, ich bin gewih, dah ich mit Ende des Monats jegliche Speise behalten 

kann. ) Seit langem schon ist es mir, als bewege er mich, Sie um eine Gunst zu bitten. Ich werde mich genau an Ihre Weisungen halten; Sie werden aber selbst sehen, datz es nichts Böses ist, wenn Sie es mir gestatten. Sie werden zwar eine Menge Entschuldigungen oder Ausflüchte Vorbringen: ich sei abgemagert, die Sache sei nicht notwendig; allein das alles gilt einfach nicht. ) Vernehmen Sie also: Sind Sie einverstanden, datz ich Jesus um die Gnade bitte, datz ich für mein ganzes Leben keinen Geschmack mehr verspüre an den Speisen? Wissen Sie, Pater, diese Gnade ist für mich notwendig. Ich hoffe auch, Jesus werde sie mir gewähren. Ich bin in jedem Fall zufrieden. Denken Sie daran. ) Pater, beruhigen Sie sich; ich möchte noch eine andere Erlaubnis von Ihnen. Sie sind so gütig, datz Sie mir dieselbe sofort gewähren, wenn Jesus Sie etwas dazu anregt.

Ich möchte Jesus das Versprechen oblegen, in nichts mehr Trost zu suchen. Seien Sie außer Sorge. Pater, ich werde mich zu mäßigen wissen; glauben Sie ja nicht, daß ich mir Ausschreitungen zu Schulden kommen lasse. Verstehen Sie mich aber wohl, ich suche bei nichts, aber auch bei gar nichts mehr Trost, ich will gar nichts ausgenommen haben. Schließlich sind es zwei ganz belanglose Dinge, um die ich nachsuche, es ist kein Übel zu befürchten, wenn Sie Ihre Einwilligung dazu geben. Ich bin indes in jedem Fall zufrieden. Beten Sie doch recht für mich; denn ich fürchte, Jesus nicht treu zu sein. Verrichten Sie besondere Gebete in dieser Absicht. Pater, segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

60.       Sie kommt auf die nämliche Angelegenheit zurück.

Heute morgen haben wir mit Jesus den Der» trag wegen der Speisen geschlossen. Es ist alles in Ordnung, Pater; den Geschmack empfinde ich nicht mehr; Jesus läßt mich auch die Speisen behalten; doch muß ich äußerste Diät beobachten, das merke ich schon; esse ich mehr, dann geht es wie früher, nehme ich weniger zu mir, dann kann ich die Speisen behalten. Heute morgen haben wir auch von meiner Gesundheit gesprochen; in Ihrem Namen, Pater, habe ich Jesus gebeten, er möge mich gesund machen und etwas zu Kräften kommen lassen. Hören Sie nun auch die Antwort: „Sage deinem Pater, dieses eine Mal werde ich es tun 

für ganz kurze Zeit." ) Ich verstehe da nichts. Schreiben Sie mir etwas darüber, Pater; welche Ruhe empfinde ich über die Worte Jesu, es beseelt mich ein Vertrauen, wie ich es nie, auch nicht in den ersten Zeiten besessen habe. Bezüglich der andern Erlaubnis, lebe Jesus . . .! Wie sehnlich wartete ich auf Ihren Brief, um gleich zu beginnen, dann aber . . . Ich werde nichts tun in der Sache, seien Sie versichert. Es kostete mich einen gewaltigen Kampf, wissen Sie, Pater! Ich fühlte das Verlangen danach, der Beichtvater gab seine Zustimmung; aber Jesus, wie rasch hat er die Sache abgemacht. Ich bin ruhig und warte auf Ihre Weisung. Segnen Sie mich immer und beten Sie für            die arme Gemma.

 

61.       Es ist ihr nicht recht, daß sie eine ohne ihr Vorwissen angefertigte Photographie von ihr weggenommen und verborgen hat.

Pater — Verzeihen Sie mir; ich habe wieder ein Stücklein geliefert. Das Bild, das Sie aus Rom zusenden liehen, ist in meinen Händen (im Hause verborgen). Nachdem es angekommen, verbargen sie es; ich suchte es überall, konnte es aber nirgends entdecken; nach tausend Fragen, die ich an die gute Tante Cecilia stellte, erfuhr ich endlich, datz es sich im Zimmer Euphemias befand. Ich wollte es doch nicht so recht glauben. Als ich sicher 

war. von niemand gesehen zu werden, eilte ich auf Euphemias Zimmer, nahm das Bild weg und versteckte es im Wohnzimmer hinter einer Wand des Sofas. Jenen Abend und den folgenden Tag merkte niemand das Fehlen des Bildes; als man aber danach suchte, wurde es nirgends gefunden. An mich stellten sie folgende Frage (Pater, Jesus half mir, datz ich keine Lüge sagte): „Gemma, nicht wahr, du hast die Photographie nicht weggenommen?" Ich erwiderte: „Was zerbrecht ihr euch den Lopf damit, latzt sie doch, wo sie ist, was wollt ihr anfangen damit? Jesus macht alles recht; hättet ihr am Bilde ein gutes Beispiel nehmen können, dann würde er es euch gelassen haben; allein bei einer unschönen, ärgerniserregenden Figur, die eine euch allen bekannte Person darstellte» ist es gut, datz mit dem entseelten Leib auch alles andere weggeschafft werde." So verhielt ich mich, als die Tante mich fragte, was etwa zweimal geschehen sein mag. Ich habe dann gebeichtet und nicht ohne Überwindung alles gesagt. Er, der Beichtvater, hat mir dann aufgetragen, sofort an Sie zu schreiben, um zu wissen, was ich tun müsse. Befehlen Sie also, Pater» verzeihen Sie mir, ich werde die Photographie an ihren alten Platz verbringen. Mein Pater, ich habe nicht die Absicht. Gott, Ihnen und den anderen zu mißfallen; glauben Sie mir das? Schreiben Sie bald. Ich richte mich ganz nach Ihrem Willen. Segnen

Sie mich. 

 

62.       In gleicher Angelegenheit.

Pater — Es sind schon viele Tage her, daß ich Ihnen schreiben wollte; ich tat es aber nicht; denn wenn ich schriebe, würde ich Sie an alle von mir begangenen Fehler und Bosheiten erinnern. Das jüngste Vorkommnis, wodurch ich bei Jesus und auch bei Ihnen Mißfallen erregte, hat mir Jesus vergeben; Sie noch nicht? Warum doch? Verzeihen Sie mir. Jene famose Figur, die etliche Tage verschwunden war, ist wieder auf ihren Posten zurückgekehrt. Verzeihen Sie mir, es soll der letzte Streich sein, den ich begangen habe. Ich bleibe

die arme Gemma.

 

63.       Sie fühlt sich im Herzen so frei von den irdischen Dingen, daß sie keine derselben mehr entdeckt» von denen sie sich losschälen müßte.

Mein Pater — Hören Sie; so oft ich einen Brief von Ihnen erwarte, frage ich Jesus darnach und er sagt zu mir: „Er trifft bald ein." Als ich das letzte Mal den Brief bekam, beeilte ich mich, dies Jesus zu sagen. Da fragte er mich: „Sagt er dir nichts?" „Doch; er empfiehlt mir immer demütig und losgeschält zu sein." Aber, mein guter Pater, Sie fügen Ären Worten nie eine Erklärung bei. Daß ich demütig sein soll, sagt mir auch der Beichtvater; die Mahnung, losgeschält zu sein, verstehe ich nicht recht; ich besitze doch nichts mehr, ich weiß dabei nicht, wovon ich mich losmachen sollte. Ich besitze nur dich, mein 

Jesus. Wissen Sie aber Pater, wo Jesus ansetzte? „Sag mir einmal, meine Tochter, hängst du nicht zu sehr an jener Reliquie des sei. Gabriel?" Ich war mehr als erstaunt und wollte mich beklagen. „Aber, Jesus, es ist eine kostbare Reliquie!" Bei diesen Worten kamen mir fast die Tränen. Darauf sprach Jesus etwas ernst: „Tochter, Jesus sagt dir es, das genügt!" Es ist auch wahr, Pater, Jesus hatte ganz recht. Schw. Maria erbat sich die Reliquie, um sie den Klosterfrauen zu zeigen; als ich sie ihr gegeben hatte, da weinte ich, weil ich sie immer bei mir haben will. Aber Jesus, Jesus, wo setzt er doch an, mein Pater! Beten Sie immer für          die arme Gemma.

 

64.       In der Freude des Geistes begeht sie den Jahrestag ihrer ersten hl. Kommunion.*)

Pater, ich weih nicht, ob es Ihnen bekannt ist, dah das Herz Jesufest auch der Tag meines Festes ist. Gestern, Pater, verlebte ich einen Tag des Himmels; ich war immer bei Jesus, sprach nur von Jesus, war glücklich mit Jesus und weinte vor Jesus. Die innere Sammlung bewirkte, dah ich noch mehr als sonst mit meinem lieben Jesus vereinigt blieb. Aber auch meine Freude war noch gröher, als Jesus mir am Abend den Segen erteilte. Ich hörte die Worte wiederholen: „Teuerste Tochter, heute bin ich zufrieden mit dir." „O

») Am Stile dieses Briefes kann man unschwer er- kennen, dah Gemma in der Ekstase ihn geschrieben hat. 

 

Jesus, könnte ich dich immer zufrieden stellen!" erwiderte ich und rief mit der ganzen Kraft meines Herzens: „O ihr frostigen Gedanken an die Welt, entfernt euch von mir, ich will immer mit Jesus vereint bleiben, und zwar mit Jesus allein."

Erbarmungsvoller Jesus! Er schämt sich nicht, diesen elenden Leib heimzusuchen! Wenn mein teurer Jesus voll Zärtlichkeit mir sagt, daß er seine volle Freude daran habe, sich mit mir zu unterhalten, dann sage ich zu ihm: „Worauf gründet sich denn diese deine Freude? Du hast ja eine Seele vor dir, die schon tausendmal sich dir widersetzt hat; die ebenso oft dich, Jesus, beleidigt, ja sogar . . . entehrt hat; eine erbärmliche Seele, die oft genug ihre schlimmen Launen und hinfällige Geschöpfe dieser elenden Welt dir vorgezogen hat. Mein Jesus, erträgst du mich noch? Je mehr ich an meine llnwürdigkeit denke, desto verwirrter werde ich; ich finde keine Ruhe, wenn ich nicht hineile zu deiner unendlichen Barmherzigkeit, mein liebevollster Jesus!

Pater, wohin ist mein Gedanke nur geraten? O schöner Tag der ersten hl. Kommunion! Gestern, am Feste des heiligsten Herzens Jesu, verkostete ich neuerdings die Wonne des schönen Tages meiner ersten hl. Kommunion. Gestern genoh ich wiederum Himmelsfreuden. . . . Doch was will es heißen, sie nur für einen Tag genießen, da wir sie später auf immer verkosten werden. Der Tag meiner ersten hl. Kommunion war, ich darf es schon sagen, der Tag, an dem mein Herz am meisten von der 

Liebe zu Jesus entzündet war. Wie glücklich war ich, als ich, Jesus im Herzen tragend, ausrufen konnte: O mein Gott, dein Herz gleicht dem Einigen, was dich beseligt, kann nun auch mich beseligen! Was fehlte mir damals zum wahren Glück? Nichts. Ich verglich sodann den Frieden des Herzens, den ich am Tage meiner ersten Kommunion verkostet, mit dem Frieden, welchen mein Herz jetzt verspürt, und ich fand keinen Unterschied.

Allein, Pater, nicht alle Tage geht es so. Ich verlebe Tage, wo ich mich meiner selbst schäme. Wie oft habe ich den trügerischen Hoffnungen der Welt mich hingegeben, die ein Paradies der Wonne vor mein Auge hinzauberten, die aber nur Qual in meinem Herzen zurückgelassen haben! Aber Jesus möge schnellen Prozeß machen, er nehme mein Herz für sich in Besitz, wenn er nicht will, dah ich durch meine Sünden es ihm bald wieder entwende. O mein Gott, ich möchte aus allen meinen schlimmen Neigungen ein Bündelchen machen und es dir darreichen, auf daß du durch das Feuer deiner Liebe sie verbrennest und vernichtest. Wenn ich aber, o mein Gott, noch nicht auf einmal dazu fähig bin, so erachte ich es doch als meine Aufgabe, allen meinen Leidenschaften den Krieg zu erklären; ich verspreche dir, mich nicht deinem hl. Tische zu nähern, wenn ich nicht vorher den Sieg über mich selbst davon getragen habe. Mer der Gehorsam! Der Gehorsam will, datz ich jeden Tag zur hl. Kommunion gehe. 

Pater, lesen Sie diesen Brief, beten Sie für mich und geben Sie mir recht oft den hl. Segen.

Die arme Gemma.

 

65.       Bei der Erinnerung an die vom Himmel empfangenen Wohltaten stimmt sie einen Dankeshymnus an.

Mein Pater — Es lebe Jesus! Es ist gerade ein Augenblick, wo ich diese Worte mit mehr Innigkeit auszudrücken vermag. Es lebe der verborgene Jesus! Was wäre aus mir geworden, wenn Jesus nicht daran gedacht hätte, mich aufzusuchen? Es lebe die unendliche Erbarmung Jesu gegen mich! Wie oft habe ich Jesus gesucht, ohne mich aber gänzlich von allem übrigen loszuschälen! Wie oft hätte ich gewünscht ihn zu lieben, liebte aber niemals ihn allein! Wie oft endlich ist Jesus gekommen, hat sich aber entfernen müssen, weil ich etwas Unbedeutendes, dessen Schein mich blendete, ihm vorzog! Doch von nun an soll es anders werden, von jetzt an heißt es Jesus allein! Segnen Sie mich. Ich bleibe

die arme Gemma von Jesus allein.

 

66.       Sie bekundet ihr Glück, ganz und ungeteilt

Jesus anzugehören.

Vor wenigen Augenblicken habe ich Jesus empfangen. Welch großes, schönes Glück, mein Pater! Ich, die ein ganz anderes Los verdiente, befinde mich jeden Morgen von Engeln und Heiligen umgeben und dauernd aufs innigste mit 

dr vereinigt! Wie gut ist doch Jesus gegen mich und wie erbarmungsvoll! Noch bewahre ich ihn in mir; ich bin ganz in ihm und er ist ganz in mir. Allein meine Wohnung ist allzu ärmlich, um Jesus zu beherbergen. Doch Jesus macht sie selber reich und groß. Erbarmungsvoller Jesus! Was werde ich auf dieser Erde noch lieben, jetzt da ich Jesus besitze? Welt, Geschöpfe, ich kann euch wirklich nicht mehr lieben! Ich lebe noch auf dieser Welt, aber ich komme mir wie ein Fremdling vor, da mein Gedanke sich nie von meinem Jesus entfernt. Segnen Sie mich recht sehr.

Die arme Gemma von Jesus.

 

67.       Sie zeigt den Tod jener Schwester an, welche die innigste Vertraute ihres Herzens war.

Pater! Giulia ist gestorben; beten Sie doch recht sehr für sie. Jesus ist Stärke und Mut, er verfehlte nicht, mich zu ermutigen. Es lebe Jesus! Segnen Sie mich.        Die arme Gemma.

 

68.       Sie erklärt das Geheimnis ihrer innigsten Liebe zu ihrer Adoptivmutter, Tante Cecilia.

Heute, Pater, muh ich allein bleiben. Tante Cecilia ist nach S. Paul gegangen; ich dachte gleich, wenn mir etwas zugestohen wäre in ihrer Abwesenheit, was hätte ich gemacht? ) Glauben Sie

aber nicht, Pater, daß da von einer Anhänglichkeit im eigentlichen Sinne die Rede ist; ich habe das auch schon meiner Adoptivmutter gesagt. Fragt sie z. B. etwa: „Was tue ich denn für dich?" so antworte ich: „Müßte ich nicht denken, es könnte mir etwas zustoßen, wäre ich ferner sicher, daß mir die Sinne nicht schwinden, so brächte ich, wäre es der Wille Jesu, das Opfer, nicht einmal Sie mehr zu wollen." Allein der Gedanke, mit andern Personen verkehren zu müssen, meine Sinne schwinden zu sehen, ist für mich so peinlich und schmerzvoll, er hat mich eine so innige Neigung zu ihr fassen lassen. Ich bin so glücklich, wenn ich mich ganz allein in den Armen meiner lieben Mutter befinde. Was ist es nur, mein Pater? Wenn ich eine Vorliebe hatte gegen irgend ein Geschöpf, so hat mir Jesus sonst immer Vorwürfe gemacht, wegen der Mutter (Tante Cecilia) ist das nicht der Fall. Ist es sein Wille? Bitten Sie Jesus, er solle es Ihnen erklären! Segnen Sie mich immer.     Die arme Gemma.

