Das Tagebuch der heiligen Gemma Galgani von Lucca

Das mystische Tagebuch der heiligen Gemma Galgani - 19. Juli - 3. September 1900 

 

Donnerstag, 19. Juli: Jesus erscheint ihr und setzt ihr die Dornenkrone aufs Haupt.

 

19. Juli. + Heute abend endlich, nachdem ich 6 Tage lang unter der Abwesenheit von Jesus gelitten hatte, fühlte ich mich ein wenig gesammelt. Ich schickte mich an zu beten, wie ich es jeden Donnerstag tue; ich hätte gern gekniet dabei, aber der Gehorsam schrieb vor, dass ich es im Bett tat, und so machte ich es; ich begann an die Kreuzigung Jesu zu denken. Zuerst fühlte ich nichts, aber nach einigen Minuten spürte ich ein wenig innere Sammlung: Jesus war nahe. Auf die Sammlung folgte dann, wie es schon andere Male geschehen war: mir schwanden die Sinne* (* Anmerkung: Die Heilige schreibt in ihrer volkstümlichen Sprache: "mir ging der Kopf fort".) und ich befand mich bei Jesus, der schreckliche Peinen litt. Wie kann man Jesus leiden sehen, ohne Ihm helfen zu wollen? Ich fühlte also gleich ein sehr großes Verlangen, zu leiden, und bat Jesus, mir diese Gnade zu geben. Er gewährte sie mir sogleich und tat, wie Er es schon mehrere Male getan hatte: Er näherte sich mir, nahm die Dornenkrone von Seinem Haupt und setzte sie auf das meine, und ließ mich dann so. Als Er aber sah, daß ich Ihn unverwandt anschaute, begriff Er sogleich den Gedanken, der mir in diesem Augenblick kam; ich dachte nämlich: vielleicht liebt mich Jesus nicht mehr, weil Er sonst, wenn Er mir Seine Liebe zeigen will, mir die Dornenkrone recht fest auf den Kopf oder an die Schläfen drückt. - Jesus verstand und preßte mir die Krone mit Seinen Händen an die Schläfen. Es waren schmerzhafte, aber glückliche Augenblicke. Und so verbrachte ich eine Stunde im Leiden mit Jesus. Gern hätte ich die ganze Nacht so verbracht, aber da Jesus den Gehorsam so liebt, unterwarf Er sich selbst dem Gehorsam des Beichtvaters und verließ mich nach einer Stunde, das heißt, Er ließ sich nicht mehr von mir sehen; aber es ereignete sich etwas, was sonst nie vorgekommen war. Jesus nahm mir nämlich gewöhnlich, wenn Er mich verließ, die Dornenkrone von meinem Haupt und setzte sie wieder auf das Seine; gestern dagegen ließ Er sie mir bis gegen 4 Uhr.* (* Anmerkung: Bis 4 Uhr Nachmittag des folgenden Tages.) Um die Wahrheit zu sagen, ich litt schon ein wenig, aber doch gelang es mir, nur ein einziges Mal zu klagen. Jesus wird mir verzeihen, dass mir manchmal ein Klagelaut entschlüpft, weil es ganz unfreiwillig ist. Ich litt bei jeder Bewegung, die ich machte: aber das ist alles meine Einbildung und Phantasie.* (* Anmerkung: Dass es nicht Einbildung gewesen ist, sondern dass Gemma wirklich unbeschreibliche Qualen bei der Dornenkrönung litt, bestätigen alle, die diesem qualvollen Martyrium beiwohnten.)

 

Freitag, 20. Juli: Jesus nimmt ihr die Dornenkrone ab, unterhält sich liebevoll mit ihr und sagt ihr, dass Er sie sehr lieb habe, weil sie Ihm ähnlich sei, und dass Er sie mit der Zeit zu einer Heiligen machen werde.

 

Gestern, gegen 4 Uhr, kam mir das Verlangen, mich noch einmal ein wenig mit Jesus mystisch zu vereinen; ich versuchte es und plötzlich war ich mit Ihm vereint. Um die Wahrheit zu sagen, empfand ich große Lustlosigkeit, da ich mich müde fühlte und ohne Kraft. Ich war also aufs neue bei Jesus. Er setzte sich neben mich, aber Er war nicht mehr so traurig wie in der Nacht, sondern freudig. Er liebkoste mich ein wenig und dann nahm Er mir zu meiner großen Freude die Krone vom Kopf (ein wenig litt ich noch, aber weniger) und setzte sie auf Sein Haupt, und ich fühlte keinen Schmerz mehr; plötzlich kehrten die Kräfte zurück und ich befand mich besser als vor dem Leiden. Jesus fragte mich dann verschiedene Dinge; ich sagte Ihm, dass Er mir nicht befehlen solle, zu P. Vallini beichten zu gehen, weil ich nicht gerne zu ihm gehe; da wurde Jesus ernst und sagte ein wenig streng, dass, wenn ich es nötig hätte, ich sogleich zu ihm gehen solle. Ich versprach es Ihm und werde gern gehen.

Ich hatte immer Jesus so viele Sachen zu sagen; zuweilen fühlte ich mich ein wenig ohnmächtig werden; dann versprach Er mir, später bei den Abendgebeten, wiederzukommen; damit war ich auch sehr zufrieden: Er öffnete mir Sein Herz, und ich sah darin zwei Worte geschrieben, die ich nicht begriff. Ich bat Ihn, sie mir zu erklären; Jesus antwortete mir: „Ich liebe dich deswegen so sehr, weil du mir sehr ähnlich bist." - „Worin, o Jesus" - fragte ich Ihn -, „da ich mich Dir doch so unähnlich fühle?“ - „Im Demütigsein“, antwortete Er mir. Jetzt begriff ich alles, mir kam mein ganzes vergangenes Leben in den Sinn.* (* Anmerkung: Selbst das Lob, das sie von Jesus empfing, nahm Gemma zum Anlass, um sich noch mehr zu erniedrigen.) Ein großer Fehler ist immer meine Leidenschaft, der Stolz gewesen. Als ich klein war, hörte ich überall, wo ich ging, von allen sagen, daß ich eine große Stolze sei. Aber Jesus, welche Mittel hat Er gebraucht, um mich zu verdemütigen, besonders in diesem Jahr. Endlich habe ich begriffen, wer ich wirklich bin. Jesus sei stets gedankt! Es fügte aber mein Gott noch hinzu, daß Er mich mit der Zeit zu einer Heiligen machen würde (darüber sage ich nichts, weil es unmöglich ist, dass das eintritt, was Er da sagte). Er gab mir noch einige Mitteilungen für den Beichtvater und segnete mich. Ich begriff, wie immer, dass Er sich für einige Tage entfernte. Wie gut ist Jesus! Kaum geht Er, so läßt er mir den Schutzengel, der mir mit dauernder Liebe, Wachsamkeit und Geduld zur Seite steht. O Jesus, ich habe Dir versprodien, dass ich Dir immer gehorchen werde, und wiederhole es von neuem. Wie es immer sein mag, ob meine Phantasie im Spiel ist oder eine Machenschaft des Teufels: meine Hauptsorge soll immer sein, Dir zu gehorchen.

 

Samstag, 21. Juli: Maria, die Schmerzensmutter, ließ sie an ihrem Herzen ruhen. Vom Dämon geschlagen, wird sie vom Schutzengel behütet.

 

Heute, am Samstag, den 21. Juli, vermeinte ich, mich in keiner Weise sammeln zu können. Aber kaum durfte ich allein sein, versuchte ich den Schmerzhaften Rosenkranz zu beten; ich weiß nicht, an welcher Stelle ich war, da fühlte ich meine Sinne schwinden. Meine liebste Mutter, Maria die Schmerzensreiche, wollte mir einen kleinen Besuch machen (ich hatte nicht daran gedacht, dass es Samstag war; denn am Samstag pflegt sie mich gewöhnlich zu besuchen). Ich war ganz betrübt; ich weiß nicht, aber mir schien, dass ich weinte. Ich rief sie mehrmals mit dem süßen Namen Mutter; sie antwortete mir nicht, aber als sie mich Mutter rufen hörte, lächelte sie; ich wiederholte es mehrmals, so oft ich konnte, und immer lächelte sie. Endlich sagte sie mir: „Gemma, willst du ein wenig an meinem Herzen ruhen?" Ich erhob mich, kniete nieder und näherte mich ihr; sie erhob sich auch, küßte mich auf die Stirn und dann entschwand sie mir. Ich blieb wieder allein, war aber sicher, dass meine Mutter mich noch liebt: doch wie habe ich sie belästigt! Nach all dem fühlte ich mich gewiß immer noch betrübt, aber doch mehr ergeben. Heute abend bin ich, wie ich es Jesus versprochen hatte, zu P. Vallini beichten gegangen. Aber ach, als ich aus dem Beichtstuhl herauskam, fühlte ich mich plötzlich unruhig und aufgeregt: es war das Zeichen, daß der Teufel in der Nähe war. Ja, leider, er war in der Nähe! Ich bemerkte ihn gut etwas später, als ich mich anschickte, meine Gebete zu verrichten. Wie gesagt, war ich innerlich und auch äußerlich ganz in Unruhe; ich wäre lieber zu Bett gegangen, um zu schlafen, anstatt zu beten; aber nein, ich wollte es versuchen. Ich begann mit drei Anrufungen, die ich gewöhnlich jeden Abend zum Heiligen Herzen Mariä bete. Aber kaum hatte ich mich hingekniet, da ließ sich der böse Feind, der schon seit einigen Stunden im Verborgenen gewartet hatte, in der Gestalt eines ganz kleinen Mannes sehen, aber so gräßlich, dass ich ganz von Entsetzen ergriffen wurde. Meine Gedanken waren ganz auf Jesus gerichtet, und ich beachtete den anderen gar nicht; ich fuhr fort zu beten, aber ganz plötzlich begann er mich auf die Schultern und auch tiefer zu schlagen: und er schlug fest zu. Ungefähr eine halbe Stunde werde ich in dieser Bedrängnis gewesen sein; dann dachte ich daran, dass das, was ihm am meisten mißfiel, die mystische Sammlung sei, die mich Jesus so oft verkosten läßt. Ich empfahl mich also Jesus, aber ach! Inzwischen hatte sich die Stunde genaht, in der ich gehorchen mußte, zu Bett zu gehen. Aber in diesem Zustand zu gehen, widerstrebte mir: ich hatte ja noch nicht die Gewissenserforschung gemacht. Ich bat meinen Schutzengel, und wirklich half er mir, auf eine ganz eigenartige Weise, muß ich sagen. Kaum erschien er mir, so bat ich inständig, mich nicht allein zu lassen. Er fragte mich, was ich hätte; ich zeigte auf den Teufel, der sich etwas entfernt hatte, aber mir immer noch drohte. Ich bat ihn, dass er die ganze Nacht bei mir bliebe. „Doch ich bin schläfrig", sagte er mir. „Aber nein", antwortete ich, „die Engel Jesu schlafen ja nicht." - „Aber doch", meinte er, „ich muß mich ausruhen“ (doch ich merkte, daß er es zum Scherz sagte); „wo kann ich mich hinlegen?" Ich wollte ihm sagen, dass er sich auf das Bett legen solle; ich wolle derweilen beten; aber dann wäre ich ungehorsam gewesen. Ich bat ihn, dass er in meiner Nähe bliebe, und er versprach es. Ich ging zu Bett; darauf schien es mir, dass er seine Flügel ausbreitete und mir über den Kopf hielt. Ich schlief ein, und heute morgen war er noch am gleichen Platze wie gestern abend. Ich verließ ihn; aber als ich aus der Messe zurückkehrte, war er nicht mehr da.

 

Sonntag, 22. Juli: Sie wird aufs neue vom Dämon geschlagen. Der Engel macht ihr heftige Vorwürfe wegen einiger begangener Felder.

 

Ich empfing die heilige Kommunion, aber Jesus ließ mich nichts, gar nichts fühlen; doch war ich dann wieder ruhig. Obwohl ich geglaubt hatte, nun ganz befreit zu sein von jener schrecklichen Bestie, hat mich der Dämon heute doch wieder heftig geschlagen. Ich war ins Bett gegangen mit der festen Absicht zu schlafen, aber es kam anders: er hat mit heftigen Schlägen begonnen, so dass ich fürchtete, sie würden mir den Tod bringen. Er war in Gestalt eines großen, ganz schwarzen Hundes und legte mir die Pfoten auf meine Schultern; er hat mir solche Schmerzen verursacht, dass ich alle Knochen fühlte. Zuweilen meinte ich, daß er sie mir zerbrechen würde; ja, einmal, etwas früher, als ich Weihwasser nahm, hat er mir einen so starken Schlag auf den Arm gegeben, dass ich vor großem Schmerz zu Boden stürzte; dann entfernte er sich; aber bald kehrte er wieder, bis mich Jesus berührte, dann war alles aus. Danach erinnerte ich mich, dass ich ja um den Hals einen Splitter vom heiligen Kreuz trug;* (* Anmerkung: Die Reliquie des heiligen Kreuzes war Gemma vom Provinzial der Passionisten, P. Peter Paul von der Unbefleckten Empfängnis gegeben worden, damit sie sie gegen die Angriffe des Dämon schützen solle.) ich vermochte mich damit zu segnen und wurde plötzlich ruhig. Sogleich begann ich Jesus zu danken; Er zeigte sich mir ein wenig und ermunterte mich von neuem, zu leiden und zu kämpfen, dann verließ Er mich. Von da an habe ich mich nicht mehr sammeln können; doch Gott sei in allem gepriesen. Ich muß noch einige Mahnungen berichten, die mir der Schutzengel heute im Laufe des Tages gegeben hat. Das erstemal näherte er sich mir zur Zeit des Mittagessens. Ich muß bemerken, dass mir in diesem Augenblick ein Gedanke gekommen war . . . Er sah es, begriff und sagte mir: „Tochter, willst du, daß ich fortgehe und mich nicht mehr sehen lasse?“ Ich schämte mich und ging in mich. Diese Worte sagte er so laut, dass ich nicht weiß, ob sie nicht auch andere haben hören können. Ein anderes Mal, gestern am Tage, in der Kirche, näherte er sich mir wiederum und sagte: „Die Größe Jesu und der Ort, wo du bist, verdienen ein anderes Betragen.“ Ich hatte nämlich in diesem Augenblick meine Augen erhoben, um nach zwei Mädchen zu schauen, was sie für Kleider anhatten. Das letztemal, heute nacht; ich lag zu Bett in einer nicht ganz schicklichen Weise; er wies mich zurecht und sagte mir, anstatt fortzuschreiten nach seinen Lehren, werde ich immer schlechter und lasse ständig nach im Guten. Alles dieses nahm ich im Wachen wahr. So scheint es mir, wird es mir mit dem, was ich tue, nicht gelingen, gut zu werden und mich auf den Besuch der allerseligsten Schmerzensmutter und des Mitbruders Gabriel vorzubereiten.

 

Montag, 23. Juli: Jesus gibt ihr Kraft, den Dämon zu besiegen und über ihn zu spotten. Erscheinungen des hl. Gabriel.

