Die Antworten der heiligen Gemma Galgani von Lucca

Antworten auf einige Fragen von P. Germano(ca. 7. September 1900)

Wie die Heilige Jesus sieht und fühlt

 

Ich sehe Jesus, nicht mit den Augen des Körpers, aber ich erkenne Ihn genau, weil Er mich in eine süße Sinnenentrückung versetzt, und in dieser Verzückung erkenne ich Ihn; Seine Stimme macht sich so stark fühlbar, dass ich öfters gesagt habe, die Stimme Jesu verwunde mich mehr als ein Schwert mit vielen Streichen, so tief dringt sie bis in die Seele ein; Seine Worte sind Worte des ewigen Lebens. Wenn ich Jesus sehe und Ihn fühle, so scheint mir, dass ich weder eine körperliche Schönheit noch eine Gestalt oder einen süßen Ton und einen sanften Gesang wahrnehme; sondern wenn ich Jesus sehe und fühle, so sehe ich (aber niemals mit den Augen) ein Licht, eine unermeßliche Herrlichkeit; ein unendliches Licht, das von keinen sterblichen Augen gesehen werden kann; eine Stimme, die niemand hören kann: es ist nicht eine äußerlich sprechende Stimme, aber sie ist viel stärker und macht sich meinem Geiste viel mehr fühlbar, als wenn ich deutlich gesprochene Worte hörte.

 

Was fühlt sie im Verkehr mit Jesus?

 

Ich fühle mich wie von mir selbst entrückt, ich weiß nicht, wo ich bin, ob außerhalb der Sinnenwelt oder . . . in einem Frieden, einer Ruhe, die ich sonst nie erfahre. Ich fühle mich wie von einer Gewalt angezogen; aber es ist nicht eine gewaltsame, sondern eine sanfte Gewalt. Wenn ich die höchste Glückseligkeit genieße, die ich im Besitz Jesu fühle, so vergesse ich, ob ich auf der Erde bin; ich fühle, dass mein Geist erfüllt ist und nichts mehr zu wünschen hat; das Herz sucht nichts mehr, weil es ein unermeßliches Gut, dem nichts zu vergleichen ist, ein Gut ohne Maß und Mangel bei sich hat. Jesus ist es dann, der mich erfüllt. Weder vorher noch nachher kommt mir in den Sinn, freiwillig etwas zu suchen oder zu begehren, weil die Glückseligkeit zu groß ist, die Jesus mich in Seiner unendlichen Güte und Liebe verkosten läßt. Nicht immer aber ist es reine, beglückende Lust; öfter werde ich von 

einem so starken Schmerz über meine Sünden ergriffen, dass mir scheint, ich müßte daran sterben.

 

In welcher Weise sie die Betrachtung macht

 

Wenn ich mich zur Betrachtung anschicke, so brauche ich dazu keinerlei Anstrengung: meine Seele fühlt sich plötzlich ganz in die unermeßlichen Reichtümer Gottes untertauchen und verliert sich hier bald in dem einen, bald in einem anderen Teil. Bevor ich beginne, stelle ich meiner Seele vor, dass sie zum Ebenbild ihres Gottes gemacht sei und dass daher Er allein ihr letztes Ziel sein müsse. In diesen Augenblicken scheint mir, dass, wenn meine Seele zu Gott fliegt, sie die Schwere des Körpers verliert, und wenn sie dann bei Jesus ist, sich ganz in Ihm verliert; ich fühle mich diesen himmlischen Liebhaber aller Kreaturen lieben und je mehr ich an Ihn denke, desto mehr erkenne ich Ihn als liebenswert; wie Jesus sich mir zeigt, so muß auch ich mich Ihm zeigen, demütig, sanftmütig etc. Zuweilen scheint mir, daß ich in Jesus ein göttliches Licht schaue, eine Sonne von ewiger Klarheit. Einen Gott, so groß, dass es nichts auf Erden und im Himmel gibt, das Ihm nicht unterworfen ist. Einen Gott, dessen Wollen auch zugleich stets Können ist. Immer ist es für mich eine Glückseligkeit, mich an Jesus zu erinnern. Worin ich mich am meisten verliere, ist das Wesen Jesu (beim Betrachten der göttlichen Natur). Ich glaube, dass es eine Substanz ist, die nicht größer und herrlicher 

sein kann. Unter den Gütern erkenne ich Ihn als das höchste Gut: ein Gut, das durch sich selbst existiert. Und da Jesus vollkommen ist, so findet sich in Ihm alles Sein. Ich verliere mich auch in Seiner Güte und hierbei fliegt mir der Geist fast immer ins Paradies. Jesus ist unendlich gut, und in Ihm werde ich, so hoffe ich, alle die geistigen und zeitlichen Güter genießen, die ich mir nur einbilden kann. Am Schluss bitte ich Jesus, dass Seine Liebe in mir wachse, damit sie im Himmel vollkommen ist. Meine Seele denkt an nichts anderes, als sich vom Körper zu lösen.

 

Welchen Begriff hat sie von der allerheiligsten Dreifaltigkeit?