 

69.       Ihre demütige Gesinnung.

Mein Pater — Ihren Brief habe ich soeben gelesen. ) Mein Gott, habe Erbarmen mit mir,

deiner undankbaren und treulosen Tochter. Es ist wahr, leider nur zu wahr, daß der Hochmut in mir sitzt. Hören Sie, Pater; kaum hatte ich das Wort Hochmut" gelesen, als der Teufel sofort sich desselben bediente, um mich beinahe in Verzweiflung zu stürzen; etwa eine Stunde lang stand es recht schlimm um mich. Als ich es nicht mehr auszuhalten vermochte, eilte ich zum Kruzifix, warf mich davor auf die Erde nieder und bat so wiederholt um Vergebung; ja ich flehte darum, er möge mich zu seinen Fützen sterben lassen, er hat es aber nicht getan. Bald darauf kehrte bei mir die Ruhe zurück. Mein armer Jesus, was füge ich dir zu! Ich habe auch geweint, weil ich so lebendige Reue empfand; jetzt aber während ich das schreibe, weine ich auch aus Liebe, weil mein Jesus in seiner unendlichen Barmherzigkeit mir Verzeihung gewährt. Wohin komme ich, wenn es so weiter geht mit mir? Kommen Sie doch, eilen Sie herbei und entfernen Sie meinen Kopf; wenn nicht, so schreiben Sie, datz man ihn von meinem Leibe trenne, ich bin bereit; aber ich will es nicht mehr tun. Jesus hat mir heute morgen verziehen und ist nicht mehr erzürnt. Jetzt bleiben noch Sie übrig. Auch Sie bitte ich um Verzeihung; Sie werden sehen, datz ich es nicht mehr tun werde. Ich werde stets gehorchen. Jener Brief sagte die Wahrheit; ich danke Ihnen auf den Knien dafür. Doch weshalb sich beunruhigen? Wissen Sie nicht, datz ich einen harten Kopf habe und wenig verstehe? Wohlan denn, verzeihen Sie mir; ich werde Sie nie, nie 

mehr beunruhigen. Wenn Sie mir nicht schreiben, spreche ich in Rücksicht auf dieses Opfer das liat aus!

Für Serafina ) tue ich, was ich nur zu tun verstehe; Sie wissen indes, daß ich nichts verstehe; ich bete; aber was nützt mein schwaches Gebet? Was Sie mir in Ihrem großen Briefe sagten, habe ich leider unbeachtet gelassen; aber fürderhin soll das nicht mehr Vorkommen. Ich will brav sein und gehorchen. Wenn Sie wüßten, welche Angst ich hatte. Als ich heute morgen den Brief las, sagte ich bei mir: „Mein Jesus, es ist nur gut, daß ich hier bin; wäre ich dort, ) wer weiß, wie ich mich fürchten müßte (vor der Gegenwart des Paters), und ich stellte mir Sie vor: ganz ernst und streng.

Die Betrachtung mache ich jeden Tag, so gut ich es eben zuwege bringe; ich bleibe immer bei der Leidensgeschichte des Herrn. Glauben Sie mir nur, ich will brav sein. Werde ich etwa fortfahren Jesus zu beleidigen und ihm neue Qualen bereiten? Nein, nein! Welches Leid werde ich Jesus durch jene Gedanken des Stolzes zugefügt haben! Welches Martyrium für das Herz meines Jesus! Sagen Sie Jesus, er solle doch Mitleid haben mir mir, mit meiner armen Seele, die, statt daß sie brav wäre, vor seinen Augen angefüllt ist mit Bosheit, Tücke und Hochmut. Allein Jesus, der mir die Gnade gegeben, diese häßliche Sünde zu erkennen, wird mir auch die Gnade der Besserung verleihen. Ich zittere und habe Angst, Jesus werde mich strafen, weil ich ihn beleidigt habe. Wissen Sie, welche Strafe ich fürchte, die ich zwar verdient hätte? Dazu verurteilt zu sein, daß ich ihn, meinen Jesus, nicht mehr lieben darf. Doch nein, Jesus; wähle für mich andere Strafen, doch diese nicht. Mein Pater, wenn Sie noch immer Hochmut an mir bemerken, so verlieren Sie keine Zeit, töten Sie mich. Tun Sie alles, doch nehmen Sie mir den Hochmut, entfernen Sie ihn schnell von mir. Melden Sie der Serafina, daß sie sogleich zu beten beginne; lassen Sie auch andere Seelen für mich beten. Ich bin in Angst. . . . Die hochmütigen Seelen weist Jesus von sich. Möge doch dieses mir nicht widerfahren, Gott der Erbarmung, liebreichster Jesus!

Segnen Sie mich und beten Sie recht sehr für die arme, unwürdige Tochter

Gemma von Jesus.

 

70.       Beim Anblick ihrer Sünden*) wächst ihre Bestürzung gewaltig.

Ach, Pater! Herr, habe Erbarmen mit meinem gegen dich erstarrten Herzen, dessen Gleichgültigkeit dich oft im Tage beleidigt. Mein Pater, meine 

Seele bedarf gerade in diesen Tagen gar sehr des Gebets. Der böse Feind hat sich an den Hochmut angeklammert. Ich wiederhole jeden Augenblick bei mir selber: „Meine Seele, hochmütige Seele, hast du das Herz deines Jesu noch nicht genug beleidigt? Verdemütige dich vor ihm und ertrage deine Schande . . . O Pater, stellen wir mitsammen eine Betrachtung an: Sie kennen mich bereits; besitze ich vielleicht die Verdienste, um jeden Tag Jesus zu empfangen? Nein, nein; tausendmal schon habe ich Jesus verkannt, mich von ihm abgewendet, wenn er mich rief; Erbarmen also, nicht für die andern, sondern für mich selber! Pater, bitten Sie doch immer wieder Jesus um Barmherzigkeit für meine Seele. Ich bat Jesus um Verzeihung meiner Sünden; sagen Sie ihm, um meine Schuld abzutragen, werden mir tausend Schmerzen am Leib und an der Seele nicht zu schwer Vorkommen. O mein Gott, die Strafe wird nie so schrecklich ausfallen, wie ich es verdiene! Strafe mich immerhin, aber nimm mir die Last meiner zahlreichen Sünden ab; denn diese Last bedrückt, zermalmt mich. O Jesus, ich verabscheue meine begangenen Sünden, befreie mich davon für immer! Erhöre mich, Jesus, jeden Augenblick bitte ich um Verzeihung; nimm meine aufrichtige Reue entgegen. Und denken müssen, daß ich vielmals die Kühnheit hatte, die Fehler anderer vor dir zu besprechen! Wehe mir, wenn ich auch bloß eine Minute meine Verschuldungen, meine eigenen Sünden aus dem Auge verlieren würde! Jesus,

demütige meinen Stolz . . .! O Pater, wie erhaben zeigt sich doch die Liebe beim Verzeihen, nicht wahr?

Mer diesen Punkt vermag ich kaum eine Erklärung zu geben; Sie werden mich aber verstehen, dessen bin ich sicher. Pater, Jesus ist ein Liebhaber, dem man nicht widerstehen kann, den man lieben mutz. Die Barmherzigkeit Jesu erfaßt mich in diesem Augenblicke mit voller Gewalt. Wie soll ich es ankehren, um Jesus nicht aus ganzer Seele; mit ganzem Herzen zu lieben? Wie sollte ich nicht sehnlichst verlangen, ganz in ihn ausgenommen, in seiner hl. Liebe verzehrt zu werden? Welchen Ekel empfinde ich vor mir selbst! Wenn ich früher ein wahrhaft reines Leben geführt hätte, wenn ich bescheiden gewesen wäre, wenn ich die Gedanken ausgeschlagen hätte, wenn ich behutsam mich vor dem Bösen bewahrt hätte: dann würde der Teufel mir jetzt nicht einen solchen Krieg erregen; nicht wahr? Wenn ich doch wenigstens eine meiner Schuld entsprechende Reue hätte! O mein Gott, gib sie mir, diese wahre Reue, durchbohre mein Herz mit grotzem Schmerz; — nimm mein Leben hin, aber mache rein meine Seele. Es lebe Jesus! Segnen Sie mich!       Gemma.

 

71.       Sie verdemüttgt sich beim Gedanken an die tägliche Kommunion, die sie ohne Frucht zu empfangen vermeint.

Da bin ich wieder bei Ihnen. Beten Sie doch recht, mein Pater, damit Jesus Sie mit dem 

wahren Lichte erleuchte. Ich werde Ihnen gar nichts verschweigen: ich will tun, wie Sie es mir auftragen; ich will brav, gelehrig sein, helfen Sie mir dabei. Mit jedem Tag bin ich mehr auf Ihre Hilfe angewiesen. Lassen Sie auch für mich beten. Pater, ist Jesus zufrieden mit meiner Seele? Ich bin immer mit ihm vereinigt. Teurer Jesus, du bist mein Alles auf dieser elenden Welt. Was mir etwas zu denken gibt, ist die tägliche Kommunion: jenes Engelsbrot hat meiner Seele nicht alle Güter mitgeteilt, die es manchen Seelen im Überfluß gespendet hat. Die Ursache davon habe ich erkannt; es kommt daher, weil meine wenigen Tugenden schwach sind und ich mich ohne Verdienst Jesu nähere. Helfen Sie mir doch, Pater; ich könnte heute schon weit größere Fortschritte gemacht haben; statt dessen bin ich zurückgekommen, zum Nachteil für meine arme Seele. Diese Lauheit habe ich heute morgen entdeckt. Ich will mich aber bessern. Glauben Sie es, Pater, manchmal zittere ich und ich werde schamrot, wenn ich daran denke, daß ich so unrein zum Empfang meines Jesu hinzutrete, der die wesenhafte Reinheit ist. . . . Das ist gewiß der Grund, weshalb ich am Feuer meines Jesu immer kalt bleibe. Allein Jesus, mein teurer Jesus, liebt mich auch so, beständig läßt er meine Seele seine Gegenwart fühlen. Ich habe nur eine gute Eigenschaft, Pater; es ist der gute Wille; diesen glaube ich zu bemerken. Da mir Jesus sagt, daß derselbe von großem Nutzen sei für alle, die arm und schwach sind wie ich, so hoffe ich, daß er in den Augen dessen angenehm sei, der groß und erhaben ist wie Jesus. Mctio. Pater! Segnen Sie

die arme Gemma.

 

73.       Sie demütigt sich wegen der liebevollen Behandlung, die ihr die Wohltäter angedeihen lassen.

Jene Dame fragt an, ob Sie nicht ein Büchlein vom 8. OvlleFio senden wollten. Ich selber rede nie vom 8. LolleZio mit ihr; ich ziehe mich zurück; denn wüßte jemand, daß ich dazu gehörte, so würde er sich ärgern daran. Hier kennt man mich eben, dort vielleicht noch nicht. Ich möchte mit Ihnen so vieles von diesem 8. LvIleZio sprechen. Ich bitte Jesus um Geduld, aber nicht für mich, sondern für die Tante hier, denn schließlich braucht sie doch solche. Pater, ich will durchaus nichts von dem, was sie mir erweisen. Wenn Sie sehen könnten! Jetzt läßt sie mir sogar das Bett erwärmen. Mir tut man so etwas, die ich eine ganz andere Behandlung verdiente! Auch sonst tut man mir so vieles zuliebe; und doch kommt nicht ein Wort des Dankes über meine Lippen. Wenn ich ihnen wenigstens durch mein armseliges Gebet nützen könnte! Dies hoffe ich, wissen Sie! Wie ich Ihnen bereits schon andere Male gesagt habe, wollte ich, daß sie mich wie die geringste Magd (bei den Kleinen im Hause) behandelten. Segnen Sie mich, Pater, und beten Sie für mich.

Die arme Gemma. 

 

74.       Sie demütigt sich inmitten der Versuchungen, durch die sie vom bösen Feind gequält wird.

Mein Pater — Ich merke es gar wohl und fühle es oft, datz ich stark unter dem Druck des bösen Feindes leide. Ich bin aber überzeugt, ich möchte wirklich keine Sünden begehen; jetzt und immer will ich lieber sterben, als eine einzige Sünde tun. Ich bitte Jesus und beteure ihm, datz ich lieber auf immer erblinde, als datz ich ihn auch nur durch eine läßliche Sünde beleidigte; ja, eher wollte ich jeden Sinn meines armen Leibes verlieren, als mit ihm sündigen. Ich habe mich bei Jesus darüber beklagt, datz er gewisse Dinge zulasse, er aber belehrte mich: „Ich selber lasse das zu, damit alle erkennen, datz du schwach bist und sündigen kannst; ferner damit alle deine Armseligkeit kennen lernen, du aber demütig, wahrhaft demütig werden lernst. Probier es einmal bei all deinen Fehlern, hochmütig zu werden!" Da sagte ich: „Aber, mein Jesus, mache wenigstens, datz ich dich nicht mehr beleidige!" „Willige nie ein, dann lebe beruhigt!" Segnen Sie mich und beten Sie für          die arme Gemma.

 

75.       Sie wundert sich darüber, datz Gott fortfährt,

sie auch in diesem Zustande zu lieben.

Helfen Sie mir, Pater, denn Gott allein kennt die Zahl der Sünden, die ich begangen habe und noch begehe. Wie meine Natur sich auflehnt gegen jedes Wort! Welche Unvollkommenheit zeige ich

beim Ertragen dieses kleinen Übels, das Gott mir sendet! Wie gebe ich Veranlassung, daß andere Leute sich über mich beschweren! Wie viele Unruhe und Aufregung verursache ich dieser Familie. Trotzdem ist der erbarmungsvolle Jesus nur Liebe und Zärtlichkeit gegen mich. Warum nur? Segnen Sie mich.        Die arme Gemma.

 

76.       Sie freut sich darüber, dah Gott in ihren Verdemütigungen verherrlicht wird.

Pater, Pater — Soeben habe ich einen Brief von Ihnen empfangen. Ich schreibe sofort. Ja, es lebe Jesus! Es lebe die Liebe Jesu! Es lebe das Kreuz Jesu! Es lebe auch der Wille Jesu! Das genügt. Letzterer hat mir den Mut etwas gehoben. Wie kann ich nur so leben? Vorwärts!... Seien Sie versichert, wenn es Ihnen gelänge, mich im Kloster unterzubringen, dann würde keinerlei Torheit bei mir sich bemerkbar machen; Jesus würde mich zufriedenstellen. Pater — Ich gehöre Jesu an, ward für ihn geboren; was will er doch nur von dieser armen, unwissenden und schlimmen Person. Sein heiligster Wille geschehe! Möge Jesus verherrlicht werden in den kleinen Demütigungen, die er mir geschickt. Ich bin mit Jesus; nicht wahr, Pater? Auch jetzt noch bin ich mit ihm. Segnen Sie mich immer!

Die arme Gemma. 

 

 

77.       Wertvolle Früchte, die sie aus ihren De» mütigungen zieht.

Hochw. Pater! Der Beichtvater tut alles, um mich voranzubringen, um mich für den Himmel zu retten; meine Seele will er um jeden Preis in Sicherheit wissen. Ist es Ihnen vielleicht unbekannt, dah es nunmehr scheint, ich habe mich bekehrt? Wie sehr muh ich mich verwundern über die endlose Erbarmung Gottes. Ja, ja, Pater, mein Jesus ist wirklich der Jesus der Güte; er hat das Wunder der Bekehrung wieder an mir gewirkt. . . . Durch das Licht, welches er mir zu spenden sich würdigte, bin ich zu der Erkenntnis meiner Niedrigkeit gelangt; ich weine über meine Sünden, mein Schmerz wird noch vermehrt durch die Betrachtung der Beleidigungen und des Undankes, womit die Geschöpfe Jesum täglich überhäufen.

Man schenkt Jesus nicht bloh keine Achtung mehr, man verspottet ihn sogar. Wie viele Geschöpfe (ich zuerst) weisen in einem Augenblicke des Zornes jene Gnaden zurück, die Jesus ihnen schenkt und die sie unter die Zahl der Auserwählten versetzt hätten! Wie viele versteigen sich in der gleichen Aufregung zu der schrecklichen Behauptung, Jesus kümmere sich nicht um uns, er habe uns verlassen, er sei überhaupt nicht gerecht. Pater, Jesus soll die Geschöpfe vergessen! Jesus sei ungerecht! Welche Lästerung wird damit gegen seine väterliche Vorsehung geschleudert. Und doch ist die ganze Erde immer voll der Werke Jesu! Was verschlägt es denn, wenn Jesus gegen unfern Leib  

hart verfährt, wenn Jesus uns Trübsale sendet? Äas wir fürchten sollten und was ich so sehr fürchten sollte, sind die Angriffe, die Satan macht, um uns in Sünde fallen zu lassen. Doch daran denke ich nicht. Sollten Sie sehen, Pater, datz meiner Seele Gefahr droht, dann denken Sie daran, kommen Sie mir zu Hilfe! Segnen Sie mich recht kräftig.