 

Heute hat mir Jesus von neuem gezeigt, dass Er mir ständig wohl will, aber nicht in der Art wie früher, dass Er sich mit mir vereinigt oder mir Sammlung gibt, sondern in einer anderen. Ich war zu Bett gegangen und eingeschlafen, aber als ich gut schlief, nach einer Viertelstunde etwa (weil mein Schlaf immer kurz ist), sah ich am Fußende des Bettes, aber an der Erde, jenes bewußte Männchen, ganz schwarz und ganz klein. Ich begriff, wer es war, und wurde ordentlich zornig; dann sagte ich: „Hast du jetzt wieder die alte Geschichte angefangen, mich nicht schlafen zu lassen?" - „Wie? Schlafen?" antwortete er, „warum betest du nicht?“ „Ich werde später beten“, sagte ich, „jetzt schlafe ich.“ - „Wehe, es sind schon zwei Tage, dass du dich nicht mehr sammeln kannst; gut, laß es, ich denke mir mein Teil.“ Er begann dann, mir einige Schläge zu geben; ich nahm das Kruzifix in die Hand, aber ach, es war nutzlos. Er stand da und schlug, was er konnte. Ich weiß nicht, mit welchem Erfolg; ich habe ihn wie wütend schlagen gesehen und dann sich auf der Erde wälzen. Ich lachte: heute schien ich weniger Furcht zu haben; er sagte mir dann: „Heute kann ich dir nichts antun, aber ich verschiebe es auf ein anderes Mal." Ich fragte ihn: „Warum kannst du es nicht? Wenn du es andere Male gekonnt hast, wirst du es doch noch können: ich bin ja die gleiche . . . ich trage nur Jesus um den Hals".* (* Anmerkung: Das Kruzifix bzw. die Reliquie vom heiligen Kreuz) Darauf sagte er mir: „Jene da . . . , die hier im Zimmer ist, was hat sie dir gemacht? Schaff mir das da weg, und dann wirst du sehen"* (* Anmerkung: Es musste die Tante Caecilia anwesend sein, die ihr den Gürtel des heiligen Gabriel aufgelegt hatte, wie die Heilige ein wenig später schreibt; sie berichtete auch P. Germano, dass diese Reliquie sie von den Versuchungen befreite und dass sie ihn bei sich haben möchte.) Ich blieb dabei, dass ich nichts hätte, weil ich geschlafen habe, aber ich verstand, was er sagen wollte. Nach diesen Worten lag ich ruhig im Bett und lachte, als ich die Grimassen sah, die er machte, und die Wut, die ihn verzehrte. Er sagte, dass, wenn ich weiterbete, er mir noch mehr antun werde. „Das macht nichts", antwortete ich, „ich werde für Jesus leiden“* (* Anmerkung: Diese Unterhaltungen mit dem Dämon wurden ihr, weil sie in sich gefährlich sind, von P. Germano verboten.) Kurz, heute hatte ich Unterhaltung, als ich ihn so wütend sah; er verhieß mir dann, dass er wiederkommen werde. Er wartete bis heute abend, aber Gott sei Dank vermochte er nicht lange zu bleiben: er gab mir drei heftige Schläge, so dass ich nachher lange Zeit nötig hatte zum Zubettgehen. Einige Male lief er davon, so erschreckt, dass ich nicht wußte, was er hatte. Er richtete mich so zu, dass ich mich kaum bewegen konnte. Wie oft rief ich nach Jesus! Aber ach, Er kam nicht. Ich bat dann meinen Schutzengel, dass er mich zu Jesus führte, aber es war alles umsonst. Er unterhielt sich ein wenig mit mir und sagte: „Heute Abend wird Jesus nicht kommen, um dich zu segnen, und auch ich werde dich heute Abend nicht segnen.“ Da war ich ganz bestürzt, weil, wenn Jesus mich nicht segnete und mir Kraft gab, ich mich nicht mehr erheben konnte: ich wußte nicht mehr weiter. Er bemerkte dann, dass ich am Weinen war, und sagte: „Aber Jesus schickt dir jemanden, verstehst du. Wenn du wüßtest, wen Er dir heute Abend sendet, würdest du gleich zufrieden sein." Ich dachte sofort an den Mitbruder Gabriel. Ich fragte deswegen, aber er gab mir keine Antwort; er ließ mich ein wenig warten, ganz verwirrt und voller Spannung. Endlich sagte er mir: „Aber wenn nun Jesus wirklich den Mitbruder Gabriel sendet, um dich zu segnen, was wirst du tun? Wirst du ihm nicht sagen, dass du dem Beichtvater nicht ungehorsam warst?" - „Nein, ich werde es nicht sagen“, antwortete ich ungeduldig; aber wie kann mich Mitbruder Gabriel segnen?" - „Es ist doch Jesus, der ihn sendet; Jesus hat ihn ja schon andere Male gesendet, um dich zu segnen. Aber wirst du brav sein und gehorchen?" -„Ja, ja, ich werde gehorchen; mach nur, dass er kommt.“ Nach einigen Minuten erschien er. Welche Torheit ergriff mich da! Ich hätte gewollt . . . aber ich war brav und hielt an mich. Er segnete mich mit gewissen lateinischen Worten, die mir gut im Gedächtnis geblieben sind, und bald darauf schickte er sich wieder an, wegzugehen. Da konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: „Mitbruder Gabriel, bitte unsere Mutter, dass sie dich am Samstag zu mir bringt und dich lange bei mir läßt." Er wendete sich um und sagte lachend: „Du sei nur brav", und indem er das sagte, nahm er von der Hüfte einen schwarzen Gürtel und sagte mir: „Willst du ihn?“ Ja, wie gern ich ihn wollte: „Gib ihn mir, er wirkt mir so viel Gutes." Aber er wies ab, er würde ihn mir am Samstag geben, und verließ mich. Er sagte mir noch, daß es jener Gürtel war, der mich in der vorigen Nacht vom Teufel befreit hätte.

 

Dienstag, 24. Juli: Vom Dämon versucht, wird sie vom Schutzengel beschützt. Es erscheint ihr Jesus, der ihr sanfte Vorwürfe macht und ihr von dem Kloster der Passionistinnen spricht, das in Lucca gegründet werden soll.

 

Gestern ging es wie gewöhnlich: ich war schlafen gegangen und schon eingeschlafen; aber der Dämon, schien es, wollte es nicht. Er erschien mir in einer äußerst schmutzigen Gestalt und versuchte mich heftig. Ich bat Jesus, dass Er mir lieber das Leben nehmen solle, ehe ich Ihn beleidigte. O diese schrecklichen Versuchungen! Alle mißfallen sie mir, aber die gegen die heilige Reinheit, wie ekeln sie mich an! Bald darauf kam der Schutzengel, um mich wieder zu beruhigen, und versicherte mir, dass ich es ganz recht gemacht hätte. Ich beklagte mich einige Male, weil ich wollte, dass er mir in gewissen Augenblicken zu Hilfe käme; er sagte, dass er mir immer beistände, ob ich ihn nun sehe oder nicht; gestern versprach er mir, da mich die allerseligste Schmerzensmutter unterstützt habe und ich brav gewesen sei, dass am Abend mir Jesus erscheinen würde. Als der Abend gestern gekommen war, wartete ich mit Ungeduld auf den Augenblick, in meine Kammer zu gehen, nahm das Kruzifix und ging zu Bett. Auch mein Schutzengel war zufrieden, daß ich zu Bett ging, weil . . .  Ich fühlte, dass die Sammlung über mich kam, da erschien mein Jesus, blieb aber etwas entfernt von mir. Was für unbeschreiblich schöne Augenblicke sind das! Ich fragte Ihn sogleich, ob Er mich immer liebe, und Er antwortete mit diesen Worten: „+ Meine Tochter, Ich habe dich mit so reichen Gaben beschenkt, ohne irgendein Verdienst deinerseits, und du fragst, ob Ich dich liebe? Ich fürchte sehr für dich." - „Warum?" fragte ich Ihn. „O Tochter, in den Tagen, da du so oft dich Meiner Gegenwart erfreutest, warst du ganz Eifer und es kostete dich keine Mühe zu beten; jetzt dagegen langweilt dich das Gebet; welche Nachlässigkeit in deinen Pflichten beginnt sich in dein Herz einzuschleichen! O Tochter, warum erniedrigst du dich so? Sag mir: in den vergangenen Tagen, schien dir das Gebet lang, wie jetzt? Welche kleinen Bußen machst du und wie lange brauchst du, bis du dich dazu entschließt!"

Was ich auf diese sanften Vorwürfe tat, weiß ich nicht; ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fuhr dann fort, Ihn über den Konvent*  zu fragen; wie hat Er mich darüber getröstet! (* Anmerkung: Über das zukünftige Kloster der Passionistinnen in Lucca. Dieses wurde bald nach ihrem Tod, 1905, gegründet.) Ich sagte Ihm, dass, wenn Er mich liebte, Er mir die Gnade geben solle, in den Konvent einzutreten; ich bat Ihn noch, dass Er mir etwas von dem neuen Konvent sagte, und Er antwortete: „Bald werden die Worte des Mitbruders Gabriel verwirklicht werden" . „Alle, alle?" fragte ich Ihn fast außer mir. „Alles, fürchte nicht, in Kürze. Wenn der Beichtvater zurückkehren wird, wird er dir noch Schöneres darüber sagen.“ Schließlich empfahl ich Ihm meinen armen Sünder. Er segnete mich und im Weggehen sagte Er mir: „Vergiß nicht, dass Ich dich für den Himmel erschaffen habe: mit der Erde laß dich nicht ein.“

 

Mittwoch, 25. Juli: Sie klagt sich einiger Fehler an, für die ihr der Engel Vorwürfe macht und sie belehrt, sich zu verdemütigen.

 

Und von heute? Was soll ich heute berichten? Ich finde keinen Frieden; der Stolz beherrscht mich heute mehr als zu anderen Zeiten. Um einen kleinen Akt der Verdemütigung machen zu müssen, habe ich schrecklich gelitten. 25. Juli. Von dem, was gestern* (* Anmerkung: Wie man sieht, beschrieb die Heilige das, was dem 25. Juli vorhergeht, sowie das, was am 26. folgt, alles unter dem Datum vom 25. Juli.)  vorfiel, werde ich nur wenig schreiben; meine Zunge ist zu lang (geschwätzig) und dadurch leiden auch andere Personen meinetwegen. Mein Beichtvater hat mir unter dem Gehorsam geboten, dass ich nur wenig spreche und nicht mit Personen, die meine Angelegenheiten kennen. Vor einigen Tagen kam P. Norbert , ging aber gleich wieder; und ein anderes Mal kam er wieder und machte es ebenso; um die Wahrheit zu sagen, bin ich bereit gewesen, Gehorsam zu üben, aber dann, wie erging es mir? Nach Tagen hatte ich Gelegenheit, mit einem anderen Bruder über diese Angelegenheit zu sprechen, und erfand dabei auch eine Ausrede, indem ich sagte, es sei Frau Cäcilia gewesen, die mich verheimlicht hatte, während ich es doch selbst war, die dies getan hatte. Ich weiß nicht, wie der erwähnte P. Norbert das erfuhr und es gleich an Frau Cäcilia weitererzählte, die sehr böse darüber war; nicht weniger böse war sie aber auf mich. Sie fragte mich, ob ich es wirklich gesagt hätte; ich antwortete: nein, da ich mich an nichts erinnerte; es war aber jemand, der mein Gedächtnis stärkte; es erschien nämlich der Schutzengel, der mir Vorwürfe machte und sagte: „Gemma, wie! Auch noch eine Lüge? Erinnerst du dich nicht, dass ich dich vor einigen Tagen zur Strafe dafür, daß du die Sache dem Bruder Famiano* erzählt hast, eine halbe Stunde stehen ließ . . . ?" (* Anmerkung: Bruder Famiano vom Heiligsten Herzen Jesu, Passionisten-Laienbruder, der als Almosensammler der benachbarten Engels-Einsiedelei oft in das Haus Giannini kam. Die Heilige unterhielt sich gern mit dem einfachen Ordensbruder.) Ich erinnerte mich gut an alles (und ich muß auch gestehen, daß der Schutzengel jedesmal, wenn ich etwas verfehlt hatte, mich strafte: es verging kein Abend, dass er das nicht tat). Er befahl mir jetzt, daß ich zu Frau Cäcilia ging, ihr alles erzählte und sie in seinem Namen bat, mir zu verzeihen. Ich versprach es zu tun, aber ach! Es verging der Tag, es kam der Abend, und noch immer hatte ich diesen kleinen Akt der Verdemütigung nicht vollbracht. Da stellte mich der Schutzengel aufs neue zur Rede und sagte, dass, wenn ich nicht zu ihr gehen und alles sagen würde, in der Nacht der Teufel kommen würde. Dieser Drohung konnte ich nicht widerstehen und ging in ihr Zimmer. Sie lag zu Bett, das Licht war gelöscht, so dass sie mich nicht hätte sehen können. So gut als möglich sagte ich ihr alles, aber gezwungen; es war eine wahre Beschämung, nicht fähig zu sein, mich zu verdemütigen. Endlich, nachdem sie mir gesagt hatte, dass sie alles vergessen hätte, ging ich in meine Kammer. Aber wie! Sie sagte, sie habe es vergessen, doch das war unmöglich. Ich bat vielmals um Verzeihung, auch Jesus und meine lieben Engel, und ging zu Bett. Welch schreckliche Nacht! Mein Engel ließ mich wegen meines großen Widerstrebens gegen die Verdemütigung allein, mit einigen Erscheinungen des Feindes. Schlafen konnte ich nicht, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte; wie schlimm stand es mit mir!

 

Donnerstag, 26. Juli: Neue Vorwürfe des Engels. Während der Heiligen Stunde am Donnerstag setzt ihr Jesus die Dornenkrone auf.

 

Es kam der Morgen und es kam endlich der Schutzengel, der mir so viele Vorwürfe machte und mich dann von neuem allein und betrübt zurückließ. Ich empfing die heilige Kommunion, aber, mein Gott, in welchem Stande! Jesus ließ sich nicht fühlen. Als ich dann endlich allein sein konnte, machte ich mir Luft: ich war schuldig, das fühlte ich; aber wenn ich etwas sagen soll, so habe ich gewissen Personen keinen Kummer bereiten wollen; vielmehr ist meine böse Neigung so schlecht, dass ich oft in solche Fehler verfalle. Für eine Stunde und mehr ließ mich Jesus in dieser Verfassung; ich weinte und war betrübt. Dann aber hatte Jesus Mitleid mit mir und erschien; Er liebkoste mich, ließ mich versprechen, daß ich es nicht wieder tun wolle, und segnete mich. Ich muß gestehen, dass ich bei den gestrigen Vorfällen drei Unaufrichtigkeiten gesagt habe, Anfälle von Wut hatte und Gedanken an Rache an dem, der mich verraten hatte; aber Jesus verbot mir, darüber mit Bruder Famiano und mit anderen zu sprechen. Meine Ruhe kehrte bald wieder, aber um noch sicherer zu sein, lief ich zum Beichten. Am Abend dann, als ich meine Gebete verrichtet hatte, schickte ich mich an, meine gewohnte heilige Stunde zu halten. Jesus stand immer bei mir; ich lag zu Bett wie gewöhnlich, weil ich sonst nachher nicht fähig gewesen wäre, mich mit meinem lieben Jesus zu unterhalten und mit Ihm zu leiden. Ich litt viel; denn Er gab mir einen neuen Beweis Seiner Liebe zu mir, indem Er mir Seine Dornenkrone bis zum nächsten Tag schenkte; am Freitag liebt mich Jesus noch mehr. Am Abend dann nahm Er mir die Krone ab, indem Er mir sagte, daß Er zufrieden mit mir war; Er liebkoste mich und sagte mir noch: „Tochter, wenn Ich dir noch andere Kreuze gebe, so betrübe dich nicht." Ich versprach es Ihm, und Er verließ mich. 

 

Freitag, 27. Juli: An diesem Freitag litt sie mehr als gewöhnlich, besonders durch die Dornenkrone.