 

Eines Tages nach der hl. Kommunion schien es mir, dass ich eine kleine Erleuchtung über die allerheiligste Dreifaltigkeit bekam, nämlich: dass Sehen und Erkennen der allerheiligsten Dreifaltigkeit gerade darin besteht, Jesus mit enthülltem Antlitz, d. h. das Wort zu sehen. Ein Begriff, den ich mir selbst gemacht habe, ist dieser: mir scheint, dass ich die drei Personen innerhalb eines unermeßlichen Lichtes sehe: drei Personen vereint in einem einzigen Wesen, weil die Dreifaltigkeit Einheit ist und die Einheit Dreifaltigkeit. Die Einheit ist in sich unteilbar, daher kann es keine getrennten Personen geben. Was wir also anbeten, ist ein allmächtiger Gott, Einer in der Substanz und Dreifaltig in den Personen. Gott hat sich untrennbar in den Personen zeigen wollen, weil er nicht will, dass irgendeine sich mit besonderem Namen nennt (d. h. mit einem Namen, der zu den anderen keine Beziehung hat). So bezieht sich der Name des Vaters auf den des Sohnes, und der des Sohnes auf den des Vaters, und der des Heiligen Geistes auf den von Vater und Sohn. Es gibt keinen Namen (der die göttliche Substanz anzeigt) und der nicht ebenso dem Vater, wie dem Sohn, wie dem Heiligen Geist zukommen kann. Ich nenne den Vater Vater; aber der (göttlichen) Natur nach ist mir der Vater auch der Sohn. Und so kann die allerheiligste Dreifaltigkeit nicht geteilt werden, weil der Name der einen Person immer auch in Beziehung steht mit den Namen der anderen. Mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit ist keine weitere Person verbunden, weil das Wesen (d. h. die menschliche Natur) des fleischgewordenen Wortes verbunden, aber nicht verschmolzen ist (mit der göttlichen Natur). Und obwohl das Wort Gottes Fleisch angenommen hat, haben doch die anderen Personen keine andere Natur angenommen. Eine einzige ist Ihre Substanz, eine einzige Ihre Güte, eine einzige Ihre Seligkeit. In der allerheiligsten Dreifaltigkeit, in der anbetungswürdigen Einheit der Gottheit,    

gibt es nur die gewisse Mannigfaltigkeit, die von den Geschöpfen kommt.

 

Gespräche mit Jesus in der Ekstase

 

Am Donnerstag morgen nach der heiligen Kommunion empfand ich so recht das tiefe Elend meiner Kleinheit und sagte zu Jesus: „Mein Gott, wie habe ich das alles verdient? Und wie kann ich für so viele und große Gnaden je Dir danken?“ Es entbrannte ein großes Verlangen in mir, Jesus zu lieben und zu loben. Aber mein Elend machte sich fühlbar und . . . Mein Gott, wie soll ich Dich loben? Ich dachte: „Jesus, als Du mich erschaffen hast, hast Du es ohne mich getan: so hast Du auch schon ohne mich alles Lob, das Du verdienst.“ Jesus antwortete: „Tochter, Ich bin in Mir allein das Lob selbst.“ — „O Jesus", rief ich aus, „Dich loben gemäß der Erhabenheit Deiner Majestät alle Werke, die Du gemacht hast.“ Ich überlegte ein wenig und begriff, dass es unmöglich ist, das Lob, das Gott durch sich selbst hat, zu begreifen, weil es niemand begreifen kann. Denn mein Verstand hat Anfang und Ende; aber das Lob, das Gott hat, wird nie ein Ende haben. Und wenn wir Ihn loben, so sind nicht wir es, sondern Er, der sich selbst lobt. Mach, dass ich Dich besitzen kann, Jesus: dann werde ich Dich loben. Aber ich sagte Ihm, dass Er sich an mir die Hände beschmutzen würde; Er ja, aber der Teufel nicht. Heute morgen habe ich wie immer Jesus für Sie gebeten; zwischen mir und Jesus ist es so gegangen. „Mein Gott", habe ich Ihm gesagt, „wenn Du eine Vergeltung von mir willst, die den Gnaden gleichkommt, die Du mir gegeben hast, so mußt Du, Jesus, diese Gnaden spärlicher austeilen, nicht in so verschwenderischer Fülle. Denn was willst und kannst Du von einer solchen Mistgrube erwarten, die nur fähig ist, Dich zu beleidigen?" — „Ich verlange von dir nur Liebe. Es ist ein großes und schönes Ding, die Liebe. Liebst du Mich, meine Tochter?" — „Mein Gott, ob ich Dich liebe!“ — „Wenn du Mich liebst, so habe keine Furcht; lass den fürchten, der Mich nicht liebt. An was denkst du, was wünschst du immer?“ — „Dich, mein Gott." — „Und warum?“ Ich antwortete nicht, weil ich weinen mußte. „So geht es mit dir, weil Ich dich kaum mit göttlicher Liebe berührt habe.“ — „O Jesus, jetzt erfahre ich, wie groß die Süßigkeit ist, die Du einflößt, und wie wunderbar die Herrlichkeit Deiner göttlichen Liebe."

 

 

Viva Gesù! Viva Gemma!