 

78.       Inmitten ihrer Trostlosigkeit erklärt sie, nichts anders als Gott zu wollen; sie will sogar sterben, um zu ihm zu gelangen.

Pater — Endlich bin ich überzeugt, datz Gott allein mich zufrieden stellen kann; auf ihn habe ich auch alle meine Hoffnungen gesetzt. Jesus möge mich nicht wollen, er möge mich sogar zurückweisen, ich werde ihn doch immer suchen. Jetzt» in diesem Augenblicke werde ich deutlich inne, datz ich zu nichts gut bin, nicht einmal dazu, einen Gedanken auf Jesus zu richten. In einem fort begehe ich Sünden; gestern entdeckte ich zwei neue. Manchmal ersaht mich grotze-Verzweiflung, da es mir unmöglich erscheint, datz Jesus mir so viele Sünden verzeiht; andere Male halte ich es für unmöglich, datz Jesus mein Verderben will. Dann schüttle ich die Achseln und achte gar nicht mehr auf die Sünden. Was für eine Arbeit ist dies? Erklären Sie es mir etwas!*) Das passiert mir,

 

») Sie selbst gibt die Erklärung, indem sie gleich darauf versichert, sie wolle lieber sterben als eine „selbst kleine" Sünde begehen. 

ohne daß ich es merke; hätte ich auch bloß eine kleine Sünde begangen, und zwar mit Bedacht; wer weiß es? Wäre es jetzt nicht besser, gleich, sofort zu sterben? Sterben — wie gut wäre es; zu Jesus zu gehen und sicher sein, daß man ihn immer liebt, ihn nicht mehr verlieren kann! Beten Sie fürdie arme Gemma.

 

79.       Sie kommt voll Angst auf den Gedanken an ihre Sünden zurück. Sie beruhigt sich wieder durch die Hoffnung auf eine aufrichtige Bekehrung.

Wie groß, o Pater, ist die Zahl jener bevorzugten Seelen, die von Jesus viele Gnaden erhalten haben, aber nach und nach gleichgültig wurden! Jesus weint, wenn er solche Seelen erblickt. Wird es auch mir so gehen, Pater? Nein, mit der Hilfe Gottes will ich das nie und nimmer. Mein Jesus, ich bitte dich darum, behüte mich immer mehr, du mein guter Engel beschütze mich und befreie mich von jeglicher Zerstreuung; meine Gedanken, mein Geist, mein Herz müssen sich nur mit Jesus beschäftigen. Ich weiß nicht, ob Sie die folgenden Worte verstehen: es ist eine Mahnung, die mir der Beichtvater gestern gab, indem er mir sagte, ich solle ja darauf acht haben, daß ich nicht durch meine Schuld die vielen Gnaden wirkungslos mache, die Jesus mir schon gegeben. Haben Sie verstanden? Sehen Sie, ich bin wieder in die gewohnten Fehler gefallen. Mein Gott, wie schrecklich erscheint mir gerade jetzt meine Verwegenheit! 

Ost, recht oft klagte ich vor Jesus über die Verschuldungen der andern! Wehe mir, wenn ich meine eigenen Sünden aus dem Auge verlieren würde. Wie viele Sünden es nur gibt, ich habe sie alle vielmal begangen: ich habe die irdischen eitlen Vergnügen geliebt, ich war hochmütig, ich habe die anderen verachtet und noch vieles mehr. Mein Jesus, verzeihe mir also! Ich verdiente nur Züchtigung. Barmherzigkeit, mein Gott! Es wäre aber schon Erbarmung, wenn du mich vernichten würdest, Jesus; denn mir gebührt nur die Hölle. Doch nein, die Hölle nicht; deine Verzeihung erbitte ich, Jesus, und ich nehme mir vor, mich derselben würdig zu bezeigen.

Warum schreiben Sie nicht mehr? Besteht der eigentliche Grund davon vielleicht darin, daß ich schlimm gewesen, in die gewohnten Fehler zurück- gefallen und wieder hochmütig gewesen bin? Geben Sie mir sofort Aufschluß darüber! Wenn es deshalb wäre, dann werde ich in Zukunft brav sein. Beten Sie für mich und segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus.

8V. Sie ist wegen ihres ewigen Heiles in Be-

sorgnis.

Wenn ich, Pater, bedacht hätte, daß die Demütigungen für Jesus der notwendige Weg zu der Herrlichkeit waren, so hätte ich mich über diesen Vorfall gewiß nicht so aufgehalten! Wer wird mir die heilige Demut verleihen? Und denken müssen, daß ich jeden Tag die hl. Kommunion

 

empfange und mich mit Jesus, dem Urquell der Demut, vereinige! Ich, die voll der Hählichkeit des Stolzes ist! Jesus, Jesus wird sie mir geben, er wird mir auch alles verleihen, was nötig ist, um zu dieser und jeder anderen Tugend zu gelangen. Der böse Feind schläft nicht. Wer weih, was für Versuchungen ich noch zu überstehen habe! Wer weih, was kommen wird, wenn ich sterben muh und gerichtet werden soll! Was nützt mir die Barmherzigkeit, die Jesus mir widerfahren lieh, und die andern vielen Gnaden? Soll ich in der Hölle Jesus auf ewig hassen und verfluchen? Nein, nicht wahr? Wird Jesus es zu ertragen vermögen, dah seine arme Tochter verloren geht, die eine solche Sehnsucht hat, ihn zu lieben und ihn nicht zu beleidigen? Mein Gott, sag mir es: werde ich gerettet oder verdammt werden? Wenn ich gerettet werde, wie oft und innig werde ich dann die Hände meines Jesus küssen müssen für die vielen Gnaden, die er mir erwiesen hat. Mein Gott, im Leben bin ich undankbar gegen dich gewesen; wenn ich aber in den Himmel komme, werde ich es nicht mehr sein.

Wissen Sie, Pater, ich sehe meine Undankbarkeit gegen Jesus ein und bin beschämt darüber; ich möchte um Gnaden bitten, aber mit welchem Mut; weih ich doch, dah der Undankbare weiterer Wohltaten unwürdig ist. Wenn ich aber ruhig überlege, so sehe ich, dah die Barmherzigkeit Gottes gröher ist als mein Undank; ich bitte, und bitte. ihn . . . nie werde ich ablassen, ihn um Verzeihung meiner Sünden zu bitten, dann auch um grohe 

Liebe zu ihm, um die heilige Beharrlichkeit und zuletzt... um den Himmel. Wann wird endlich der Tag kommen, wo ich gerettet zu den Füßen Jesu mich befinde, wo ich ihn schauen, wo ich auch die himmlische Mutter, die Mutter der Waisen, sehen darf? O Pater, beten Sie für mich, daß der Wille Gottes an mir in Erfüllung gehe. Ich will ihn, wenn möglich ohne Klagen ausführen. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

81.       über ihre Vertraulichkeit dem Heiland gegenüber.

Pater — Hören Sie einmal. Sie, mein guter Vater, gehen nicht einmal mehr mit Jesus einig. Wiederholt haben Sie mir aufgetragen, nicht so vertraulich zu sein Jesus gegenüber. Jesus hingegen sagte mir gestern morgen: „Siehe, meine Tochter, wenn ich über die Seelen etwas erzürnt scheine, so liegt der Grund darin, dah sie nicht jenes Vertrauen auf mich setzen, das ich wünschte." Wer Jesus nicht mit Vertrauen behandelt, fügt seiner Güte, die er uns so oft und auf so verschiedene Art gezeigt hat, ein Unrecht zu. Mir scheint sogar, Pater, wenn wir recht kindliches Vertrauen zu Jesus haben, tut man ihm eine sütze Gewalt an und zwingt ihn so, Gnaden auf uns herabzugiehen. Ist es so? Ich weih es nicht, ich meine es bloß; sagen Sie mir also die Wahrheit; ich kann irren. Mein Kopf ist leer. — Pater, ich habe immer zu leiden und zu dulden; wenn aber Jesus zufrieden ist, bin ich es auch. Welche Freude ist es, sich ganz seinen Händen zu überlassen. Wie glücklich bin ich, dah Jesus sich würdigt, eine so elende Person, wie ich bin, in Gnaden aufzunehmen! Ja, Jesus ist in mir, ich gehöre ganz ihm an; ich erwarte aber noch die Gnade, ganz in ihn umgewandelt zu werden. Armer Jesus!

Jeden Morgen nach der hl. Kommunion gibt Jesus, mein guter Jesus mir seine Gegenwart immer deutlicher zu erkennen und fragt mich, ob ich ihn liebe. Was Gutes sieht Jesus denn in mir, dah er sich so nach meiner Gesellschaft sehnt? Wenn ich mich dann prüfe, schwinden mir die Sinne. Wie tröstet mich der liebe Jesus! Ich muh offen gestehen: Jesus, so oft ich mich an dich gewendet habe, ist die innere Angst noch immer gewichen. Deine Eröhe, o Herr, ist ohne Grenzen, deine Güte ohne Fehl. Nicht wahr, Pater?

Lesen Sie den Brief, den meine Mutter (Tante Cecilia Eiannini) Ihnen schreiben wird und hören Sie . . . Alles dort will Jesus scheints. Der gute Jesus! Stellen wir ihn zufrieden. Was werden wir nicht tun, um ihn zu befriedigen, Pater? Wohlan denn! Segnen Sie mich und beten Sie für

die arme Gemma.

 

82.       Sie beteuert, keinen anderen Willen zu haben als den Willen Gottes und ihres Seelenführers.

Seien Sie unbesorgt, Pater; empfehlen Sie mich Jesu, ich werde mich stets gehorsam erweisen. 

In manchen Punkten fühle ich nicht einmal mehr den Druck desselben. Ich werde alles ausführen, was mir aufgetragen wird. Vor etlichen Tagen hat Jesus mir diese Gnade verliehen, wofür ich ihm nie genug danken kann. Ich erinnere mich, datz in jenen Augenblicken mir unwillkürlich die Worte in den Sinn kamen:

„Stets will ich erfüllen Gottes heil'gen Willen.

Lieben ihn vor allen,

Einzig ihm gefallen."

Es lebe Jesus! Pater, ich werde mich in allem überwinden; seien Sie beruhigt; nie mehr will ich Jesus beleidigen. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

83.       Kampf gegen den bösen Fein-, der sie zum Ungehorsam versucht; nicht einmal mit ihrem Schutzengel will sie verkehren, um ihrem geistlichen Vater gehorsam zu bleiben.

Wissen Sie, Pater, wo der böse Feind wieder eingesetzt hat? Bei jener Erlaubnis, die ich von Ihnen erbat, die Sie mir aber verweigerten.*) Er flüsterte mir zu: „Wie würdest du Jesus gefallen, wenn du an nichts mehr Freude empfändest!**) Glaubst du, so voranzukommen? Dein Leben ist

») Beständig gegen ihre natürlichen, auch ganz un- schuldigen Neigungen anzukämpfen.

»») Wenn du die Freude an den Dingen verschmähen würdest-

 

zu bequem. Wenn du nicht Buhe tust und so deine Sündenschuld abzahlst, dann willst du, wenn es gut geht, ins Fegfeuer kommen. Die Hölle steht immer offen für die Bequemen und Nachlässigen usw." O Pater, trotz all dieser Zuflüste- rungen bin ich vollständig ruhig und unbesorgt; ich verlasse mich auf Sie; lieber gehe ich sogleich in die Hölle, als daß ich Ihnen ungehorsam werde.

Auch dem Engel gegenüber habe ich Gehorsam beobachtet. ) Sie wissen es schon, nicht wahr, daß ich zwei Tage hindurch eine kurze Erscheinung meines lieben Engels hatte? O Pater, wer hatte dies veranlaßt! Er kam ganz unerwartet; ich war im Gebete der Ruhe vor Jesus. Als ich den Engel sah, ward ich von Furcht und Verwirrung ergriffen. Ich sagte: „Wenn du von Gott gesandt bist, tritt näher, ich nehme dich an; bist du aber ein Sendling Satans, dann spucke ich dir ins Gesicht." Alsdann lächelte er, betete die Majestät Gottes an, hierauf begrüßte er auch die allerheiligste Dreifaltigkeit. Sie, Pater, mögen mir immer hilfreich beistehen; halten Sie mich in strenger Zucht, ich will gehorchen, ich will keineswegs, daß Jesus aus meiner Schuld mir seine Gnade entziehe. Segnen Sie mich recht oft und kräftig.

Die arme Gemma von Jesus. 

 

84.       Sie kommt wiederum auf diesen Punkt zurück.

Welche Genugtuung empfindet man, wenn man immer den Gehorsam übt! Ich bin so beruhigt, das, ich es nicht zu erklären vermag; ich sehe indes ein, dah dieses nur die Wirkung des Gehorsams ist. Wem verdanke ich alles? Dank, herzlichen Dank dafür, datz Sie mich so vieles gelehrt, mir so manchen guten Rat erteilt, mich von so zahlreichen Gefahren befreit haben. Mit der Hilfe Jesu will ich alle Ihre Mahnungen in die Tat umsehen und so Jesus selbst zufrieden stellen. Aber Sie, Pater, kennen auch gründlich meine Schwachheit sowie meinen so harten Kopf; wenn ich daher manchmal in die gewohnten Fehler zurückfalle, so werden Sie Ihre Ruhe nicht verlieren oder? Ich werde Jesus um Verzeihung bitten und neuerdings den Vorsatz fassen, jene Fehler nicht mehr zu begehen. Wissen Sie es schon, Pater? Am Freitagabend hat mich mein Schutzengel etwas beunruhigt. Ich wollte ihn durchaus nicht; er aber wollte mir so manches sagen. Sobald er da war, sagte er: „Gott segne dich, o Seele, meinem Schutze anvertraut." Denken Sie, Pater, ich antwortete ihm so: „Heiliger Engel, höre einmal, verunreinige doch deine Hände nicht mit mir; geh weg von mir, geh zu einer anderen Seele, welche die Enaden- gaben Gottes zu schätzen weist. Ich bin es nicht imstande." Kurz, ich redete frei heraus. Er aber erwiderte: „Was fürchtest du eigentlich?" „Ungehorsam zu sein", erwiderte ich. „Nein, mich sendet dein Pater." Dann erst lieh ich ihn reden, 

schenkte ihm aber kaum Aufmerksamkeit. „Hast du Furcht, weil du die erhabenen Gaben, die Gott dir erwiesen, zu verschwenden meinst? Fürchte dich nicht! Diese Gnade werde ich von Jesus für dich erbitten; du brauchst mir nur zu versprechen, du wollest Mitwirken mit der Hilfe, welche dein Pater dir angedeihen läßt. Dann aber, Tochter, habe nicht so große Angst vor dem Leiden. O Tochter, was würde aus der Welt, wenn alle gehorsam wären! Sag mir, wer war die erste, die sich gehorsam bezeigte? Deine Mutter Maria. Wie weit vollkommener war der Gehorsam Jesu als der deinige. Siehe, der gehorchte immer pünktlich und willig; du hingegen lassest dir drei, viermal etwas sagen. Das ist nicht der Gehorsam, den Jesus dich gelehrt hat! Wenn du so gehorchst, hast du kein Verdienst dabei. Willst du ein Hilfsmittel» um mit Verdienst und Vollkommenheit zu gehorchen? Gehorche immer ausLiebe zuJesus." So hielt er mir eine kleine Predigt und verschwand hierauf.

Wie sehr befürchte ich, Pater, Sie möchten sich beunruhigen. Aber ich sagte doch gleich zum Engel: „Verunreinige doch deine Hände nicht." Hierauf erwiderte er: „Es lebe Jesus!" Nun denn, es lebe Jesus! Es lebe Jesus allein! Verzeihen Sie mir, ich werde den Engel nicht mehr anhören; aber Sie dürfen ihn dann auch nicht mehr schicken. Es lebe das Kreuz Jesu! Es lebe das nahende „De prokunckis" Jesu. Endlich habe ich auch allein leiden gelernt. Segnen Sie mich recht sehr.

Die arme Gemma von Jesus allein. 