 

An diesem Freitag litt ich mehr, weil ich noch andere Arbeiten tun mußte, so daß ich bei jeder Bewegung meinte, sterben zu müssen. Es hatte mir nämlich die Tante* aufgetragen, am Brunnen Wasser aufzuziehen: (* Anmerkung: Eine von den Tanten väterlicherseits. Die Heilige war noch nicht dauernd im Haus Giannini.) ich hatte große Mühe damit, mir schien (aber das war alles nur meine Einbildung), dass die Dornen mir ins Gehirn drangen und mein Blut an den Schläfen auszutreten begann. Ich reinigte mich in aller Eile und man bemerkte wenig. Man fragte mich, ob ich gefallen sei und mir den Kopf verletzt habe; ich sagte, daß ich mich an der Kette des Ziehbrunnens zerkratzt habe. Dann ging ich zu den Nonnen*; es war 10 Uhr und ich blieb bei ihnen bis 5 Uhr. Dann kehrte ich nach Hause zurück, aber Jesus hatte mir die Dornenkrone schon abgenommen. (* Anmerkung: Zu den Mantellaten, bei denen Gemma sich am Tag aufhielt, wenn Frau Cäcilia abwesend war.)

 

Samstag, 28. Juli: Vom Schutzengel empfängt sie Belehrungen. Jesus läßt sich in der heiligen Kommunion von ihr fühlen. Die Madonna macht nicht den gewohnten Besuch.

 

Die Nacht verlief sehr gut; am Morgen kam der Schutzengel zu mir: er war zufrieden und ließ mich Papier nehmen und schreiben, was er mir diktierte. Hier ist alles: „Denke daran, meine Tochter, dass, wer Jesus wirklich liebt, wenig spricht und alles erträgt. Ich befehle dir von Seiten Jesu, nie deine Meinung zu sagen, außer wenn du gefragt bist; und nie auf deiner Meinung zu bestehen, sondern sogleich nachzugeben. Gehorche pünktlich dem Beichtvater und dem, welchen er bestimmt, aber ohne Widerrede; in den Dingen, wo du es mußt, gib eine einfache Antwort, und sei aufrichtig mit ihm und mit anderen Personen. Wenn du einen Fehler begangen hast, klage dich sogleich an, ohne zu warten, bis man dich fragt. Endlich vergiß nicht, deine Augen zu wahren, und denke daran, dass ein abgetötetes Auge die Herrlichkeiten des Himmels schauen wird." Nach diesen Worten segnete er mich und ließ mich zur heiligen Kommunion gehen. Ich lief gleich fort; es war das erste Mal nach fast einem Monat, daß sich Jesus fühlen ließ. Ich sagte Ihm alle meine Anliegen, und Er unterhielt sich mit mir lange: ich kommunizierte um halb 8, und als ich aus der Ekstase aufwachte, war es schon spät; denn als ich nach Hause lief, schlug es auf der Straße viertel 10; aber ich war brav.* (* Anmerkung: Ich war brav: Mit diesem Ausdruck will Gemma sagen, dass es ihr gelang, sich so zu benehmen, dass man nichts Ungewöhnliches bemerkte.) Ich befand mich immer in der gleichen Haltung, in der ich kommuniziert hatte, und sah beim Aufstehen, daß der Schutzengel mit ausgebreiteten Flügeln über mir stand. Er begleitete mich auch selbst nach Hause und wies mich an, im Verlauf des Tages nicht zu beten, bis zur Nacht, weil ich nicht sicher war.* (* Anmerkung: Sie war nicht sicher, unbeobachtet zu bleiben.) In der Tat bemerkte man mich: die anderen Hausbewohner mehr als sicher, aber meine Schwester nicht, weil sie das Schlüsselloch verstopft hatte; ich konnte nicht abschließen; dann gingen die Tanten, und ich konnte am Abend abschließen. Gegen Abend ging ich zu den 15 Samstagen nach S. Maria* (* Anmerkung: S. Maria Bianca: Jene Pfarrei, zu der das Haus Giannini gehört.); die Madonna sagte mir, dass sie nicht den gewohnten Besuch machen würde, weil ich in den vergangenen Tagen Jesus mißfallen hätte. Ich sagte ihr, dass Jesus mir verziehen habe. Aber sie entgegnete: „Ich verzeihe nicht so leicht meinen Töchtern; ich will durchaus, dass du vollkommen wirst: wir werden sehen, ob Er am Samstag kommen und dir den Mitbruder Gabriel bringen wird." Nichtsdestoweniger segnete sie mich, und ich fügte mich. Es fehlte auch nicht an einigen Versuchungen; eine recht heftige hatte ich gestern Abend am Samstag: es erschien der Dämon und sagte mir: „Brav, brav! Schreib nur alles nieder: weißt du nicht, dass all das mein Werk ist? Denke dir, welche Schande, wenn du entdeckt wirst! Wo willst du dich verstecken? Ich mache, dass man dich für eine Heilige hält, und in Wirklichkeit bist du eine Betrogene." Ich war so erschrocken, dass ich vor Angst schwor, wenn Frau Cäcilia zurückgekehrt sei, würde ich jene Schrift vernichten.* (* Anmerkung: Jene Schrift: Was sie bis dahin vom Tagebuch niedergeschrieben hatte.) Inzwischen wollte ich diese hier zerreißen, aber es gelang mir nicht; ich hatte nicht die Kraft dazu oder ich weiß nicht, wie es kam. 

 

Sonntag, 29. Juli: Der Schutzengel hilft ihr; Jesus macht ihr Vorwürfe, weil sie die heilige Kommunion ausgelassen hat und lädt sie zu sich ein.

 

ln diesem Zustand blieb ich bis gestern mittag, am Sonntag, ohne mich sammeln zu können; aber mein Schutzengel war bei mir und gab mir Kraft; und ich muss auch sagen, dass ich am Samstag keinen Hunger hatte und er selbst mich anwies, zu essen; und so hat er es auch heute morgen gemacht. Jeden Abend unterläßt er nicht, mich zu segnen, und auch zu strafen und zu schelten.

Heute, Sonntag, fühlte ich eine große Sehnsucht nach Jesus, aber es war schon spät und ich hatte keine Hoffnung mehr, Ihn zu sehen; ich wartete auf die Nacht, wenn ich frei und allein war. Und es erschien Jesus; aber ach, wie viele Vorwürfe machte Er mir, weil ich nicht zur hl. Kommunion gegangen war. Er schalt mich in folgender Weise: „Warum, o Tochter, muss Ich so oft deiner Besuche beraubt sein? Wisse, Ich verlange sehr, daß du zu Mir kommst, wenn du nur brav bist.“ Ich warf mich vor Jesus auf die Knie und sagte weinend: „Aber wie, mein Jesus, bist Du doch nicht müde, mich zu ertragen mit aller meiner Kälte?“ — „Tochter“, antwortete Er, „mach, dass von heute ab kein Tag vergeht, ohne dass du zu Mir kommst; sorge dafür, dein Herz reinzuhalten und geschmückt mit allem möglichen Eifer. Entferne von deinem Herzen alle Eigenliebe und alles, was nicht ganz Mein sein kann, und dann komme getrost und fürchte nichts." Er segnete mich zusammen mit allen Mitgliedern des heiligen Kollegs* (* Anmerkung: Das Jesu-Kolleg, eine von P. Germano gegründete Vereinigung) und ging dann; aber zuletzt empfahl Er mir noch, ein wenig mehr Kraft gegen den Feind zu zeigen, indem Er mir sagte, ich solle nicht auf dessen Worte achten, da er in Wahrheit ein Lügner sei und alle Mittel anwende, um mich besonders zu Verfehlungen gegen den Gehorsam zu bringen. „Gehorche, meine Tochter“, wiederholte Er mir, „gehorche sogleich und freudig, und um besser bestehen und siegen zu können in dieser schönen Tugend, bitte deine Mutter, die dich sehr liebt." Ich wollte Ihm noch sagen, dass gestern Seine Mutter nicht habe kommen wollen, aber Er entschwand.

 

Montag, 30. Juli: Betrübt durch einige Widerwärtigkeiten, wird sie vom Engel getröstet, der sie ermuntert, zu leiden und jeden Tag das Leiden Jesu zu betrachten.

 

Heute morgen, Montag, den 30. Juli, bin ich gegangen, die heilige Kommunion zu empfangen. Ich wollte es nicht tun. da ich nicht ruhig im Gewissen war; so vertrödelte ich die Zeit bis gegen 9 Uhr, immer zögernd, ob ich es tun solle oder nicht; aber Jesus hat gesiegt, und ich habe kommuniziert, aber wie? Welche Kälte! Jesus habe ich nicht gefühlt, gar nicht. Heute habe ich mich dann durchaus nicht sammeln können; ich war schlimm und in Unruhe, aber allein, keiner hat mich gesehen; ich habe so viel geweint, weil mich meine Schwester nicht aus der Kammer gehen lassen wollte. Gestern abend am Sonntag blieb sie zu meinem Ärger bis 11 Uhr in meiner Kammer und sagte zum Scherz, dass sie schauen wolle, wie ich in Ekstase käme; heute war es das gleiche. Ich schrieb gestern einen Brief nach Bagni di S. Giuliano* (* Anmerkung: An ihren Bruder Guido, Apotheker in Bagni di S. Guiliano (Lucca))  und berichtete lange von mir und meinen Erlebnissen. Für diese sollte ich eigentlich Jesus freudig dankbar sein; statt dessen beunruhige ich mich und habe manchmal fast Augenblicke von Mutlosigkeit. ln diesem Zustande traf mich der Schutzengel, der mich besuchen kam, und sagte: „Warum beunruhigst du dich so, meine Tochter? Man muss für Jesus schon wirklich etwas leiden können." (In Wahrheit hatte ich mich besonders über gewisse Worte geärgert, die meine Schwester gesagt hatte) und deswegen sagte der Engel: „Du verdienst es, wenn man dich verachtet, weil du Jesus beleidigt hast.“ Dann beruhigte er mich, setzte sich neben mich und sprach sanft und gütig: „O Tochter, weißt du nicht, dass du dich in allem dem Leben Jesu angleichen sollst? Er hat so viel für dich gelitten, und du weißt nicht, dass du bei jeder Gelegenheit auch für Ihn leiden mußt? Und dann, warum machst du Jesus diesen Kummer, dass du jeden Tag die Betrachtung über die Passion ausläßt?“ Es ist wahr: ich erinnerte mich, daß ich die Passions-Betrachtung nur am Freitag und Donnerstag mache. „Du mußt sie jeden Tag machen, denke daran.“ Endlich sagte er mir: „Mut, Mut! Diese Welt ist wirklich kein Ort zum Ausruhen; die Ruhe wird nach dem Tode sein; jetzt mußt du leiden, und zwar alles leiden, um irgendeine Seele vor dem ewigen Tode zu bewahren." Ich bat ihn, meiner Mutter zu sagen, dass sie ein wenig zu mir käme, da ich ihr so viel zu sagen hätte; er sagte: ja. Aber heute abend ist sie nicht gekommen.

 

Dienstag, 31. Juli: Sie bittet Jesus, ihr die Himmelsmutter zu senden, nach der sie großes Verlangen hat.

 

Wir haben heute Dienstag; ich eilte, die heilige Kommunion zu empfangen, aber in welchem Zustand! Ich habe Jesus versprochen, brav zu werden und mein Leben zu ändern; ich habe es Ihm gesagt, aber Er hat mir nichts geantwortet; ich habe Ihn auch gebeten, dass Er mir Seine Mutter schickt, die zugleich die meine ist, aber Er hat geantwortet: „Bist du dessen würdig?" Ich war beschämt und habe nichts mehr gesagt. Dann hat Er hinzugefügt: „Werde brav und es wird bald der Mitbruder Gabriel kommen." Schon seit Sonntag habe ich mich nicht mehr sammeln können; aber für alles habe ich Jesus gedankt. Als der Schutzengel kam, war ich im Wachzustand, nicht in Ekstase. Jesus, meine Mutter und zuweilen der Mitbruder Gabriel sind es, die mich in Ekstase kommen lassen; aber ich bleibe immer, wo ich bin, ich finde mich immer auf dem gewohnten Platz, nur die Sinne schwinden. Welch großes Verlangen habe ich nach meiner Mutter! Wenn Jesus es mir erfüllen würde, würde ich viel besser werden. Was kann man denn tun, wenn man so lange ohne die Mutter bleibt?

 

Mittwoch und Donnerstag, 1. und 2. August: Sie fürchtet, getäuscht zu werden, aber der Engel beruhigt sie. Die Dornenkrone auf ihrem Haupt. Jesus trägt ihr auf, für Mater Maria Theresia, eine verstorbene Passionisten-Nonne, zu beten.

 

Mittwoch konnte ich mich nicht sammeln, Donnerstag auch nicht; dann und wann sagte mir mein Schutzengel etwas, aber immer im Wachen; am Mittwoch Abend dachte ich bei mir, dass ich vom Teufel getäuscht sein könnte; er beruhigte mich aber und sagte mir nur; „Gehorsam.“ Heute Abend ging ich wie gewöhnlich, aus Gehorsam, zu Bett; ich schickte mich an zu beten, und plötzlich war ich gesammelt. Ich fühlte mich ein wenig kränklich und war ganz allein. Ich litt, aber Jesus war nicht da; mir schmerzte der Kopf. Der Beichtvater hatte mich heute morgen gefragt, ob ich auch die Zeichen* (* Anmerkung: Die Stigmata)  gehabt hätte. Ich antwortete; nein. Auch diese schmerzen sehr, aber nicht so wie im Vergleich mit denen des Kopfes. Armer Jesus! Er ließ mich ungefähr eine Stunde allein, aber dann erschien Er, in einer Gestalt ganz voll Blut, und sagte mir: „Ich bin der Jesus des P. Germano." Ich glaubte es nicht, und warum? Ich fürchte immer von neuem. Ich sprach jene Worte: „Gebenedeit sei Jesus und Maria“, und dann war es mir klar.* (* Anmerkung: Worte, die Jesus ihr angegeben, um die himmlischen von den teuflischen zu unterscheiden) Er gab mir ein wenig Kraft, ich hatte innerlich Angst; da sagte Er: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Jesus des P. Germano." Er trug mir dann von sich aus, ohne dass ich auch nur daran gedacht hätte, auf, für Mater Maria Theresia vom Kinde Jesu zu beten, weil sie im Fegefeuer sei und sehr leide. Jesus will sie bald bei sich haben, scheint mir.

 

Freitag, 3. August: Von Jesus vorbereitet, besteht sie einen Kampf mit dem Dämon; der Engel kommt ihr zu Hilfe.