 

85.       Sie bittet um Verzeihung, weil es ihr scheint, sie habe nicht gehorcht.

Pater — Ihr Brief von heute morgen hat mich nicht in Verwirrung gebracht, wie das auch schon geschah; ich blieb im Gegenteil ruhig und ergeben. Es lebe Jesus! Bis heute habe ich gebetet, Jesus möge alles tun, was ihm gefällt und was meiner Seele nützlich sein kann. Heute aber verdopple ich dieses Gebet, mir geschehe nach dem Willen Gottes. Würde ich Jesus nicht ein Unrecht antun, wenn ich mich nicht verdemütigte? Er zeigt mir seinen Schuh so mächtig. Ich habe diesen Brief geschrieben aus Furcht, Sie könnten sich meinetwegen beunruhigt haben, da Sie wissen, dah ich neuerdings (wie Sie sagten) die Ankunft des Briefes vorhergesagt habe. Ich werde es aber nie mehr tun, Pater, nie mehr. Kniefällig bitte ich Sie um Verzeihung für alles. Nein, nein, niemals mehr werde ich versuchen zu tun, was ich getan, zu sagen, was ich gesagt habe. Das, was ich getan und gesagt habe, bereue ich immer, ich will es nie, nie mehr tun. Schreiben Sie, wann Sie wollen, ich werde nichts mehr sagen; es wird sogar besser sein, ich wisse es selber nicht. Ich möchte eine Entschuldigung versuchen, Pater; aber nein, ich bleibe lieber still. Es lebe Jesus! Ich wollte Ihnen so vieles sagen, aber womit beginnen? Wie ich hoffe, wissen Sie alles, ^ääio, Pater! Segnen Sie mich recht sehr und immer.Die arme Gemma. 

 

86.       Der Gehorsam Gemmas wird einer harten

Probe ausgesetzt. )

Ah, Pater! Ein Vorwurf, den mir Jesus heute morgen nach der hl. Kommunion gemacht hat, versetzt mich immer noch in Betrübnis. Er sagte zu mir: „Meine Tochter, ich will von dir etwas mehr innere Sammlung oder eine innigere Vereinigung mit mir. Ich bin so erfreut, wenn du mich umfängst, du hingegen entfernst dich so oft; du wendest deinen Geist und dein Herz andern Dingen zu und lassest mich allein; ich möchte fast sagen, du unterhälst dich nicht gerne mit mir." „O mein Gott", anwortete ich weinend, „du weiht wohl, weshalb ich das tue." Weiter kam ich nicht, ich schwieg und verstummte. Segnen Sie mich. Ich bleibe immer    die arme Gemma.

 

87.       Sie freut sich darüber, dah Gott ihr Hilst, den Willen des Seelenleiters zu erfüllen.

Hochw. Pater! — Seit mehreren Tagen bin ich bei den armen Luoriue. ) O Pater, wie wohl befindet man sich im Hause Jesu! Es geht mir gut hier, weil Jesus da ist; übrigens befinde ich mich aus Gehorsam hier. Soviel ich aber merke, Pater, scheint dies nicht der Ort für mich zu sein; denn mein Herz ist nicht befriedigt, sodann ist es, wie mir scheint, nicht der Wille Gottes. Wenn der Beichtvater mich verpflichtet, so denken Sie daran; ich habe Jesus versprochen, nichts zu sagen, und Jesus ist, wie ich glaube, zufrieden damit, da er mich nicht tadelte. Er gab mir indes zu verstehen, alles Ihnen zu offenbaren. Seien Sie nicht in Sorge, als ob ich nicht gehorchte, mag er mich versetzen, wohin er will; ich werde immer gehorchen, weil Jesus es will. Hier waren mir im Gehorsam die außerordentlichen Zustände*) verboten; alles geht gut. Doch wie Jesus mich versucht! Mir kostet es wirklich etwas Mühe. O teures Opfer, o lieber Gehorsam!

Es ist nie etwas vorgekommen! Der Gehorsam !

Der Beichtvater sagte, er würde, wenn es ihm gelänge, mich für immer da lassen; ich begehre nur den Willen Gottes zu tun. Ich sage nichts; denken Sie daran, Sie müssen Jesus gehorchen, nicht wahr? Ich bin vollständig ruhig; ich will nur den Willen Gottes erfüllen. Ich erbitte täglich einen besonderen Segen.

Die arme Gemma. 

 

88.       Sie erklärt sich bereit in jedwedes Kloster ZU gehen, nur um den Willen dessen zu tun, der sie leitet.

Pater — Hören Sie einmal. Erstem sagte mir der Beichtvater in der Beicht, ich solle zu einem bestimmten Priester gehen. ) Er trug mir ferner aus, Jesus um rechte Erleuchtung in diesem Punkte zu bitten. Jesus will aber bloß den Beichtvater und Sie. Sorgen Sie dafür und helfen Sie mir. Wenn aber Jesus wirklich wollte, datz ich zu einem anderen Priester gehe, würde ich sogleich gehorchen. Me würde die Sache aber endigen? Jesus wollte dies im Ernste sicher nicht, das wiederholt er mir jeden Morgen. Aber Jesus spricht zum Herzen des Beichtvaters, nicht wahr? Und der Beichtvater kann nicht irren. Also, Pater, mutz ich gehorchen. Wenn Sie wollen, gehorche ich sofort. Besprechen Sie aber, bitte, diese Angelegenheit vorher noch mit Jesus.

Pater, mit der Hilfe Jesu habe ich noch immer gehorcht.

Wissen Sie, was wir tun, wenn der Engel kommt? Wir beten mitsammen die unendliche Majestät Gottes an, dann rufen wir abwechselnd: „Es lebe Jesus". Wir sprechen von nichts anderm. Handle ich recht so? Ist das Gehorsam? Was die Verunreinigung der Hände betrifft, wiederhole 

ich meine Bitte immer; er tut aber, als verstehe er nichts davon. Was muh ich dann machen?

Jesus aber hat die Weisung verstanden; denn schon seit drei Tagen tut er nach meiner Kommunion, als hätte ich ihn gar nicht empfangen. Er bleibt still und lägt mich fast sterben vor Sehnsucht; denn durch eine Stunde und länger fühle ich mich völlig verzehrt. Es lebe Jesus, es lebe Jesus!

Mit meinem Herzen steht es immer gleich, selbst beim Gehorsam; es kostet mir Mühe, dasselbe in Schranken zu halten. Jenes Feuer endlich, das ich sonst nur auf jener Seite und an jenem Punkte verspürte, breitet sich, wie ich merke, nach und nach über den ganzen Körper aus und lätzt mich am ganzen Leibe erzittern. Es lebe Jesus, der sich verborgen hält!

Helfen Sie mir, Pater; wenn Sie bemerken, dah ich dem Schlimmen zuneige, so sagen Sie mir» was ich tun mutz. Ich will immer gehorchen und alles ausführen, was Sie mich gelehrt haben. Ist es recht so? Pater, heute ist Donnerstag, am Abend! . . .*) Segnen Sie mich.

 

89.       Sie bittet den geistlichen Führer um seine

Pater — Schon seit dreizehn Tagen behält mein Magen nichts mehr als etwas Fleischbrühe. 

Früher konnte ich noch etwas Milch nehmen, jetzt geht das nicht mehr. Ich empfehle mich Ihnen, Pater, und bitte kniefällig, Sie möchten doch, falls es Ihnen gut scheint, meiner guten Mutter (Tante Eecilia) unbedingt befehlen, mich nicht weiter zum Essen zu nötigen. Hören Sie,- zu Controne (auf der Villa) befahl sie mir zu essen; ich gehorchte; konnte aber die Speisen nicht mehr behalten; es kam auch Blut zum Vorschein, infolge der sichtlichen Anstrengung bekam ich sogar Nasenbluten. Verbieten Sie also, wenn es Ihnen gut scheint, ein für allemal der guten Tante, daß sie mir zu essen befiehlt, und bitten Sie dieselbe, dieses Verbot nie mehr zu vergessen. Ich bitte Jesus immer (wie es mir aufgetragen worden), er möge mich gesund sein lassen; wie soll ich es aber machen, wenn Jesus solches zulätzt? Hoffen wir das Beste. Ich will brav sein, helfen Sie mir.

Die arme Gemma.

 

SO. Sie hält sich für gestorben und will von

allen dafür gehalten werden.

Wenn Sie wüßten, Pater, seit heute um 4 Uhr bin ich abgestorben! Der Beichtvater hat gesagt, ich müsse abgestorben sein. Wissen Sie warum? Ich beklagte mich bald über dieses, bald über jenes; der Beichtvater hat mich ein wenig angehört, dann hat er mir im Gehorsam das eine auferlegt: „Du mutzt so leben, als wenn du gestorben wärest." Ich soll nicht mehr sprechen, meine Wünsche äußern, nichts von dem. Ich bin

abgestorben, Pater. Ein Gestorbener sagt nie: „Ich will, ich möchte, ich hätte gern". Er ist stumm und läht die Leute machen. Was werde ich zu denken haben? Es lebe Jesus! Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma von Jesus.

 

Sl. Sie beschreibt die Schönheit der himmlischen

Mutter, die ihr erschienen war.

Guter Pater — Wenn Sie sähen, Pater, wie schön die Mutter ist! Letzthin glaubte ich sie wiederholt zu sehen. Das Verlangen, sie neuerdings zu sehen, ist immer noch vorhanden. Heute begehen sie im Himmel ihr zu Ehren ein großes Fest; Jesus ehrt seine und auch meine Mutter recht sehr. Sehen Sie, Pater, sie ist so schön, daß man es nicht zu sagen vermag. Ihr ewiger Vater hat sie mit der Krone der heiligen Liebe geziert. Wenn Sie sehen könnten, wie herrlich die Krone der Glorie ist, die der ewige Vater auf die Stirne meiner Mutter gesetzt hat! Glänzendstes Gold, ganz in Flammen, bildete die Grundlage (ich beschreibe sie, wie ich sie gesehen zu haben glaube), um diese Krone herum waren verschiedene Edelsteine, die Sinnbilder aller ihrer Tugenden, dazu kamen noch zahlreiche Perlen. Sie war gekrönt mit der Krone der Weisheit; sie war geschmückt mit dem auserlesensten Glanze; ich kann es gar nicht sagen. Sie hatte in der Krone selbst noch ein Zeichen, dieses wollte darauf Hinweisen, 

dah sie die Ausspenderin der Schätze des Himmels ist. O mein Pater! Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

92.       Welche Gefühle sie vor der allerseligsten

Jungfrau Maria beseelen.

Pater — Nach der hl. Kommunion, die ich vor kurzem empfing, hat m'ch die Mutter Maria gerufen und mir gesagt, heute sei ihr Fest. Sie hatte auch ihr Gewand gewechselt, sie war nicht mehr schwarz, sondern weihgekleidet; mir gegenüber war sie sehr liebevoll. Auch ihr Mitleid ward durch meine Sünden erregt; denn sie schaut mich so eigentümlich an. Wissen Sie, was ich tue, wenn ich vor ihr, oder vor Jesus bin: Ich knie auf den Boden nieder; wenn Jesus da ist, küsse ich seine Fühe; aber fast zitternd und nur im Geiste; denn wenn ich leide, vermag ich den Körper nicht zu bewegen. Wenn die Himmelsmutter erscheint, drückt sie mich an sich und ich küsse ihr die Hände. Die Engel tun es für sich, sie knien nieder und beten Jesus an; ich tue, was ich sie machen sehe. Entschuldigen Sie, ich sage so, weil ich mich nicht anders auszudrücken weih. Sie verstehen mich aber, nicht wahr? Segnen Sie mich neuerdings.

Die arme Gemma.

 

93.       Sie sucht ihre Mutter und erbittet sich von ihr neue Kreuze, die sie Jesus aufopferu will.

Mein Pater — Wenn Sie hier wären, könnten Sie sehen, wie glücklich ich bin; ich fühle die Gegen-

wart Jesu in mir sehr deutlich. Was hat Jesum bewogen, sich heute meiner Seele so bemerkbar zu machen? „Das Gute, das ich dir wünsche", erwiderte mir Jesus. O unendliches Gut, wie kann ich es dir vergelten? Pater, danken Sie Jesu, dah er mich so sehr geliebt hat.

Morgen ist der Festtag meiner Mutter. Ich liebe diese Mutter so sehr. Wenn ich sie noch nicht genugsam liebe, muh sie mir ein liebeglühenderes Herz geben und mich bald zu Jesus in den Himmel einführen. Ich liebe Jesus und meine Mutter Maria; ich suche sie immer und möchte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne ihr und Jesus einen Gefallen zu erweisen. Wenn ich noch etwas leben darf, will ich in ihrer Nähe leben. Morgen möchte ich eine Gnade von der Mutter. Vernehmen Sie meinen Wunsch: sie muh mir ein Kreuz, ein recht schweres, grohes Kreuz verleihen; dieses Geschenk erbitte ich mir von ihr; aber es soll ordentlich groh sein, damit ich so meinem gekreuzigten Jesus Nachfolgen kann. Ich bin nicht imstande gut zu leiden, mit dem Kreuze will ich daher auch die Geduld. Wenn ich die Gnade erlange, werde ich es Ihnen sofort schreiben; Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Verzeihen Sie alle diese Redensarten; wenn Sie dadurch beunruhigt werden, so übergehen Sie dieselben. Segnen Sie mich und beten Sie für

die arme Gemma von Jesus.

io 

 

94.       Eine große Demütigung, die ihr in der Kirche widerfährt, hält sie für das von der Mutter Gottes erbetene Geschenk.

Pater — Jesus ist ganz mein; ich finde ihn überall, er meint es immer so gut mit mir, er gibt mir so manches kleine Geschenk; wenn ich nicht weine oder mich beklage, dann spart er selbst Liebkosungen nicht. Am Sonntag machte er mir ein kleines Geschenk. Es bestand in einer gehörigen Verdemütigung. Ich weiß aber nicht, ob dieses Geschenk von Jesus oder von seiner Mutter herrührt. Sie werden sich noch erinnern, dah ich am Rosenkranzsonntag Maria um ein Kreuz gebeten hatte. Ich sage darum, es komme von der Mutter her. Ich will es Ihnen beschreiben. Am Sonntag muhte ich beichten gehen; ich begab mich nach S. Michele und wartete dort auf den Beichtvater. Vorher hatte ich ihm geschrieben; als ich merkte, dah er nicht kam, meldete ich es einem Kleriker. Während ich mit diesem noch sprach, ging ein anderer vorbei, der mich gut kennt; er merkte auch gleich, dah ich den Beichtvater wünschte, und sagte laut: „Was Beichtvater um diese Zeit, geh und schau, ob es dir gelingt, andere Priester zu hintergehen!" Er sprach noch mehr! Ich entfernte mich, weil alle sich für den Chor anzogen. Später kam dann der Beichtvater selbst. Ich schämte mich etwas; ich erinnerte mich aber an Jesus, und alles war weg. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus. 

 

95. Zarte Empfindungen der Dankbarkeit gegen

ihre« geistlichen Führer. Ihr Eifer für die

Bekehrung eines Sünders.

Mein Pater — Wenn es mir vor dem Sterben vergönnt wäre, mich in die Einsamkeit zurückzuziehen, wie viele Tränen hätte ich zu vergiehen» welche Butzwerke mützte ich üben! Was will aber Jesus? Achten wir beide, Sie und ich, darauf! Diesmal weitz ich nicht, weshalb Ihr Brief einen neuen Eindruck auf mich gemacht hat. Ich las ihn und legte ihn dann nach meiner Gewohnheit unter das Kopfkissen; als ich wieder allein in meiner Kammer war, nahm ich ihn hervor, durchlas ihn neuerdings und weinte, ohne zu wissen warum. O Pater, Dank, innigen Dank für so viele Sorgfalt, die Sie für meine arme Seele haben, und wie ich hoffe, auch weiter haben werden. Ich hoffe, Sie werden mich nunmehr durch und Lurch kennen gelernt haben und werden mich brav machen wollen. Beten Sie für mich, dah Gott Sie in Bezug auf mich erleuchte, dann suchen Sie mich zu bekehren. Mein Pater, wird es Ihnen gelingen, mich zu bekehren. Ich bin so hart, dah es zum Weinen ist; als ich beim Lesen Ihres letzten Briefes gerade darüber nachdachte, muhte ich weinen, und weine jetzt noch, wenn ich daran denke. Es lebe Jesus!