 

+ Heute habe ich ein wenig geschlafen, dann spürte ich eine innerliche Sammlung, und nach der Sammlung fühlte ich die Sinne schwinden: ich war bei Jesus. Wie war ich zufrieden! Ich hatte gelitten, gewiß, sehr gelitten am Kopf. Ich beklagte mich ein wenig, dass Er mich allein ließ. Ich bat Ihn, mich wissen zu lassen, wann Mater Maria Theresia im Himmel sein werde. Er antwortete: „Noch nicht; sie leidet noch immer." Ich empfahl Ihm meinen armen Sünder, Er gab den Segen an alle Mitglieder des heiligen Kollegs und ließ mich dann beglückt zurück. Heute abend fühlte ich, dass ich mich nicht sammeln konnte; ich hatte die wenigen mündlichen Abendgebete verrichtet und war zu Bett gegangen. Um die Wahrheit zu sagen, sah ich etwas Sturm voraus, weil mir Jesus vor einigen Tagen angekündigt hat: „Noch in einer letzten Schlacht wird dich der Feind versuchen, aber es wird die letzte sein, denn jetzt ist es genug." Ich konnte nichts anderes tun, als für die Kraft zu danken, die Er mir immer gegeben hatte, und bat Ihn, daß Er sie mir auch in diesem letzten Augenblick, d. h. gestern Abend, schenken wolle. Ich ging zu Bett, wie man weiß, mit der Absicht, zu schlafen; der Schlaf kam auch bald, und dann erschien plötzlich ein ganz kleines Männchen, von ganz schwarzer Haut. Welcher Schrecken! Er legte mir die Hände aufs Bett, und ich glaubte, er wollte mich schlagen. „Nein, nein", sagte er, „ich kann dich nicht schlagen, habe keine Angst“, und indes er das sagte, entfernte er sich. Ich rief Jesus zu Hilfe, aber Er kam nicht; doch ließ Er mich deswegen nicht im Stich: nachdem ich Seinen Namen angerufen hatte, fühlte ich mich plötzlich frei, und das geschah alles in einem Augenblick. + Auch frühere Male habe ich Jesus gerufen, aber niemals war Er so hilfsbereit wie gestern Abend! Ich habe dann dem Dämon zugeschaut: wie wütete er! Er wälzte sieh auf der Erde herum und fluchte; schließlich machte er eine letzte Anstrengung, mir das Kruzifix zu entreißen, das ich bei mir hatte; aber er fiel plötzlich rücklings nieder. Wie war gestern abend Jesus gut mit mir! Der Teufel wendete sich nach jener letzten Anstrengung gegen mich und sagte, dass, wenn er mir auch nichts antun könne, so wolle er mich doch die ganze Nacht quälen. „Nein", sagte ich ihm; ich rief den Schutzengel, er öffnete seine Flügel, stellte sich mir zur Seite, segnete mich, und der Teufel verschwand. Jesus sei Dank. Heute morgen dann habe ich erfahren, dass im Augenblick, als der Teufel so wütete, mir das Skapulier der allerseligsten Schmerzensmutter aufgelegt worden war, und da wurde mir klar, dass, als er mir etwas vom Rücken nehmen wollte, es nichts anderes gewesen sein konnte als dieses. Meine Mutter, die Schmerzensreiche, sei vielmals bedankt.* (*Anmerkung: Dieser Vorgang ist ausführlich berichtet von Frau Caecilia in dem apostolischen Prozeß der Heiligen. ,Als sie in unserem Hause war', sagte sie. 'kam Gemma eines Tages, ich glaube gegen 3 oder 4 Uhr nachmittags, auf dem Bett liegend, in Ekstase; ich hörte sie sagen: Halte ein, halte ein! Das ganze Bett schüttelte und zitterte, und man sah, dass sie jemand schlug; es mußte der Dämon sein, es war sonst niemand anwesend. Dann nahm ich das Kruzifix, Weihwasser, Heiligenbilder, aber es half nichts, während es andere Male geholfen hatte: diesmal nicht: darauf legte ich ihr das Skapulier der Madonna der Schmerzen auf und Gemma rief aus, immer in Ekstase: Gut, gut, was ist es gewesen? Wüte nurl Nach kurzer Zeit erwachte sie: ich aber zog mich in das Nebengemach zurück, wie ich immer zu tun pflegte, wenn ich merkte, dass sie erwachte. Gemma verließ das Bett, ging in den Garten hinunter mit einer Handarbeit und strickte; als sie mich sah, sagte sie: Bringst du mich zum Beichtvater? Ich antwortete: Du hast doch heute morgen gebeichtet, ich begleite dich wirklich nicht, um Monsignore zu dieser Stunde zu stören. Sie erwiderte mir, dass sie nicht die Kommunion empfangen könne; aber ich sagte ihr: Ach, was wirst du seit morgens in so kurzer Zeit angestellt haben. Es war ja niemand da und also war keine Gelegenheit, weder in Unruhe zu kommen, noch zu schwätzen. Sag mir, was es ist, vielleicht ist es keine Sünde; wenn ja, werde ich dich begleiten. Da begann sie zu erzählen, was ich mitangesehen hatte, und was ich so gern wissen wollte: nämlich was sich zu der Zeit zugetragen hat, da es mir schien, daß der Dämon sie schlug. Sie erzählte: Ich lag zu Bett und der Dämon schlug mich heftig, so dass ich meinte, dass er mir die Lungen zerreißen würde - eigener Ausdruck von Gemma -. Auf einmal sah ich den Daemon sich klein machen wie einen Zwerg: er kaute an den Nägeln, raufte sich die Haare, sprang plötzlich auf das Bett und ging dann in eine Ecke zum Fenster. Ich freute mich ein wenig und sagte: Gut, was ist es gewesen? Wüte nur!, was genau die Worte waren, die ich gehört hatte; und sie sagte, dass sie nicht die Kommunion empfangen könne, weil sie ungehorsam gewesen sei; denn der Beichtvater habe ihr verboten, mit dem Teufel zu reden und sich mit ihm aufzuhalten. Ich fragte sie: Ja, warum hast du dich aufgehalten? Sie: Weil es mich ein wenig gefreut hat. Ich fragte sie: Warum ist er gegangen, als er verschwand? - Das weiß ich nicht, antwortete Gemma. Das Skapulier hatte ich ihr schon genommen, ehe sie erwachte. und sie hatte es nicht bemerkt. Jetzt zeigte ich es ihr und sagte: Siehst du, wer dich befreit hat? Sei also der Madonna der Schmerzen dankbar. Sie nahm es, legte es sich um den Hals und nahm es nie wieder fort; sie starb und behielt es auch im Sarg. Ich sagte ihr: Die Kommunion kannst du empfangen, und das nächste Mal, wenn du beichtest, bekenne sogleich diese Sünde.' 

 

Samstag, 4. August: Wunderbare Erscheinungen von Maria, der Schmerzensreichen.

 

Heute, Samstag: es ist der Tag, an dem ich gewöhnlich meine Mutter sehen darf, aber was werde ich hoffen dürfen? Endlich kam der Abend. Ich schickte mich an, den Schmerzhaften Rosenkranz zu beten; vor allem war ich ergeben, d. h. ergeben in den Willen Gottes, auch diesen Samstag zu verbringen, ohne die Madonna der Schmerzen zu sehen; aber Jesus genügte das Angebot des Opfers und Er erfüllte meinen Wunsch. Ich weiß nicht, an welcher Stelle des Rosenkranzes es war, da fühlte ich eine innerliche Sammlung; und auf die Sammlung folgte, wie immer, sehr bald das Schwinden der Sinne, und ohne dass ich es merkte, befand ich mich vor (so schien es mir) der Madonna der Schmerzen. Beim ersten Anblick empfand ich ein wenig Angst; ich tat alles, um mich zu vergewissern, ob es wirklich die Mutter Jesu sei: sie gab mir alle Zeichen, um mich zu überzeugen. Danach fühlte ich mich ganz beglückt; aber so groß war die Erregung, als ich mich so klein vor ihr sah, und so groß meine Freude, dass ich kein anderes Wort hervorbringen konnte als immer wieder den Namen Mutter. Sie schaute mich unverwandt an, lächelte, näherte sich mir, um mich zu liebkosen, und sagte dann, daß ich mich beruhigen solle. Aber ach, meine Freude und Erregung wuchsen noch, und da sie vielleicht fürchtete, dass es mir schaden könnte (wie es andere Male der Fall gewesen; ja, einmal, ich habe davon nicht berichtet, begann mein Herz durch die übergroße Freude, die ich beim Wiedererscheinen Jesu empfand, mit solcher Stärke zu schlagen, dass ich gezwungen war, auf Anordnung des Beichtvaters selbst, mir über die Herzgegend einen engen Verband zu machen), ließ sie von mir ab und sagte nur, dass ich mich ausruhen solle. Ich gehorchte sofort: in einer Sekunde lag ich im Bett, und sie zögerte nicht, zu kommen; da beruhigte ich mich. + Ich muss noch sagen, dass ich mich zuerst bei diesen Erscheinungen von Geistern von plötzlicher Furcht ergriffen fühle, ich könnte getäuscht werden; auf die Furcht folgt aber sehr bald die Freude. In allen Fällen prüfe ich, um was es sich handelt. Ich sprach noch von einigen meiner Anliegen; das wichtigste war, dass sie mich mit sich ins Paradies nehmen möchte; das sagte ich mehrere Male. Sie antwortete mir: „Tochter, du musst noch leiden.“ — „Ich werde dort oben leiden“, wollte ich sagen, „im Paradies." — „Aber nein“, entgegnete sie, „im Paradies leidet man nicht mehr; aber ich werde dich bald dorthin führen", sagte sie mir. Sie stand neben meinem Bett und war so schön, dass ich mich nicht sattsehen konnte, sie anzuschauen. Ich empfahl ihr meinen Sünder; da lächelte sie, das war ein gutes Zeichen . . . Ich empfahl ihr auch noch verschiedene andere Personen, die mir teuer sind, besonders diejenigen, denen ich zu großem Dank verpflichtet bin. Ich tat das auch im Auftrag des Beichtvaters, der das letzte Mal mich gebeten hat, sie besonders der allerseligsten Schmerzensmutter zu empfehlen, indem er sagte, dass ich für sie gar nichts tun kann, aber die Madonna wird an meiner Stelle ihnen alle Gnade vermitteln. Da ich fürchtete, dass sie mich von einem Augenblick zum anderen verlassen würde, rief ich sie mehrere Male an und sagte ihr, daß sie mich mit sich nehmen möchte. Ihre Gegenwart ließ mich ganz meinen Beschützer und Mitbruder Gabriel vergessen. Ich fragte nach ihm, warum sie ihn nicht mitgebracht hätte; sie antwortete; „Weil Mitbruder Gabriel von dir einen pünktlicheren Gehorsam verlangt.“ Er hatte mir etwas für P. Germano zu sagen; auf diese letzten Worte antwortete sie mir nicht. Während wir zusammen sprachen, hielt sie mich immer an der Hand; dann verließ sie mich; ich wollte nicht, dass sie ginge, ich war fast am Weinen. Da sagte sie mir: „Meine Tochter, jetzt ist es genug. Jesus will dieses Opfer von dir, für jetzt muss ich dich verlassen." Ihre Worte versetzten mich in Ruhe; ich antwortete ruhig: „Gut, das Opfer ist gebracht." Sie verließ mich. Wer könnte im einzelnen beschreiben, wie schön und wie lieb die Himmelsmutter ist? Nein, nein, es gibt keinen Vergleich. Wann werde ich das Glück haben, sie wiederzusehen?

 

Sonntag, 5. August: Jesus Macht ihr Seinen Willen kund, dass sie immer über die Passion betrachten solle.

 

Heute, Sonntag, habe ich den Schutzengel gebeten, mir die Gnade zu erweisen, zu Jesus zu gehen und Ihm zu sagen, dass ich jetzt nicht die Betrachtung hätte machen können, weil ich mich nicht wohl fühle; ich würde sie am Abend machen. Am Abend dann hatte ich keine Lust dazu; ich ging zu Bett, machte die Vorbereitungen zur Betrachtung, blieb aber nur innerlich gesammelt, die Sinne schwanden mir nicht, ich kam nicht in Ekstase: so brachte ich eine Stunde hin. Ich muss noch sagen, dass die Betrachtung am Sonntag immer über die Auferstehung oder das Paradies geht; aber Jesus hat mir klar zu wissen gegeben, dass Er diese Betrachtung nicht mehr will von mir, damit mein Geist sogleich auf einige Hauptpunkte Seiner Passion geführt werde. Sein Wille geschehe. 

 

Montag, 6. August: Der Schutzengel unterhält sich mit ihr die ganze Nacht hindurch und ermahnt sie, alles Leiden dem Herrn aufzuopfern für die Seelen im Fegefeuer.

 

Jetzt bin ich angelangt am 6. August. Die Tage vergehen, aber ich bin immer noch im Abgrund der Welt. Heute abend, als ich die Abendgebete verrichtete, näherte sich mir der Schutzengel, schlug mir auf die Schulter und sagte mir: „Gemma, warum so große Unlust beim Gebet? Das missfällt Jesus.“ — „Nein“, antwortete ich, „es ist nicht Unlust: ich fühle mich seit zwei Tagen nicht wohl.“ Er entgegnete: „Tue deine Pflicht mit Eifer und du wirst sehen, dass dich Jesus noch mehr lieb haben wird.“ Er verhielt einen Augenblick, dann fragte er mich: „Und der Mitbruder Gabriel?“ — „Ja, ich weiß es nicht." — „Wie lange hast du ihn nicht gesehen?" — „Ach, lange, lange, lange.“ — „Aber diese Nacht schickt ihn dir Jesus.“ — „Wie? Diese Nacht, nein, ich müßte ja ungehorsam sein: des Nachts will es der Beichtvater nicht." Oh, wie gern hätte ich es gewollt! Aber ich wollte gehorsam sein. Ich bat, dass Er ihn mir am Tage und bald schicken möchte, damit ich jenen Brief an P. Germano schreiben könne. Ich bat den Schutzengel, zu Jesus zu gehen und Ihm zu sagen, daß Er ihm erlauben möchte, die Nacht bei mir zu bleiben. Er verschwand sofort. Nach Beendigung der Gebete ging ich zu Bett. Und der Schutzengel kehrte zurück, nachdem er von Jesus die Erlaubnis zum Kommen erhalten hatte; er fragte mich: „Wie lange ist es her, dass du nicht für die Seelen im Fegfeuer gebetet hast? O meine Tochter, du denkst so wenig daran! Mater Maria Theresia leidet immer noch, weißt du?" Es war seit dem Morgen, dass ich nicht für sie gebetet hatte. Er sagte mir, dass es ihm gefallen würde, wenn ich jedes kleine Leiden den Seelen im Fegfeuer aufopferte. „Jede kleine Buße ist eine Erleichterung für sie; auch gestern und heute, als du für sie das Wenige aufgeopfert hast.“ Ich antwortete ein wenig verwundert: „Ich litt am Körper; und Kopfschmerzen können eine Erleichterung für die Seelen im Fegefeuer sein?“ — „Ja", antwortete er mir; „ja, meine Tochter: jedes noch so kleine Leiden gewährt ihnen Erleichterung.“ Da versprach ich ihm, dass ich von jetzt ab alles für sie aufopfern werde. Er fügte hinzu: „Wie sehr leiden diese Seelen! Willst du leiden?“ — „Aber was“, antwortete ich, „sollen es die gleichen Leiden wie für Jesus am Freitag sein?“ — „Nein“, entgegnete er, „nicht die Leiden für Jesus; es sollen körperliche Leiden sein.“ Da sagte ich nein; denn außer am Donnerstag und Freitag will es Jesus nicht; die anderen Nächte will Er, dass ich schlafe. Da mir aber die Seelen im Fegefeuer, und besonders Mater Maria Theresia, so am Herzen liegen, sagte ich ihm, dass ich gern eine Stunde für sie leiden möchte. Ihm genügten diese Worte und er erkannte an, dass, wenn ich es täte, ich ungehorsam sein würde; dann ließ er mich schlafen. Heute morgen, als ich erwacht war, war er immer noch bei mir; er segnete mich und entschwand dann.

 

Dienstag, 7. August: Es erscheint ihr der hl. Gabriel, der ihr mit leuchtendem Antlitz von der Gründung des Klosters in Lucca spricht und zu diesem Zweck die Vermittlung der allerseligsten Gottesmutter Maria anruft.