Ein Vorschlag Pater! Ich denke an (jenes Beichtkind von Ihnen); Sie aber müssen an eine Seele denken, die in der Todsünde ist und den Weg zur Umkehr nicht findet; ich bin sozusagen

gewiß, daß sie sich bekehren wird; hat sie sich bekehrt, dann möge Maria sie sofort zu sich nehmen, sonst fällt sie sicher wieder in den Abgrund zurück. Tue ich gut daran, wenn ich so bete? Ich möchte, daß sie morgen sogleich das hl. Meßopfer für meinen Sünder darbringen. Helfen Sie mir ihn retten; ich werde Ihnen behilflich sein, Ihr Beichtkind genau zu kennen, wenn Gott es will. Sie hätten es eilig mit der Anwendung des Wortes „aufgeben". Jesus gebraucht dieses Wort nie. Warten Sie also noch geduldig. Schelten Sie mich nicht, Pater; denn ich bete recht sehr für Sie. Wenn es mir gelingt, meine Seele zu retten, so werden Sie sehen, was ich für Sie tun werde. . . . Sie werden sehen, was ich für Sie tun werde, wenn ich im Himmel bin. Ich werde Sie um jeden Preis zu mir hinaufziehen!*)

Und Jesus? Jesus ist mein und ich bin sein: so hoffe ich es. Er verbirgt sich zwar; geschieht das aus meiner Schuld? Mein Gott, wie armselig stehe ich da! Mein guter Pater, wäre der Glaube nicht!... Aber ich lebe aus dem Glauben; meine Seele empfängt vermittelst des Glaubens besondere Hilfe. Ich ergieße mich in Seufzern

1 Bon dieser Hoffnung lebe ich. In den Trübsalen der gegenwärtigen Verbannung werden die angeführten Worte Gemmas: „Sie werden sehen, was ich für Sie tun werde; Sie werden sehen, was ich für Sie tun werde, wenn ich im Himmel bin" mir stets Trost gewähren. sGemma scheint ihr Versprechen gehalten zu haben. Der Übersetzer.; 

und feurigen Stoßgebeten, soviel ich nur kann. So bringe ich den Tag zu. Es lebe Jesus, er sei immer gepriesen! ^äctio Pater; innigen Dank dafür, daß Sie mit Ihrem guten Herzen mir die vielen Fehler verzeihen. Mit der Hilfe Gottes will ich keine mehr begehen. Ich werde bald wieder schreiben. Segnen Sie mich kräftig.

Die arme Gemma.

 

96. Die Bekehrung ihres Sünders liegt ihr am

Herzen. Vom süßen Frieden, den sie am Ende

ihrer Tage selbst inmitten des bevorstehenden

Todeskampfes genießt.

Mein Pater — Glücklich Sie, da Sie in diesen Tagen die hl. Ererzitien machen können; doch nein, ich sage besser: Glücklich wir beide! Ich folge Ihnen in allem, mitsammen wollen wir versuchen, meinen Sünder zu bekehren. Wenn er am Schlüsse der hl. Ererzitien noch nicht bekehrt ist, dann wehe, wehe Ihnen! Sie drohen mir immer; ich mache es nun auch so, nicht um mich zu rächen, sondern damit Sie mit Nachdruck beten. Aber, Pater, Sie empfehlen mir immer Frieden. Und doch wird es den anderen nicht scheinen, daß ich darin sei; ich bin jedoch im Frieden. Sie werden alles erfahren vor dem Tode. Wenn ich ernst und schweigsam bin, ist es nur nach außen hin; innerlich verspüre ich einen Frieden, wie ich ihn noch niemals oder nur selten verkostet habe. Dieser Friede wird sich 

noch steigern, wenn mein Sünder bekehrt ist. Es lebe Jesus!*)

Zweifelt die Tante daran, dah ich sie liebe? Pater, nach der einzigen irdischen Mutter, die Jesus mir gab und die er mir dann wieder nahm, hat er mir in Tante Cecilia eine zweite Mutter gegeben, jetzt hat er mich wieder zur Waise gemacht. Pater, nun bin ich zum zweitenmale auf Erden zur Waise geworden.**) An sie (Tante Cecilia) werde ich denken, ich werde sie zu mir nehmen, aber nicht jetzt. Wenn ich wirklich etwas von Jesus erfahren werde, teile ich es Ihnen sofort mit; allein Jesus hält sich etwas verborgen. Pater, ich sage es blog Ihnen: manchmal wenn ich nicht einmal daran denke, kommt ein Licht über meinen Geist; ich denke gar nicht daran; nach einem Tag oder noch am gleichen Tag gewahre ich, datz jene blitzartige Erleuchtung von meinem Gotte kam. Ost, recht oft kommen diese Dinge vor; aber nur in der Stille. Ich will brav sein. Beten Sie immer für mich, ^äcllo Pater.

Die arme Gemma.

*) Gemma meint da den letzten Sünder, den sie auf der Achsel trug, wie sie zu sagen pflegte. Todkrank darniederliegend bemühte sie sich immer noch, um von Gott seine Bekehrung zu erflehen. Ihr Bitten ward am S. April 1903 erhört; zwei Tage darauf starb Gemma.

Gemma kam sich als Waise vor, weil sie sich in ihrer letzten Krankheit von ihrer zweiten Mutter, Cecilia Giannini, trennen und mit Tante Ealgani eine andere Wohnung beziehen mutzte.

 

97.       Sie spricht von ihrer innigen Andacht zur

Mein Pater — Wir stehen im Monat Mai! Ich denke und denke immer wieder an die großen Wohltaten, die mir meine Mutter in diesen ersten Jahren meines Lebens erwiesen hat, und ich schäme mich; denn ich habe nie mit Liebe auf jenes Herz und auf jene Hand geschaut, die sie mir mit solcher Güte spendeten. Ja, was noch schlimmer ist, ich habe die zahlreichen von ihr empfangenen Wohltaten mit Undank und Sünde vergolten. Ja, Pater, wie oft habe ich einem Bilde meiner Mutter die Angst und den Kummer meines aufgeregten Herzens anvertraut! Wie oft hat mich Maria dann getröstet! Wie habe ich es ihr aber vergolten? Ja, Pater, ich sage es Ihnen offen, in den größten Trübsalen erinnere ich mich daran, daß ich keine Mutter mehr auf Erden habe, aber ich besitze eine weit liebevollere im Himmel. Wenn er mir aber gut geht und ich keinerlei Verdruß habe, dann vergesse ich alles, sogar die Pflichten der Dankbarkeit gegen die himmlische Mutter. Nun ist der Zeitpunkt da, wo die Mutter Jesu zeigen muß, daß sie immer noch meine wahre Mutter ist. Der Maimonat ist für mich der schönste Monat des Jahres, der Monat der Gnaden. Dieses Jahr wird mir die Mutter, wie ich hoffe, zwei einzige Gnaden erwirken. Zunächst möchte ich (es ist zu viel verlangt, nicht wahr?), daß meine Mutter mir ein deutliches und sicheres Zeichen in bezug auf meine    . Mein Pater, ich bin dies- 

bezüglich in Furcht. Sodann möge sie, wenn es Ihnen gefällt, bewirken . . .*) Sie verstehen mich, Pater, nicht wahr? Ich bitte Maria darum in aller Innigkeit, ich siehe zu ihr und hoffe denn auch, sie werde mir diese Gnade unfehlbar erwirken. Die gute Mutter, wie lieb sie mich hat! Ich habe das gestern morgen erfahren. Sie wissen es bereits, es war Freitag morgen; den Abend zuvor etwa gegen neun Uhr bekam ich starkes Fieber, so dah ich während der Nacht befürchtete, ich könne am Morgen nicht aufstehen. Wissen Sie, woher jenes Fieber kam? Von dem Verlangen, von der Sehnsucht zu leiden. Ich litt, weil ich nicht leiden konnte. Ich weih nicht, wie ich mich verständlich machen soll. Schreiben Sie mir umgehend und sagen Sie mir, ob Sie mich verstanden haben. Während jener Nacht muhte ich wirklich vieles ausstehen; gegen 6 Uhr morgens befand ich mich in einer Art Halbschlaf; tausend Gedanken hatte ich im Kopf; nur einer fehlte mir, dah nämlich der Engel käme und mich tröstete. Auf einmal merke ich, wie eine tiefe Sammlung über mich kommt; ich falte die Hände und erwecke aus der Tiefe meines armen Herzens den Akt der Reue, zu dem noch ein heftiger Schmerz über meine unzähligen Sünden kam. Mein Geist war ganz eingetaucht in die Gott zugefügten Beleidigungen. Da sehe ich, dah

*) Damals mochte ich Eemmas Wunsch verstanden haben, jetzt aber, da ich diesen Brief zur Hand nehme, erinnere ich mich dieser Sache nicht mehr so genau, um dem Leser bestimmte Angaben machen zu können.

 

ein Engel in der Nähe ist. Seine Gegenwart beschämte mich. Er sagte zu mir: „Deine Mutter schickt mich zu dir; sie will, daß du immer gehorchst. Gehorche, meine Tochter, Jesus liebt dich sehr." Er segnete mich und verschwand. Es lebe Jesus. Segnen auch Sie mich.

Die arme Gemma.

 

98.       Sie spricht von einer Kommunion, die sie unter sichtbarer Begleitung ihrer himmlischen Mutier empfangen hat.

Pater, Pater — Wie schön ist doch die Kommunion in Begleitung der Himmelsmutter empfangen! So empfing ich sie gestern am 8. Mai. In ihrer Begleitung hatte ich es noch nie getan; wissen Sie aber, Pater, worin bei jenem tastbaren Augenblicke die ganze Begeisterung meines Herzens bestand? In diesen paar Worten: „Mutter, meine Mutter, wie freue ich mich, dich Mutter zu nennen! Siehe, mein Herz ist in freudiger Bewegung, wie wenn es sich an Jesus erinnert!" Sie aber erwiderte mir: „Du freust dich, mich Mutter zu nennen, ich freue mich, dich Tochter zu heißen." Dieselben Worte wiederholte sie mir im Laufe des Tages wenigstens drei Mal. EswarenAugenblickehimmlischer Freude, als ich mich mit solch lieblichen Worten ansprechen hörte. Aber, Pater, an wen hat Maria diese Worte gerichtet? Ich brauche nicht abermals meine Lebensgeschichte darzulegen. Pater, Sie kennen bereits die endlose 

Zahl meiner Verschuldungen sowie die Fehler, die bei mir täglich noch zunehmen; und doch ist meine Mutter mir so wohlgesinnt.

Pater, stellen wir mitsammen eine Betrachtung an. Das Fest der himmlischen Mutter! ... ist es nicht der schönste unter allen Tagen des Jahres? An jenem Tage erfreut sich die Seele eines ruhigen Friedens, sie vergißt die stürmischen Wechselfälle der Welt; an jenem Tage erinnern sich alle, selbst die Schlechten, daß wir im Himmel eine Mutter haben, die ganz Sorgfalt und Zärtlichkeit für uns ist, und daß wir ihre Kinder sind. Auch wer sie nicht erblickt mit den Augen des Leibes, wer sich nur vor einem Bilde befindet, das sie darstellt, merkt er nicht, wie in seinem Herzen Gefühle der Liebe, der Hingebung, der Dankbarkeit und des Vertrauens wachgerusen werden? Fühlt man an solchen Tagen den Antrieb zum Glauben nicht kräftiger? Fühlt man nicht das Bedürfnis, Maria mit noch größerer Andacht zu verehren? Gewiß, ich habe es wiederholt erfahren: das Fest meiner Mutter ist für mich immer ein Tag größeren Friedens, größerer Liebe, ein Tag der Heiligung für alle.

Aber gerade an diesen schönen Tagen, deren ich schon viele erlebt, welche Mühe habe ich mir gegeben, die Sünde zu lassen, welche die Seelen so häßlich gestaltet? Ach, wenn Maria in ihrer Barmherzigkeit mir nicht beisteht, dann bin ich verloren. Mehrmals hat die Mutter Opfer von mir verlangt: wenn Sie aber wüßten, welche Antwort 

ich ihr gegeben! . . . Wenn ich schließlich diese Opfer brachte, so tat ich es nicht besonders willigen Herzens, manchmal habe ich sogar das Wenige derjenigen verweigert, der ich alles verdanke. Gestern morgen forderte sie von mir wieder so ein Opfer; als ich zusagte, kamen mir die Tränen in die Augen. Da umarmte sie mich und sprach: „Weißt du nicht, daß nach dem Opfer des Kreuzes deine Opfer dir die Himmelspforte erschließen müssen?" Wissen Sie, was die himmlische Mutier von mir verlangte? Sie erklärte mir nichts; aber ich verstand sie. Sie gab mir und zwar bei der Kommunion vom 8. Mai folgende Aufklärung: „Siehe, meine Tochter, ich habe dir heute morgen alles gegeben: ich habe dir das kostbarste geschenkt, das ich besitze, meinen eigenen Sohn Jesus. Was wirst nun du mir geben? Willst nicht auch du mir das Kostbarste schenken, das du besitzest?" „Ja, Mutter!" antwortete ich weinend, aber die Tränen kamen mir von selbst, ich wollte sie nicht. Es lebe Jesus und Maria! An jenem Morgen war es mir, als ob der Schutzengel mich zu Jesus begleitete, als ich ihn empfangen wollte. Es war für mich ein Tag des Himmels. Segnen Sie mich stets. 

 

99.       Sie spricht von der groben Süßigkeit, die sie bei der hl. Kommunion empfindet.*)

Pater, mein Pater — Ich will versuchen mich Ihnen über einen Punkt verständlich zu machen. Wie Sie wissen, gehe ich jeden Morgen zur HI. Kommunion, es ist dies der einzige und der größte Trost, den ich habe. Obgleich ich alles, was notwendig ist, um Jesu zu empfangen, entbehre, gehe ich doch zu ihm. Ich fühle ein großes Bedürfnis, Pater, gestärkt zu werden durch jene so süße Speise, die Jesus mir gibt. Dieser Beweis von Liebe, den Jesus mir jeden Morgen gibt, rührt mich gar sehr und zieht all die armseligen Gefühle meines elenden Herzens an sich. In jenen himmlischen Augenblicken mache ich tausend Versprechen. Ich sage chm, all mein Streben gehe darauf hinaus, Jesus allein zu lieben; wenn ich einem Geschöpfe etwas Liebe schenke, so geschieht es nur, damit Jesus immer mehr geliebt werde.

Es gibt Tage, wo Jesus sich mit mir aufs innigste vereinigt und meinem Herzen seine Anwesenheit stets kundgibt; alsdann ist mein kleines, winziges Herz zu nichts mehr fähig, es kommt in heftige Bewegung und verursacht mir unsagbare Leiden; dann fliegen meine Gedanken himmelwärts. Ja, Pater, nach dem Himmel! Sehen Sie; wenn ich ein großes, weites Herz hätte, daß

»1 Die hl. Eucharistie bildete den Gegenstand ihrer zärtlichsten Liebe, das beweisen auch die hier aufgenommenen Briefe Gemmas über diesen Punkt.

Jesus Raum genug darin fände, dann würde ich mich stets wohl fühlen; und dann weiß ich nicht, Pater, ich kann mich nicht recht erklären. Haben Sie mich verstanden? Antworten Sie mir bald. Infolge der Anstrengung, die ich mache, oder wegen des glühenden Verlangens, wegen der heißesten Sehnsucht beginnen meine Sinne zu schwinden; manchmal fühle ich etwas Erleichterung (ich fühlte sie eines Morgens) und ward dadurch angespornt kräftig voranzugehen. Pater, ich kann mich nicht besser verständlich machen. Es lebe Jesus! Wissen Sie, Jesus läßt mich schwer leiden. Ich bin zufrieden. Er läßt mich keine Minute allein. Würden Sie mich nicht schelten, mein Pater, wenn ich das Verlangen hätte, mich von der Liebe zu unserem Jesus mich verzehren zu lassen? Wie angenehm wäre mir ein schmerzvoller Todeskampf infolge meiner innigen Liebe zu Jesus. Viel lieber wäre es mir, wenn ich für dich, Jesus, sterben könnte, als wenn ich für mich ein glückliches Leben führen dürfte.

Schöne Worte, nicht wahr, Pater? Gewählte Ausdrücke! Wenn sie nur nicht durch meine Aufführung Lügen gestraft werden! In diesem Augenblicke, wo ich das schreibe, jeden Morgen, ja in jedem Augenblick kommen sie mir wirklich von Herzen, allein von einem Herzen» das sich so manches Mal hart gezeigt hat gegen Jesus. Vor kurzem habe ich die hl. Kommunion empfangen; es ist das liebliche Fest unserer Mutter von der Barmherzigkeit. Ich erwarte gleichsam ein kleines Geschenk von meiner Mutter. Wüßten 

Sie wohl, Pater, was ich verlangt habe? Raten Sie einmal! Wenn ich im Himmel bin, wofür werde ich dann Jesus besonders danken. Für die hl. Kommunion mehr als für alles andere. Es lebe Jesus!

Gestatten Sie noch eine Bitte, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie sich aufregen. Bringen Sie mich bald ins Kloster; ich tue mir zwar Gewalt an, fürchte jedoch, daß einmal bei einem besonders heftigen Aufwallen des Geistes andere Leute auf meinen Zustand aufmerksam werden. So z. B. auf der Straße, in der Kirche, wie leide ich da, wenn ich mir so Gewalt antue; wohl suche ich mich zu zerstreuen; aber diese Zerstreuung gelingt mir nicht immer. Regen Sie sich doch nicht auf, wenn ich so gesprochen: mir kommt es fast vor, Jesus habe mir diese Worte eingegeben; denn um diese Stunde ist es immer noch derselbe Jesus von der Kommunion. ) Segnen Sie mich.

Gemma von Jesus allein.

 

Ivü. Sie fürchtet sich, mit geringer Liebe zur

hl. Kommunion zu gehen.

Mein Pater — Hat Ihnen Jesus noch nicht Kunde gegeben von der Undankbarkeit meiner Seele? O Pater, helfen Sie mir, verlassen Sie mich nicht; ich werde aufrichtig und gehorsam sein, 

ich werde Ihnen nichts verschweigen. Ich wäre sonst ganz ruhig: nur die Kommunion setzt mich etwas in Angst: ich fürchte, ich empfange sie schlecht, bereite mich nicht gehörig darauf vor, obgleich ich oft einen Großteil der Nacht auf die Danksagung verwende. Dann zieht mich Jesus an sich: ich gehe ohne Regel und Ordnung vor und Jesus kann so nicht zufrieden sein. Was soll ich nur tun? Ich erwarte von Ihnen, Pater, einen Rat. Der böse Feind strengt sich gewaltig an, mich dieses Gutes zu berauben. Denken Sie einmal, es vergeht keine Nacht, wo es mir nicht träumt, daß ich esse oder trinke, und zwar erscheint mir dieses so natürlich, dah ich, wenn ich nicht sicher wäre, dah ich zu Bette liege und das, was mir geträumt, somit geradezu ausgeschlossen ist, überall hin, nur nicht zur Kommunion ginge; doch deswegen gerate ich nicht in Aufregung. Der Beichtvater versichert mir, ich begehe im Schlafe keine Sünde; ich gehe daher voran, wie es Jesus gefällt. Aber glauben Sie mir, Pater, ich befinde mich recht schlecht dabei. Ich muh Ihnen etwas Mitteilen, Pater. Es sind etwa acht Tage her, dah ich in der Herzgegend ein geheimnisvolles Feuer verspüre, das ich nicht zu erklären vermag! Die ersten Tage achtete ich nicht darauf, da es mich wenig oder gar nicht störte; heute jedoch, am dritten Tage, hat dieses Feuer so gewaltig zugenommen, dah es fast nicht mehr auszuhalten ist; ich mühte Eis zur Hand haben, wenn ich es zum Erlöschen bringen wollte; es ist mir überaus 

unbequem, hindert mich am Schlafen und am Essen. Es ist ein geheimnisvolles Feuer, Pater, das sich auch nach außen hin bemerkbar macht, so ist die Herzgegend in der Tat versengt; dieses Feuer bereitet mir zwar keine Qualen, aber es bringt mich um, zehrt mich auf. Jesus möge Sie morgen alles verstehen lassen; ja, er wird Ihnen schon alles verständlich gemacht haben.-

Großer Gott, ich liebe dich! Ich will dich recht sehr lieben! Wie soll ich nun in diesem Zustande Abhilfe schaffen, Pater? . . . Ich bin gern bereit alles zu offenbaren, den Besuch des Arztes anzunehmen, alles zu tun. Ich erwarte nur ein Zeichen von meinem geistlichen Vater, wonach ich mich richten kann. Ich schließe, ich habe Fieber und kann nicht mehr. Jesus und mein guter Engel mögen alles sagen. Beten Sie für meine Seele, die in Gefahr ist verloren zu gehen. O Gott, ich bin zu allem bereit; lasse es nicht zu. Segnen Sie mich.  ^ie ^me Gemma.

 

101.     Jesus stellt sich, als verberge er sich, und Gemma verzehrt sich vor Sehnsucht.

Mein Pater — Ich bin sehr betrübt, daß ich Jesus so sehr beleidigt habe. An diesem Tage, Fest des Namens Jesu, fühle ich diesen Schmerz gar lebhaft. Bevor ich mich ihm heute näherte, betete ich so: „Mein Jesus, bevor du heute morgen zu mir kommst, muß ich dir eine Bitte vortragen. Jesus, laß dich nicht abschrecken durch meine Sünden, 

schaudre nicht zurück vor meiner Kälte; siehe, o mein Jesus, auf die Liebe dieser deiner unwürdigen, von dir erlösten Tochter. Zu dir allein, o Jesus, nehme ich meine Zuflucht, um dir immer mehr zu gefallen, um stets deinen heiligsten Willen zu tun, um dir immer größere Ehre zu erweisen." Mit diesen Worten eilte ich zu Jesus; Jesus ist gekommen und hat sich wie immer gezeigt. In jenem Augenblicke wächst in mir das Verlangen und Jesus verbirgt sich in meinem Herzen so gut, daß es unmöglich wird, ihn zu finden. Zweimal hat er mir heute morgen wiederholt: „Liebe will Liebe; Feuer will Feuer." Pater, was bedeuten diese Worte? Jesus gibt sich mir nie zu verstehen.

Welche Anstrengung ist es doch, die mich seit drei, vier Tagen betroffen hat? Das Herz schlägt immer heftiger; gestern abend war ich in S. Michele, um zu beichten, da pochte es so gewaltig, daß selbst die Bänke zitterten. Und doch war das Pochen noch nicht so heftig. Es lebe der Name Jesu! Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma.

 

102.     Vor Jesus im hl. Sakrament weint sie Tränen des Dankes und des Glückes.

Heute morgen habe ich die hl. Kommunion empfangen. O Pater, ich habe im Geiste gebetet, in der Stille geweint. Es waren Tränen des Dankes und des Glückes. Jesus, Jesus ist immer mit mir, er ist es jetzt noch. Ist es möglich, Pater, daß Jesus mich, das unwürdigste aller Geschöpfe,

 

 

will? Und die Seraphim, die ihn umgeben, weisen sie nicht voll Unwille mich zurück? O Jesus, wie gut bist du! Jesus erwidert mir darauf voll Liebe: „Komme, komme, armseliges Geschöpf, erkenne deine Niedrigkeit; nähere dich mir in diesem Zustande, verdemütige dich unter dem Gewicht deiner Unwürdigkeit." Pater, Pater, ich halte es nicht niehr aus! . . . Nach der Kommunion nein, da kann ich es nicht mehr aushalten bei dem Gedanken, dag Jesus sich seinem elendesten Geschöpf zu erkennen gibt, daß er sich ihm offenbart mit dem vollen Glanze seines Herzens, in der wunderbaren Ergießung seiner väterlichen Liebe. O Pater, denken Sie daran! Auch Sie werden es nicht auszuhalten vermögen. Und erst wenn ich denke, wer ich bin! Ich betrachte mich wirklich als ein elendes Geschöpf, ein sündiges Wesen, wie der Beichtvater sagt. Und Jesus in seiner Güte, in seiner übergroßen Güte will, daß ich zu ihm komme und in allem Vertrauen mit ihm spreche. Bei diesen Worten erinnerte ich mich sofort an Sie und ich sagte: „O Jesus, wenn ich tue, wie du mir sagst, so beginnt der Pater mich heftig zu schelten, weil er nicht will, daß ich so vertraut mit dir verkehre." Jesus erwiderte: „Sage ihm, Tochter, das Vertrauen schaffe ich selbst bei denjenigen, welche ich liebe." Antworten Sie mir über diesen Punkt und ich richte mich ganz nach Ihrem Willen. Es lebe Jesus! Beständig Sünden und doch wird Jesus nicht müde, sondern erträgt mich noch. Wissen Sie, daß ich auch für den Körper 

zu fürchten beginne? Etwas Husten. Zuin Himmel, in den Himmel! Wie wohl ist mir im Himmel! Segnen Sie mich immer und kräftig.

Die arme Gemma.

 

103.     Sie vergleicht die Freuden der Eucharistie mit der Glückseligkeit der Heiligen im Himmel.

Mein Pater — Heute morgen habe ich Jesus empfangen und jetzt besitze ich ihn ganz in meiner armen Seele. In diesen Augenblicken sind mein Herz und das Herz Jesu nur eines. Könnte ich bewirken, das; er immer bei mir bleibt! Erfordert wäre, datz ich keine Sünden mehr beginge. Wie kostbar sind doch die Augenblicke nach der hl. Kommunion I Sie ist ein Glück, das nur mit der Glückseligkeit der Heiligen und Engel verglichen werden kann. Sie schauen in Jesu Antlitz und sind sicher, datz sie nicht mehr sündigen, ihn nicht mehr verlieren. Um diese zwei Vorzüge beneide ich sie und möchte ihre Gefährtin sein; sonst aber hätte ich, wenn ich verständig wäre, Grund zur Freude; denn Jesus hält jeden Tag Einkehr in meinem Herzen, Jesus gibt sich mir ganz hin, ich aber gebe ihm nichts, gar nichts. Ich bitte ihn stets um sehr viele Gnaden, und um es offen zu gestehen, habe ich Angst, ihm lästig zu fallen; er aber verneint dies. Es lebe Jesus!

„Strecke deine Hände aus, o Jesus!" sage ich ihm; er aber antwortet mir nicht mehr so heiter wie früher. Bald antwortet er mit ja, hat indes

 

Tränen in den Augen. Wenn ich mich zum Beten anschicken und was immer für ein Gebet verrichten will, so schaut er mich an und weint (d. h. mir scheint es, er habe die Augen voll Tränen). Ich habe indes nicht den Mut, ihn zu fragen. Gestern morgen sagte ich, durch den Gehorsam verpflichtet, zu ihm: „Jesus, warum weinst du?" Er erwiderte: „Tochter, frage mich nicht darum!" Da mutzte ich heftig weinen; es schien mir auch, er drücke mich heftiger als sonst an sich. Ich stellte keine andere Frage mehr; er aber weint in einein fort. Nicht wahr, Pater, wenn man stets mit Jesus vereint ist, so genietzt man, ich möchte sagen, eine himmlische Freude? Wenn ich selber es gewesen wäre, Pater, die Jesus solche Tränen verursachte, was werde ich dann tun? Pater, antworten Sie, nachdem Sie Jesus um Erleuchtung gebeten haben. Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma.

 

104.     Von der unaussprechlichen Bereinigung, die bei der Kommunion zwischen Jesus und der Seele stattfindet.

Wenn Sie wühten, Pater, wie wohl es einem tut, wenn man Jesus genietzt! Ich habe das verkosten dürfen im Oktober vom Freitagmittag bis zum andern Freitag; dann hörte es auf. Heute morgen war ich wiederum so glücklich; allein es verzehrt mich, ich fühle es, schließlich reibt es mich auf. Jesus vernichtet mich und doch, wie wohl 

isls mir dabei! Haben Sie es?je erfahren, was es heiht, vernichtet, verzehrt zu werden? Wie süh das ist! Das Feuer des Herzens*) ist heute morgen noch gewachsen. Wir gingen zur hl. Messe, empfingen die hl. Kommunion und dann ... ich weih nicht, befand ich mich zu Hause und ich tonnte mir fast nicht vorstellen, wie ich dorthin gekommen war.**) Welche Vereinigung! Die zwei Ertreme berührten sich: Jesus alles; Gemma nichts. . . . Weich Geheimnis! Es lebe Jesus! Beten Sie für mich und segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus.

 

105.     Sie spricht von den Flammen, die Jesus von der hl. Hostie ausstrahlen lätzt.

Pater — Regen Sie sich meinetwegen nicht auf! Sobald ich Ihren Brief gelesen hatte und bemerkte, dah es der Teufel sei, der mich am Schreiben hinderte, erhob ich mich und nahm sogleich die Feder zur Hand. Ich war in Controne, dort lieh Jesus es zu, dah mir mein guter Schutzengel einen kleinen Besuch abstattete; ich ward dadurch sehr getröstet. Nachdem ich im Gehorsam protestiert hatte, begann ich mit ihm zu reden.

") Sie meint jenes geheimnisvolle Feuer, von dem im Brief 100 die Rede ist.

") Das will heihen, sie ging nach Hause, während sie Immer noch in Ekstase war; ihr Schutzengel wird sie aufmerksam gemacht haben, daß es Zeit sei, sich den Blicken der andern zu entziehen; er wird sie auch selber nach Hause begleitet haben. 

 

Pater, Jesus läßt mich im Gebete immer noch grotze Süßigkeiten verkosten. Ja, wenn Jesus Süßigkeit ist, so verbreitet er sie ganz im allerheiligsten Sakrament. Wie kann aber eine so erhabene Majestät es nur dulden, daß ein so elendes Geschöpf vor sie hintritt? Bemerkt er etwa den Undank meiner Seele nicht? Sieht er vielleicht nicht, daß mein Herz ohne Andacht ist? Und doch erträgt, ja liebt mich Jesus. Und wenn Jesus mich, die so arm ist, lieb hat, wie sollte ich dann nicht ihn, der so reich und mächtig ist, lieben? Pater, helfen Sie mir! Ich merke es, wenn es so weitergehl, werde ich sterben, werde ich . . - gehen. Ach, könnte ich doch wirklich in den Himmel eingehen! Könnte ich ihn wenigstens hoffen! Aber die zahlreichen Sünden! Mein Gott Barmherzigkeit !

Als ich mich gestern Jesu näherte, der im Sakramente ausgesetzt war, fühlte ich eine solche Glut in mir, daß ich mich — ich war in Begleitung von Tante Cecilia — entfernen mußte, dieses Feuer verbreitete sich über den ganzen Körper, sogar bis zum Antlitz war die Hitze gestiegen. Es lebe Jesus! Ich verwundere mich darüber, Pater, daß so viele, die Jesu nahe kommen, nicht zu Asche werden. Ich müßte, das merke ich, zu Asche werden. Jesus ist ein unwiderstehlicher Liebhaber. Die Barmherzigkeit Jesu ergreift mich ganz in diesem Augenblicke. Sollte ich Jesus nicht mit ganzer Seele, aus ganzem Herzen lieben? Sollte ich nicht wünschen, ganz in ihn ausgenommen zu werden, ganz vernichtet zu werden in den Flammen seiner heiligen Liebe? Jene kleinen Ohnmachtsanfälle, die sich bei mir einstellen nach der Kommunion oder wenn ich mich vor Jesus befinde, kehren» wie mir scheint, immer häufiger wieder. Pater, wenn Jesus so weiter fährt, so wird er bald allein bleiben. Bor einigen Tagen beklagte ich mich bei Jesus und sagte zu ihm: „Mein Gott, wenn du es allen so machst, datz sie sich vom Feuer verzehrt und vernichtet fühlen vor dir, dann können es die Leute nicht mehr aushalten und du bleibst folglich allein." (In jenem Augenblick fühlte ich eine solche Feuersglut in mir, das; ich zu sterben vermeinte vor Jesus, der im Sakramente in der Kirche ausgescht war). In seiner Liebenswürdigkeit sagte Jesus: „Alle lieben mich nicht so wie du." Ja, Jesus liebt mich, er liebt ein armseliges, elendes Geschöpf, er schämt sich nicht, jeden Tag seine Hände zu verunreinigen. Er sei immer gepriesen! Segnen Sie mich.

Die arme Gemma.

 

106.     Sie hält es für unmöglich, -ah ein Christ kalt bleibt vor Jesus im Sakrament.

Mein Pater — Welche Freude genieht man, wenn man sich in die Arme Christi wirft! Wie wohl ist es einem bei Jesus allein! Die treue Seele wird Jesus teuerste Tochter, er öffnet die Arme und drückt sie an sich. ... O Jesus, ich bedarf deiner liebevollen Zuneigung so sehr. Ist cs wahr, Pater, daß man keinen Augenblick ver- 

leben kann, ohne sich vor Jesus im Heiligtum des Tabernakels wahrhaftig glücklich zu fühlen? Und wenn mir Jesus erlaubt, in das heilige Tabernakel einzutreten, bin ich dann vielleicht nicht im Paradies?