 

Gestern am Tage versprach mir der Schutzengel, dass ich am Abend mit Mitbruder Gabriel würde sprechen können. Es kam der so lange ersehnte Abend; vor allem wollte ich den Schlaf bezwingen, dann ergriff mich eine solche Erregung, dass ich ganz erschreckt war. Aber da Jesus so nahe war, mir jene Freude zu machen, gab Er mir vor und nach der Freude noch einige Schmerzen. Er sei immer gepriesen +. Als diese Erregung über mich kam, sah ich niemanden, will sagen, den Teufel; ich fühlte mich nur schlecht, aber es dauerte nicht lange. Ich beruhigte mich bald und auf einmal fühlte ich, dass ich in Sammlung kam; dann ging es fast plötzlich wie gewöhnlich: mir schwanden die Sinne und ich war bei Mitbruder Gabriel. Welche Freude war das! Aber der Gehorsam wollte, daß ich mich nicht näherte, um ihm das Kleid zu küssen, und so blieb ich. Das erste, was ich ihn fragte, war, warum er so lange nicht gekommen war. Er antwortete mir, das sei meine Schuld. Davon war ich überzeugt, da ich schlimm genug gewesen bin. Wie viel Schönes sagte er von dem Konvent, und er sagte es mit solcher Kraft, dass mir seine Augen zu funkeln schienen. Ohne dass ich ihn fragte, sagte er dann: „Tochter, in wenigen Monaten wird unter dem Jubel fast aller Katholiken die Gründung des neuen Klosters stattfinden.“ — „Wie, in wenigen Monaten?“ fragte ich ihn; „es fehlen noch dreizehn.“ — „Das sind wenige“, antwortete er. Und dann wandte er sich lächelnd zur Seite, kniete nieder, faltete die Hände und sprach folgendes: „Gebenedeite Jungfrau, siehe: hier auf Erde wetteifert man in der Errichtung des neuen Klosters; ich bitte dich, gieße über alle, die daran teilhaben, die Fülle der himmlischen Gaben und Gnaden aus. Stärke ihnen den Mut und den Eifer. Alles soll dein Geschenk sein, o gebenedeite Jungfrau.“ Er sprach, als wenn die Madonna der Schmerzen neben ihm gestanden wäre; ich sah niemanden. Aber mit welcher Stärke und mit welchem Ausdruck sprach er diese Worte, so dass ich ganz verwundert war; es schien, dass auch er außer sich (in Ekstase) war. Jetzt hätte ich von P. Germano sprechen sollen; aber der Beichtvater hat gesagt, hier nicht, weil . . . Ich sprach auch von meinem armen Sünder; er lächelte gleichfalls, das war ein gutes Zeichen. Endlich ließ er mich in meiner Freude zurück.

 

Mittwoch, 8. August: Da sie in Furcht ist, dass der Beichtvater ihre Sünden zu sehr verkleinert, beruhigt sie der Engel, indem er sagt, dass sie sich auf sein Urteil verlassen soll.

 

Jetzt kommen wir zu heute morgen. Kurz nachdem ich aus dem Beichtstuhl gegangen war, kam mir ein gewisser Gedanke, indem ich innerlich zu mir sagte, dass der Beichtvater meine Sünden zu sehr verkleinere; ich wurde unruhig. Um mich zu beruhigen, näherte sich mir der Schutzengel; ich war in der Kirche und er sprach laut diese Worte: „Aber sag mir, wem willst du glauben: dem Beichtvater oder deinem eigenen Kopf? Dem Beichtvater, der ständige Erleuchtung und Beistand hat, der große Fähigkeiten besitzt, oder dir, der du nichts, nichts, gar nichts von all dem hast? O du Stolze!" sagte er mir, „du willst dich zur Lehrerin, Führerin und Leiterin des Beichtvaters machen!“ — Nein, ich habe nicht an anderes gedacht; ich machte einen Akt der Reue und ging dann zur hl. Kommunion.

 

Donnerstag, 9. August: Der Schutzengel schärft ihr Gehorsam gegen den Beichtvater ein. An diesem Donnerstag muß die Heilige mehr als gewöhnlich leiden, um der Seele der Mater Maria Theresia zu helfen.

 

Auch heute, nachdem ich einen recht heftigen Angriff des Feindes mit Hilfe Gottes ausgehalten habe, kam der Schutzengel, machte mir Vorwürfe und sagte sehr ernst: „Tochter, denke daran, dass du mit jedem Verstoß gegen den Gehorsam eine Sünde begehst. Warum sträubst du dich so, dem Beichtvater zu gehorchen? Vergiß nicht, daß es keine kürzere und wahrere Straße gibt als die des Gehorsams.“ Aber warum das alles heute? Durch meine Schuld. Ich hätte wohl noch Schlimmeres verdient, aber Jesus hat immer Mitleid mit mir. Ach, welche Widerwärtigkeit empfand ich heute Abend! Schon seit heute morgen fühlte ich mich so müde;  aber es war alles Unlust, schlechter Wille; aber ich will mich mit Gottes Hilfe bezwingen.* (* Anmerkung: An diesem gleichen Tag, dem 9. August 1900, schrieb Frau Cäcilia an P. Germano folgendes: "Heute ist Donnerstag, und diesen Abend bereitet sie sich vor zu leiden, als wenn sie sich auf ein Fest vorbereiten würde. Ich bin hier allein; ach, wenn auch Sie ein wenig hier sein könnten, wieviel könnten Sie erfahren und mir dann erklären, die ich so wenig begreife ... Jesus gab ihr am Donnerstag Abend Seine Dornenkrone und drückte sie ihr ein wenig an; da kamen ganze Bächlein von Blut, die ihr ganzes Gesicht benetzten und das Kopfkissen einweichten. So litt sie eine Stunde und dann segnete sie Jesus, wie auch das heilige Kolleg, und verließ sie. Aber die Krone nahm er ihr nicht ab, sondern ließ sie ihr bis Freitag; doch man sah kein Blut mehr, nur ein wenig, als Er sie ihr abnahm, was gegen 3 oder 4 Uhr am Freitag geschah. Diese ganze Zeit über litt sie großen Schmerz am Kopf, aber niemand bemerkte es.") Es ist Donnerstag, deswegen fühle ich mich so merkwürdig; beim Nahen dieses Abends geht es mir immer gleich. Ja, leiden, leiden für die Sünder, und besonders für die armen Seelen im Fegefeuer und ganz besonders für . . . * (* Anmerkung: Für Mater Maria Theresia) Ich weiß wohl, woher diese Unlust so plötzlich kommt. An den anderen Abenden kam sie nur wenige Stunden vorher. Weil heute mir der Schutzengel gesagt hat, dass Jesus heute Abend mich einige Stunden länger leiden lassen wolle, und zwar zwei Stunden: um 9 Uhr wird es beginnen, und das für eine Seele im Fegefeuer, ohne Erlaubnis des Beichtvaters; aber wie gewöhnlich beklage ich mich nicht, sondern will und kann es gut machen. Gestern Abend, gegen 9 Uhr etwa, begann ich mich ein wenig schlecht zu fühlen: ich ging gleich zu Bett, aber ich litt schon im voraus sehr: der Kopf schmerzte außergewöhnlich, jede Bewegung, die ich machte, verursachte mir schreckliche Pein. Ich litt zwei Stunden, wie Jesus es wollte, für Mater Maria Theresia: dann entkleidete ich mich, ging zu Bett und begann die Heilige Stunde. Es war sehr schmerzhaft, aber in Begleitung von Jesus, was könnte man da nicht vollbringen!

 

Freitag, 10. August: Jesus erfüllt sie mit Trost. In Abwesenheit von Frau Cäcilia erscheint ihr immer der Schutzengel und leitet sie in allem; er sagt ihr, dass niemand außer Frau Cäcilia ihn bei ihr vertreten kann.

 

Am Abend vorher sagte mir der Schutzengel, dass mir die Dornenkrone bis 5 Uhr am Freitag bleiben würde: gerade zu der Stunde begann ich mich ein wenig zu sammeln; ich verbarg mich in der Franziskanerkirche, und Jesus kam, mir die Krone abzunehmen; ich war immer allein. Wie zeigte Er mir Seine Liebe! Er ermunterte mich von neuem zu leiden und ließ mich in einem Meer von Glückseligkeit zurück. Ich muß noch sagen, dass mich oftmals, aber besonders am Donnerstag Abend, eine große Traurigkeit befällt über so viele begangene Sünden; sie kommen alle in mein Gedächtnis, was mich tief beschämt und traurig macht; und ich finde nur ein wenig Ruhe in dem geringen Leiden, das mir Jesus aufträgt, um es zuerst für die Sünder und insbesondere für mich aufzuopfem, und dann für die Seelen im Fegefeuer. Welchen Trost gibt mir Jesus! Auf wie viele Weise 

zeigt Er mir Seine Liebe! Es kommt zwar alles aus meiner Einbildung; aber wenn ich gehorche, wird Jesus nicht erlauben, dass ich mich täusche. Donnerstag Abend versprach Er mir, dass in den Tagen, in denen Frau Cäcilia nicht anwesend ist, der Schutzengel mich nicht verlassen solle. So sagte Er gestern Abend, und er hat mich keinen Augenblick verlassen. Diese Tatsache habe ich schon mehrere Male beobachtet, aber noch nie mit dem Beichtvater darüber gesprochen; heute sage ich es ihm sogleich. Wenn ich mit anderen Personen zusammen bin, verläßt mich der Schutzengel nie; wenn ich dagegen mit ihr zusammen bin, verläßt er mich sogleich (will sagen, dass er sich nicht mehr von mir sehen läßt, außer um mir einige Anweisungen zu geben); so war es auch heute: nicht eine Minute ging er von meiner Seite; wenn ich sprechen, beten oder irgend etwas tun muß, so weist er mich an. Jesus will, dass ich mich nicht täusche. Diese Vorgänge verwundern mich sehr; daher fragte ich ihn: „Warum bist du niemals anwesend, wenn ich bei Frau Cäcilia bin?“ Er antwortete mir folgendermaßen: „Keine Person außer ihr weiß mich zu vertreten. Armes Kind", fügte er hinzu, „du bist noch so klein, daß du immer eine Führung nötig hast! Jetzt werde ich dich führen, fürchte nichts; aber gehorche, sonst werde ich bald . . .* (* Anmerkung: "... von dir fortgehen.") Ich ging zum Beichten; ich habe dem Beichtvater gesagt (was ich ihm schon geschrieben habe); er hat mir erklärt, was ich nicht verstehe; aber jetzt habe ich alles verstanden. 

 

Samstag, 11. August: Sie verlangt sehnsüchtig nach einem Besuch der Himmelsmutter; ihn entbehren zu müssen, Ist für sie die größte Strafe.

 

Es ist Samstag; ich gehe die heilige Kommunion empfangen. Was soll ich tun? Auf jeden Fall gehorche ich. Wenn ich doch einen kleinen Besuch meiner Mutter haben könnte! Aber nein, ich erinnere mich der gestern Abend begangenen Sünde. Es ist zwar wahr, daß ich sie heute morgen gleich gebeichtet habe; aber ach, die Madonna verzeiht mir nicht so leicht. Sie will, dass ich vollkommen sei. Jetzt ist es Samstag abend: mein Gott! Welche Strafe! Es ist die größte Strafe, die Du mir geben kannst, wenn Du mich des Besuches der allerseligsten Gottesmutter Maria beraubst; gerade wenn der Samstag naht, begehe ich immer so viele Fehler . . .

 

Sonntag, 12. August: Dürre des Geistes.

 

Heute ist Sonntag. Welche Unlust, welche Dürre! Aber trotzdem will ich nicht meine gewohnten Gebete auslassen.

 

Mittwoch, 15. August: Auf die Dürre folgen die Tröstungen. Es erscheint ihr Maria Theresia und bittet sie um weitere Gebete. Die allerseligste Gottesmutter Maria nimmt das Herz der Gemma, um es im Himmel aufzubewahren.

 

In diesem Zustand der Dürre und Verlassenheit von Jesus bin ich bis heute Mittwoch geblieben. Seit Freitag habe ich Ihn nicht mehr gefühlt. Der Beichtvater versicherte mir, dass es zur Strafe für meine Sünden sein wird oder um zu sehen, ob ich ohne Jesus auskommen kann, und um mich anzustacheln, Ihn mehr zu lieben. Immer bin ich verlassen gewesen, will sagen, ohne Jesus. Der Schutzengel aber hat mich keine Sekunde verlassen; und doch, welche Fehler und wie viele Nachlässigkeiten, auch in seiner Gegenwart!Mein Gott, habe Mitleid mit mir. Ich habe immer die Kommunion empfangen, aber Jesus — wie wenn Er nicht mehr dabei gewesen wäre. Will mich Jesus auch heute an einem so großen Festtag allein lassen? Die Kommunion habe ich mit großem Trost empfangen, aber ohne Jesus zu fühlen. Ich habe öfter in diesen Tagen gebetet, weil ich eine Gnade von Jesus möchte. Heute muss Mater Maria Theresia ins Paradies kommen: ich hoffe es. Aber wie kann ich es erfahren? Sammeln kann ich mich nicht, außer an einem sicheren Ort. Mein Schutzengel wird auch heute den Hüter meiner Schwelle machen. Jetzt ist es viertel nach neun an diesem großen Festtag. Ich spüre wie gewöhnlich eine innere Sammlung; ich habe den Schutzengel gebeten, mich zu bewachen, daß mich niemand sieht; ich habe mich verborgen in einem Zimmer bei den Nonnen.

Schon nach kurzer Zeit folgte auf die Sammlung die Verzückung. (Wer das liest, glaube nichts, da ich mich auch täuschen kann; möge es Jesus nie zulassen! Ich handle im Gehorsam und schreibe nur mit großem Widerstreben.) Es war gegen halb 10, ich las* (* Anmerkung: Sie las die Herrlichkeiten Mariens vom heiligen Alphons Maria de Liguori.): da auf einmal wurde ich von einer Hand berührt, die sich mir leicht auf die linke Schulter legte. Ich wandte mich erschreckt um; ich hatte Angst und wollte schreien; aber ich beherrschte mich. Im Umwenden sah ich eine weiß gekleidete Person: ich erkannte sie als eine Frau; ich sah sie an und ihr Blick machte mich sicher, dass ich nichts zu fürchten habe. „Gemma", sagte sie mir nach einigen Minuten, „kennst du mich?" Ich sagte nein, weil ich es wahrheitsgemäß sagen konnte: sie fuhr fort: „Ich bin Mater Maria Theresia vom Kinde Jesu; ich danke dir viel-, vielmals, dass du dir so viel Mühe gegeben hast, damit ich bald meine ewige Seligkeit erlangen kann." Alles dieses ereignete sich, während ich in vollem Wachzustand und bei vollem Bewusstsein meiner selbst war. Sie sagte weiter: „Fahre noch fort (zu beten), weil ich noch einige Tage zu leiden habe.“ Mit diesen Worten liebkoste sie mich und entschwand. Ihre Blicke, muss ich sagen, flößten mir großes Vertrauen ein. Seitdem verdoppelte ich meine Gebete für diese Seele, damit sie bald ihr Ziel erreichen könne; aber meine Gebete sind zu schwach; oh, ich möchte für die Seelen des Fegefeuers die Gebetskraft der Heiligen haben! Von jenem Augenblick an litt ich immer, bis gegen 11 Uhr, wo ich nicht mehr allein sein konnte. Ich fühlte innerlich eine gewisse Sammlung und hatte Lust zum Beten, aber wie es anstellen? Ich konnte nicht. Wie oft machte ich Anstrengungen, mich zu zwingen! Endlich bekam ich die ersehnte Erlaubnis und gelangte zu meiner Mutter, aber nur für wenige Augenblicke; doch es waren kostbare Augenblicke! Wegen meines schlechten Betragens erlaubte Jesus nicht, dass die Madonna, wie immer, lächelnd kam, sondern vielmehr traurig (und ich war daran schuld). Sie machte mir einige Vorwürfe, war aber auch über eine gewisse Sache erfreut (von der ich hier lieber nicht berichten will). Diese Sache machte auch Jesus Freude! Und als Belohnung dafür geschah es eben, dass die Madonna zu mir kam, aber, wie gesagt, ernst: sie sagte mir einige Worte, u. a.: „Tochter, wenn ich heute morgen in den Himmel zurückkehre, werde ich dein Herz mit mir nehmen." In diesem Augenblick schien es mir, dass sie sich mir näherte . . . mir das Herz wegnahm und es in ihren Händen forttrug mit den Worten: „Fürchte nichts, sei brav; ich werde dein Herz dort oben immer bei mir tragen, in diesen meinen Händen.“ Sie segnete mich in Eile und sagte im Weggehen noch: „Mir hast du dein Herz gegeben, aber Jesus will noch etwas anderes." — „Was?" fragte ich. „Den Willen", antwortete sie und entschwand. Ich fand mich auf der Erde liegend, aber ich weiß gut, wann das geschah:* (* Anmerkung: Das Fallen auf die Erde.) als sie sich mir näherte und mir das Herz nahm. Obwohl diese Erscheinungen zuerst Angst machten, empfand ich doch schließlich unaussprechlich große Freude.