Mein Pater — Sie werden einen Brief ohne Sinn vorfinden,' das verschlägt nichts,' lassen Sie mich von der heiligsten Kommunion sprechen,' ich halte es sonst wirklich nicht mehr aus. . . . Gibt es wirklich Seelen, die nicht begreifen, was die allerheiligste Eucharistie sei? Es ist geradezu unmöglich, daß es Seelen gibt, die gleichgültig bleiben den göttlichen Liebesbeweisen gegenüber, den geheimnisvollen und feurigen Ergießungen des heiligen Herzens meines Jesus gegenüber. Wie, o Jesus, sie weihen dir nicht alle Schläge des Herzens, alles Blut ihrer Adern? Herz Jesu, Herz der Liebe! Welche Strafe wird mich treffen für meine Lauheit beim Empfang der hl. Kommunion! Welche Beleidigung erfährt Jesus dabei! O Pater, nehmen Sie etwas Liebe vom sel. Gabriele weg und senden Sie es mir. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus allein.

 

107.     Geistige Kommunion Gemmas. Sie nimmt die schwere Krankheit ihrer Wohltäterin auf sich.

Mein Pater — Es lebe Jesus! Ich bin allein,' ich konnte nicht kommunizieren, da ich allein es mir nicht getraute. Ich habe soeben geistiger Weise kommuniziert, indem ich sagte: „Offne dich mein Herz! Siehe, Herr, mein Herz steht dir offen,'

tritt ein, o göttliches Feuer; Jesus, komme ... ich möchte der Kranz deiner Flammen sein, Jesus!"

Ich zögere nicht einen Augenblick mehr, ich nehme das ganze llbel, das meine edle Wohltäterin betroffen, auf mich. Ich habe gebetet; Jesus, wirst du mich erhören wollen? Wenn es dein Wille ist. Segnen Sie mich und denken Sie in Rom an die arme Gemma; tun Sie das, was Jesus will, niemals aber das, was Sie glauben, es sei mein Phantasiebild, meine Erfindung.

Die arme Gemma.

 

108.     Sie verzehrt sich bei dem Gedanken an die Kommunion des andern Morgens.

Mein Pater — Wenn Jesus mich auch liebt, so ist meine Liebe zu ihm noch zu schwach. Sollte man Jesus nicht mit allen Kräften, aus -ganzer Seele lieben? Sollte man nicht wünschen, von seiner heiligen Liebe ganz aufgezehrt zu werden? Jesus, Jesus alle unsere Liebe, all unsere Dankbarkeit ! Es ist Nacht, Pater, bald naht der Morgen. Jesus wird mich besitzen, ich werde Jesus besitzen. Habe ich dieses Glück vielleicht verdient? Nein, mein Pater, nicht wahr? Jesus, mein wahrer Gott. Einziger Gegenstand all meiner Gefühle, was wäre es für mich, wenn ich sterben könnte, nachdem ich dich empfangen! Ja, sterben in der Ekstase über die hl. Kommunion! Was wäre dies für mich? Jesus, meine einzige Liebe . . . dich erwarte ich . . . bald! . . . Berzeihen Sie, Pater, 

diese Worte, ich merte es, ich bin außer mir. Mein Jesus, morgen, morgen werde ich dich aufs neue in Liebe empfangen, Jesus, Jesus! Möge wenigstens die Begeisterung meiner zärtlichen Liebe dich die Bitterkeit meiner Beleidigungen vergessen lassen! Nicht wahr, diejenigen, welche andere als Jesus lieben, sind Toren? Weißt du, mein Gott, was eine liebende Seele in Trostlosigkeit zu versetzen vermag? Der Umstand, daß sie dich nicht genügend lieben kann. O mein Gott, du würdigest dich, auch heute einen Blick auf die letzte deiner Töchter zu werfen; es ist zuviel, mein Gott, es ist zu viel! Mein Gott, ich bete dich an, ich sterbe aus Liebe zu dir, deinen so süßen Namen will ich immer im Geiste, im Herzen, auf den Lippen tragen. Jesus, Jesus jetzt und immer! Jesus, mein Licht, mein Herz, meine Seele! Jesus, Jesus, Jesus! Zum Himmel, zum Himmel, Pater!

Jetzt weile ich nicht mehr auf Erden, ich bin . . .*)   "

Verzeihen Sie mir, Pater, und regen Sie sich doch in keiner Weise auf; denn während ich diesen Brief schrieb, war mein Kopf wiederholt weg, d. h- ich war in der Ekstase. Verstehen Sie? O Pater, jetzt mache ich Schluß, ich schreibe nicht weiter, damit mein Kopf mir nicht abermals durchgeht. Segnen Sie mich recht oft und kräftig.

Die arme Gemma.

 

') Im Himmel, und erfreue mich im Schoße Götter. 

 

1»S. Wie die Liebe zu Gott in ihrem Herzen zunimmt, wächst auch das Gefühl ihrer eigenen Armseligkeit.

Wie groß, o Pater, ist doch meine Torheit, daß ich der erhabenen Güte Jesu Widerstand leiste! Ich will Jesus aber recht sehr lieben, und wenn ich es nicht zuwege bringe, so möge er wenigstens wissen, wie sehr ich ihn zu lieben wünsche. Wissen Sie, auf welche Weise ich Jesus bitte? Ich flehe ihn an um die Gnade, datz meine Liebe sich nicht blotz auf leere Worte beschränke, sondern datz es gleich der seinigen <Jesu) eine werttätige Liebe sei. Ich stelle mich ihm vor mit all meinen Armseligkeiten. Des Morgens, bevor ich hingehe, um ihn zu empfangen, sage ich zu ihm: „Du wirst sehen, wie krank mein Herz ist, aber ein Wort von dir, o mein Gott, vermag ihm die Gesundheit zu bringen." Nicht wahr, Pater? Wie gütig ist doch Jesus! Er spendet Wohltaten solchen, die sie nicht verdienen, wie ich eine bin; noch mehr, er spendet Wohltaten selbstlos und ohne Matz. Ich will Jesus nicht mehr verlassen, ich will mich ihm ganz hingeben, ihm alles ohne Ausnahme widmen und weihen. Doch, worin besteht es denn dieses Mein alles: in Sünden, Armseligkeiten aller Art, in einem grohen Matz von Eigenliebe. Dies ist das Geschenk, welches ich Jesu mache! Jesus wird indes Mitleid haben mit meinem armseligen Zustand, er wird mir Kraft verleihen, mir seine Gnade spenden. Keine Sünden mehr, keinerlei Rücksicht auf diese armselige Welt, keine Anhänglich-

keit mehr an ein Geschöpf. Es lebe Jesus! Er wird einen „Mann" aus mir machen, wie Sie zu sagen pflegten. Segnen Sie mich oft.

Die arme Gemma von Jesus.

 

110.     über denselben Gegenstand. Sie befürchtet, ihr Herz könnte in der Brust zerspringen.

Ah Pater, Pater! Könnte ich einen Augenblick in Ihrer Nähe sein, wie vieles, das mich bedrückt, wollte ich Ihnen sagen! . . . Niemand bleibt mir übrig als Jesus, Pater, Jesus allein,- o wie gut ist er! Seine geheimnisvolle Liebe ermüdet nie. Und doch findet er bei mir nur Elend, Schwachheit, Sünde; gleichwohl liebt er mich, liebt mich sehr, läßt mein Herz in einem fort seine Stimme vernehmen, erfreut mein Leben durch seine liebe Anwesenheit. Ja, die Wonne, die Freude, die ich genieße, sind so groß, daß ich mehrmals im Tage merke, wie meine Sinne schwinden, wie ich dieser Welt enthoben bin und immer mehr .... danach verlange, die Erde zu verlassen, in den Himmel zu kommen. O Himmel, Himmel, wo man gar nichts andres tut als lieben!

Nicht an Jesus denken ist unmöglich

Jesus verfolgt mich in seiner Liebe selbst! Ich mag hingehen, wo ich will, er verläßt mich nie, trennt sich nie von mir; er hat gewiß erkannt, daß ich ohne ihn nicht zu leben vermag. Dieses erwägend sage ich manchmal: „Aber wie, mein Gott, hast du denn alles andere vergessen? Hast 

du niemand als mich zu gewinnen?" Sofort geht in meinem Geiste ein Licht auf: Jesus in dem unveränderlichen Lichte seines göttlichen Schauens nimmt nicht zu, wenn er bloß auf mich blickt, er nimmt aber auch nicht ab, wenn er aus viele Geschöpfe blickt.

Mein Herz ist immer mit Jesus vereinigt und Jesus lägt noch immer zu, datz ich mich vor Liebe verzehre. Mein lieber Heiland, ich möchte inmitten deiner Flammen ganz vernichtet werden. Pater, gestern morgen glaubte ich wirklich, das Herz wolle mir aus der Brust heraus. Was glauben Sie, Pater; meinen Sie, ich fühle die Pflicht der Dankbarkeit gegen Jesus nicht auch? Glauben Sie vielleicht, ich wolle mich nicht erkenntlich zeigen einem Gott gegenüber, einem Gott, der mir so viele Wohltaten erwiesen hat? Seien Sie mir behilflich, daß ich es tue, indem ich ihn niemals mehr beleidige. Wie zufrieden wäre Jesus, wenn er in meinem Herzen als Gegengabe aufrichtige Liebe anträfe. Wie soll ich aber etwas tun, was ich nicht zu tun verstehe? Wenn ich Jesus etwas liebe, so verdanke ich es nicht mir selbst, auch nicht meinen Kräften, sondern vollständig seiner Barmherzigkeit. Jesus, der mächtige König der Herzen, scheint auch mein hartes Herz zu erweichen. O Pater, könnte das Herz Jesu, ganz voll der Flammen, mich nicht vollständig erfassen, so dah ich ein glückliches Opfer desselben würde? Oder könnte ich wenigstens so tief davon verwundet werden, das; es mir das ganze Leben lang jenen überaus 

sützen Schmerz bereiten würde, der auf Erden das Glück eines Herzens ausmacht, das ganz Jesus angehört? Es lebe Jesus! O Pater, beten Sie recht für mich,' ich merke es,- auf solche Weise vermag ich fast nicht mehr zu leben. Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma von Jesus.

 

111.     Sie wünscht sich die Flügel des Schutzengels, um in den Schoß Gottes zu fliegen. Sie sehnt sich danach, allein mit Jesus allein zu sein.

Pater — Jesus ist immer mit mir, ich fühle mich ganz in chm; wie wohl ist mir dabei! Ich fürchte ihn zu beleidigen und zu verlieren. Wann werde ich auf immer mit ihm vereinigt bleiben, ohne befürchten zu müssen, daß ich ihn beleidige? Wenn mein Engel mir auf einen Augenblick seine Flügel leihen würde, wollte ich zu Jesus in den Himmel fliegen! Ich habe gebetet und werde stets beten, daß Jesus bald komme und mich abhole. Doch was sage ich? Und meine vielen Sünden? Der Aufenthaltsort der Heiligen ist nicht für mich. Was sage ich nun? Verzechen Sie; denn ich weiß nicht mehr, was ich schreibe ich schreibe aufs Geratewohl. Der Wille Gottes geschehe! Wie vieles möchte ich Ihnen jetzt sagen, das sich ganz auf Jesus bezieht! Ich weiß aber nicht, wie ich es sagen, wie ich mich ausdrücken soll. Wenn ich so ohne Sinn etwas niederschreibe, verstehen Sie mich dann? Jesus ist mit mir, gehört mir ganz an. Er ist ganz einsam und allein; ich bin allein da, um ihn zu preisen, allein, um ihm das Geleite zu geben; er ist eingeschlossen in der armseligen Wohnung meines Herzens; seine Majestät verschwindet, wir sind ganz allein; mein Herz schlägt in einem fort zugleich mit dem meines Jesus. . . . Sagen Sie, Pater, ist das nicht etwas, worüber man vor Freude erbeben kann? Erinnern Sie sich noch daran, datz ich Ihnen sagte, meine Mutter habe mein Herz weggenommen? Sie besitzt es immer; sie hat auch das von N. sowie das von N. weggenommen. Ich habe sie alle zusammen vereinigt und sie meiner Mutter gegeben; diese hat sie mit dem ihrigen vereinigt und mir überdies versprochen, sie werde dieselben mit dem wirklichen Herzen Jesu vereinigen. ... Ich sagte ihr, sie solle ihm alle aufopfern und sie uns niemals mehr zurückgeben. Nicht wahr, Sie sind zufrieden, datz ich das gemacht habe?

Jetzt möchte ich Ihnen, wie immer am Schlüsse aller meiner Briefe noch so manches sagen; ich fürchte jedoch, Sie dadurch aufzuregen. Mögen Sie es so verstehen.*) Ich will immer tun, was Jesus will. Segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma von Jesus.

 

112.     Erhabener Schwung der Liebe.

Pater, Pater — Wie manches wollte ich Ihnen sagen, damit Sie etwas von mir wohl verstehen

«) Sie spielt an ihr Verlangen an, in ein Kloster verbracht zu werden. 

könnten! Manchmal bin ich gezwungen aus- zurufen: „Wo bin ich, wo befinde ich mich? Wer ist mir nahe?" Ohne in der Nähe Feuer zu gewahren, merke ich, daß ich brenne; ohne irgendwelche Kette am Leibe fühle ich mich an Jesus gefesselt und gebunden; von hundert Flammen fühle ich mich ergriffen, sie lassen mich leben und lassen mich sterben. Ich leide, Pater, ich lebe und sterbe in einem fort, ich würde aber um keinen Preis mein Leben mit so vielen andern Leben auf Erden vertauschen. Ich stehe nie still; ich möchte fliegen, ich möchte sprechen, allen möchte ich Zurufen: „Liebt Jesus einzig und allein!" Ost, recht oft bin ich allein; mit Jesus befinde ich mich aber in vortrefflicher Gesellschaft. Vernehmen Sie etwas Sonderbares, Pater; je mehr ich los sein möchte, desto mehr fühle ich mich aufs engste mit Jesus verbunden und verknüpft. Nach Kräften suche ich in der Welt alles zu verlassen, finde dafür aber alles; ich fliehe alle Freuden des Lebens, finde dafür solch große Wonne, daß ich mich vollständig befriedigt fühle. Ich brenne fortwährend und möchte immer noch mehr brennen; ich leide und möchte immer noch mehr leiden; ich möchte leben, möchte aber auch sterben. Ich sage Ihnen offen, was ich will und wünsche. Eigentlich weiß ich es selber nicht. . . . Ich suche und finde nicht,' ich weiß aber nicht, was ich suche,' ich liebe wenig, ich möchte ihn aber viel mehr lieben, meinen . . . (himmlischen Bräutigam). Ich merke, daß ich liebe, wen ich aber liebe, das weiß ich nicht, das verstehe ich nicht. Trotz meiner grohen Unwissenheit fühle ich doch, datz es ein unermehliches, ein erhabenes Gut ist. Es ist Jesus.

O Pater, mein Pater, wenn Sie an Ihrem jetzigen Aufenthaltsorte einige von jenen Seelen fänden, die tief getroffen sind von der Liebe zu Jesus, so fragen Sie dieselben, was für ein Heilmittel sie gefunden, wenn sie bereits krank vor Liebe, den bittern Schmerz jener Glut, die den Brand entzündet, verkostet haben . . ., dann sagen Sie es mir. Jesus gibt mir oft keine Antwort; ich suche ihn, er aber läßt sich nicht finden; wenn er gar mich klagen und seufzen hört, dann verstummt er erst recht. Ich sage zu chm: „Sag mir, wer du bist, sag mir, was du willst, gib dich zu erkennen, dann magst du mich sterben lassen." Darauf werde ich fast aufgeregt und ungeduldig und werde sogar ungestüm gegen ihn.*) Warum denn, mein Pater, lätzt er sich so suchen? Manchmal habe ich ihn sogar grausam genannt, habe ihn aber gleich wieder um Verzeihung gebeten; denn gewisse Worte sage ich nicht so fast aus Ungeduld, sondern weil ich ihn so sehr liebe. O Pater, sprechen auch Sie, wie so viele andere das Wort aus und sagen Sie, ich sei ein einfältiges Wesen. Pater, leiden bedeutet wenig, brennen in sühem Feuer ist wenig, sterben ist wenig, mich ganz verzehren ist gleichfalls wenig. ... O Pater, was

») Gemeint ist jene Art von „Ungestüm", die Jesus bei seinen wahren Liebhabern so gerne sieht. 

werde ich also Jesus geben? Ich weiß ihm nicht; zu sagen, nichts zu geben,- aber da ich nichts zu tun verstehe, weihe ich mich ihm heute, so wie ich bin ohne jeglichen Rückhalt.