 

Donnerstag, 16. August: Von großer Furcht ergriffen, verdammt zu werden wegen ihrer Sünden, wird sie vom Engel ermuntert, auf die Barmherzigkeit Gottes zu vertrauen. Sie leidet mit Jesus, der ihr die bevorstehende Erlösung von Maria Theresia aus den Qualen des Fegefeuers ankündigt und ihr neue Tröstungen in der heiligen Kommunion verheißt.

 

Heute ist Donnerstag. Es befiel mich der gewohnte Widerwille: die Furcht, meine Seele zu verlieren; denn es tat sich die Zahl und Größe meiner Sünden vor mir auf. Welche Aufregung! In diesem Augenblick sagte mir der Schutzengel ins Ohr: „Aber die Barmherzigkeit eines Gottes ist unendlich.“ Das beruhigte mich. Ich begann bald am Kopf zu leiden: es war gegen 10 Uhr. Als ich allein war, warf ich mich auf das Bett. Ich litt ein wenig, aber Jesus zögerte nicht zu erscheinen und mir zu zeigen, daß auch Er litt, und zwar viel. Er erinnerte mich an die Sünder, für die Er mich ermunterte, alle meine kleinen Leiden dem Ewigen Vater aufzuopfern. Während ich bei Jesus war und litt, litt auch Er; da kam mir ein so lebhafter Wunsch, dass ich ihn kaum unterdrücken konnte. Jesus sah es und fragte mich: „Was willst du, dass ich tue?“ Und ich sogleich: „Jesus, aus Barmherzigkeit erleichtere die Qualen der Mater Maria Theresia.“ Jesus antwortete: „Es ist schon geschehen. Willst du noch etwas?“ Da faßte ich mir Mut und sagte: „Jesus, erlöse sie, erlöse sie.“ Und Jesus antwortete mir so: „Am dritten Tage nach der Himmelfahrt Meiner allerseligsten Mutter wird auch sie aus dem Fegefeuer befreit werden, und Ich werde sie mit Mir in den Himmel führen.“ + Diese Worte erfüllten mich mit solcher Freude, dass ich es gar nicht ausdrücken kann. Jesus sagte mir noch verschiedenes andere; ich fragte Ihn schließlich, warum Er mich nach der heiligen Kommunion nicht mehr die Süßigkeiten des Paradieses verkosten läßt. Er antwortete mir ohne Zögern: „Du bist dessen nicht würdig, meine Tochter.“ Aber Er versprach mir dann, dass Er es am nächsten Morgen tun wolle. Wie diesen Morgen erwarten? Es ist wahr, es waren nur noch wenige Stunden, aber für mich waren es Jahre; ich habe kein Auge zugetan in der Nacht; ich verzehrte mich in dem Verlangen, der Morgen möchte doch sogleich kommen; mit einem Worte, diese Nacht schien mir die längste zu sein, aber endlich kam der Morgen doch.

 

Freitag, 17. August: Welch selige Augenblicke verbringt sie mit Jesus! Beim Abnehmen der Dornenkrone segnet Jesus sie mit strahlend-leuchtender Hand und gießt über sie eine Fülle von Gnaden aus. Der Engel empfiehlt ihr den Gehorsam und gibt ihr einige Mitteilungen für den Beichtvater. Das Widerstreben, das sie gegen das Schreiben hat.

 

Kaum war Jesus auf meine Zunge gekommen (oft die Ursache von vielen Sünden), als Er sich fühlen ließ. Ich war nicht mehr in mir, aber Jesus war in mir, Er kam in meine Brust herab (ich sage Brust, weil ich ja kein Herz mehr habe: ich habe es der Mutter Jesu gegeben). Welch selige Augenblicke sind das mit Jesus! Wie soll man Ihm Seine Liebe erwidern? Mit welchen Worten soll man Seine Liebe mit dieser armen Kreatur ausdrücken? Und doch hat Er geruht zu kommen. Es ist unmöglich, einfach unmöglich, Jesus nicht zu lieben. Wie oft fragte Er mich, ob ich Ihn liebe, wirklich liebe. Zweifelst Du noch daran, mein Jesus? Heute vereinigte Er sich immer inniger mit mir, sprach mit mir und sagte, dass Er mich vollkommen haben wolle, daß auch Er mich sehr liebe und dass Er mir vergelten wolle.

Mein Gott, wie soll man sich so vieler Gnaden würdig machen? Wo ich es nicht kann, ergänzt es für mich mein lieber Schutzengel. Gott will, dass ich mich nicht täusche und auch nicht andere täusche.

So habe ich den Rest des Tages mit Jesus vereint verbracht; ich litt ein wenig, aber niemand bemerkte mein Leiden; nur dann und wann entschlüpfte mir ein Klagelaut; aber, mein Gott, es geschah unfreiwillig. Heute war wenig, ja gar nichts nötig, um mich zu sammeln: mein Sinnen war schon bei Jesus und sogleich ging auch mein Geist (in Ekstase) zu Ihm. Wie liebevoll zeigte sich Jesus heute mit mir! Aber wie litt Er! Ich versuchte so viel, um es Ihm zu erleichtern, und hätte noch mehr tun wollen, wenn Er es mir erlaubt hätte. Er näherte sich mir und nahm mir die Dornenkrone vom Kopf, aber ich habe nicht gesehen, dass Er sie, wie sonst immer, auf Sein Haupt setzte; Er hielt sie in Seinen Händen, alle Wunden waren geöffnet, aber es floß kein Blut aus ihnen, wie sonst; sie waren so schön. Immer, ehe Er mich verläßt, segnet Er mich; in der Tat erhob Er Seine rechte Hand; ich sah heute, dass von ihr ein Strahlen ausging, viel stärker als von Licht. Er hielt Seine Hand erhoben; ich blieb regungslos und schaute sie an; ich konnte mich nicht sattsehen, sie zu betrachten. Oh, wenn ich allen verkünden könnte, wie schön mein Jesus ist! Er hat mich mit dieser Hand, die Er erhoben hatte, gesegnet, und dann hat Er mich verlassen. Nach diesem Erlebnis hätte ich gern gewußt, was das Strahlen zu bedeuten habe, das von Seinen Wunden und besonders von Seiner rechten Hand ausging, mit der Er mich gesegnet hat. Der Schutzengel hat mir folgendes gesagt: „Tochter, an diesem Tag hat der Segen Jesu eine Fülle von Gnaden über dich ausgegossen.'' Während ich das schreibe, hat er sich mir wieder genähert und gesagt: „Ich empfehle dir, meine Tochter, gehorche immer und in allem. Verheimliche dem Beichtvater nichts; sage ihm, dass er dich nicht vernachlässigen soll.“ Und dann fügte er hinzu: „Sage ihm, Jesus will, dass er mehr Eifer gegen dich zeigt, denn du bist noch zu unerfahren." Diese Dinge hat er mir jetzt wiederholt, wie ich schon geschrieben habe; er hat es mir mehrmals gesagt; ich war ja im Wachzustand und es schien mir, als würde ich ihn genau sehen und sprechen hören. Jesus, immer geschehe Dein heiliger Wille. Aber wie leide ich, wenn ich solche Dinge niederschreiben muß! Das Widerstreben, das ich von Anfang an empfand, ist noch immer, anstatt sich zu vermindern, weitergewachsen und ich stehe Todesqualen durch. Wie oft habe ich heute versucht (meine Schriften), zusammenzusuchen und zu verbrennen. Und dann? Vielleicht willst Du, o mein Gott, dass ich auch diese verborgenen Dinge, die Du mich in Deiner Güte hast erkennen lassen, niederschreibe, um mich immer mehr niederzuhalten und zu verdemütigen? Wenn Du das willst, o Jesus, bin ich bereit, auch das zu tun: lass mich Deinen Willen erkennen. Aber diese Schriften, zu was werden sie nützen? Zu Deiner größeren Ehre, o Jesus, oder um mich immer mehr in Sünden fallen zu lassen? Du hast es gewollt und ich habe es getan. Sorge Du nun: in die Wunden Deiner heiligen Seite, o Jesus, verberge ich jedes meiner Worte.

 

Samstag-Sonntag, 18.-19. August: Maria Theresia kommt in Begleitung von Jesus und ihres Schutzengels, um der Heiligen zu danken, und fährt dann in den Himmel auf.

 

Heute morgen in der heiligen Kommunion hat mich Jesus wissen lassen, dass heute um Mitternacht Mater Maria Theresia ins Paradies fliegen wird. Für jetzt nichts weiter. Jesus hatte mir versprochen, ein Zeichen zu geben. Jetzt ist es Mitternacht: noch nichts; jetzt ist es 1 Uhr: auch noch nichts; gegen halb 2 schien es mir, dass die Madonna käme, um mir mitzuteilen, dass die Stunde sich nahe. Tatsächlich, nach kurzer Zeit, schien es mir, als sähe ich Maria Theresia vor mir, als Passionistin gekleidet und von ihrem Schutzengel und von Jesus begleitet. Wie war sie verändert seit dem Tag, da ich sie zum erstenmal gesehen habe! Lächelnd näherte sie sich mir und sagte, dass sie sehr glücklich sei und jetzt gehe, um sich ihres Jesu ewig zu erfreuen; von neuem dankte sie mir und fügte hinzu: „Teile Mater Josephine* (* Anmerkung: Mater Josephine vom heiligen Herzen, Passionistennonne zu Tarquinia. An sie schrieb Gemma zehn Briefe.) mit, dass ich glücklich bin; sie soll sich beruhigen.“ Sie machte mir mehrmals ein Zeichen mit der Hand, um mir Lebewohl zu sagen; und dann flog sie zusammen mit Jesus und ihrem Schutzengel gegen halb 3 in den Himmel. In dieser Nacht litt ich sehr, weil auch ich ins Paradies wollte, aber niemand machte Anstalt, mich dorthin zu tragen. Das Verlangen, das seit langer Zeit Jesus in mir hatte wachsen lassen, war nun endlich erfüllt: Maria Theresia war im Paradies; aber auch vom Paradies aus versprach sie mir, mich zu besuchen.

 

Montag, 20. August: Die Vorwürfe des Engels. Schrecklicher Angriff des Teufels, den die Heilige glücklich überwindet, durch Berufung auf die Kraft des kostbarsten Blutes Jesu Christi. Schmerzen über die Sünden; freundliche Unterstützung und Lehren des Engels.

 

Gestern am Tage sprach ich wieder mit dem Schutzengel; er machte mir Vorwürfe, besonders über meine Unlust beim Gebet, und erinnerte mich an verschiedenes anderes: immer schaute ich auf seine Augen, die mir ernst drohten. Gestern abend erinnerte er mich von neuem an das, was er mir am Tag gesagt hatte, und fügte hinzu, dass ich darüber Jesus Rechenschaft ablegen müsse. Endlich, als ich ihn vor dem Zubettgehen um den Segen bat, kündete er mir an, dass Jesus heute, den 20. August, einen Angriff des Dämon gegen mich zulassen wolle, und zwar deswegen, weil ich für einige Tage im Gebet nachlässig gewesen wäre. Er kündete mir an, dass der Dämon alle Kräfte aufbieten würde, um mich am Beten zu hindern, besonders am geistigen Gebet, für den ganzen Tag; und dass ich auch seiner Besuche (will sagen des Schutzengels) beraubt sein würde, aber nur für heute. Ich empfing die heilige Kommunion, aber in welcher Verfassung! Ganz zerstreut und immer noch an einen bösen Traum denkend, den ich als vom Teufel eingegeben erkannt hatte. O Gott, der Augenblick des Angriffs war gekommen; er war stark, ja ich möchte sagen, fürchterlich. Kein Segen, kein Skapulier konnte die schlimmste Versuchung, die man sich denken kann, abwehren; er war so schrecklich (der Dämon), dass ich die Augen schloß, und ich habe sie nicht wieder geöffnet, bis ich ganz befreit war. Mein Gott, wenn ich ohne Sünde bin, so verdanke ich es Dir allein. Dir sei Dank. Was soll ich sagen in solchen Augenblicken? Jesus suchen und nicht finden, ist eine viel größere Strafe als die Versuchung selbst. Was ich durchmachte, weiß Jesus allein, der aus dem Verborgenen mir zuschaute und Sein Wohlgefallen daran hatte. An einem gewissen Punkte, als die Versuchung ihren Höhepunkt zu erreichen schien, kam mir in den Sinn, den heiligen Vater Jesu anzurufen; ich rief: „Ewiger Vater, durch das Blut Jesu, befreie mich!“ Ich weiß nicht, wie es kam: dieser Kosak von Teufel hat mir einen starken Stoß gegeben, er hat mich vom Bett heruntergezogen und mir den Kopf mit solcher Wucht auf die Erde gestoßen, dass ich große Schmerzen fühlte; ich verlor das Bewusstsein und blieb auf der Erde liegen, bis ich mich nach geraumer Zeit wieder erholte. Jesu sei Dank, dass es heute besser gegangen ist und Ihm gefallen hat. Der Rest des Tages ist gut vergangen. Heute Abend kamen mir, wie es schon öfter geschah, alle meine großen Sünden ins Gedächtnis, aber mit solcher Macht, daß ich mich zwingen mußte, nicht laut zu weinen; ich fühlte einen so starken Schmerz wie nie zuvor. Die Zahl der Sünden übersteigt tausendmal mein Alter und meine Fähigkeit; aber das, was mich tröstet, ist, dass ich so großen Schmerz empfand, von dem ich möchte, dass er nie aus meiner Erinnerung ausgelöscht wird und sich nie vermindert. Mein Gott! Wie weit ist es mit meiner Schlechtigkeit gekommen! Um die Wahrheit zu gestehen, erwartete ich heute Abend Jesus, aber ach! Es erschien niemand; nur der Schutzengel hörte nicht auf, mich zu bewachen, mich zu belehren und mir weise Ratschläge zu geben. Mehrmals am Tage erschien er mir und sprach mit mir. Gestern leistete er mir Gesellschaft beim Essen, aber er zwang mich nicht dazu, wie es andere tun. Nachdem ich gegessen hatte, fühlte ich mich nicht sehr wohl; da reichte er mir eine gute Tasse Kaffee, die mich gleich heilte; und dann ließ er mich auch ein wenig ruhen. Mehrere Male ließ ich ihn Jesus bitten, dass Er ihn mir die ganze Nacht läßt; er ging dann, es Ihm zu sagen; darauf kehrte er zurück und verläßt mich nicht bis zum Morgen, wenn Jesus es ihm erlaubt.

 

Dienstag, 21. August: Sie erwartet einen Besuch des heiligen Gabriel

 

Vielleicht werde ich mich täuschen; aber heute erwarte ich einen Besuch des Mitbruders Gabriel; und wenn er käme, habe ich ihm viel zu sagen. Jesus, Erleuchtung und Licht nicht für mich, sondern für P. Germano und den Beichtvater.

 

Mittwoch, 22. August: Vorwürfe des Engels und lieber Besuch Jesu, der ihr von der heiligen. Seele der Frau Josephine Imperiali spricht. Ihr Schutzengel verläßt sie nie; auch andere Engel erscheinen ihr.