Verzeihen Sie mir die vielen unnützen Worte, die in diesem Briefe sind. Ich möchte fast niemand mehr schreiben: es geht mir so schwer, auch bloß zwei Zeilen zuwegzubringen, daß ich selber darüber erschrecke; doch wohlan, ich muß noch beifügen, daß Jesus mich unterstützt, ich schreibe hin, was mir in den Sinn kommt; jener häßliche Stolz, der von mir unzertrennlich ist, läßt mich die Briefe, nachdem sie geschrieben sind, nicht mehr durchlesen aus Furcht, ich müßte selbst auf die vielen Fehler aufmerksam werden. Es lebe Jesus! Beten Sie für mich und segnen Sie mich immer.

Die arme Gemma von Jesus.

 

113.     Sie fürchtet» infolge der Heftigkeit ihrer Liebe könnte die Seele sich vom Leibe trennen.

Freude darüber.

Pater — Ich bin sehr zufrieden, da ich sehe, daß die Zeit schnell, schnell vergeht; diese Zeit brauche ich dann nicht mehr auf dieser Welt zu verleben. Ich denke sodann, es werde ein Tag anbrechen, wo ich nicht mehr zu leiden habe. (Bitte Pater, fassen Sie diese Worte doch nicht als eine Klage aus; denn Jesus hat es mir oft genug eingeprägt, daß die wahre Probe der Liebe nur in dem Leiden besteht.) Ich weiß es, Pater, ich weiß 

«s, sich freuen ist nicht lieben. Wenn ich Gott doch wenigstens das Verdienst meiner Ergebung anbieten könnte! Wenn ich nur zu leiden lernte, wie eine christliche Seele leiden muh! Aber nein. Immer unruhig bin ich, immer auf der Suche nach einem Gut, nach einem großen Gut, nach einem Gut, das mich beruhigt, mir Trost gewährt, mir etwas Erquickung verschafft. . . .

Aber, Pater, ich darf wohl sagen, dah ich dieses Gut immer finde, und zu meinem großen Tröste finde ich dieses große Gut fast immer mit der Liebe zu mir beschäftigt. Pater, haben Sie auch verstanden, wer dieses Gut ist? Ich will es Ihnen nicht nennen, Sie mögen es so erraten! Dieses Gut behandelt mich immer mit unermeßlicher Güte, es sucht mich beständig heim, als vergäße es, was Eemina eigentlich ist. Vor wenigen Tagen war ich in einem Augenblick aufwallender Liebe zu Gott geradezu gezwungen auszurufen: „Aber... lasse ab; denn da ich so schwach bin, lehrst du mich auf diese Weise, dich aus einem bestimmten Interesse lieben!" Ich stelle mir nun vor: Sie möchten gerne wissen, wovon ich eigentlich sprechen wolle; aber diese Ihre Neugierde befriedige ich nicht.*) Was würde aus mir, was würde ich beginnen, wenn dieses mein Gut, wenn mein geistlicher Vater und Seelenleiter, wenn der Beichtvater mich nicht verpflichteten, ihnen allen gehorsam zu sein? Schreiben Sie, Pater, schreiben

 

Sie ein einziges Wort an mich und ich werde glücklich sein.

Die arme Gemma.

 

114.     Sie sehnt sich nach Lem Himmel, um immer mit Jesus, mit Maria und den Engeln verkehren zu können.

Pater — Sterben I . . . Welch ein Glück zu Jesus gehen, sicher zu sein, daß man ihn stets liebt, ihn nie mehr verlieren kann! Wenn Jesus mich nicht sterben läßt, werde ich ihn nicht mehr sehen können. Ich weist es zwar ganz gut, ich verdiene es nicht, an den Himmel auch nur zu denken. Allein die zärtliche Liebe, die Jesus mir bewiesen hat, und noch mehr seine unendliche Barmherzigkeit lassen mich hoffen, dast er mich bald mit allen Seelen vereinigen wird, welche ihn noch mehr geliebt haben und die jetzt glücklich sind» aber nicht jetzt, Pater, sondern wann Jesus will. Heute morgen hat mich Jesus seine Anwesenheit nicht im geringsten fühlen lassen; was will das aber bedeuten? Hören Sie, Pater, gestern abend war ich wirklich betrübt, ich weinte mit Jesus. Die Tante an meiner Seite fragte mich, was ich hätte. Ich sagte ihr, Jesus sei nicht mehr da. Sie erwiderte darauf: „Was verschlägt es, wenn er nicht mehr da ist; er hört dich ja und es wird ein Tag kommen, wo du ihn sehen wirst." Da fliegt mein Gedanke eiligst dem Himmel zu und ich fühlte, wie eine Änderung in mir vorging. Mich an Jesus wendend sagte ich: „Wenn einmal 

die Stunde kommen wird, wo ich voll Freude zu Jesus gehen werde, dann komme ich zu dir, mein Gott; alles, was du mir geben wirst, hat ewigen Bestand, du wirst mir eine überaus große Belohnung zuteilen, wie mir der Beichtvater sagt, für gewisse kleine Leiden, die ich aus Liebe zu dir ertragen habe." Und dann, Pater; sehen Sie doch, wie töricht ich bin: ich stellte mir vor, ich befinde mich bereits im Verkehr mit den Engeln» es schien mir, ich weile schon dort oben. Woher nehme ich aber den Mut zu solcher Rede? Dann werden alle Engel unsere Brüder, werde ich meine Mutter sehen in ihrer vollen Erhabenheit. Dies ist das Mittel, welches ich gefunden habe; denn wenn ich leide, fliege ich in Gedanken dem Himmel zu, dann ist es geradezu eine Genugtuung für mich zu leiden. Mein Gott, wenn mir aber die Sünden in den Sinn kommen, dann schäme ich mich, den Himmel zu suchen und zu verlangen, nachdem ich ihn so oft selber zurückgewiesen habe. Wenn ich dann wieder auf meinen gekreuzigten Jesus blicke, kann ich trotz meiner vielen Sünden nicht anders, als glühend nach dem Himmel zu verlangen. Wie vieles bliebe mir noch zu sagen. Segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus.

 

115.     Siedrückt den Wunsch aus, an der Schwindsucht zu sterben. Abschiedsworte an ihren geistlichen Führer.

Mein Pater — Wie schön ist der Engel des 

sei. Fra Gabriele! Wenn Sie ihn sähen! Wie viel Schönes hat er mir gesagt! Zuletzt hat er mir mitgeteilt, daß ich vom Beichtvater und von Euer Hochwürden die Erlaubnis erhalte, an der Schwindsucht zu sterben. Bon Ihnen werde ich diese Erlaubnis bereits erhalten haben, denn der Engel versicherte mir, er selber werde Sie beruhigen. Jetzt bleibt noch der Beichtvater. Wie Sie aber wissen, hat der Beichtvater versprochen zu tun, was Sie wollen. Lassen Sie mich also recht bald diese Gunst von Jesu erbitten und erlangen, bevor er sich wieder zurückzieht. Oh, wenn ich statt dessen von Ihnen die Erlaubnis bekäme zu Jesus zu gehen — zu sterben — . . .! O ja, wenn Jesus mir die Wahl lässt, gestatten Sie, daß ich zu Jesus gehe. O Jesus, ich bin dein, bald komme ich zu dir, wie glücklich bin ich! Wenn Jesus käme, um mich abzuholen, würden Sie mich dann nicht ziehen lassen? Wohlan denn! Welche Wonne, wenn ich Ihnen sagen kann: „Vater, ich reise ab, ich gehe in den Himmel, Lckckio!" Welche Freude, für immer zu Jesus zu gehen! Gestatten Sie, Pater, dah ich Jesus bitte, er möge mich sterben lassen! Meine Seele seufzt und sehnt sich gar sehr darnach. Ich liebe Jesus und fühle, dah ich keine Angst habe. Im Gegenteil; was immer mich aufhält und verzögert, daß ich nicht gleich zu Jesus komme, erscheint mir lästig. Wohlan denn, sagen Sie doch gleich zu Jesus, er solle mich holen! Sehen Sie nicht, daß ich darauf warte? Verzeihen Sie mir; denn ich habe ge- — 183 —

schrieben, ohne zu wissen, was ich schreibe. Jetzt kehrt die Besinnung wieder; ich lese aber den Brief nicht durch, sondern sende ihn einfach ab.

Die arme Gemma.

 

116.     Sie erklärt, ihre Sehnsucht, bald in den Himmel einzugehen, komme von dem Verlangen, Jesus ganz zu schauen.

Mein Pater — Sind Sie noch immer aufgeregt? Ich will brav sein. Sie sagen mir, es sei nicht Zeit zum Sterben; ich weih es; aber wenn Jesus ... (es wollte)? Wie soll ich es nur machen, dah ich nicht zu sterben wünsche, wenn ich an die Ewigkeit, an die so große Liebe Jesu, an jene tätige Liebe Jesu denke? Wenn ich bedenke, daß ich ganz bei Jesus sein und ihn besitzen werde? Wissen Sie nicht, was mir der Engel gesagt hat? Dah wir nämlich glücklich werden wie Jesus. Wie soll ich nun nach alledem nicht den Himmel herbeisehnen? Stellen Sie sich vor, mit welcher Hingabe und Inbrunst mein Herz Jesus lieben wird, wenn ich ihn wohl erkannt und ihn ganz geschaut habe; denn jetzt läht er sich nicht ganz sehen. Da weih ich nun freilich nicht, ob Sie mich verstehen. Sagen Sie mir dann, ob Sie mich verstanden haben. Segnen Sie mich immer. Ich bleibe

die arme Gemma von Jesus. 

 

117.     Pater, schicken Sie mich in den Himmel!*)

Pater — Hören Sie! Es lebe Jesus! Ich will in den Himmel gehen! Pater, schicken Sie mich dorthin; Jesus hat es gern. Ich bereite ihm dann keinen Verdruß mehr, indem ich etwa schlimm bin und es mit mir immer noch minder wird. Ich fragte den Engel, ob er mich in den Himmel verbringe; er antwortete mir, wenn ich recht gut und brav sein werde, wolle er mich dorthin bringen. Brav möchte ich nun werden; dann wird er mich bald in den Himmel einführen. Es lebe Jesus! Beten Sie für mich und segnen Sie mich.

Die arme Gemma von Jesus.

 

') Was hätte dieses engelgleiche Geschöpf noch länger getan auf Erden? Oder besser gesagt, wie hätte es noch länger da bleiben können? Die göttliche Liebe hatte ihr dar Herz entzündet und verzehrt, das Innere vertrocknet, das Blut aus den Adern getrieben,- die Gnade hatte aus Gemma ein himmlisches Wesen gemacht,- sie hatte sich schon zahllose Verdienste erworben. Das alles war mir bekannt,- gewiß liebte ich diesen Engel im Fleische,- ich gab zwar nicht ausdrücklich di« erbetene Erlaubnis, aus dieser Welt zu scheiden, machte aber anderseits keine Schwierigkeiten, daß sie den himmlischen Bräutigam bat, er möge sie abholen. Dieses Gebet fand Erhörung, Gemma schied in der schönsten Blüte des Lebens aus dieser Welt, mir sandte sie in liebens- rvürdigster Natürlichkeit Len Abschledsgruß mit den oben erwähnten Worten: „Vater, ich reise ab, ich gehe in den Himmel; Lckckio!"

 

118.     Gemma schreibt an die seligste Jungfrau Maria. Die letzten Ergüsse ihres Herzens *)

Meine Mutter (verzeihen Sie**) mir das Wort). Mein lieber Gott! Meine Mutter, mein armseliges Dasein in diesem Leben dauert noch an, unter Kämpfen zwar, doch ich bin zufrieden. Zwischen der Furcht und der Hoffnung überlasse ich mich Gott. Jesus hat mir heute morgen gesagt: „Wenn ich ganz für dich bin, wer wird dann dich zu überwinden vermögen? Warum denn, meine Tochter, erfasst dich Trauer, statt dah deine Hoffnung zunimmt? Tochter, verdemütige dich unter meiner mächtigen Hand. Sei indes versichert, dah dein Gebet nie zu mir heraufdringt, ohne eine Gnade zu erlangen; mag es auch von geringer Liebe sein, ich werde sie derart vergrößern, dah das Gebet bis zu mir dringt, wenngleich es dir auf den ersten Blick scheinen mag, du habest keinen Erfolg zu verzeichnen." Zuletzt sagte er zu mir: „Gemma; lasse dich durch die Versuchungen nicht ermüden; leiste unentwegt Widerstand, ohne dich überwinden zu lassen; dann sei ohne Furcht; hält die Versuchung an, so verharre auch du im Widerstand;

") Diesen Brief schrieb Gemma wenige Tage, bevor sie starb, als infolge der Heftigkeit ihres Übels der Geist schon zu schwanken begann. Der Leser wird gleichwohl die Festigkeit und Größe dieser Seele bewundern, die selbst in jenen Tagen so zu sprechen weiß.

") Daß sie Maria mit Sie anredet, ist ganz ungewöhnlich bei Gemma; es beweist auch, daß ihr Geist bei Abfassung dieses Briefes nicht mehr ganz frei war. 

 

denn gerade der Kampf führt dich dem Siege entgegen."

O meine Mutter, bitten Sie Jesus immer für mich; ich wünsche, dah Jesus uns alle zufriedenstelle; ich kann mich aber sehr wohl getäuscht haben! Liebe Mutter, es steht gar nicht gut um mich, mein Leben erlischt, mit jedem Tag wird es aufgezehrt. Und der Geist? O mein Gott! Ich werde gequält; aber Jesus sagt mir, ich solle mich an seine Mutter wenden. „Tochter, empfiehl dich ihr jeden Tag; ich habe sie schön, gnadenreich, liebevoll und gütig erschaffen, damit sie mir die Seelen erjagen, gewinnen und sie retten könne; ich schuf sie herablassend, sanftmütig, versöhnlich, damit sie niemand verachte." Trotz dieser trostreichen Worte verliere ich den Mut und weine. Ich bin so undankbar nicht blog Jesus und Maria gegenüber, sondern auch gegen die Welt, gegen meinen geistl. Vater, gegen meine zweite Mutter Tante Cecilia. Wie willig ertragen sie mich, o mein Gott! Und du, was wirst du machen, wirst du mich am Ende verwerfen? Nein, nein, Jesus, verlasse mich nicht, ich werde brav sein.

Ich bitte wegen dieses Werkes,*) wenn Jesus es will, wird er es auch durchführen. Liebe Mutter, Sühnopfer bedarf es noch so vieler, aber Jesus wird alle dazu machen. . . . Im übrigen habe selbst ich fast keine Furcht mehr vor dem Teufel,

') Gründung des Klosters der Pastionistinnen zu Lucca.

 

obgleich ich des Nachts manchmal allein bin, voll Schrecken und tausend anderer Dinge. Wenn ich keine Anzeichen von den Drangsalen und Schmerzen habe, verhalte ich mich ruhig. Sonst aber rufe ich und zwar laut, wende mich an Jesus und verspreche ihm Liebe. Meine Mutter, Mutter der Liebe für alle! Meine Mutter, ich habe so viele Versprechen, an die ich Jesus erinnern möchte, aber Jesus ist verborgen. . . . Das „I^unc ckiinrttis" „Nun entlassest du", werde ich in meinen letzten Augenblicken sagen. Wie gut meint es meine himmlische Mutter mit mir! Sie sagt mir immer: „Gemma, achte Klotz auf mich; bedenke, in welchen Garten ich dich gepflanzt habe! Wie oft hast du mich beleidigt, wie oft habe ich dir Gutes erwiesen! Sag mir doch, wie manches Mal habe ich dich gerufen. Glaubst du, ich sage dir dieses, um dich zu beschämen? O nein, ich sage dir es vielmehr, um dich zu meiner Liebe aufzumuntern. Wegen meiner Liebe und wegen meiner Güte allein will ich, datz du mich liebst; wenn du mich nämlich liebst, dann wirst du inne, was ich bin und was du bist."

Verzeihen Sie mir diese Bezeichnung Mutter; ganz unwillkürlich kommt sie über meine Lippen. O meine Mutter! Es lebe Jesus l Es lebe Maria! Jesus wird sich bald und auf heilige Art durch seine heilige Liebe an dem undankbarsten seiner Geschöpfe rächen. Beten Sie für mich, sagen Sie Jesus, ich wolle brav und gehorsam sein; aber ich möchte bald in den Himmel

"kommen, wenn es chm gefällt. Segnen Sie M ich -leche

die arme Genun«.

I>. 8. O Pater, bitten Sie Jesus, er mögend zu sich in den Himmel nehmen; aus der Welt kann ich nicht länger bleiben. Ich befinde mich in der Wohnung der Tante Galgani, ich bin jedoch zufrieden und beruhigt im Geiste. 

Viva Gesù! Viva Gemma!