 

Gestern kündete mir der Schutzengel an, dass im Laufe des Tages Jesus zu mir kommen würde; er schalt mich und nannte mich stolz, aber dann beruhigten wir uns bald. Ich dachte nicht mehr an den Besuch Jesu, weil ich nicht daran glaubte; aber als ich mich anschickte, die Abendgebete zu verrichten, fühlte ich mich in Jesus gesammelt, der mir sogleich einen sanften Vorwurf machte, indem Er mir sagte: „Gemma, magst du Mich nicht mehr?" — „O mein Gott, mein Gott“, antwortete ich Ihm, „suche ich Dich nicht? Ich sehne mich vor allem nach Dir, Dich will ich. Dich suche ich immer, Dich begehre ich allein.“ Doch mir kam plötzlich in den Sinn, Ihn zu fragen: „Aber, Jesus, Du bist heute Abend gekommen, wirst Du dann morgen Abend nicht kommen?“ Er versprach es mir. Aber der Beichtvater hat mir gesagt, dass ich im Gewissen verantwortlich sein werde, wenn ich leide, während ich mich körperlich nicht wohl fühle; wenn ich mich wohl fühle, kann ich zur selben Stunde mit Jesus leiden; außer wenn Jesus nur kommt, ohne mich leiden zu lassen; unterhalte dich dann mit Ihm, habe Mitleid mit Ihm und nimm Anteil an der Todestraurigkeit, die Er im Ölgarten litt. In allem werde ich gehorchen. Ohne daß ich davon gesprochen hätte, sprach mir Jesus von der heiligen Seele der Frau Josephine lmperiali. „Oh, wie ist sie mir teuer!" wiederholte Jesus. „Schau“, fügte Er hinzu, ,,sie leidet so viel, ohne eine Minute Erholung. Die Glückliche!" Er ließ mich, wie gewöhnlich, in unbeschreiblicher Freude zurück. Dank der Gnade Jesu und Seiner unendlichen Barmherzigkeit verließ mich der Schutzengel nicht eine kleine Sekunde. Gestern sah ich noch mehrere Engel: der meine stand mir dauernd bei; ich sah auch einen anderen Schutzengel einer anderen Person; aber es ist gewiß nicht nötig, dass ich hier genauere Einzelheiten beschreibe: wenn es der Gehorsam will, werde ich bereit sein, aber für jetzt . . . genug . . . An einen Fall werde ich mich erinnern.

 

Donnerstag, 23. August: Geistes-Dürre und Unlust; die Dornenkrönung; Liebes-Wettstreit mit Jesus.

 

Ach, es kam der Abend, und es überfiel mich die gewohnte Unlust, das gewohnte Erkalten; die Müdigkeit wollte mich überwinden, aber wegen ein bißchen Mühe mochte ich nicht unterlassen, meine Pflicht zu tun. Jesus hat mir heute Abend Seine Krone auf mein Haupt gesetzt, gegen 10 Uhr, nachdem ich mich ein wenig gesammelt hatte. Mein Leiden, das aber in nichts demjenigen von Jesus gleichkommt, ist heftig gewesen: sogar alle Zähne schmerzten mir; bei jeder Bewegung empfand ich einen heftigen Schmerz; ich glaubte nicht aushaltcn zu können, aber schließlich ging doch alles gut.

Ich habe diese kleinen Leiden für die Sünder aufgeopfert, und insbesondere für meine arme Seele. Ich bat Ihn, dass Er bald wiederkommen möchte. Als es so weit war, dass Er mich verlassen wollte, entstand ein Wettstreit zwischen mir und Jesus: wer von uns zuerst einen Besuch machen würde (das war ich, als ich zur heiligen Kommunion ging); wir einigten uns schließlich, dass ich zu Ihm gehen und Er zu mir kommen werde. Er versprach mir noch den Beistand meines heiligen Engels und verließ mich dann.

 

Freitag, 24. August: Jesus nimmt ihr die Dornenkrone ab und unterhält sich liebevoll mit ihr. Er versichert ihr, dass bald P. Germano kommen wird. Eifrige Unterstützung und Belehrungen des Engels, der sie lehrt, wie sie von Jesus einen Besuch des heiligen Gabriel erlangen kann.

 

Später kehrte Jesus zurück, um mir die Dornenkrone abzunehmen, aber Er kam sehr früh, indem Er mir sagte, ich hätte genug getan; ich wollte es nicht, weil die Stunden noch nicht voll waren; doch Er antwortete mir, dass ich noch immer klein sei und genug tue. Ich litt mehrere Stunden hindurch; Jesus liebkoste mich vielmals. An einem gewissen Punkt unserer Unterhaltung bat ich Ihn um Erleuchtung für den Beichtvater; dabei plauderte ich etwas vom Schutzengel aus. Dieser hatte mir nämlich am Morgen vorher gesagt, daß P. Germano genug Erleuchtung über mich habe und mir wohlwolle. Gedankenlos erzählte ich das Jesus, und Jesus tat so, als wüßte Er nicht, daß es mir der Schutzengel gesagt habe; Er tat ein wenig ernst und sagte mir, Er möchte nicht, dass der Schutzengel mir etwas weitererzählt.* (* Anmerkung: Jesus hatte scheinbar Freude daran, eine so naive Seele auch naiv zu behandeln.) Während Er so sprach, wurde ich, anstatt verwirrt zu werden, wie es mir geht, wenn Jesus so ernst und streng tut, im Gegenteil von noch mehr Vertrauen gegen Ihn erfüllt und fragte Ihn: „Jesus, könntest Du nicht . . ."; ich verstummte, da ich glaubte, mich verständlich machen zu können, ohne zu reden; Jesus begriff sogleich und antwortete: „Beunruhige dich nicht, meine Tochter: P. Germano wird bald kommen. Hast du verstanden?“ fragte Er mich. „Ja“, antwortete ich. Und zuletzt wiederholte Er mir diese Worte: „Fürchte nicht, denn er wird bald kommen." Er gab mir ein Zeichen mit der Hand, dass Er sich entferne, und entschwand mir. Später ging ich dann noch in die Kirche zu dem gewohnten Segen; aber ich fühlte mich müde; in der Tat war ich es, doch ist es nicht, wie ich oft gesagt habe, eine eigentliche Müdigkeit, sondern Unlust und geringe Neigung zum Beten. Der Schutzengel sagte mir ins Ohr, dass ich auch sitzend beten könne. Zuerst wollte ich es nicht, aber er wiederholte es zweimal; dann gehorchte ich und blieb sitzen. Schließlich gefiel es mir, da ich nicht fähig war zu knien. Gestern Abend ließ er mich wissen, Jesus beklage sich zuweilen über mich, dass ich keine Betrachtung mache an den anderen Tagen außer Donnerstag und Freitag: und das stimmt, weil ich sie an diesen beiden letzten Tagen noch nie vergessen habe. Ich versprach ihm, dass ich sorgfältiger sein wolle, und er befahl mir, zu Bett zu gehen, da er sagte, dass ich müde sei und gut aufs Einschlafen achtgeben solle. Ich bat ihn, dass er bei mir bliebe; aber er versprach es nicht: in der Tat ist er nicht geblieben. „Jetzt", sagte ich ihm, „eile zu Jesus und bitte Ihn sehr, weil ich morgen Abend wieder beichten gehen muß und ich Ihn unbedingt sehen möchte“. Er sagte darauf: „Und wenn Mitbruder Gabriel kommen würde?" — „Das wäre gleich“, antwortete ich. — „Jesus oder Mitbruder Gabriel, jedenfalls muss ich sie sehen; bitte Ihn, dass Er mir diese Gnade gewährt: ich habe sie nötig.“ — „Kannst du es nicht mir sagen?“ sagte er mir. „Du gehe nur", antwortete ich, „zu Jesus und sag Ihm alles; dann komm zurück und berichte es mir." Er machte ein bejahendes Zeichen.

Als er einige Augenblicke vorher vom Mitbruder Gabriel gesprochen hatte, fühlte ich, wie es mir immer geht, wenn ich von ihm höre, bei der bloßen Erinnerung eine solche Freude, dass ich mich nicht enthalten konnte, wenigstens auszurufen: „Mitbruder Gabriel, wie sehr warte ich auf ihn, wie sehr sehne ich mich nach ihm!“ „Und gerade deswegen, weil ich ein so starkes Verlangen habe, will es mir Jesus nicht erfüllen.“ Da belehrte er mich lächelnd, dass, wenn Jesus kommt, ich nicht zu erkennen geben solle, dass ich ein Verlangen habe, Mitbruder Gabriel zu sehen, weil Er es mir dann eher erfüllen würde. Ich merkte, dass er scherzte, weil ich weiß, dass man Jesus nichts verbergen kann. „Sei gleichgültig im Verlangen“, wiederholte er mir, „und du wirst sehen, dass Jesus ihn dir öfter schicken wird.“ — „Aber es gelingt mir nicht, es zu sein“, sagte ich ihm. „Ich lehre es dich; du mußt so zu Jesus sagen: Wenn er kommen wird, gut; wenn nicht, ist es auch gleich“; und indem er das sagte, lachte er laut auf. Dann wiederholte auch ich es; aber ich begriff, dass man scherzte. Er hieß mich zu Bett gehen, indem er mir sagte, dass ich diese Nacht allein bleiben müsse, weil, wenn er da bliebe, ich nicht schlafen würde; und er ging. Es ist wahr, wenn er da ist, schlafe ich nicht; er lehrt mich so vieles, was sie im Paradies machen, und schnell geht die Nacht vorbei. Aber diese Nacht war es nicht so: er hat mich allein gelassen und ich habe geschlafen: mehrmals jedoch bin ich erwacht und dann sagte er sogleich; „Schlafe, damit ich nicht wirklich weggehe.“ Ich hörte stark donnern und hatte Furcht; da kam er wieder und zeigte sich mir; er segnete mich von neuem und ich schlief ein.

 

Samstag, 25. August: Der Dämon, in Gestalt des Schutzengels, versucht und schlägt sie; dann kommt der wahre Engel und gibt ihr Lehren und Trost. Erscheinungen der allerseligsten Gottesmutter Maria.

 

In der Kommunion heute morgen kein Trost, alles in Kälte. Es geschehe der heilige Wille meines Gottes. Was wird heute geschehen? Jesus kam nicht, ich fühlte Ihn auch nicht nahe. Ich ging, um mich auszuruhen; vor mir sah ich den Schutzengel gehen, den ich als den meinen erkannte; aber ich empfand ein wenig Angst und Verwirrung, auch im Innern. Oft befällt mich die Angst, wenn ich jemanden erscheinen sehe; aber in kurzem vergeht sie wieder und endet in Freude. Gestern dagegen wuchs die Verwirrung noch und endlich fühlte ich mich angerührt und schüttelte mich; etwas, was mir sonst nie geschieht, wenn mein lieber Engel erscheint. Ich stand noch unschlüssig darüber, als er mich fragte: „Wann gehst du beichten?“ — „Heute abend“, antwortete ich. „Und warum? Wozu gehst du so oft? Weißt du nicht, dass dein Beichtvater ein Schwindler ist?" Jetzt begriff ich, um was es sich handelte, und segnete mich mehrmals; dann schlug er mich, um mich zittern zu machen. Mein Schutzengel spricht nie in dieser Weise zu mir. Eine geraume Zeit hatte ich so zu kämpfen; endlich versprach ich, dass ich ihm zum Trotz jetzt beichten gehen würde, und tat es. Ich rief Jesus und meine Mutter an; aber ach, niemand! Nach einiger Zeit ließ sich ein wenig der wahre Schutzengel sehen und gab mir auf, alles zu beichten, und sprach mir auch von zwei Sachen, die ich dem Beichtvater sagen sollte. Die Verwirrung und die Angst vor dem Feind verschwanden bald, ich beruhigte mich wieder, bis es Zeit wurde, zur Beichte zu gehen: da wollte ich durchaus nicht gehen. Ich mußte mich dazu zwingen, konnte aber nur sehr weniges sagen. Doch will ich alles schreiben. Meine liebe Mutter fehlte gestern nicht, aber ihr Besuch war sehr kurz; doch tröstete sie midi sehr. Ich bat sie, so viel ich konnte, für mich, dass sie mich ins Paradies führen möchte; auch für andere bat ich. Wie lächelte sie mich an, als ich sie wiederholt Mutter nannte! Sie näherte sich mir, liebkoste mich und ließ mich in Gesellschaft des Schutzengels zurück, der sich leutselig und freundlich bis zum Morgen mit mir unterhielt.

 

Sonntag, 26. August: Heftige Vorwürfe und strenge Mienen des Engels.

 

Am Morgen hat mich der Schutzengel verlassen, nachdem ich aus der Kammer gegangen war. Ich empfing die heilige Kommunion, ohne etwas von Jesus zu fühlen; im Laufe des Vormittags spürte ich ein so starkes Verlangen, zu weinen, dass ich mich vor den Blicken der anderen verbergen mußte, um nicht gesehen zu werden; ich fühlte mich unruhig im Gewissen und wußte nicht, an wen mich wenden. Mein Gott, dass ich beginne zu schreiben! Es wird gut sein, weil, wenn mein Heft irgend jemandem in die Hände fallen sollte, er in mir nichts anderes als eine ungehorsame und schlimme Person erkennen wird. Gestern zur Essenszeit erhob ich die Augen und sah den Schutzengel, der mich mit so strengen Blicken anschaute, dass ich erschrak; sprechen tat er nicht. Später, als ich einen Augenblick zu Bett ging, mein Gott! da befahl er mir, ihm ins Gesicht zu schauen; ich tat es, schlug aber gleich den Blick wieder nieder; doch er bestand darauf und sagte: „Schämst du dich nicht, in meiner Gegenwart Fehler zu begehen; wenn du sie begangen hast, fühle wenigstens Scham!" Er bestand darauf, dass ich ihn anschaute; mehr als eine halbe Stunde ließ er mich immer in sein Antlitz schauen: es kamen daraus so strenge Blicke auf mich . . . Ich konnte nichts als weinen. Ich bat meinen Gott und unsere Mutter, dass Er mich von hier fortnehmen sollte, weil ich es nicht länger aushalten konnte. Von Zeit zu Zeit wiederholte er mir: „Schäme dich.“ Ich bat, dass nicht andere mich in diesem Zustande sehen, weil sonst auch nicht eine Person mehr mir nahen würde; ich weiß nicht, ob andere es sahen. Ich litt den ganzen Tag hindurch; und immer wenn ich meine Augen erhob, blickte er mich streng an; ich konnte mich keine Minute sammeln. Am Abend verrichtete ich meine Gebete, aber immer stand er dabei und schaute mich auf gleiche Weise an; er ließ mich zu Bett gehen und segnete mich; aber er verließ mich nicht: er blieb mehrere Stunden bei mir, ohne etwas zu sprechen, und immer streng. Ich hatte nicht den Mut, mich mit einem Worte an ihn zu wenden, und sagte nur: „Mein Gott, welche Schande, wenn andere meinen Schutzengel so streng sehen.“ Gestern Abend konnte ich gar keinen Schlaf finden; ich lag wach bis nach 2 Uhr; ich weiß es, weil ich die Uhr schlagen hörte. Ich lag ruhig im Bett, den Geist auf Gott gerichtet, aber ohne zu beten. Endlich, nachdem es 3 Uhr geschlagen hatte, sah ich den Schutzengel sich mir nähern und eine Hand auf meine Stirn legen; er sagte mir: „Schlaf, du Schlimme!“ Dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.

 

Montag, 27. August: In der heiligen. Kotnmunion läßt Jesus sie den Grund wissen, weswegen der Engel sich so streng zeigte.

 

Heute morgen empfing ich die heilige Kommunion: ich hatte kaum den Mut dazu. Jesus erschien mir und erklärte mir ein wenig den Grund, weshalb der Schutzengel so war: die letzte Beichte ist schlecht gewesen.* Leider stimmt es. (* Anmerkung: Schlecht gewesen, nicht weil sie Sünden verschwiegen hätte, sondern weil sie nicht alles gesagt hatte, was an Außerordentlichem vorgefallen war.) 

 

Dienstag, 28. August: Nach der Beichte kehrt der Engel zurück, lächelnd und freundlich, und versichert sie der Verzeihung Jesu.

 

Der Schutzengel blieb so streng, bis ich heute morgen dem Beichtvater alles gesagt habe. Gleich nachdem ich den Beichtstuhl verlassen hatte, schaute er mich lächelnd an und voller Wohlgefallen: ich kehrte vom Tod zum Leben zurück. Später dann begann er mit mir zu sprechen (ich hatte nicht den Mut, ihn anzusprechen) und fragte mich, wie es mir ginge, da ich in der Nacht vorher mich nicht wohl gefühlt hatte. Ich antwortete ihm, dass nur er mich heilen könne; er näherte sich mir, liebkoste mich vielmals und sagte, dass ich brav sein soll. Wiederholt fragte ich ihn, ob er mich noch möge wie früher und ob er mich ebenso liebe; er antwortete mir: „Heute schäme ich mich deiner nicht, aber gestern.“ Ich bat ihn vielmals um Verzeihung, und er machte ein Zeichen, dass alle Fehler verziehen seien. Endlich gab ich ihm für Jesus drei Aufträge: 1. Ob Er jetzt mit mir zufrieden sei? 2. Ob Er mir alles verziehen habe? 3. Und dass Er mir eine gewisse Scheu nehmen möchte, dem Beichtvater zu gehorchen . . . Er ging sofort und kehrte erst ziemlich spät zurück: er sagte mir, dass Jesus recht zufrieden sei; dass Er mir verziehen habe, aber zum letzten Mal; und dass wegen der Scheu Jesus ihm folgendes geantwortet habe: „Sag ihr, dass sie vollkommen gehorcht.“ Später dann ging ich zu Bett, aber kurz danach fühlte ich ein wenig Gewissensbisse. Ich dachte zwar an den Gegenstand der Betrachtung über die Passion, aber im Bett. Mein Engel fragte mich, an was ich dächte: „An die Passion“, antwortete ich. „Aber was wird Jesus von mir sagen, dass ich mir das Leben so bequem mache, wenig bete und im Bett; ja dass ich die ganze Gebetszeit über im Bett verbringe?" Das ist leider wirklich wahr. Er antwortete mir, was ich davon dächte. „Es ist Unlust , sagte ich. Aber 

ich versprach ihm, dass ich von diesem Abend ab nicht mehr im Bett beten wolle, außer wenn es mir durch den Gehorsam bestimmt würde. Seit gestern abend und die ganze Nacht hindurch hat er sich nicht von mir entfernt, aber unter einer Bedingung: dass ich still liegen bleibe und schlafe. Ich tat es.

 

Mittwoch, 29. August: Sie schreibt einen Brief an den hl. Gabriel und vertraut ihn dem Schutzengel an.

 

+ Heute habe ich folgendes vor: ich will ein Brieflein an den Mitbruder Gabriel schreiben, dann ihn dem Schutzengel übergeben und auf Antwort warten. Und das geschieht, ohne dass Jesus es weiß;* (* Anmerkung: d.h.: ohne dass man es Jesus sagt - wie die Heilige selbst gleich sagt.) er hat mir gesagt, dass er Jesus nichts sagen werde. Ich tat es: ich schrieb einen recht langen Brief und habe darin von allen meinen Anliegen gesprochen, ohne eines auszulassen; dann benachrichtigte ich den Schutzengel, der zur Stelle war, und ob er möchte . . . Ich habe ihn am Mittwoch Abend unter das Kopfkissen gelegt und am Morgen, als ich aufstand, habe ich nicht daran gedacht, nachzuschauen, weil ich etwas Besseres im Sinn hatte: ich ging zu Jesus.

 

Donnerstag, 30. August: Der Schutzengel hat den Brief genommen und sagt ihr, dass sie am nächsten Samstag die Antwort haben werde. Schmerzen über die Sünden und Dornenkrönung. Die Heilige schickt Jesus aus Gehorsam fort.

 

Bald zurückgekehrt, schaute ich nach, und merkwürdig! Der Brief war nicht mehr da. Ich sage merkwürdig, weil ich es so von anderen sagen höre, dass es eine wunderbare Sache sei; für mich scheint es nicht mehr so. Der Schutzengel fragte mich dann, ob eine Antwort nötig sei. Ich habe gelacht: „Gewiß“, habe ich ihm gesagt, „ist sie nötig!“ — „Gut", antwortete er, „aber vor Samstag kannst du sie nicht haben.“ Also Geduld bis Samstag. Inzwischen ist es Donnerstag Abend geworden. O Gott! Alle meine Sünden stehen vor mir auf. Welche Masse! Ja, Du kennst sie alle; mein Leben ist bis heute eine fortlaufende Reihe von Sünden gewesen. Immer sehe ich ihre große Zahl vor mir und erkenne die Bosheit, in der sie begangen wurden; aber besonders geschieht das, wenn der Donnerstag-Abend herankommt: sie erscheinen dann in so erschreckender Weise vor mir, daß ich mich vor mir selbst schäme, und mir selbst unerträglich werde. Besonders an diesem Abend kommen dann Vorsätze und Reue, aber alles Dinge, die nicht vorhalten. Ein wenig Kraft, ein wenig Mut kam mir, als ich fühlte, dass Jesus zu dieser Stunde die Dornenkrone mir aufsetzte und mich leiden ließ bis Freitag Abend; denn das opfere ich für die Seelen der Sünder auf, und ganz besonders für die meine. So kam gestern am Donnerstag der Abend; es schien mir, dass es Jesus wie gewöhnlich an diesem Abend machte: Er setzte auf mein Haupt die Domen, die Ursache so vieler Leiden meines lieben Jesu, und ließ mich so für mehrere Stunden. Er machte mich ein wenig leiden, aber was sage ich leiden: Er beglückte mich. Dieses Leiden ist ein Beglücktwerden. Er war so betrübt. Und die Ursache sind die vielen Sünden, die begangen werden, und die vielen undankbaren Seelen, die Er so beschenkt und die dafür ganz mit dem Gegenteil vergelten. Wie fühle auch ich mich dieser Undankbarkeit schuldig! Sicher wird Jesus an mich gedacht haben. Nachdem die Stunde des Gehorsams abgelaufen war, machte mich mein Schutzengel darauf aufmerksam; was tun? Jesus unterhielt sich noch mit mir, aber Er sah wohl die Verlegenheit, in der ich mich befand. Er erinnerte mich an den Gehorsam, und aus Gehorsam mußte ich Jesus fortschicken, weil die Stunde schon abgelaufen war. „Gib Mir“, sagte Jesus, „ein Zeichen von der Stunde, in der du gehorchen sollst." Da rief ich aus: „Jesus, geh nun, weil ich jetzt Dich nicht mehr will.“ Und Jesus segnete mich lächelnd, zusammen mit allen Mitgliedern des heiligen Kollegs, empfahl mich dem Schutzengel und ließ mich in einer Glückseligkeit zurück, die ich nicht ausdrücken kann. Für gewöhnlich kann ich in dieser Nacht nicht schlafen, weil ich mit Jesus vereint bin, in einer viel innigeren Vereinigung als sonst, und dann auch, weil mir scheint, dass mich mein Kopf ein wenig schmerzt; ich wachte also zusammen mit meinem lieben Engel.

 

Freitag, 31. August: Sie leidet sehr an den Schmerzen des Kopfes, aber freut sich, mit Jesus leiden zu dürfen.

 

Am Morgen eilte ich zur heiligen Kommunion, aber ich konnte nichts sprechen, verharrte im Schweigen: der Schmerz des Kopfes hinderte mich. Mein Gott, wie viele Fehler mache ich in dieser Sache! Jesus hat sich für mich nichts erspart, ich dagegen, um nicht zu leiden, mache womöglich nicht die kleinste Bewegung. Was wirst Du sagen, mein Jesus, von dieser Unlust und diesem schlechten Willen? Den ganzen Morgen tat ich nichts, wie mich ausruhen. Es kam der Tag und ich hatte keine Mühe zu Jesus zu eilen: Er nahm mir die Dornen ab und fragte mich, ob ich sehr gelitten hätte. „O mein Jesus", rief ich aus, „das Leiden beginnt jetzt, wenn Du Dich entfernst. Gestern und heute habe ich mich immer so gefreut, weil ich Dich in meiner Nähe fühlte; aber von jetzt ab, bis Du wieder zurückkehrst, ja, das wird in Wahrheit ein fortgesetztes Leiden sein.“ Ich bat: „Komm, mein Jesus, komm öfter: ich werde brav sein, ich werde immer und allen gehorchen. Erfülle mir die Bitte, Jesus." Während ich so sprach, wurde ich betrübt, weil Jesus mir mehr und mehr zu entschwinden begann. Endlich, nach kurzer Zeit, ließ Er mich allein, und von neuem war ich in der gewohnten Verlassenheit. Gegen Abend ging ich beichten, und der Beichtvater, der glaubte, dass es mir nicht gut ging, weil ich ein wenig gelitten hatte, hieß mich zu Bett gehen, sobald ich nach Hause in meine Kammer gekommen sei, und befahl mir streng, zu schlafen, ohne noch mit meinem Schutzengel zu sprechen (weil wir zuweilen ganze Stunden sprechen). Ich ging zu Bett, aber ich konnte keinen Schlaf finden, weil mich die Neugierde plagte: ich wollte den Schutzengel so vieles fragen und wartete, dass er selbst zu mir sprechen würde, aber ach! ... Er sagte mir mehrmals, dass ich schlafen solle. Endlich schlief ich ein. 

 

Samstag, 1. September: Wunderbare Erscheinung der allerseligsten Schmerzensmutter, der die Heilige in kindlichem Vertrauen und Einfalt offenbart, wie sehr sie Jesus liebt.

 

Heute morgen hat er (der Schutzengel) mich selbst beizeiten aufgeweckt und mir gesagt, dass ich heute Antwort erhalten werde. „In welcher Weise?“ fragte ich. „Das wirst du sehen“, antwortete er lächelnd. Den ganzen heutigen Tag war ich ohne Versuchung; gegen Abend aber kam plötzlich und ganz unvorhergesehen eine sehr schlimme. Ich glaube, es ist besser, hier nicht davon zu sprechen, weil ich zu sehr . . . Wer hätte sich vorgestellt, dass meine liebe Mutter mich besuchen würde? Auch ich dachte nicht daran, weil ich glaubte, dass mein schlechtes Betragen es ihr nicht erlauben würde; aber sie hatte Mitleid mit mir und in kurzer Zeit fühlte ich eine innere Sammlung; und auf diese folgte, wie so oft, das Schwinden der Sinne. Ich befand mich (so schien es mir) bei der Schmerzensmutter. Welche Glückseligkeit in diesen Augenblicken! Wie lieb ist es, den Namen Mutter aussprechen zu können! Welche Seligkeit fühlte mein Herz in diesen Augenblicken! Erkläre es, wer es kann. Mir schien es, dass sie mich nach einem Augenblick der Rührung auf den Schoß nahm und mir den Kopf an ihrer Schulter ruhen ließ, für eine kleine Zeit. Mein Herz war in diesem Augenblick überglücklich und zufrieden: es gab nichts weiter zu wünschen für mich. „Liebst du nur mich?“ fragte sie mich unter anderem. „O nein!“ antwortete ich ihr, „vor dir liebe ich eine andere Person.“ — „Und wer ist es?“ fragte sie, als wüßte sie es nicht. „Es ist eine Person, die mir über alles teuer ist; ich liebe sie so sehr, dass ich mein Leben für sie geben würde, gleich in diesem Augenblick; für Ihn schone ich auch meinen Körper nicht." — „Aber sag mir, wer ist es?“ fragte sie mich ungeduldig. „Wenn du gestern abend gekommen wärest, hättest du sie bei mir sehen können. Schau, Er kommt nur sehr selten zu mir, ich dagegen gehe jeden Tag zu Ihm, und ich würde noch öfter zu Ihm gehen, wenn ich könnte. Aber weißt du, meine Mutter", fuhr ich fort, „warum Er das so macht? Weil er sehen will, ob ich in der Entfernung fähig wäre, Ihn nicht mehr zu lieben; aber im Gegenteil, je weiter ich entfernt bin, desto mehr fühle ich mich hingerissen zu Ihm.“ — „Sag mir, wer er ist“, wiederholte sie. „Nein, ich sage es dir nicht“, antwortete ich. „Du sahst Ihn, meine Mutter: Er gleicht dir an Schönheit, deine Haare haben die Farbe der Seinen.“ Darauf schien mir meine Mutter unter Liebkosungen zu sagen: „Aber, meine Tochter, von wem willst du sprechen?“ Da rief ich laut aus: „Verstehst du nicht? Ich will von Jesus sprechen. Von Jesus“, wiederholte ich noch lauter. Sie sah mich lächelnd an und drückte mich heftig an sich: „Liebe Ihn nur, liebe Ihn sehr, liebe Ihn ganz allein.“ — „Fürchte nicht", sagte ich ihr, „keiner in der Welt wird meine Liebe besitzen, nur Jesus allein.“ Von neuem drückte sie mich an sich, mir schien, dass sie mich auf die Stirn küßte, und ich erwachte und fand mich ausgestreckt auf der Erde, mit dem Kruzifix in der Nähe. Wer das liest, ich wiederhole es von neuem, glaube nicht an diese Dinge, weil sie ganz meine Einbildung sind; nichtsdestoweniger unterwerfe ich mich und schreibe alles nieder, weil ich durch den Gehorsam gebunden bin; sonst würde ich etwas anderes tun. Ich glaubte, dass von Tag zu Tag die Unlust, die ich beim Beschreiben gewisser Dinge empfinde, endlich schwindet, aber sie wird immer größer: es ist eine große Pein, nicht widerstehen zu können und fast daran zu vergehen.

 

Sonntag, 2. September: Zärtlichkeiten, Strenge und Vorwürfe des Schutzengels.

 

Diese Nacht habe ich geschlafen, in Gegenwart meines Schutzengels; beim Erwachen sah ich ihn in meiner Nähe; er fragte mich, wohin ich ginge. „Zu Jesus", antwortete ich. Der ganze übrige Tag verlief sehr gut. Aber gegen Abend, mein Gott, wie ist es mir ergangen! Der Schutzengel zeigte sich ernst und streng; ich konnte nicht den Grund verstehen; aber er, dem ich nichts verbergen kann, fragte mich im strengen Ton (gerade als ich die gewohnten Gebete verrichten wollte), was ich da täte. „Ich bete.“ — „Wen erwartest du?“ fragte er noch ernster. Ich dachte an nichts weiter und antwortete: „Den Mitbruder Gabriel.“ Als er diese Worte hörte, begann er mich zu schelten und sagte, dass ich vergeblich warten würde, wie ich auch vergeblich auf die Antwort warten würde, da . . . Und jetzt erinnerte ich mich an zwei Sünden, die ich im Laufe des Tages begangen habe. Mein Gott, welche Strenge! Mehrmals wiederholt er diese Worte: „Ich schäme mich deiner. Es wird dahin kommen, dass ih dir nicht mehr erscheine, wenn du solche Sachen machst. Heute nacht wirst du mich nicht mehr sehen, und vielleicht . . . wer weiß, auch morgen nicht.“ In diesem Zustande verließ er mich. Er machte mich so weinen. Ich wollte ihn um Verzeihung bitten, aber solange er so erregt ist, ist nicht zu hoffen, dass er mir verzeihen will.

 

Montag, 3. September: Der Engel zeigt sich von neuem freundlich und gibt ihr heilige Lehren.

 

Ich habe ihn diese Nacht nicht mehr gesehen, auch am Morgen nicht: heute hat er mir gesagt, dass ich Jesus anbeten solle, der ganz allein sei, und dann ist er verschwunden. Heute abend dann war es besser als am Abend vorher; ich bat ihn mehrmals um Verzeihung und er schien geneigt, mir zu verzeihen. Heute nacht ist er immer um mich gewesen: er wiederholte mir, dass ich brav sein und unserem Jesus nicht mehr mißfallen solle, und wenn ich in Seiner Gegenwart wäre, solle ich noch besser und braver sein. 

Viva Gesù! Viva Gemma!